Kunst über den Schulhof hinaus: Das FLUX-Schaufenster

Von Ilona Sauer


Das FLUX-Schaufenster findet zum Programmstart jeweils in einer anderen Region Hessens statt: In diesem Jahr war das Künstlerhaus Mousonturm in Frankfurt am Main Veranstaltungsort und Treffpunkt für Theaterschaffende, Lehrer*innen, Pädagog*innen und Veranstalter*innen, in einige Schaufenster waren auch Kinder und Jugendliche eingebunden. Das Schaufenster hat insofern Festivalcharakter, als die für FLUX von einer Jury für das Jahresprogramm kuratierten Theater dort en suite Kurzausschnitte der ausgewählten Produktionen präsentieren. Beteiligt waren unter anderem LIGNA, Hicks & Bühler, Dance Box GbR, die stromer, Monstra, Theater Lakritz, Hella Lux, Hirsch&Co, Sarah Kortmann, theaterperipherie, Cornelia Niemann, das Theater Gruene Sosse sowie das Brachland Ensemble. Alle Gastspiele können sowohl von Schulen als auch von Veranstaltern in ländlichen Räumen eingeladen werden. Für die Schulgastspiele übernimmt das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst 50 Prozent der Kosten.Screenshot_20181127-234254_WPS Office

In diesem Jahr verband das Schaufenster Denk-Räume und Spiel-Räume mit den Schau-Räumen und initiierte so Diskursräume zwischen Kunst und Bildung. Aus Sicht der Arbeitsgruppe „Theater und Schule in Hessen“ erläuterten Anna Eitzeroth, Fiona Louis, Ruth Kockelmann, Katja Pahn und Ilona Sauer Aspekte der ASSITEJ-Studie und machten deutlich, wie wichtig die Zusammenarbeit des bereits existierenden Netzwerkes zwischen den Fachberatern Kultur, dem Landesverband Schultheater in Hessen und den Vertretern der Darstellenden Künste und FLUX sei – insbesondere dann, wenn man die Strukturen ausbauen und weiterentwickeln wolle.

Prof. Dr. Kristin Westphal erläuterte in ihrem Vortrag das Spannungsfeld von Kunst und Bildung und beschrieb dabei Lern- und Erfahrungsräume, die durch die Begegnung mit zeitgenössischen Theaterformen entstehen. So war denn auch in den folgenden Gesprächsrunden eine der Fragen, die Kristin Westphal im Austausch mit Gerd Taube und den teilnehmenden Lehrer*innen und Darstellenden Künstler*innen diskutierte, jene nach der pädagogisch-künstlerischen Qualität in der Theaterarbeit mit Kindern und Jugendlichen. Mitgedacht wurde immer auch das Konfliktpotenzial zwischen einer künstlerischen und einer pädagogischen Perspektive. Wichtig war den Diskutant*innen, dass die Fragestellung nicht auf eine gute oder schlechte Qualität abziele. Vielmehr wurde Qualität als etwas Subjektives beschrieben, das sich vor allem in der Beziehung zwischen Lehrer*innen, Künstler*innen und Schüler*innen entwickle.

Kristin Westphal verwies ausgehend von ihrem Vortrag darauf, dass Qualität etwas sei, dass man nicht messen könne, vielmehr müsse diese stets zwischen den Beteiligten in jeder Situation neu ausgehandelt werden. Kriterien wie Begeisterung, Fremderfahrung, sinnlich-leibliche Erfahrung seien hier wesentlich, dies habe auch die wissenschaftliche Begleitforschung von Projekten im Rahmen des Weiterbildungsprogramms Kunst-Rhein-Main ergeben. Die von Kristin Westphal benannten Qualitätskriterien sind natürlich auch für die Aufführungen und  Performances für junges Publikum relevant. Jan Deck, der gemeinsam mit Detlef Köhler diese Arbeitsgruppe moderierte, verwies insbesondere auf das Ziel von Aufführungen, eine  „Wahrnehmungsverschiebung“ in dem Sinne zu initiieren, dass man als Zuschauer*in anders aus dem Theater komme als man hineingegangen sei.

Wie zeitgenössische Theaterformen sinnlich-leibliche Erfahrung für die Teilnehmenden eröffnen können, zeigte insbesondere die Performance Klasse Kinder! von LIGNA, einer Produktion der Tanzplattform Rhein-Main, für Kinder ab 6 Jahren. Ligna macht die Zuschauer*innen in der Hör-Performance über die Tänzerin Jenny Geertz zu Akteuren*innen und eröffnet so Kommunikationsräume.
Gemeinsam Handeln, Erfahrungen teilen, ausprobieren, einander begegnen: das ist wohl die große Qualität des FLUX Schaufensters, das Theater und Schulen in Austausch bringt.

Natürlich bleiben die Erwartungen von Theatern und Schulen aneinander oftmals unterschiedlich, natürlich haben Schüler*innen und Lehrer*innen oftmals repräsentative Theaterauffassungen, die sich nicht so ohne weiteres knacken lassen. Aber das gilt nicht immer!
Ruth Kockelmann, Vorsitzende des Landesverbandes Schultheater in Hessen, brachte die Ergebnisse der Arbeitsgruppe Zeitgenössische Theaterformen und neue Formate der Kooperation zwischen Theater und Schule auf den Punkt. Gewünscht ist die Erhöhung der Frequenz der Theaterereignisse! Mindestens einmal im Monat ein Gastspiel, eine gemeinsame Aktion, Erforschung und Okkupation des gesamten Schulraums, Durchdringung und performative Erforschung des Systems Schule, Tandemstrukturen im Unterricht – Entdeckung von Räumen für Theaterkunst an der Schule.
Auch in der Schule denkt man derzeit gelegentlich über den Schulhof hinaus.


Ilona Sauer ist Theaterpädagogin und Koordinatorin des Projektes Theater und Schule in Hessen. Sie leitet das Projekt FLUX. Theater in Hessen unterwegs. Theater für Schulen.

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