Generationenwechsel im Kinder- und Jugendtheater: „Was bleibt von meiner Arbeit übrig?“

von Gundula Hölty, Geschäftsführerin des FUNDUS THEATER | THEATRE OF RESEARCH in Hamburg


Im Rahmen des Hamburger Kindertheater Treffens im Februar 2019 fand am 17. Februar eine Gesprächsrunde zum Thema „Generationenwechsel im Kinder- und Jugendtheater“ mit 21 Teilnehmer*innen und Moderatorin Caroline Heinemann im FUNDUS THEATER statt.

Nach dem gemeinsamen Vorstellungsbesuch von ottos mops der freien Theatergruppe kirschkern Compes & Co. hatten alle Beteiligte ein konkretes Beispiel des Generationenwechsels vor Augen: Peu à peu erschlossen sich innerhalb der angesetzten zwei Stunden die Bandbreite und Vielfalt der Thematik, die Unterschiede zwischen Theaterhäusern und freien Bühnen sowie der Generationenwechsel in Verbänden. Das Thema hat vor allem auch sehr persönliche Seiten – geprägt von ideellen Wünschen und Hoffnungen: Was bleibt von meiner eigenen Arbeit übrig? Was wird aus dem individuellen künstlerischen Stil? Was gibt man weiter, den „Geist“, ein Haus, Infrastruktur, Stücke, …? Der Grundgedanke, der in der Runde geäußert wurde, war, dass man etwas aufgebaut habe, man daran hängt und es wert ist, dies weiterzugeben. Bei Solokünstler*innen kommt noch hinzu: Wenn ich das nicht mehr mache, gibt es die Theatergruppe, meine Stücke nicht mehr – das ist in Ordnung.

Es wurde deutlich, dass in Übergangsprozessen eine spezifische künstlerische Sprache verloren gehen kann, wenn sie nicht von anderen fortgeführt wird. Auf der anderen Seite gibt es aber auch bewusste Trennungen, wenn z.B. eine Produktion nicht mehr zeitgemäß ist. Hier könnte ein weiterer Diskurs noch ausführlicher geführt werden: was ist mit der Archivierung von Inszenierungen, Weitergabe von beispielsweise Figuren an ein Museum, einer Lizenz an eine andere Gruppe, Texte an Verlage undsoweiter.

Bei kirschkern Compes & Co. war der Wunsch, Stücke zu erhalten – und nun sind sie in der glücklichen Situation, eine Nachfolgerin für eine Spielerin gefunden zu haben. Fünf Stücke sind durch Umbesetzungsproben (auf eigene Kosten, da keine Förderung dafür eingeworben werden konnte) nun weiterhin im Repertoire, eine neue Produktion ist in Planung – verbunden mit der Fragestellung nach Kontinuität oder neuem Stil. Die Nachfolgefrage ist somit auch eine Finanzierungsfrage und bedingt ebenfalls den Blick auf die Bedingungen im Kinder- und Jugendtheater und politische Forderungen.

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Foto: Charlotte Bendler

Die Problematik, die passenden „Erben“ zu finden, schilderte auch Wolfgang Stüßel (Theater STRAHL Berlin, ASSITEJ-Vorstand) aus eigener Erfahrung. Der Transformationsprozess dauere erheblich länger, als angenommen. Hilfreich sei, sich für das Aufhören (auch wenn man das vielleicht eigentlich gar nicht möchte) einen festen Zeitpunkt zu setzen. Bei Veränderungen der Struktur und Umwandlungen (in diesem Fall vom Verein in eine gGmbH) empfiehlt es sich, externe Beratung und Coaching in Anspruch zu nehmen. Weitere Erfahrungsberichte aus beiden Perspektiven (Theaterhaus und freie Gruppe) lieferten Tine Krieg (FUNDUS THEATER) und Peter Markhoff (Theater Mär).

Nicht nur der Wechsel, sondern auch der Austausch der Generationen wurde am Ende diskutiert. Hier lag ein Fokus u.a. auf den kulturpolitischen Errungenschaften der älteren Generation wie auch auf der Notwendigkeit, die Ausbildung und Arbeit der nachfolgenden Generationen für das Kinder- und Jugendtheater attraktiver zu gestalten: Wie geht es also weiter? Die Fortführung dieser Kick-Off-Veranstaltung als ASSITEJ-Werkstatt ist in Planung.

