3, 2, 1, 0: Vier Retrovisionen von Carina Sophie Eberle

Virtuelle Spielzeit mit+abstand: Kategorie [aus+blick]

Ab heute lest Ihr hier mit+abstand jeden Montag um 12 Uhr Übermorgen paradise, vier Retrovisionen von Carina Sophie Eberle. Und ja, es beginnt mit Folge 3:

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Foto: Carina Sophie Eberle

Geplant war hier eine Science-Fiction-Geschichte. Eine Zeitreise in eine utopische Welt nach der Corona-Pandemie. Delphine im Meer vor Venedig. Angepasste Kinderbetreuungsmodelle. Klug digitalisierte Schulen. Doch die Gegenwart funkte der schreibenden Theatermacherin immer wieder dazwischen, sodass Sie hier nun stattdessen deren komplett subjektive Aufzeichnungen aus den ersten Wochen der Corona-Krise vorfinden. Sie inszeniert John Cages 4’33 auf der nackten Bühne, zerbricht sich den Kopf über die existenzbedrohenden Paradoxien des Künstler*innen-Daseins und hofft, am Ende doch noch eine Art Utopie für die Zukunft formulieren zu können.

Die erste Folge zum Download findet Ihr hier: 1_UEBERMORGEN PARADISE_Folge 3_Carina Eberle


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12. April 2020
Statt Science-Fiction:
Über Zerrbilder und die Notwendigkeit, jetzt Verletzbarkeit zu zeigen

Ich möchte Ihnen eine Science-Fiction-Geschichte erzählen. Ich möchte mit Ihnen eine Zeitreise machen und die Welt nach der Corona-Pandemie erkunden. Eine Utopie erfinden. Ich dachte da an die Nachrichten von Delphinen im Meer vor Venedig. An den Eichelhäher, der neuerdings in meinem Hinterhof mitten in der Kölner Innenstadt wohnt. Ich dachte an angepasste Kinderbetreuungsmodelle und top klug digitalisierte Schulen. Ich dachte an Zeit als alternative Währung und an ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle. Geht das, gut?

Schwierig, nicht wahr. Ich surfe stattdessen ein wenig planlos im Internet. Finde Theatertagebücher. Es gibt eine Kolumne von Nicolas Stemann für die Neue Zürcher Zeitung. Laura Naumann schreibt für den Deutschlandfunk. Kluge Gedanken. Viel wird diskutiert, wie es im zerbrechlichen Kulturbetrieb nun zugeht, aussieht, scheppert. Corona ist der bisher größte Elefant im Porzellanladen Theater. Die Bühnen sind leer, die darstellenden Künstler:innen verlieren ihre Arbeitsgrundlage. Auf unbestimmte Zeit. Für die Kinder- und Jugendtheater kommt noch dazu, dass sie den ansonsten sehr engen Kontakt und Austausch mit dem Zielpublikum verlieren. Die Schulen sind noch geschlossen, und selbst wenn Unterricht wieder stattfinden sollte, heißt das noch lange nicht, dass auch Workshops, Gespräche oder die Arbeit in Jugendclubs wieder aufgenommen werden können.

Die Entscheidungen und Förderungen, die jetzt für uns in die Wege geleitet werden, werden Architektur und Beschaffenheit der zukünftigen Kultur- und Theaterlandschaft bestimmen. Angsteinflößend, wenn nichts passiert, oder nur so wenig. Kein Wunder, dass mir nicht so sehr nach Utopie zumute ist. Nicolas Stemann ist Intendant des Zürcher Schauspielhauses. Er feiert wahrscheinlich irgendwann eine Wiedereröffnung unter finanziellen Einbußen, aber das Haus steht. Wo sind die wirklich in ihrer Existenz Bedrohten? Die Kinder- und Jugendtheatermacher:innen? Gibt es von denen ein Tagebuch, oder sind die mit ihrem Hartz-IV-Antrag beschäftigt?

Ich halte es, wie gerade ja in Bezug auf sehr viele Bereiche zu lesen ist, für einen Trugschluss zu glauben, dass die Corona-Krise, die Unterbrechung, der Shut-Down, plötzlich eine komplett neue, überhaupt nicht zu erwartende Realität schafft. Corona war natürlich nicht abzusehen. Natürlich haben wir das alle so noch nie erlebt, dass einfach nicht gespielt werden darf. Aber die Probleme, die sich aus dieser Situation ergeben, die waren vorher schon in den Strukturen angelegt. Corona fördert sie zu Tage, ans Frühlingslicht. Hallo auch.

