Ich komme nicht mehr mit. Und jetzt gebe ich es auch noch zu.

Erfahrungen auf dem Symposium „Positionen und Perspektiven der Theaterpädagogik“ von Anna Eitzeroth


Die Universität der Künste in Berlin hat das Ausscheiden von Prof. Dr. Ulrike Hentschel aus dem Hochschuldienst zum Anlass genommen, zu einem Fach-Symposium vom 12. bis 14. April einzuladen.
UdK Berlin kleinDas Programm ist vielfältig und voll, es enthält ein Abschiedsfest für die Professorin und ebenso wie 28 (in Worten: achtundzwanzig) Fach-Vorträge in Panels und im Plenum, dazu kommen Tischgespräche mit Impulsen aus der Praxis und ein Reflexionsformat aus dem Handbuch Zwischen Publikum und Bühne – Vermittlungsformate für die freien darstellenden Künste des Performing Arts Programm Berlin. Wie sich in einer kleinen Abfrage der Zuschauer*innen zu Beginn des Symposiums zeigt, kommen diese vor allem aus dem Hochschulbereich und zu einem kleineren Teil aus der Praxis oder aus anderen Bereichen wie Verbänden und Fortbildungsinstitutionen.

Im Eröffnungsvortrag vollzieht Prof. Dr. Ute Pinkert die Stationen der wissenschaftlichen Arbeit von Frau Hentschel nach, was – angesichts des Wirkens von Frau Hentschel über Jahrzehnte – zu einem sehr verdichteten Text führt, der für mich nur zum Teil nachvollziehbar ist. Auch in den Folgevorträgen fühle ich mich in Uni-Zeiten zurückversetzt: Die Texte sind oft in einer Sprache verfasst, die eher in einer Fachpublikation studiert als auf einen mündlichen Vortrag gehört werden will. Die Nachfragen erfolgen vor allem durch Lehrende anderer Hochschulen. Ich schaue noch mal kurz auf den Titel der Veranstaltung: Stand dort wissenschaftliche Positionen und Perspektiven der Theaterpädagogik? Wer ist hier geladen? Ein interner Kreis aus Forschenden, Dozierenden und wissenschaftlich Interessierten, oder tatsächlich auch das weite Feld der theaterpädagogischen Praxis, in das ja neben einem Universitätsstudium auch noch ganz andere Wege führen?

Mir jedenfalls ist nach einem Vortrag von Martina Leeker über „Posthuman Performances“ nicht klar, was sie mit „menschlich Agierenden“ meint, und es erscheint mir in diesem Kontext auch nicht angebracht, in der anschließenden kurzen Fragerunde neben den elaborierten Nachfragen der Professor*innen diese Grundsatzfrage nochmal aufzuwerfen. Da hätten ja dann alle gemerkt, dass ich gar nichts verstanden habe! Und kurz danach hätten sie wahrscheinlich festgestellt, dass ich auch das Buch von Ulrike Hentschel nicht gelesen habe, von dem Ute Pinkert eingangs gesagt hatte, dass es wirklich alle in diesem Raum gelesen hätten. Ich gehöre nicht dazu, kann in der akademischen Kultur nicht mithalten. Und dabei bin ich noch nicht mal eine echte Praktikerin.

Umso dankbarer bin ich für die Vorträge von Matthias Dreyer und Melanie Hinz am 2. Symposiumstag, die sich konkret an theaterpädagogischer Praxis und Methodik abarbeiten, Prozesse und Phänomene benennen, analysieren und Position dazu beziehen. Insbesondere in den zitierten Teilnehmer*innenstimmen im Vortrag mit dem Titel „Ich mache nicht mehr mit – über Krisenerfahrungen und Anlässe tranformatorischer Bildungsprozesse in der Theaterpädagogik“ von Melanie Hinz wird deutlich, wie sehr die auf dem Symposium gepflegte, akademische Sprache von Alltagssprache entfernt ist. Die nachmittags anschließenden Panels versprechen auf den ersten Blick mehr Partizipation, da die Symposiums-Teilnehmer*innen sich in kleinere Gruppen aufteilen. Jedoch ist nach den drei Kurzvorträgen auch hier wenig Zeit für Rückfragen und Diskussion oder für Impulse, Ideen oder Fragestellungen der Teilnehmer*innen. Anschließend finden Tischgespräche statt, in denen jeweils ein*e Praktiker*in einen Input gibt, um das Gespräch einzuleiten. Auch hier wiederholt sich das etablierte Schema: Vortrag und Nachfragen. Zumindest in den Gesprächen, an denen ich teilnehme, gelingt es in der kurzen Zeit nicht, die vorgestellten Praxisbeispiele so zu reflektieren, dass sie zu einem Gespräch anregen, dass über Fragen zum Probenprozess hinausgeht.

NETTZ_Community Event

Foto: Jörg Farys

Abgeschlossen wird der zweite Tag durch das PAP-Vermittlungsformat „Das unbeschriebene Blatt“, angeleitet durch David Vogel von der Geheimen Dramaturgischen Gesellschaft. Die Teilnehmer*innen sind dazu aufgefordert, eine Skulptur aus einem DIN A4-Blatt zum Thema des Symposiums anzufertigen (normalerweise werden in diesem Format Aufführungen reflektiert) und sich anschließend mit eine*r Partner*in zusammenzutun und die Kunstwerke gegenseitig zu reflektieren. Meine Skulptur ist eine Mauer, die aber umgangen werden kann. Das Kunstwerk meine*r Partner*in ist ein zusammengerolltes Blatt, das sie als Fernrohr verwendet, für den ‚Tunnelblick‘, den sie in der Ausrichtung der Veranstaltung sieht.