 

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„Augenblick mal!“-Vorverkauf für Fachbesucher*innen startet

von Annett Israel


Augenblick mal! 2019 zeigt zehn nationale und drei internationalen Gastspiele: Der Vorverkauf  für Fachbesucher*innen beginnt heute, der freie Kartenvorverkauf startet am 25. Februar 2019!

Das Programm für das Festival des Theaters für junges Publikum in Berlin ist nun mit Weballen Gastspielen aus dem nationalen und internationalen Programm und einigen Daten und Uhrzeiten für das Rahmenprogramm online. Schaut rein, kommt nach Berlin und feiert mit uns!

2019 erwarten euch im Rahmenprogramm des Festivals ganz unterschiedlichste Dialogformen und Gesprächsangebote:
Bei Face it! könnt ihr täglich von 12:30 bis 14:30 eure Erfahrungen mit den gesehenen Gastspielen in verschiedenen experimentellen Nachgesprächsformaten austauschen. Sie basieren u.a. auf dem im November 2018 erschienenen Handbuch Zwischen Publikum und Bühne. Vermittlungsformate für die freien darstellenden Künste, veröffentlicht vom Performing Arts Programm Berlin mit den Künstler*innen, die sie erfunden und erprobt haben. Daneben kann man auch ein Gesprächsangebot nutzen.

Mit den nationalen Kurator*innen kommt ihr u.a. bei Face to face: meet the Curators am Eröffnungsabend und am Sonntagmorgen ins Gespräch. Die Kurator*innen fürs internationale Gastspiel-Programm geben bei Facing East Auskunft über die kultur-politische Situation in ihrem Land und über Mut, Leidenschaft und Widerständigkeit beim Theaterspielen für junges Publikum in Russland, Ungarn und Polen.

Zwei Fortbildungen laden angehende Erzieher*innen und Lehrer*innen auf ungewöhnliche Erkenntniswege ein; an den Berliner Partnertheatern GRIPS, STRAHL und am Festivalzentrum an der PARKAUE wird das junge Publikums mit einem umfangreichen Programm zur Beteiligung eingeladen. Fachbesucher*innen sind ausdrücklich willkommen!

Website und Facebook werden mit Informationen und Texten zum Rahmenprogramm weiter befüttert: Immer wieder mal reinschauen lohnt sich!

Und jetzt? Karten sichern!
Auf bald dann in Berlin!

Zur Pressemeldung: PM Augenblick mal! VVK beginnt 2019

 

Heimat wird wichtig, wenn man zu wenig davon hat

von Charlotte Kösters


Braunschweig, 25. Januar 2019:

Über Heimat mache ich mir selten Gedanken. Noch seltener über meine Heimat. Der Wege ins Theater-Fachtag MAKING HEIMAT, der heute am Staatstheater Braunschweig stattfindet, lädt zu einer Auseinandersetzung mit Heimat ein. Wir sind eine Gruppe von ca. 30 Menschen. Wie die meisten von uns habe ich einen Gegenstand dabei – etwas mitbringen, das ich mit (meiner) Heimat verbinde, so die Aufforderung im Vorhinein dieser Veranstaltung. Ich frage mich nach dem richtigen Zeitpunkt, meinen Gegenstand (wo überhaupt?) zu platzieren. Es ist ja ein Stück von mir, das ich offenbare (egal ob ich es Heimat nenne oder nicht). Wie angebracht ist es eigentlich, Biografisches zu besprechen, gar zur Schau zu stellen, wenn es um Heimat geht?

Wir werden von der Generalintendantin des Hauses, Dagmar Schlingmann, und dem Leiter des Jungen Staatstheaters, Jörg Wesemüller, herzlich begrüßt. Es folgt ein inhaltlicher Auftakt von Rebecca Hohmann, die sich sowohl in ihrer Funktion als Vorstandsmitglied der ASSITEJ als auch als künstlerische Leiterin des Moks Bremen für Wege ins Theater ausspricht und das Potenzial des Förderprogramms betont. Unser heutiges Anliegen – MAKING HEIMAT – entstammt nicht zuletzt der Tatsache, dass das frisch erschienene Jahrbuch der ASSITEJ nach Heimat fragt: „Heimat-Pflege als Theater-Programm?“ Rebecca Hohmann stellt heraus, dass es sowohl im Jahrbuch als auch bei Wege ins Theater um die Positionierung des Theaters in der Gesellschaft geht.