Hervorragend und erfolgreich

Künstler:innen haben grundsätzlich ja eine Eigenschaft gemeinsam: Wir wollen alle hervorragend sein. Wir suchen nach noch besseren Lösungen, alternativen Formen von Wirklichkeit, dem Sinn und Unsinn hinter den Dingen. Die Überzeugung von der eigenen Ausdrucksfähigkeit ist ein bisschen eitel, aber notwendig, um einen künstlerischen Prozess überhaupt in Gang zu setzen (Wer würde anfangen, eine Vision umzusetzen, wenn nicht der Funke einer wie auch immer gearteten Überzeugung besteht, dass das schon gut werden könnte?). Außerdem ist das Hervorragen überlebensnotwendig in einem Kulturbetrieb, in dem immer mehr Angebot als Nachfrage besteht.

Hier ein kurzer Exkurs über eine Eigendynamik der Theaterlandschaft: Erfolg im klassischen Sinne, also hohe Gagen, weitreichende Sichtbarkeit, wichtige Spielstätten, ist nicht immer nur an Talent geknüpft. Erfolgreich ist auch, wer über ein gutes und weitreichendes Netzwerk verfügt. Wer sich selbst und seine Arbeit gut vermarkten kann. Wer es sich finanziell und logistisch erlauben kann, auch einmal in Vorleistung zu gehen. Wer das Glück hatte, zur richtigen Zeit Unterstützung durch die passenden Mentor:innen zu erhalten. So weit so gut, das gilt wahrscheinlich für viele Branchen. Interessant wird es da, wo selbständige Künstler:innen sich von Projekt zu Projekt hangeln. Alle paar Wochen ein neues Team, alle paar Wochen eine neue Stadt, alle paar Wochen womöglich erneut die Frage: Wie geht es jetzt weiter? Die Intervalle, in denen „Erfolg“ bewiesen werden muss, in denen wir auf irgendeine Weise hervorragen müssen, folgen so sehr kurz aufeinander. Für selbständige Kinder- und Jugendtheatermacher:innen kommt noch hinzu, dass die Gagen oftmals niedriger sind als im Abendspielplan.

In einer Gruppe von Menschen, die alle herausragen müssen, kriegen ein paar zwangsläufig Nackenschmerzen. Denn hervorragend ist ein Superlativ und eignet sich nicht zur Beschreibung eines Durchschnitts mit mittlerem „Erfolg“. Es können nicht alle zu den wenigen Superstars mit astronomischen Regiehonoraren gehören. Es muss einen Durchschnitt geben. Der selbständige Durchschnitt versucht größtenteils zu überleben, sprich: das Folgeprojekt bewilligt zu bekommen, überhaupt ein Folgeprojekt zu haben, zu rechnen, ob das Geld ausreichen wird. Sie sehen hier: kleine Kulturschaffende auf Zehenspitzen und mit gerecktem Kopf. Aua.

Mein Erleben ist Folgendes: Die Schere zwischen der, ich nenne sie mal „empathischen“ und der finanziellen Wertschätzung von künstlerischer Arbeit driftet manchmal sehr stark auseinander. „Oh, du machst Theaterstücke, wie toll!“ Ja, und hier Klartext, Achtung: Ich kann nicht immer ausschließlich davon leben. Der Gedanke ist nicht neu und schon oft formuliert worden: Selbständige Künstler:innen bezahlen ihre Freiheit mit prekären Arbeitsbedingungen. Fällt ein Projekt weg, gibt es kein Honorar. Wird man mal länger krank, kein Honorar. Sommerpause, kein Honorar. Die Liste der Nebenjobs, die ich von meinen freien Kolleg:innen kenne ist lang. Zimmermädchen im Hostel, Fitnessstudio, Plattenladen.

Das Zerrbild

Liest man die Vita eines:einer Künstler:in auf egal welcher Homepage, denkt man hingegen: Wow. Was die alles kann, was der alles macht. Klar, das ist das Prinzip von Öffentlichkeitsarbeit, keine Frage. Das Problem ist das Zerrbild, das dadurch entsteht, ich nenne es mal das „Zerrbild-Paradox“. Geht so: der:die Künstler:in als Wahnsinnsmensch, der wow, toll!, für eine bessere Welt eintritt. Insbesondere die Arbeit für und mit Kindern und Jugendlichen hat ja einen empowernden Anspruch. Dahinter die tatsächlichen Arbeitsbedingungen, die nicht selten komplett im Widerspruch zu den Visionen des Wahnsinnsmenschen stehen. Soziale Gerechtigkeit! Und arbeiten gehen mit Fieber. Sind selbständige Künstler:innen so etwas wie moderne Märtyrer:innen? Die sich selbst aufopfern, damit irgendwann andere was davon haben? Das ist pathetisch und ein bisschen zynisch, ich weiß.