Über andere Symposiumsteilnehmer*innen erfahre ich wenig, sofern ich sie nicht schon aus anderen Kontexten kenne. Insbesondere bei einer Disziplin, die sich auf so vielen Ebenen mit Partizipation auseinandersetzt, überrascht und enttäuscht mich das etwas. So, wie viele Vortragende ihren Vortrag mit der Beschreibung ihrer Perspektive auf den Gegenstand beginnen, frage auch ich mich, wie diese enttäuschte Erwartung mit meiner persönlichen Perspektive auf das Feld zusammenhängt. Als Mitarbeiterin der ASSITEJ und des Kinder- und Jugendtheaterzentrums komme ich immer wieder an Punkte, an denen mir Theorielastigkeit und/oder praxisferne Sprache vorgeworfen wird – z.B. durch Verwendung von Begriffen wie „Teilhabegerechtigkeit“ oder „Sozialraumorientierung“; ich habe Veranstaltungen mit Titeln wie „Diversitätsorientiertes Audiencedevelopement. Eine bildungs- und kulturpolitische Herausforderung im Theater für junges Publikum“ konzipiert – auch nicht gerade bodenständig. Dass Veranstaltungen manchmal thematisch überfrachtet sind und Ideen für partizipative Formate nicht aufgehen, kenne ich aus eigener Erfahrung. Und habe vielleicht auch gerade deshalb diese Brille auf.

Das Symposium wird in einer Buch-Publikation ausführlich dokumentiert, die Gelegenheit geben wird, die einzelnen Positionen ausführlicher nachzuvollziehen und als Diskussions-Anstoß zu nehmen. Offen bleibt für mich die Frage, wie weit theaterpädagogische Forschung und Praxis voneinander entfernt sind und inwiefern ein Austausch mit der Praxis von der akademischen Seite erwünscht ist – insbesondere bei einer Disziplin wie der Theaterpädagogik: die Brücken baut und Barrieren abbaut zwischen der Theaterkunst, Theater-Institutionen mit ihrem akademischen Personal. Und den Menschen außerhalb dieser Institutionen.

 

 

Werbeanzeigen

Wie war eigentlich… die Übersetzer*innenwerkstatt „Transfer“? Teil 1 von 5: Gundula Schiffer

IMAG8723

vordere Reihe v.l.: Seminarleiterin Barbara Christ, Gundula Schiffer, Barbara Neeb, Friederike von Criegern; hintere Reihe v.l.: Projektleiterin Nikola Schellmann, Zuzana Finger, Wolfgang Barth

Ein Wochenende voller… Zwiebeln in Hülle und Fülle? Fetischhunde? Superheldinnen? Papageien und Justizminister? Dämonen und gezählter Kühe? Das gibt’s nur bei der Werkstatt Transfer Kinder- und Jugendtheater in Übersetzung. Das KJTZ veranstaltete vom 21. bis 25. März zum vierten Mal die Übersetzer*innenwerkstatt im Rahmen des Internationalen Theaterfestivals für junges Publikum Rhein-Main Starke Stücke, in Zusammenarbeit mit der KulturRegion FrankfurtRheinMain und mit Unterstützung durch den Deutschen Übersetzerfonds.

Hier bloggen in den kommenden Wochen die diesjährigen Teilnehmer*innen der Werkstatt Wolfgang Barth, Friederike von Criegern, Zuzana Finger, Barbara Neeb und Gundula Schiffer über ihre Eindrücke der Werkstatt und ihre übersetzten (Theater-)Texte und Projekte.


Von Gundula Schiffer

Die Möglichkeit, als literarische Übersetzerin Werkstätten zu besuchen und mich mit Kolleg*innen über laufende Projekte austauschen zu können, empfinde ich stets als großen Luxus, inspirierend und gewinnbringend für die eigene Arbeit. Dass uns der Deutsche Übersetzerfonds jährlich eine solche Palette an Werkstätten und Stipendien bietet, bedeutet eine große Unterstützung unseres künstlerischen Berufs. Das kann man gar nicht häufig genug lobpreisend und dankend erwähnen. Die Teilnahme an Transfer – Kinder- und Jugendtheater in Übersetzung hat diese Erfahrung erneut und in besonderem Maße bestätigt. Sehr angenehm habe ich dieses Mal die Teilnehmer*innenzahl empfunden, die mit fünf nur halb so groß war wie etwa bei den ViceVersa-Werkstätten. Bei fünf zu besprechenden Texten verläuft das Seminar konzentrierter und die Ergebnisse bleiben meinem Gefühl nach besser im Gedächtnis.

Ich bin sehr froh, dass der DÜF neben dem doch dominierenden Genre des Romans zunehmend auch Workshops zu Spezialgebieten und ‚Nischen‘ anbietet, wie etwa zum Lyrik-, Theater- und Comicübersetzen sowie demnächst auch zum Übertiteln fürs Theater, und dafür fruchtbare Kooperationen eingeht, wie beispielsweise mit dem Kinder- und Jugendtheaterzentrum in Frankfurt. Ich wünsche mir in Zukunft noch mehr gerade Werkstätten dieser Art für Theaterübersetzer. Mich haben in der Ausschreibung besonders der Festivalrahmen und die Aussicht, viele Theaterstücke zu sehen, angezogen. Denn gerade dieser natürliche Praxisbezug kommt bei uns Textarbeiter*innen ja meistens zu kurz. Es wäre schön, wenn man hier in Zukunft Werkstatt- und Theatergeschehen noch mehr aufeinander abstimmen, also Stücke wählen könnte, in denen die sprachliche Gestaltung eine besondere Rolle spielt; auch würde ich szenische Lesungen begrüßen, in denen man die Übersetzungen, vielleicht unter professioneller Anleitung, ganz praktisch auf ihre Sprechbarkeit und Theatertauglichkeit hin erprobt; außerdem fände ich noch mehr moderierte Gespräche mit Regisseur*innen, Schauspieler*innen, Verlagslektor*innen etc. sinnvoll, weil sich uns Übersetzer*innen diese Gelegenheit sonst nirgendwo so direkt bietet.