Von Annalena Küspert und Ines Wuttke, denen der heutige Tag seine ebenso liebevolle wie lebendige Rahmung verdankt, werden wir dazu aufgefordert, kleine Gedichte über unsere Gegenstände zu schreiben. Um sich im ersten Schritt selbst im Thema Heimat zu verorten, so heißt es. Ein Versuch, Heimat zu benennen. Nicht ganz ernsthaft, aber doch andächtig verfasse ich ein Haiku über den von mir mitgebrachten Tacker (!). Er ist rund und gelb mit Smiley-Motiv (der ganz einfache lächelnde Smiley, aus einer Zeit vor Emoticons) und wertet die Pop-up-Installation, in der unsere Gegenstände und Gedichte im Anschluss gesammelt präsentiert werden, für mich optisch wie emotional deutlich auf (Zwinkersmiley). Mein liebstes Haiku aus der Kollektion beschäftigt sich allerdings mit einem anderen Gegenstand – es heißt „Ohne kalte Füße“ und geht so:

Waltrauds Socken. Warm.
Extra für mich gestrickte.
Egal wo. Meine.

Wir sind individualistisch geprägt und daran gewöhnt, über uns selbst zu reflektieren, in wie auch immer gearteten Schaffensprozessen das Eigene als Ausgangspunkt zu nehmen, um nicht zu sagen: zu verwenden. Ist das okay oder drehen wir uns dabei zu sehr um uns selbst anstatt um ‚wirkliche Themen‘? Wird das der Komplexität der Welt gerecht? Meine Erkenntnis heute: Es ist okay! Denn es hilft uns Zugang zu Themen zu finden. So bestätigt es auch die mit zwei Mitgliedern und Wohnwagen (!) angereiste Fräulein Wunder AG. Ihr Bericht aus konkreten Wege ins Theater-Projekten zeigt, dass die Ansprache von Kindern und Jugendlichen hierüber funktionieren kann: über das Eigene ins Gespräch kommen, sich infolgedessen für Beziehungen und – das ist uns wichtig – für künstlerisch-ästhetische Prozesse öffnen. Zum Inventar des auf dem Theatervorplatz gelungen platzierten Wohnwagens gehören Riechproben, anhand derer die Fräulein Wunder AG später am Tag Entscheidendes bewirkt: Wir riechen an Essig, Schokolade etc. und assoziieren (schau an, manche von uns können Heimat riechen!)… und über unsere eigenen Geschichten nähern wir uns sowohl einander als auch dem Heimatthema an. Aus einem zutiefst menschlichen Mitteilungsbedürfnis heraus lernen wir uns kennen und machen gemeinsam Heimat.

Ich stelle fest, nicht allein zu sein mit Fragen wie: Wem gehört Heimat? Wie viele Heimaten sind normal? Wie groß ist Heimat? Wie lange dauert Heimat? Wie wichtig ist Heimat?

Für mich ist Heimat nicht so wichtig. Vermutlich weil ich auf eine Weise gut genug damit ausgestattet bin. Ich kann mir sogar Wahlheimaten leisten, und davon mehrere, analog und digital. Mit Heimat verhält es sich unter Umständen wie mit Geld: Es wird erst wichtig, wenn man zu wenig davon hat.

Mit Kultur macht stark und konkret Wege ins Theater sprechen wir Zielgruppen an, die wenig haben. Wenig Geld oder Bildung und vielleicht wenig Heimat. Die Einblicke in die Projektpraxis, die der heutige Fachtag ermöglicht, zeigen: Wer Wege ins Theater geht, kann unterwegs Heimat finden. Dabei ist nicht erheblich, ob Projekte sich explizit mit dem Thema Heimat beschäftigen, sondern auf welche Weise die beteiligten Akteure aufeinander zugehen und inwieweit die Teilnehmenden Raum für individuelle Heimat(-suche) haben. Während drei verschiedene Projekte ausführlich vorgestellt werden, wird für mich mehr und mehr deutlich: Bei Heimat geht es (wie auch beim Theater!) um den Menschen selbst. Das Menschliche steht im Mittelpunkt.