Der Wahnsinnsmensch folgt einer Idee aus der Romantik. Anfang 19. Jahrhundert. „Ich kehre in mich selbst zurück und finde eine Welt“, schreibt Goethe und inspiriert Romantiker:innen wie Friedrich Schlegel zum Konzept eines Künstlergenies, das die Schemata der Klassik, Regelwerke, wie Kunst zu funktionieren habe, radikal hinter sich lässt und komplett eigene Maßstäbe setzt. Das war eine revolutionäre Idee, weil sie gegen die Strukturen eines einengenden, „philiströsen“ Bürgertums anvisionierte. Kunst als das Entwerfen von Gegenwelten sozusagen. Seit ich vor einigen Jahren Andreas Reckwitz’ „Die Erfindung der Kreativität“ gelesen habe, beschäftigt mich die Frage, wie aktuell dieses Konzept vom Künstlergenie heute eigentlich noch sein kann. Wo Kreativität, Selbstverwirklichung, die Welt aus sich selbst schöpfen, doch gar kein Gegenmodell mehr sein können, sondern längst ökonomisch sinnvoll sind. Erfinde dich selbst. Du kannst alles werden, was du nur möchtest. Wir sind die Kurator:innen unseres befreiten Lebens.

Zweifellos sind das sehr positive und begrüßenswerte Errungenschaften, für die sehr viele Menschen sehr hart gekämpft haben. Ein ehrliches Danke aus vollem Herzen! Problematisch wird es jedoch da, wo die Kreativität zum absoluten Imperativ wird (Reckwitz, „Kreativitätsimperativ“). Das empfinde ich jeden Tag, den ich als Selbständige verbringe, so. Ich darf und muss neue Projekte denken, um zu überleben. Das ist mein Job. Auch wenn ich Fieber habe. Das ist die Bedingung. Wir sind so alle zu Künstlergenies geworden. Hervorragend. Der Superlativ hingegen muss ganz schön müde und blass geworden sein von so viel Ausdehnung. Kommen wir aus der Nummer wieder raus?

Verletzbarkeit jetzt zeigen!

Es gäbe Szenarien, oder? Ich bin zum Beispiel beruhigt, dass es die Kolleg:innen vom ensemble-netzwerk gibt, die unverzichtbare Pionierarbeit im Hinblick auf Arbeitsbedingungen, Vereinbarkeit von Familie, Privatleben und Theater etc. leisten. Kolleg:innen, die hybride Formen der künstlerischen Tätigkeit fordern oder leben. Beispiele sind Leitungsteams, die mehr Spiel- und Freiräumen bieten als der breite Ein-Personen-Chefsessels. Visionen vom Teilzeit-Theatermachen, das vereinbar und im fruchtbaren Austausch mit Tätigkeiten in anderen Branchen sein und stehen könnte.

Jetzt gerade mitten in der Krise läuft der Countdown. Die Gefahr droht, dass wir in dieser Situation immer noch am Bild des Wahnsinnsmenschen festhalten. Wow, toll, was die so machen. Podcast, Homestory, Grüße aus dem Exil. Ich will damit nicht sagen, dass das Experimentieren mit digitalen Formaten nicht wichtig und hochspannend und dringend wäre! Im Gegenteil. Aber wir sollten jetzt auch den Mut haben, offen über die Verletzbarkeit unserer Existenzen und über Visionen, wie künstlerische Tätigkeit in Zukunft ausgeübt, konnotiert und wertgeschätzt werden könnte, sprechen. Tun wir das nicht, nehmen wir uns die Chance auf Veränderung. Und womöglich auf das Überleben als selbständige Künstler:innen.

Wo fängt man da an? Beim eigenen Erleben? Völlig subjektiv, vieles anreißend, vieles auch nicht zu Ende gedacht? Das hier ist ein Versuch, der mich durchaus Mut kostet. Ich würde lieber hervorragend bleiben.