Sehr spannend fand ich speziell in dieser Werkstatt zum Kinder- und Jugendtheater die Diskussionen, die sich um die Frage entfacht haben, was einen Theatertext eigentlich literarisch wertvoll und geeignet für Kinder und Jugendliche macht. Es ging dabei um ästhetische und sprachliche Aspekte, ebenso wie um die schwierige Frage, wie Texte auf Kinder wirken und was man ihnen zumuten kann. Es hat mich verblüfft, wie weit die Meinungen unter den Kolleg*innen hier auseinandergehen. Während ich mich beispielsweise für das albanische Stück Gamomali von Jeton Neziraj, vorgestellt von der Kollegin Zuzana Finger, begeistern konnte, weil ich es in der Tradition des surrealistischen Theaters von Eugène Ionesco sah, wo das Lustige zugleich tragisch sein kann, wirkte der Text in derselben Passage auf andere bloß komisch, ja sogar lächerlich. Auch bin ich persönlich ein großer Fan des Fragmentarischen und Assoziativen und glaube auch bei Kindern nicht, dass sie grundsätzlich nur mit linearen Handlungen konfrontiert werden sollten und wollen. Mir fiel auf, dass sich diese Fragen, die eigentlich das Wesen von Literatur insgesamt betreffen, im Bereich des Kinder- und Jugendtheaters verschärft stellen. Als stünde das Kind und seine Wahrnehmung für die Essenz des Literarischen. Das hat mich motiviert, in der Zukunft bei der eigenen Arbeit gerade nach den Gemeinsamkeiten von Erwachsenen- und Kinderliteratur zu fragen.

Und dies war dann auch ein Impuls für den Umgang mit konkreten Schwierigkeiten in dem hebräischen Stück, das ich in die Werkstatt mitgebracht hatte: Michal Kleins Gold, Knobi, Zwiebel oder nix. In diesem Stück gibt es nicht nur metrisch regulierte und gereimte Lieder, sondern sogar die Dialoge sind vollständig gereimt. Hier hatte ich mir Sorgen gemacht, dass durch die Reime zu viele Wörter in meinen deutschen Text hereinkommen, die Kinder nicht verstehen bzw. nicht zu ihrem Wortschatz gehören, wie etwa „Passion“, „opportun“ oder „flexibel“. Außerdem basiert das Stück auf der Erzählung Der Zwiebel-Meister und der Knobi-Meister von Chaim Nachman Bialik, der als Nationaldichter Israels gilt und sich durch eine Sprache auszeichnet, die tief im biblischen Hebräisch wurzelt. Entsprechend pathetisch und hoch wirkt der Ton in den Bialik-Zitaten. Sollte ich das dämpfen? Die Antwortet aus dem Werkstatt- und den Praxisgesprächen mit Theatermacher*innen lautete sehr einhellig: nein. Und bestärkt wurde diese Ansicht auch durch die Inszenierung Der Bär, der nicht da war des Theaters Marabu, wo von einem „saumseligen Salamander“ die Rede ist, für Kinder ab vier Jahren. Der Reim ist ja vor allem auch ein Klangereignis, nicht jedes Wort muss verstanden werden. Das gilt in meinem Stück aus Israel auch für den „Etrog“, ein unverzichtbarer Bestandteil des jüdischen Laubhüttenfests. Der Etrog, eine Zitrusfrucht wird für das Sukkot-Fest von religiösen Juden auf seine Makellosigkeit hin eingehend geprüft (vgl. Lev 23,40; Mischna, Sukka 3,4). Entsprechend wird in Bialiks Erzählung eine Zwiebel begutachtet. Der Werkstattdiskussion verdanke ich unter anderem die Idee, in meiner deutschen Übersetzung zu vermerken, dass der erzählerische Vorspann in dem Bialik-Zitat an dieser Stelle von einer Off-Stimme einzusprechen ist.
Zwei Beispiel-Szenen aus Michal Kleins Gold, Knobi, Zwiebel oder nix, aus dem Hebräischen von Gundula Schiffer (unveröffentlicht; Textauszug mit Genehmigung der Übersetzerin):

Zum Reim / unkindlichen Sprachgebrauch (?):

Esra: Vielleicht essen wir was und machen Rast?

Nachman: Ja, bloß keine Hast! Was haben wir zum Picknick?

Esra (verzweifelt): Brot und Zwiebel. Das ist alles, was wir noch haben, und auch das ist fast alle. (zieht zwei Butterbrote aus der Tasche) Wir brauchen Nachschub.

Nachman: Vielleicht, du Lausbub. (beißt ins Butterbrot, merkt, dass Esra schlecht gelaunt ist). Was denn, Esra – warum bist du so mies gelaunt?

Esra: Wie lange noch ziehen wir für „Nachmans wandernde Kamera“ durch die Welt, haben wir nicht genug fremde Länder bestaunt? (um Nachman nicht zu kränken) Damit du mich nicht falsch verstehst, von so einer Show ein jeder träumt, auch ich habe keine Folge versäumt, doch wird das Ganze gut oder schlecht ausgehen? Und wann ist das Ziel abzusehen?