Durch den Nachmittag werden wir maßgeblich von den Theatermenschen Caroline Eisenträger, Carmen Grünwald-Waack, Iris Kleinschmidt, Michael Kranixfeld, Lea Schreiber und Anne Tysiak geführt (Danke!). An einigen Gedankenimpulsen und Überlegungen, die sich in den Präsentationen und unseren Gesprächsrunden ergeben, hänge ich bis weit nach der Veranstaltung. Darunter: Schade, dass der Name unseres Projektes Wege ins Theater nicht den Wunsch mit abdeckt, dass auch Wege aus dem Theater heraus und drum herum führen mögen. Wir wollen mit Wege ins Theater erreichen, dass Kinder und Jugendliche sich Theater erschließen. Zum Teil verlassen sie dafür ihren Sozialraum – sie bewegen sich. Wie logisch erscheint da der Gedanke, dass auch wir Theatermenschen uns bewegen müssen! Aus dem Theater heraus, ja. Nicht jedoch im Sinne einer räumlichen Erweiterung unserer Theater-Heimat oder ihrer Übertragung auf andere Sozialräume, sondern im Sinne einer Entkoppelung des Heimatbegriffs von Räumlichkeit und Hinführung zu einer Kategorie menschlicher Interaktion, des menschlichen Miteinanders.

Den in den Projekten engagierten Betreuungs- und Bezugspersonen kommt in diesem Zusammenhang eine besondere Verantwortung und Bedeutung zu. Sie bilden nicht nur die Schnittstelle zwischen verschiedenen Sozialräumen alias Heimaten, sondern verkörpern im besten Fall eine Auffassung von Heimat, nach der der einzelne Mensch dem anderen Heimat ist. Heimat kann nur da passieren, wo Menschen sind. Nur über Menschlichkeit können wir aus Heimat eine Perspektive machen.

Und so schließe ich diesen Beitrag mit einem Aufruf: Lasst uns einander Heimat sein!


Charlotte Kösters ist stellvertretende Projektleiterin von Wege ins Theater, das kleine und große Projekte für Theaterentdecker*innen, Theaterspieler*innen und Theatermacher*innen fördert. Rund eine Million Euro stehen in diesem Jahr für Bündnisse vor Ort zur Verfügung. Die nächste Antragsfrist für eine Förderung durch Wege ins Theater endet am 30. April 2019.
Eine Dokumentation des Fachtags wird online zur Verfügung gestellt.

Home is where my theatre is? Heimatsuche im Theater für junges Publikum

von Anna Eitzeroth


Wir sprechen wieder über Heimat – in der Politik, im Theater und auch im IXYPSILONZETT Jahrbuch für Kinder- und Jugendtheater, dessen Titel fragt: Heimat-Pflege als Theater-Programm? Heimat ist ein Begriff, der vieldeutig und durchaus umstritten ist – nicht zuletzt durch die politische Vereinnahmung, die er erfährt, indem er zur Ab- und Ausgrenzung, zur Distanzierung von dem „Anderen“ oder „Fremden“ genutzt wird.wege-ins-theater_4c_rgb (640x508)

Auch im Rahmen von Wege ins Theater, dem Förderprogramm der ASSITEJ im Rahmen von Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung, geht und ging es in vielen geförderten Projekten direkt oder indirekt um das Thema Heimat, in den meisten Fällen mit einer positiven Konnotation im Sinne von Identifikation, Zugehörigkeit, Aneignung oder von Ankommen, ein Zuhause finden. Im Projekt Platz da! des Staatstheaters Braunschweig haben die Teilnehmer*innen einen öffentlichen Platz erobert, bei der Konferenz der Träumer am Theater im Pfalzbau ging es um die Perspektiven der Teilnehmer*innen auf die Stadt Ludwigshafen und deren Image, und das Oldenburgische Staatstheater hat in den vergangenen Jahren gleich drei Projekte mit dem Begriff Heimat im Titel durchgeführt: Spiel.Räume – Heimat ist hier, Heimat ist woanders und Heimat im Kopf.

Was ist krank und gebrechlich an unserer Heimat, dass wir sie pflegen müssen?

fragt die freie Autorin Annalena Küspert unter dem Titel Take me home im Jahrbuch der ASSITEJ: Wie kann Theater gleichzeitig Heimat sein und mit seiner Kunst verunsichern, unterhalten und anregen? Sie ist eine der Referent*innen beim Fachtag MAKING HEIMAT, der am 25. Januar 2019 im Staatstheater Braunschweig stattfindet und die Projektpraxis mit der kritischen Diskussion des Heimatbegriffs verknüpft: wie ist die politische und soziale Verortung des Theaters in diesem Kontext? Wie kann Theater Teil der Alltagswelten von Kindern und Jugendlichen werden und wie kann es sich gesellschaftlich und politisch positionieren?
Die Anmeldung für den Fachtag ist hier möglich: wit@kjtz.de.