15. April
Soforthilfen

„Sehr geehrte Antragstellerin, sehr geehrter Antragsteller,
die Mittel des Sofortprogramms zur Unterstützung freischaffender Künstlerinnen und Künstler aufgrund der Auswirkungen der Coronavirus-Krise sind ausgeschöpft.
Ihr Antrag konnte leider in dem stark überbuchten Programm nicht berücksichtigt werden. Wir bitten darum, von Rückfragen zu einzelnen Vorgängen abzusehen, da diese aufgrund der großen Anzahl von eingegangenen Anträgen nicht beantwortet werden können. (…)“

Ich war froh, dass ziemlich bald nach den Schließungen von einem Soforthilfe-Paket für freie Künstler:innen in NRW die Rede war. Formlos konnte ein Antrag auf 2.000 Euro gestellt werden, sofern Ausfallhonorare nachweisbar sind. Der Fördertopf sollte eigentlich bis Ende Mai offen sein, dass er bereits ausgeschöpft ist, ging dieser Tage schon durch die Presse. Heute kam die Absage per Mail. Ich höre von zwei Schauspielkolleginnen, eine hat das Geld bekommen, die andere nicht. Beliebig? Alea iacta est, offenbar.

20. April
We love to entertain you

Also. Verletzbarkeit zeigen. Es fällt gar nicht so leicht. Vielleicht liegt es auch am Montagvormittag, vielleicht sollte ich mir eher noch einen Kaffee kochen, mich in die Sonne setzen und die Erfolgserlebnisse der letzten Arbeitsjahre aufschreiben, die sichtbaren und unsichtbaren Knotenpunkte, Menschen, Texte, die mich weitergebracht und herausgefordert haben. Premierenfeiern mit Tränen. Der Stolz beim Blick auf einen Papierstapel: das Skript des ersten eigenen Theatertexts. Gut oder nicht, erst mal egal, ich habe geschrieben, ich habe mich getraut. Die pushenden Worte einer Kollegin, harte Kritik, die erst weh tut und einen dann über Monate trägt. Der Abschiedsgruß eines Studenten am letzten Tag des ersten eigenen Uni-Seminars: „Hat mega Spaß gemacht. Danke.“ Ja, danke ebenfalls.

Wäre schöner. Ist aber nur die eine Seite der Medaille. Sonne, Kaffee, Hosen runter? 2020 ist das fünfte Jahr meiner beruflichen Selbständigkeit. Vor fünf Jahren habe ich meine Masterarbeit ins Prüfungsamt der Universität Köln getragen. Vor fünf Jahren habe ich angefangen, freiberuflich Assistenzen zu übernehmen, erst in einem kleinen Kölner Theater, zum Winter dann im Schauspiel Köln auf Praktikumsbasis. Ich habe Probenpläne geschrieben, für Materialmappen recherchiert, Szenen dokumentiert, Menschen kennengelernt, gelesen, gemailt, telefoniert. Die erste Produktion war eine Inszenierung von Einsame Menschen von Gerhard Hauptmann. An einem der ersten Probentage wollte ich eine der Spielerinnen, Nika, anrufen, um sie über einen späteren Probenbeginn zu informieren.
Eine Bassstimme meldete sich.
– Hallo?
– Hallo, hier ist Carina, von Einsame Menschen. Ich wollte mit der Nika sprechen.
– Hier gibt’s keine Nika.
– Auch keine einsamen Menschen?

Ich hatte mich verwählt. Allgemeine Heiterkeit. Tatsächlich war ich beschwingt und einsam zugleich. Beschwingt davon, endlich dabei zu sein, einsam, weil es plötzlich so viel zu organisieren und zu beachten gab. Mein Honorar hat nicht zum Leben gereicht. Ich habe also einen Teil des Tages geprobt und bin danach oder dazwischen jobben gegangen, damals im Einzelhandel. Das waren lange Tage. Dazu kam verwirrende Verwaltung: Wie läuft das mit den Versicherungen? Wann und wie komme ich in die Künstlersozialkasse? Wie viel muss ich nebenbei arbeiten, damit das Geld reicht? Wie funktioniert eine Steuererklärung? Wie funktioniert eine Steuererklärung, wenn ich in einem Jahr eine Festanstellung und eine selbständige Tätigkeit ausgeübt habe? Meine Bank stufte mich als Unternehmerin ein. Seitdem werde ich in regelmäßigen Abständen zum Unternehmerfrühstück eingeladen, obwohl ich schon mehrmals rückgemeldet habe, dass ich keine Angestellten habe. Nein, wirklich nicht.