Nachman: (singt)
3. Lied – Heute Honig, morgen Zwiebel
Das Ziel, mein Freund, ist gar nichts wert – wenn man sich über den Weg beschwert
in meinem Herzen lodert stets die Passion – ich genieße auch ohne Lohn
Refrain:
Das Glück ist im Leben stets flexibel
ist heute Honig und morgen Zwiebel
ich gehe wohin mein Schicksal mich führt
und empfange mit Freuden was mir gebührt

Nachman: Und du, Esra, hast du eine Passion?

Esra: Passion?

Nachman: Was in deinem Herzen lodert, immer schon.

Esra: Bei mir lodert im Moment nur die Zwiebel – brennt wie Feuer. Ich hab Lust auf was anderes zu essen, mehr will ich gar nicht.

Nachman: Vielleicht erfüllt sich, was du willst.

Esra: (schaut zum Himmel auf) Gott, der du meine Wünsche stillst!

Beispiel für ein Bialik-Zitat / Etrog:

Oberbürgermeisterin: Was also fehlt dem Gericht? Saftig und weich, gut gesalzen, nicht zu trocken – welch eine Schande. Werter Gast, was seid Ihr so sensibel?

Esra: (bekommt kaum ein Wort heraus, ihm platzt fast der Bauch) Für Zwiebel.

Nachman: (erinnert sich plötzlich und ruft aus) Zwiebel!

Oberbürgermeisterin: W… as?!

Nachman: Zwiebel!

Kochtopfminister: Zwiebel?

Oberbürgermeisterin: Verzeiht, werter Gast, woran Ihr vielleicht nicht denkt, ist, dass, wovon Ihr sprecht, unsere Küche gar nicht kennt.

Esra: Nicht kennt? Zwiebel? (zieht ein ganzes Netz Zwiebeln aus der Tasche. Kippt das Netz vor allen auf dem Tisch aus) Voilà: die Zwiebel! Scharf und etwas bitter. Stimmt, so einfach roh stinkt sie auch ein bisschen – aber verfeinern Sie jedes Essen mit ein bisschen Zwiebel – und das Essen gelingt.

Nachman: Etwas Zwiebel in jedem Gang und alle werden Ihr Essen loben mit Überschwang.

Oberbürgermeisterin: (zum Berater) Nu, Sie sind hier doch der Berater. Sagen Sie endlich was, sonst mach ich hier gleich Theater!

Berater: (und er nahm die Zwiebel und drehte sie mehrmals in der Hand, / er fühlte hier und drückte dort, / sog den Geruch ein-, zweimal durch die Nase ein, / sowohl durchs linke wie durchs rechte Loch, / er prüfte sie eingehend wie Etrog oder Edelstein, / besah sie sich doppelt und dreifach, / durch zwei Paar Brillen, ein Röhrchen und nahm die Faust als Fernrohr, / entblößte eine Schale nach der anderen / und enthüllte alle Schichten, / und als er mit der Zungenspitze an ihr geleckt hatte, sagte er vorsichtig) Fürwahr, sie hat etwas Bitteres ebenso wie Scharfes, und etwas Scharfes ebenso wie Bitteres, und etwas Zartes ebenso wie Hartes, und etwas Hartes ebenso wie Zartes; um ihr Inneres legt sich eine Schale ebenso wie sich Inneres um ihre Schale legt; sie ist weder kalt noch heiß, ist weder trocken noch feucht, und ihr Anblick gleicht nicht dem Anblick eines Kristalls, und ihr Geruch gleicht nicht dem Geruch von Zimt, ihr Geschmack gleicht nicht dem Geschmack des Kümmels, und sie unterscheidet sich vom gemeinen Radieschen ebenso wie vom Meerrettich; an ihr ist nicht der geringste Makel.

Alle: (verstehen nicht) Was soll das heißen? / Das kapier ich nicht. / Wovon redet er? / Ist das jetzt gut, oder schlecht?

Oberbürgermeisterin: Klare Sache.

Berater: Meiner Meinung nach, und ich bin hier der Experte, auch wenn mir der Geruch die Begeisterung zunächst erschwerte, und während ich sie betrachte, mir das Auge tropft …

Alle: (verstehen nicht) Was soll das heißen? / Das kapier ich nicht. / Wovon redet er? / Ist das jetzt gut, oder schlecht?

Oberbürgermeisterin: Und das heißt schlussendlich was?

Berater: Fürwahr, diese Zwiebel – wächst noch nicht in unserem Garten, doch mit ihr wird jedes Gericht besser geraten!

Starke Worte: wo bleibt das Kinder- und Jugendtheater der Stadt Frankfurt?

von Gerd Taube


Im Rhein-Main Gebiet rund um Frankfurt konnte man in den letzten beiden Wochen jede Menge Starke Stücke beim gleichnamigen Internationalen Theaterfestival für junges Publikum erleben. Das Festival gibt es schon seit 1994. Bei der Eröffnung des Jubiläumsfestivals in der Stadthalle Eschborn am Dienstag letzter Woche hatten sich die Veranstalter*innen von 30 Spielorten aus 14 Kommunen der Rhein-Main-Region zu einer eindrucksvollen Kette aufgereiht, die einmal quer durch den Saal reichte. Neben den Gründer*innen, von denen einige heute noch dabei sind, standen diejenigen, die über die Jahre zu diesem ziemlich einzigartigen regionalen Verbundfestival als Veranstalter*innen dazu gekommen sind. Sie repräsentieren Kulturämter, Bürgerhäuser, Stadttheater und Kulturzentren, die allesamt die Verantwortung für das junge Theaterpublikum zu einem Schwerpunkt in ihrer Arbeit gemacht haben. Sie haben die besondere Chance einer Beteiligung an dem Festivalnetzwerk erkannt, die ihnen die Möglichkeit eröffnet, ihrem Publikum renommierte Gastspiele aus dem In- und Ausland zu zeigen.