Anna Eitzeroth ist Projektleiterin von Wege ins Theater, das kleine und große Projekte für Theaterentdecker*innen, Theaterspieler*innen und Theatermacher*innen fördert. Rund eine Million Euro stehen in diesem Jahr für Bündnisse vor Ort zur Verfügung. Die nächsten Antragsfristen für eine Förderung durch Wege ins Theater sind der 31. Januar und der 30. April 2019.

Mit dem neuen ASSITEJ-Vorstand ins neue Jahr

von Brigitte Dethier


Zum Jahresbeginn schicke ich einen lieben Gruß im Namen des neuen ASSITEJ-Vorstandes. Ich wünsche allen ein gutes neues Jahr mit beglückenden Arbeitsprozessen und -ergebnissen!

Der Vorstand wird sich im Februar treffen und wir wollen gemeinsam mit den Mitarbeiter*innen einen Organisationsentwicklungsprozess beginnen, der die Zusammenhänge zwischen ASSITEJ und KJTZ neu beschreiben soll, so dass auch für Mitglieder und Außenstehende sichtbar wird, wo und wie der Verein und das von ihm getragene Zentrum gemeinsam Ansprechpartner sind für alle diejenigen, die sich für die Darstellenden Künste für junges Publikum engagieren und interessieren. Unser Programm soll sich an den Bedürfnissen der Praxis orientieren, Raum für Diskurs und Perspektiventwicklung sein.Wir suchen auch nach neuen Kommunikationswegen, so dass die Arbeit des Vorstandes transparenter, die Arbeit in den Regionen auch darüber hinaus sichtbar und die Arbeit in Gremien als Vernetzung wirksam wird. Wir suchen nach Kommunikationswegen, die alle Mitglieder zum Mitdenken einladen, die die Prozesse offen gestalten und Ergebnisse zur Diskussion stellen. Alle Anregungen dazu sind hochwillkommen!

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In unseren Kalendern sind aber – zum Glück – nicht nur Sitzungs-, Proben- und Premierentermine vermerkt, sondern auch Festivals und Werkstätten und andere Gelegenheiten für Austausch und Kontaktpflege. Beim Festival Augenblick mal! in Berlin werden die ASSITEJ-Preise verliehen (am 10. Mai), in den Regionen bieten WESTWIND, WILDWECHSEL, Hart am Wind, Baden-Württembergische Theatertage und viele weitere Festivals Gelegenheit zur Auseinandersetzung mit unserer Arbeit. Wir sind gespannt auf die ASSITEJ Werkstätten und hoffen, dass möglichst vielen Mitgliedern und Interessierten ein Dialog zu den dort angesprochenen Themen möglich ist. Zu jeder Werkstatt wird es eine kurze Dokumentation geben.

Kulturpolitisch nutzen wir die Ergebnisse unserer Studie Zur Lage des Kinder- und Jugendtheaters (2017) weiter und arbeiten dafür, dass unsere Anliegen in den entscheidenden politischen Gremien in konkretes Handeln umgesetzt werden. Dabei geht es um Ressourcen und Anerkennung, die Förderung und den Ausbau der Darstellenden Künste für junges Publikum, kontinuierliche Partnerschaften mit Bildungsinstitutionen, die Ermöglichung von Gastspielen und vieles andere mehr.
Intensivieren wollen wir auch den Austausch mit Schauspielschulen und Hochschulen, die Künstler*innen ausbilden. Welchen Stellenwert hat hier das Kinder- und Jugendtheater? Unser Ziel ist, dass wir uns auf eine gemeinsame Basis einigen: Es gibt gutes und schlechtes Theater, in allen Sparten und Genres. Und alle Sparten und Genres müssen auch Teil der künstlerischen Ausbildung sein.

Ich freue mich auf das Jahr 2019, hoffe, dass ich bald Zeit habe für eine intensive Lektüre des neuen IXYPSILONZETT-Jahrbuchs für Kinder- und Jugendtheater (Heimat-Pflege als Theater-Programm? Mal sehen, welche Antworten die Autor*innen gefunden haben) und bin gespannt auf viele Begegnungen! Je mehr Menschen sich in die Arbeit des Verbandes einbringen, desto breiter sind wir aufgestellt, denn die ASSITEJ sind wir alle!