Nicht zuletzt: Wie schaffe ich es, zwischendurch trotzdem mal zu entspannen? Wochenenden, Abendveranstaltungen, freie Tage? Wann habe ich Feierabend, wenn ich mir das selbst einräumen muss? Tagesstruktur im Theater, „Arbeiten, wenn alle anderen frei haben“. Und sonst ehrlich gesagt halt auch, wenn man nicht aufpasst. Nach und nach habe ich immer öfter Projekte für junges Publikum entwickelt, inspiriert von der Aufgeschlossenheit vieler Kolleg:innen im Kinder- und Jugendtheater. Dem Ausprobieren von kollektiven Arbeitsstrukturen. Dem engen Austausch mit einem
diversen Publikum. Schulklassen! Wo sonst kommen so viele Leute aus unterschiedlichen Hintergründen zusammen und erleben eine Aufführung?

Im Kinder- und Jugendtheater habe ich oftmals die Arbeitsatmosphäre (kollektives Ausprobieren), die thematischen Zielsetzungen (Empowerment) und den Austausch mit dem Publikum gefunden, der für mich künstlerisches Schaffen ausmachen und prägen sollte. Ich erlebe das Kinder- und Jugendtheater da nicht selten in einer Vorreiterrolle. Was oft im Widerspruch steht zu der (finanziellen) Wertschätzung, das es in der Öffentlichkeit und bei Kolleg:innen, die ausschließlich im Abendspielplan arbeiten, genießt.

Ungewissheit als Normalzustand

Ich hatte Glück. Heißt: Ich hatte die Möglichkeit, vieles auszuprobieren. Heißt außerdem: Ich bin über die Runden gekommen und konnte nebenbei weiter jobben. Letztes Jahr habe ich im Frühjahr als Illustratorin gearbeitet und Zeichnungen für die Materialhefte eines Bildungsinstituts gemacht. Vorletzten Sommer habe ich Deutsch als Zweitsprache in einer Kölner Sprachschule unterrichtet. Klingt schön, hat Spaß gemacht. Ist aber keine längerfristige Perspektive. Denn die Materialhefte sind fertig und meinen Sprachkurs habe ich zugunsten einer spontanen Regieanfrage abgegeben. Längerfristig einen zweiten Job zu entwickeln, der nicht irgendwann mit straff getakteten Probenphasen in verschiedenen Städten kollidiert, ist gar nicht so einfach.

Vor den Nebenjobs lagen außerdem immer Monate oder Wochen der Ungewissheit. Augen und Ohren offen halten! Wer hat gerade einen passenden Job zu vergeben für die Wochen oder Monate, in denen das nächste Projekt noch nicht angelaufen ist? Oder noch gar kein Projekt da ist. Oder das aktuelle Projekt nicht ausreichend gut bezahlt ist. Das ist ein stressiger Zustand. Oft höre ich von freiberuflich tätigen Kolleg:innen in ähnlichen Situationen: „Es kann ja nichts passieren.“, „Ich mache das, so lange es irgendwie geht.“ Auch: „Ich brauche ja nicht viel zum Leben.“ Oder: „Ich kann ja während der Woche proben und am Wochenende jobben.“ Und: „Wenn mal gar nichts mehr geht, kann ich ja immer noch für eine Weile Hartz IV beantragen.“

Spitzenjobs

Hartz IV! Ich erinnere mich an meine Abiturzeit, da war Hartz IV erst ein paar Jahre alt und ein Faszinosum für uns Oberstüfler:innen. Mit meinem damaligen Kumpel Johann hatte ich einen Running Gag am Laufen. Irgendwann, wenn wir alles satt hätten, würden wir eine Hartz-IV-WG gründen. Aber sowas von. Johann träumte davon, dann den ganzen Tag im Feinrippunterhemd herumzulaufen. Und wir hätten immer einen Kasten Bier da. Fernsehen auch. Pro Sieben vielleicht, we love to entertain you. Johann arbeitet heute in einem Spitzenjob, soweit ich weiß. Wir haben das nicht ernst gemeint.

Das deutsche Sozialsystem ist eine gute Sache. Solidarität in einer demokratischen Gesellschaft: spitze. Aber bemerken Sie das Knirschen, wenn Künstler:innen (und zuletzt habe ich den Satz von einem aktuell gut gebuchten Solo-Sänger an einer großen deutschen Oper gehört) das deutsche Sozialsystem grundsätzlich als Notfallnetz für ihren beruflichen Drahtseilakt begreifen? In der Entscheidung für eine künstlerische Existenz ist die Bereitschaft zur Prekärität und zur eventuellen zeitweiligen Abhängigkeit von staatlichen Geldern bereits angelegt. Oh, da knackt es. Denn ein Johann würde jetzt nicht sagen: „Ja, Kunst ist aber wichtig für unsere Gesellschaft.“ Ein Johann, der einmal im Jahr in ein Berliner Theater geht und dann irritiert ist, weil er es nicht spannend fand, würde sagen: „Häh, wofür brauchen wir euch denn dann, wenn ihr dem Staat nur auf der Tasche liegt? Mit meinen Steuergeldern. Wenn ihr mich nicht mal entertaint.“ Ja, wofür?