Um Chancen und Verantwortung ging es auch bei der Podiumsdiskussion Starke Worte am Welttag des Theaters für junges Publikum. Die Veranstalter*innen hatten an einen symbolträchtigen Ort geladen: das Zoo-Gesellschaftshaus, vom Starke Stücke-Festival als Spielort genutzt, wird laut eines Beschlusses der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung als Ort für ein neu einzurichtendes Kinder- und Jugendtheater der Stadt Frankfurt geprüft.

20190320-schander-136

Foto: Katrin Schander

Die Kulturredakteurin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und derzeitige Kuratorin für das Festival des Theaters für junges Publikum Augenblick mal! 2019, Eva-Maria Magel, sprach mit Brigitte Dethier, der seit vergangenen Dezember neuen Vorsitzenden der ASSITEJ Deutschland, die als Intendantin des Jungen Ensembles Stuttgart die Arbeitsgruppe des Kulturamtes für das Kinder- und Jugendtheater berät; mit Prof. Dr. Wolfgang Schneider, Dethiers Vorgänger als langjähriger ASSITEJ-Vorsitzender und Direktor des Instituts für Kulturpolitik an der Universität Hildesheim; sowie mit der Frankfurter Kulturdezernentin, Dr. Ina Hartwig.

Zuvor hatten sich die kulturpolitischen Sprecher*innen der Fraktionen der Römer-Koalition Sebastian Popp (GRÜNE), Dr. Renate Wolter-Brandecker (SPD) und Dr. Thomas Dürbeck (CDU) in kurzen Statements einhellig zu dem Standort des zukünftigen Kinder- und Jugendtheaters im Zoo-Gesellschaftshaus bekannt und die in der vorliegenden, sogenannten Masse-Studie festgestellte Machbarkeit der Unterbringung des Theaters an diesem Standort bekräftigt. Die Sprecher*innen verbreiteten einerseits Optimismus und riefen andererseits zum Realismus auf. Man müsse ja nicht nur den Umbau, sondern auch den Betrieb eines Kinder- und Jugendtheaters für Frankfurt finanzieren und zwar dauerhaft. Und man könne gegenwärtig keine Garantien für spätere Finanzierungen geben. Und überhaupt müsste jetzt erst einmal der Grundsatzbeschluss über die Einrichtung des Kinder- und Jugendtheaters durch die Stadtverordnetenversammlung gebracht werden. Das könne man noch in diesem Jahr schaffen, aber es werde auch nicht einfach. Sie dämpften also die Erwartungen und relativierten ihre starken Worte.

Die Ankündigung der Frankfurter Kulturdezernentin, Dr. Ina Hartwig, dass für den Umbau und die Einrichtung des neuen Frankfurter Kinder- und Jugendtheaters sechs Jahre veranschlagt werden, war dann ziemlich starker Tobak für die Podiumsgäste und das Publikum im Zoo-Gesellschaftshaus. Gerade weil das Trauma des Anfang der 1990er Jahre nach kurzer Existenz wieder geschlossenen kommunalen Kinder- und Jugendtheaters während der Diskussion immer wieder zitiert wurde, wird dieser Zeithorizont auch als ein Risiko gesehen. Aber bevor sich Mutlosigkeit breit machen konnte, forderte Wolfgang Schneider „Nur Mut!“: Es dürfe auch experimentiert und über unkonventionelle Lösungen nachgedacht werden. Und Moderatorin Eva-Maria Magel rief zur Gründung eines unterstützenden Vereins für das Frankfurter Kinder- und Jugendtheater auf, damit die Vision Gesicht und Stimme erhält. Die aufmerksame Starke Stücke-Crew hatte auch schon eine Liste vorbereitet, auf der sich Interessent*innen an einem solchen Verein eintragen konnten.

So hatte man dann beim Verlassen des Zoo-Gesellschaftshauses über die repräsentative Vorfahrt das Gefühl, dass es doch voran geht mit dem Frankfurter Kinder- und Jugendtheater am Zoo.

 

#tincon at #fftdüsseldorf performs #kulturellebildungatitsbest

von Nikola Schellmann


Ich will ein Ticket auf der Website buchen und stelle fest: ich bin zu alt.

Die TINCON ist eine Veranstaltung für 13- bis 21-Jährige. Alle über 21-Jährigen haben nur Zutritt, wenn sie sich a) als freiwillige Helfer*innen bewerben, b) eine Schulklasse begleiten oder c) am TINCALL teilnehmen und sich somit als Vortragende bewerben.

Ich bin unentschieden: Exklusivität auf der einen Seite, geschützter Raum auf der anderen. Ich möchte Themen scouten, Vortragende kennenlernen, die Einbettung theateraffiner Themen wie Storytelling via Algorithmen oder via Theater-Games bzw. die Reaktion der Jugendlichen auf Kollektive wie OutOfTheBox oder machina eX sehen.

Aber ich möchte mich nicht über das Alter definieren oder gar ausgrenzen lassen, wenn ich danach frage, welche Themen Jugendliche beschäftigen (und das sowohl aus deren eigener, vortragender Perspektive als auch aus der eine*r Zuhörer*in). Zumal ich mir die Frage im Hinblick auf das Kinder- und Jugendtheater auch oft stelle: sind dieses oder jenes nun Themen für Jugendliche? Sind es NUR Themen für Jugendliche? Wieso sind andere wiederum „für Erwachsene“? Und was genau ist eigentlich „Theater“?
Ich nehme Kontakt mit dem TINCON-Team auf und erkläre mein Anliegen. Und bereits auf dem Weg nach Düsseldorf mache ich den ersten Instagram-Post.