Ihre / Eure
Brigitte Dethier


Brigitte Dethier, Intendantin des Jungen Ensembles Stuttgart (JES), ist seit Dezember 2018 erste Vorsitzende der ASSITEJ. Sie engagiert sich seit 1997 im Vorstand der ASSITEJ e.V. und war seit 2009 stellvertretende Vorsitzende des Vereins. Die Regisseurin und Theaterwissenschaftlerin ist darüber hinaus im Landesverband Baden-Württemberg sowie im Künstlerischen Ausschuss des Deutschen Bühnenvereins aktiv. Sie wurde 2014 mit dem Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg und 2009 mit dem Deutschen Theaterpreis DER FAUST ausgezeichnet.

Mit der Faust in die Welt schlagen? Auftakt der Reihe „JUNGES THEATER für DEMOKRATIE“ mit Lukas Rietzschel

Von Nikola Schellmann


Staatstheater Mainz, 28. September 2018, Probebühne.
Mein erstes Treffen mit dem Arbeitskreis Südwest. Das ist ein regionaler ASSITEJ-Zusammenschluss von Theaterpraktiker*innen, in diesem Falle aus Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland. Einige von uns haben eben vor dem Treffen die tanzmainz-Premiere von Krawall im Kopf gesehen und ich bin immer noch nachdenklich gerührt und auch produktiv mitgenommen von der Energie, der tänzerisch-hinterfragenden Kraft, mit der da unten in der Spielstätte U17 vermeintliche Normen erschüttert werden. Mit der an das Selbstbewusstsein nicht nur junger Zuschauer*innen appelliert wird. Und – so plakativ das auch klingen mag – durch die ertappte Erinnerungen an die Teeniezeit und der Wunsch entstehen, dass schon damals Regeln in meinem Kopf krawallig unterbrochen, ge/brochen und zer/brochen worden wären.

Und nun: ein Arbeitstreffen. Der etwas harte Übergang entpuppt sich jedoch als konstruktive Auseinandersetzung mit einer relativ schnell deutlich-konkreten Veranstaltungsplanung: Ich dachte, ich beobachte erstmal, lerne Kolleg*innen kennen und bringe dann Themen in unsere späteren Diskussionen im KJTZ mit. Nö! In 2018 soll noch eine öffentliche Veranstaltung dieses Arbeitskreises stattfinden, der sich in regelmäßigen Workshops oder Treffen bei Festivals weiter- und fortbildet. Was lässt sich in diesen verbleibenden Wochen des Jahres gemeinsam schaffen? Wie kommen wir ins Gespräch? Fortbildung via Workshops von uns selbst für uns selbst?
Antwort: Impulsvortrag! Von eine* literarischen Autor*in! Kein allzu direkter Zugang aus dem Kinder- und Jugendtheaterbereich, sondern etwas, worüber anschließend für die eigene Praxis diskutiert werden kann. Kein Kaltstart nach dem Weihnachtsmarktglühwein, kein sofortiges In-eine-Diskussion-geworfen-Werden, sondern sich erstmal schön zurücklehnen und jemandem zuhören.

Staatstheater Mainz, 14. Dezember 2018, Orchestersaal.
Zuhören ist denn auch einer der zentralen Punkte, die Lukas Rietzschel in seinem Impulsvortrag anspricht. Was beschäftigt die Menschen? Er wurde in der Oberlausitz geboren, studierte in Kassel, lebt nun in Görlitz und beschreibt, wie er sich eben nicht zurücklehnen, sondern stetig hinterfragen will, was da „zuhause“ passiert. Welche Ängste sind da? Welche kommunalpolitischen Initiativen, seien sie noch so „klein“ wie das gemeinschaftliche Bepflanzen eines Verkehrskreisels, geben Zugehörigkeitsgefühl? Die Neonazis sind da. Es gibt sie. Es gibt Menschen, die sich aktiv gegen das wenden, was wir in dieser Veranstaltung diskutieren wollen.