Sollte ich die größte Herausforderung der letzten fünf Jahre benennen: Sich selbst unabhängig von Kritik, Zuspruch und Widerständen die Erlaubnis für das eigene Arbeiten, Erfinden und Sprechen zu geben. Das ist nicht einfach. Weiter an die eigenen Gedanken und die eigene Ausdrucksfähigkeit zu glauben, letztlich an die eigene Relevanz für diese Gesellschaft, auch wenn sie einem nicht immer von außen gespiegelt wird. Die Menschen, die sehrsehr von sich überzeugt sind, haben es da leichter als die Zweifler:innen, haben oft mehr „Erfolg“. Die Erzählungen der Zweifler:innen haben mich persönlich allerdings schon immer mehr interessiert.

Dieser Legitimitätsdruck ist weder neu und noch corona-spezifisch. Corona-spezifisch, das klingt, als wäre es ein Symptom der Krankheit. Corona-krisen-spezifisch. Symptom der Krise, in der der Druck noch schwerer wiegt. Spitzt sich zu wie ein neuer Bleistift, mit dem ich meine Einnahmen und Ausgaben jetzt neu notieren muss angesichts der aktuellen Situation. Die Spielzeit 2019/20 war meine erste komplett ausgebuchte Saison. Eine Selbständigkeit braucht vier, fünf Jahre, um zu wachsen, so hatte ich es zu Zeiten der „Einsamen Menschen“ gehört, und meine funktionierte in diesem Jahr so zum ersten Mal ohne Nebenjobdünger. Corona kam dazwischen, jetzt ist alles anders, ich brauche für’s Erste den Abrechnungsbleistift.

Stand der Dinge

Hatte wieder Glück, da die zweite finanziell wichtige Premiere vor den Schließungen über die Bühne ging und deshalb auch bezahlt wurde. Die Arbeiten an einem Jugendclubprojekt finden jetzt zunächst online statt und derzeit ohne festen Premierentermin. Es ist gut, zumindest den Kontakt zu den jungen Performer:innen halten zu können. Als die Theater geschlossen wurden, habe ich gerade mit zwei Kolleg:innen an der szenischen Einrichtung für ein Kinderkonzert in einem bekannten deutschen Konzerthaus gearbeitet, hier gibt es nun Verhandlungen. Denn das ist das große Dilemma an Werkverträgen, lerne ich jetzt: Eine Veranstaltungsabsage auf politische Anordnung hin fällt unter „höhere Gewalt“. Bei einem Werkvertrag wird das Werk nach den Vorstellungen bezahlt. Höhere Gewalt entbindet den:die Veranstalter:in von ihrer Honorarpflicht. Sprich: Egal, wie viel schon gearbeitet wurde im Vorfeld, wenn die Veranstaltung wegen höherer Gewalt abgesagt wird, habe ich juristisch keinen Anspruch auf ein Honorar.

Das Geld wird nicht ewig reichen angesichts der zu erwartenden Honorarausfälle. Die oben zitierte E-Mail vom Land NRW geht weiter mit Hinweisen auf alternative Unterstützungsprogramme: Betriebskostenzuschüsse für Freiberufler:innen über 9.000 Euro. Deren Verwendung aber überprüft wird. Ein Fall für’s Unternehmerfrühstück bei meiner Bank. Ich hingegen habe keine nennenswerten Betriebskosten. Nächster Link dann: Jobcenter, Hartz IV, kurzfristig umbenannt in „Grundsicherung“.

Ich hab’ also meine zwei weißen Feinrippunterhemden ganz hinten aus dem Schrank herausgekramt und frisch gewaschen. Ob ich wohl Johann schreibe?

– Fortsetzung folgt –


Unseren kompletten Spielplan findet Ihr HIER.

BMFSFJ_2017_Office_Farbe_deDie Rechte liegen bei der Autorin.
Das Projekt wird finanziert aus Mitteln des Kinder- und Jugendplans des Bundes (KJP) des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie aus Mitgliedsbeiträgen der ASSITEJ.

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