8. März, FFT Juta in Düsseldorf, zwischen Klo und Stage 1: „Hey, dein Lippenstift steht dir krass gut.“
„Also du hast eine total tolle Brille an. Es ist nicht leicht, so eine schlichte, aber schöne Metallrahmenbrille zu finden.“
„Und irgendwann habe ich was von Gwen Stefani gelesen und gehört – und die ist so eine coole Frau, die macht einfach ihr Ding. Das hat mich auch für meine Arbeit inspiriert.“
Gesprächsfetzen, die ich aufschnappe, die mir offenbar im Gedächtnis geblieben sind – die mir (oder vielleicht gerade WEIL sie mir) bereits eine Ahnung dessen vermitteln, was mir gleich als überaus angenehme Stimmung entgegenschlagen soll: Wertschätzung, Offenheit anderen gegenüber, Aufeinanderzugehen, Komplimente, Interesse.

20190308_141546Ich bin auf der teenageinternetwork convention: 2016 fand die erste TINCON in Berlin, 2017 auch in Hamburg und nun 2019 erstmals eine Ausgabe in Nordrhein-Westfalen statt. Die TINCON ist eine Gesellschaftskonferenz für Menschen zwischen 13 bis 21 Jahren. Das FFT Juta bietet dafür die Bühne und verwandelt einen Ort, an dem es sonst um Darstellende Künste für Junges Publikum geht, in zwei Stages, zwei Workshop-Spaces und eine Gaming Area, auf denen Themen wie Künstliche Intelligenz, Netzpolitik, Gaming, Umweltaktivismus, Kultur, Storytelling, Lifestyle, Bildung und noch viele weitere vorgestellt und diskutiert werden.

Bei der TINCON dreht sich alles um digitale Jugendkultur. Die TINCON veranstaltet seit 2016 Events von, für und mit jungen Leuten. Unser Ziel ist es, der jungen Generation und ihren Themen eine größere Öffentlichkeit zu bieten.

Das trifft es perfekt. Ich gebe zu, ich bin hochgradig neugierig – nicht nur auf die Themen, die mich als nicht-digital-Native hoffentlich und offensichtlich überraschen werden (vor allem in technischer Hinsicht). Sondern auch auf die Jugendlichen, die hier in meinen Augen vorbildlich in die Programmplanung und -gestaltung einer jeden TINCON eingebunden werden (in Programmworkshops im Vorfeld, die mehrere Tage dauern, treffen sich Jugendliche mit dem Team). Beim TINCALL kann jede*r zwischen 13 und 21 ein Thema als Speaker einreichen und so von eigenen Aktivitäten, Anliegen oder Projekten berichten und die Community daran teilhaben lassen.

Auf mehreren Ebenen funktioniert dies sehr gut: die Jugendlichen machen sozusagen ihr eigenes Programm, die Vortragenden sind direkt ansprechbar, es wird betont, dass ebenso Ansprechbarkeit dafür vorhanden ist, wenn etwas für jemanden nicht gut läuft. Die Disziplinen sind miteinander verwoben und das merkt man auch – es gibt keinen Vortrag über YouTube oder Instagram, weil das an sich ein interessantes Thema wäre. Aber darüber, wie dort Themen kreiert werden, die einer Klischeebildung entgegenwirken, oder wie sich aus der Funktionalität von Werbung via Facebook oder Instagram ein Geschäft entwickeln lässt.

Das überaus wichtige und unbedingt förderungswürdige Expert*innentum der Jugendlichen wird unterstützt, präsentiert und in Dialog gebracht – und zwar auf einfachste und direkte Art und Weise aus der Zielgruppe in die Zielgruppe. Und spätestens jetzt wird klar, dass dieser Begriff absurd ist, denn warum soll ein bestimmtes Thema nur ein Ziel in einer bestimmten Gruppe finden. Zumindest, wenn es um Themen geht, die gesellschaftlich, kulturell, sozial oder alltäglich relevant sind (ist Klimaschutz nur was für Erwachsene? Und Fake vs. Fakten nur was für Jugendliche? Wie steht es mit Smartphone-Sicherheitschecks?).

Und jetzt, mit dem Blick durch die (Metallrahmen?-)Brille des kulturellen Bildungssektors: die TINCON ist partizipativ, integrativ, kompetenzfördernd und nachhaltig. Das beeindruckt mich sehr. Vielleicht auch deswegen die drei hängengebliebenen Zitate aus dem Flur: die Teilnehmer*innen nehmen sich gegenseitig wahr, entdecken so (unter anderem) Trends, schätzen diese und tragen sie weiter, motivieren und fördern sich gegenseitig durch Erlebnisse oder Begegnungen mit prägenden Persönlichkeiten – und dies wird geteilt. Im besten und nicht nur technologischen Sinne.
Mein nächster Instagram-Post ist schon auf dem Weg.

 

 

Generationenwechsel im Kinder- und Jugendtheater: „Was bleibt von meiner Arbeit übrig?“

von Gundula Hölty, Geschäftsführerin des FUNDUS THEATER | THEATRE OF RESEARCH in Hamburg


Im Rahmen des Hamburger Kindertheater Treffens im Februar 2019 fand am 17. Februar eine Gesprächsrunde zum Thema „Generationenwechsel im Kinder- und Jugendtheater“ mit 21 Teilnehmer*innen und Moderatorin Caroline Heinemann im FUNDUS THEATER statt.