Jeden Tag zeigen wir in unseren Theatern für junges Publikum Stücke und Projekte, in denen es um die ganze komplexe Welt geht: Um Familien und Freundschaften, um Geschlechtergerechtigkeit und Fairness, um Antirassismus und Interkulturalität. Und doch: Ein mulmiges Gefühl schleicht sich ein. Reicht das? Bleiben wir in unseren schönen, achtsam gestalteten und kreativen Räumen nicht zu weit weg von der Straße, auf der gerade die Demokratie in Frage gestellt wird? Was können und müssen wir tun? Was als politische Menschen und was als Kulturschaffende?
Lukas Rietzschel spricht wenig über seinen Bestseller-Roman Mit der Faust in die Welt schlagen und über die Praxis des Kinder- und Jugendtheaters, doch gerade seine präzisen Beobachtungen zu konkreten Situationen in Sachsen liefern Gesprächsstoff für die anschließenden Tischrunden, in denen Normen, Krawall und Hilflosigkeit diskutiert werden. Die Erwartungen an die Veranstaltung scheinen aufzugehen. In mehreren Gruppen sind neben Moderator*innen aus dem Arbeitskreis auch lokale Initiativen zu Gast, die über ihre konkrete Arbeit in der Region sprechen: Susanne Freiling und Lina Zehelein mit dem Kompetenznetzwerk und Bundesprogramm „Demokratie leben!“, Johannes Gaudet mit dem Netzwerk für Demokratie und Courage, Luisa Schumacher mit Nicolai Zimmermann von der Alternative JugendKultur Bad Kreuznach e.V.
SWR2 ist vor Ort und interviewt Lukas Rietzschel zu seiner Arbeit.

Viele Zuhörer*innen des Vortrags bleiben auch zu den Gesprächen, bleiben später an der Bar und liefern ihrerseits wieder Impulse, die Heike Mayer-Netscher, Koordinatorin, und Susanne Freiling, Sprecherin des Arbeitskreises mitnehmen und im neuen Jahr 2019 in weiteren Veranstaltungen von JUNGES THEATER für DEMOKRATIE aufgreifen wollen. Die Themenschwerpunkte werden sich verschieben, aber das Bedürfnis des Austauschs angesichts aktueller gesellschaftspolitischer Fragen bleibt.
Zuhören, Zusammenarbeit und Kooperation – sowohl der Organisator*innen, des Staatstheaters Mainz in der Gastgeberrolle als auch der Vertreter*innen der verschiedenen Initiativen und des Arbeitskreises – werden auch im neuen Jahr eine krawallig-produktive Diskurskraft sein.


IMG_6540Die Veranstaltung Mit der Faust in die Welt schlagen? war Auftakt der Reihe JUNGES THEATER für DEMOKRATIE, die als ASSITEJ-Werkstatt über das Jahr 2019 an verschiedenen Orten in Hessen, Saarland und Rheinland-Pfalz stattfinden wird. Die Veranstaltung wird unterstützt vom Ministerium für Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur Rheinland-Pfalz und findet in Kooperation mit dem Kinder- und Jugendtheaterzentrum in der Bundesrepublik Deutschland statt.
Die Arbeit des Arbeitskreises Südwest wird unterstützt vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst und dem Ministerium für Bildung und Kultur Saarland.

 

 

 

Kunst über den Schulhof hinaus: Das FLUX-Schaufenster

Von Ilona Sauer


Das FLUX-Schaufenster findet zum Programmstart jeweils in einer anderen Region Hessens statt: In diesem Jahr war das Künstlerhaus Mousonturm in Frankfurt am Main Veranstaltungsort und Treffpunkt für Theaterschaffende, Lehrer*innen, Pädagog*innen und Veranstalter*innen, in einige Schaufenster waren auch Kinder und Jugendliche eingebunden. Das Schaufenster hat insofern Festivalcharakter, als die für FLUX von einer Jury für das Jahresprogramm kuratierten Theater dort en suite Kurzausschnitte der ausgewählten Produktionen präsentieren. Beteiligt waren unter anderem LIGNA, Hicks & Bühler, Dance Box GbR, die stromer, Monstra, Theater Lakritz, Hella Lux, Hirsch&Co, Sarah Kortmann, theaterperipherie, Cornelia Niemann, das Theater Gruene Sosse sowie das Brachland Ensemble. Alle Gastspiele können sowohl von Schulen als auch von Veranstaltern in ländlichen Räumen eingeladen werden. Für die Schulgastspiele übernimmt das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst 50 Prozent der Kosten.Screenshot_20181127-234254_WPS Office

In diesem Jahr verband das Schaufenster Denk-Räume und Spiel-Räume mit den Schau-Räumen und initiierte so Diskursräume zwischen Kunst und Bildung. Aus Sicht der Arbeitsgruppe „Theater und Schule in Hessen“ erläuterten Anna Eitzeroth, Fiona Louis, Ruth Kockelmann, Katja Pahn und Ilona Sauer Aspekte der ASSITEJ-Studie und machten deutlich, wie wichtig die Zusammenarbeit des bereits existierenden Netzwerkes zwischen den Fachberatern Kultur, dem Landesverband Schultheater in Hessen und den Vertretern der Darstellenden Künste und FLUX sei – insbesondere dann, wenn man die Strukturen ausbauen und weiterentwickeln wolle.