Nach dem gemeinsamen Vorstellungsbesuch von ottos mops der freien Theatergruppe kirschkern Compes & Co. hatten alle Beteiligte ein konkretes Beispiel des Generationenwechsels vor Augen: Peu à peu erschlossen sich innerhalb der angesetzten zwei Stunden die Bandbreite und Vielfalt der Thematik, die Unterschiede zwischen Theaterhäusern und freien Bühnen sowie der Generationenwechsel in Verbänden. Das Thema hat vor allem auch sehr persönliche Seiten – geprägt von ideellen Wünschen und Hoffnungen: Was bleibt von meiner eigenen Arbeit übrig? Was wird aus dem individuellen künstlerischen Stil? Was gibt man weiter, den „Geist“, ein Haus, Infrastruktur, Stücke, …? Der Grundgedanke, der in der Runde geäußert wurde, war, dass man etwas aufgebaut habe, man daran hängt und es wert ist, dies weiterzugeben. Bei Solokünstler*innen kommt noch hinzu: Wenn ich das nicht mehr mache, gibt es die Theatergruppe, meine Stücke nicht mehr – das ist in Ordnung.

Es wurde deutlich, dass in Übergangsprozessen eine spezifische künstlerische Sprache verloren gehen kann, wenn sie nicht von anderen fortgeführt wird. Auf der anderen Seite gibt es aber auch bewusste Trennungen, wenn z.B. eine Produktion nicht mehr zeitgemäß ist. Hier könnte ein weiterer Diskurs noch ausführlicher geführt werden: was ist mit der Archivierung von Inszenierungen, Weitergabe von beispielsweise Figuren an ein Museum, einer Lizenz an eine andere Gruppe, Texte an Verlage undsoweiter.

Bei kirschkern Compes & Co. war der Wunsch, Stücke zu erhalten – und nun sind sie in der glücklichen Situation, eine Nachfolgerin für eine Spielerin gefunden zu haben. Fünf Stücke sind durch Umbesetzungsproben (auf eigene Kosten, da keine Förderung dafür eingeworben werden konnte) nun weiterhin im Repertoire, eine neue Produktion ist in Planung – verbunden mit der Fragestellung nach Kontinuität oder neuem Stil. Die Nachfolgefrage ist somit auch eine Finanzierungsfrage und bedingt ebenfalls den Blick auf die Bedingungen im Kinder- und Jugendtheater und politische Forderungen.

fundus theater

Foto: Charlotte Bendler

Die Problematik, die passenden „Erben“ zu finden, schilderte auch Wolfgang Stüßel (Theater STRAHL Berlin, ASSITEJ-Vorstand) aus eigener Erfahrung. Der Transformationsprozess dauere erheblich länger, als angenommen. Hilfreich sei, sich für das Aufhören (auch wenn man das vielleicht eigentlich gar nicht möchte) einen festen Zeitpunkt zu setzen. Bei Veränderungen der Struktur und Umwandlungen (in diesem Fall vom Verein in eine gGmbH) empfiehlt es sich, externe Beratung und Coaching in Anspruch zu nehmen. Weitere Erfahrungsberichte aus beiden Perspektiven (Theaterhaus und freie Gruppe) lieferten Tine Krieg (FUNDUS THEATER) und Peter Markhoff (Theater Mär).

Nicht nur der Wechsel, sondern auch der Austausch der Generationen wurde am Ende diskutiert. Hier lag ein Fokus u.a. auf den kulturpolitischen Errungenschaften der älteren Generation wie auch auf der Notwendigkeit, die Ausbildung und Arbeit der nachfolgenden Generationen für das Kinder- und Jugendtheater attraktiver zu gestalten: Wie geht es also weiter? Die Fortführung dieser Kick-Off-Veranstaltung als ASSITEJ-Werkstatt ist in Planung.

 

„We finally declare our interdependence“

Mit diesem Verweis auf Diane Ragsdale brachte Katja Spieß (FITZ! Zentrum für Figurentheater Stuttgart) die Diskussionen im Beirat Theater und Tanz des Goethe Instituts am vergangenen Montag auf den Punkt.

„Ökologie und Nachhaltigkeit“, „Kulturen der Gleichberechtigung“ und „Wie kommt das Neue in die Welt?“ sind die drei Schwerpunktthemen, die sich das Goethe-Institut für die nächsten Jahre (2019 – 2022) vorgenommen hat. Nun gilt es zu fragen, wie die einzelnen Bereiche zur Debatte rund um diese Themen beitragen können, wenn 159 Institute in aller Welt die Perspektiven ihrer Partner vor Ort in einen Austausch mit Künstler*innen aus Deutschland bringen.

Die Fülle der Themen und Aktivitäten des Goethe-Instituts werden in den Berichten des Präsidenten und des Generalsekretärs überdeutlich und der Bereich „Theater und Tanz“ in der Münchener Zentrale macht greifbar, wie die Impulse vor Ort umgesetzt werden und welche Rolle die Institute nicht nur als Partner, sondern auch als Orte, z.B. jenseits einer staatlichen Zensur, spielen.

Der Beirat gewährt den Blick in die Praxis und in aktuelle Diskussionen. Er fragt aber auch nach den Verbindungslinien zwischen den Bereichen innerhalb der Institution, fragt nach, wie er als Gremium für den Fachbereich produktiv sein kann. Und tatsächlich geht es zum Einen um die großen Themen und zum Anderen um konkrete Ideen, die von der Umgestaltung von Gremiensitzungen, über Frauenquoten und die Mittel für den Internationalen Koproduktionsfonds bis zu Kindern und Jugendlichen als Partner bei der Suche nach neuen Erzählungen für das digitale Zeitalter reichen.

Interdependenz anerkennen, Innehalten wagen, Agency ernst nehmen, Komplexität nicht aufgeben und darin dennoch Verortung ermöglichen. Das wäre ein mögliches Fazit des Tages. Deutlich wurde, dass die Darstellenden Künste für junges Publikum hier eine zentrale Rolle spielen können. Weil (und nur wenn) sie ihr Publikum ernst nehmen als junge Menschen, als gleichberechtigte Mitglieder unserer Gesellschaft, die im Jetzt eine Zukunft denken und gestalten und dabei ebenfalls Antworten auf die großen Fragen suchen.

 

Studie schwarz auf weiß. Und nun? – Das 2. Landesforum der Kinder- und Jugendtheater in Berlin

von Gerd Taube


2019_01_kijuthea_2980

Foto: Sophron

23. Januar 2019: Auf der Bühne des GRIPS Theaters im Theatersaal des Podewil Berlin werden der Bühnenaufbau und die Instrumente der Fabelhaften Millibillis von einer großen Leinwand verdeckt. Wo gerade noch freche GRIPS-Lieder das Kinderpublikum begeisterten, werden jetzt am Nachmittag zentrale Ergebnisse der Studie zur Evaluation des Kinder- und Jugendtheaters in Berlin und Schlussfolgerungen daraus präsentiert. Über 60 Akteur*innen aus der Berliner Szene des Kinder- und Jugendtheaters, Künstler*innen, Theaterpädagog*innen und Theaterleiter*innen sowie Vertreter*innen der Berliner Senatsverwaltung und des Abgeordnetenhauses sind zum 2. Landesforum der Kinder- und Jugendtheater in Berlin gekommen, das vom KJTZ in Kooperation mit dem GRIPS Theater, dem Podewil Berlin und der Kulturprojekte Berlin GmbH veranstaltet wurde. Das Interesse der Anwesenden an den Erkenntnissen aus der Evaluation und ihre Erwartungen, dass sich nun etwas verbessern muss an ihrer Situation, sind hoch.

In ihrer Koalitionsvereinbarung für die Legislaturperiode 2016-2021 haben SPD, DIE LINKE und Bündnis 90/Die Grünen in Berlin das kulturpolitische Ziel formuliert, die professionellen Kinder- und Jugendtheater in Berlin durch Erhöhung der Fördermittel zu stärken, um damit eine Verbesserung der Angebote für alle Berliner*innen mit ihren vielfältigen Ansprüchen zu erreichen und Teilhabegerechtigkeit überall in der Stadt zu ermöglichen. Daneben verbinden die Koalitionsparteien mit ihren Anstrengungen zur Stärkung der Kinder- und Jugendtheater auch das förderpolitische Ziel, eine finanzielle Unterstützung zu leisten, die auskömmliche Bezahlung und sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse ermöglicht.

Zur politischen Umsetzung dieser Ziele haben die Regierungsparteien vereinbart, dass zunächst die bestehenden Angebote zu evaluieren und Defizite zu identifizieren sind, um daraus Schlussfolgerungen für die Politik abzuleiten. Seit Anfang 2018 hat das Kinder- und Jugendtheaterzentrum im Auftrag der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa ein Konzept für die Evaluation und Vorschläge für die Umsetzung erarbeitet sowie die Durchführung koordiniert und federführend begleitet. Wir konnten mit Prof. Dr. Dieter Haselbach vom Zentrum für Kulturforschung (ZfKf), Berlin, und Dr. Yvonne Pröbstle von der Agentur Kulturgold, Stuttgart, erfahrene Partner*innen für die Untersuchung gewinnen. Das Berliner ZfKf hat die quantitative Bestandsaufnahme durchgeführt und die Agentur Kulturgold war mit der qualitativen Befragung betraut.

2019_01_kijuthea_2946

Foto: Sophron

Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Untersuchung, die den Teilnehmer*innen des 2. Landesforums von den beiden Wissenschaftler*innen vorgestellt wurden, bestätigen und untermauern die Beschreibungen der unterschiedlichen Bedarfe in der strukturell äußerst heterogenen Landschaft des Kinder- und Jugendtheaters in Berlin, die bereits im Mai 2018 beim ersten Landesforum als Ausgangspunkte für die Evaluation formuliert wurden.

Es scheint, als wären alle nun „so klug als wie zuvor“. Und auch wenn man die Ergebnisse schwarz auf weiß besitzt und so getrost nach Hause tragen kann, ist mit der in Kürze als Publikation vorliegenden Studie nur ein weiterer Schritt zur Entwicklung von Berlin als Hauptstadt des Kinder- und Jugendtheaters gemacht. Und weitere müssen noch folgen.

2019_01_kijuthea_2990

Foto: Sophron

Als nächstes werden sich die Vertreter*innen der Berliner Kinder- und Jugendtheater, die sich im AK Berliner Kinder- und Jugendtheater, dem Runden Tisch Kinder- und Jugendtheater beim LAFT Berlin und der IG Puppe beim LAFT Berlin zusammengeschlossen haben, gemeinsam mit den detaillierten Ergebnissen der Studie auseinandersetzen und daraufhin die Forderungen aus dem Positionspapier 2017 des AK Berliner Kinder- und Jugendtheater in einen konkreten Maßnahmenkatalog zu übersetzen, mit dem politisch weitergearbeitet werden kann.

Das Kinder- und Jugendtheaterzentrum wird diesen Prozess weiter aufmerksam beobachten und steht für weitere Unterstützung bereit.