Prof. Dr. Kristin Westphal erläuterte in ihrem Vortrag das Spannungsfeld von Kunst und Bildung und beschrieb dabei Lern- und Erfahrungsräume, die durch die Begegnung mit zeitgenössischen Theaterformen entstehen. So war denn auch in den folgenden Gesprächsrunden eine der Fragen, die Kristin Westphal im Austausch mit Gerd Taube und den teilnehmenden Lehrer*innen und Darstellenden Künstler*innen diskutierte, jene nach der pädagogisch-künstlerischen Qualität in der Theaterarbeit mit Kindern und Jugendlichen. Mitgedacht wurde immer auch das Konfliktpotenzial zwischen einer künstlerischen und einer pädagogischen Perspektive. Wichtig war den Diskutant*innen, dass die Fragestellung nicht auf eine gute oder schlechte Qualität abziele. Vielmehr wurde Qualität als etwas Subjektives beschrieben, das sich vor allem in der Beziehung zwischen Lehrer*innen, Künstler*innen und Schüler*innen entwickle.

Kristin Westphal verwies ausgehend von ihrem Vortrag darauf, dass Qualität etwas sei, dass man nicht messen könne, vielmehr müsse diese stets zwischen den Beteiligten in jeder Situation neu ausgehandelt werden. Kriterien wie Begeisterung, Fremderfahrung, sinnlich-leibliche Erfahrung seien hier wesentlich, dies habe auch die wissenschaftliche Begleitforschung von Projekten im Rahmen des Weiterbildungsprogramms Kunst-Rhein-Main ergeben. Die von Kristin Westphal benannten Qualitätskriterien sind natürlich auch für die Aufführungen und  Performances für junges Publikum relevant. Jan Deck, der gemeinsam mit Detlef Köhler diese Arbeitsgruppe moderierte, verwies insbesondere auf das Ziel von Aufführungen, eine  „Wahrnehmungsverschiebung“ in dem Sinne zu initiieren, dass man als Zuschauer*in anders aus dem Theater komme als man hineingegangen sei.

Wie zeitgenössische Theaterformen sinnlich-leibliche Erfahrung für die Teilnehmenden eröffnen können, zeigte insbesondere die Performance Klasse Kinder! von LIGNA, einer Produktion der Tanzplattform Rhein-Main, für Kinder ab 6 Jahren. Ligna macht die Zuschauer*innen in der Hör-Performance über die Tänzerin Jenny Geertz zu Akteuren*innen und eröffnet so Kommunikationsräume.
Gemeinsam Handeln, Erfahrungen teilen, ausprobieren, einander begegnen: das ist wohl die große Qualität des FLUX Schaufensters, das Theater und Schulen in Austausch bringt.

Natürlich bleiben die Erwartungen von Theatern und Schulen aneinander oftmals unterschiedlich, natürlich haben Schüler*innen und Lehrer*innen oftmals repräsentative Theaterauffassungen, die sich nicht so ohne weiteres knacken lassen. Aber das gilt nicht immer!
Ruth Kockelmann, Vorsitzende des Landesverbandes Schultheater in Hessen, brachte die Ergebnisse der Arbeitsgruppe Zeitgenössische Theaterformen und neue Formate der Kooperation zwischen Theater und Schule auf den Punkt. Gewünscht ist die Erhöhung der Frequenz der Theaterereignisse! Mindestens einmal im Monat ein Gastspiel, eine gemeinsame Aktion, Erforschung und Okkupation des gesamten Schulraums, Durchdringung und performative Erforschung des Systems Schule, Tandemstrukturen im Unterricht – Entdeckung von Räumen für Theaterkunst an der Schule.
Auch in der Schule denkt man derzeit gelegentlich über den Schulhof hinaus.


Ilona Sauer ist Theaterpädagogin und Koordinatorin des Projektes Theater und Schule in Hessen. Sie leitet das Projekt FLUX. Theater in Hessen unterwegs. Theater für Schulen.