KinderStücke 2019: Ein schöner Erfolg für „Nah dran! Neue Stücke für das Kindertheater“

von Henning Fangauf


Nun ist sie getroffen, die Entscheidung für die diesjährigen KinderStücke kinderstuecke mülheimder Mülheimer Theatertage NRW. Vor wenigen Tagen gab das Auswahlgremium mit Oliver Bukowski, Dr. Thomas Irmer und Werner Mink seine Entscheidung bekannt und nominierte fünf neue Autor*innenstücke für das Kindertheater und deren Uraufführungen. Vom 13. bis 17. Mai werden die Inszenierungen in Mülheim gezeigt und stellen sich dem renommierten Wettbewerb um den Mülheimer KinderStücke-Preis 2019.

Für unser Projekt Nah dran! Neue Stücke für das Kindertheater ist die diesjährige Auswahl erneute eine schöne Bestätigung. Denn drei der fünf ausgewählten Stücke entstanden durch die vom KJTZ und dem Deutschen Literaturfonds vergebene Förderung. Besser kann Qualität und Resonanz des Projektes nicht bewiesen werden. Wir freuen uns mit ‚unseren‘ Autor*innen Katja Hensel, Kristo Šagor und Oliver Schmaering – und gratulieren allen für Mülheim nominierten Autor*innen und den Bühnen, die das Wagnis der Uraufführung eingegangen sind und nun diesen Erfolg verzeichnen können.


Henning Fangauf (Hofheim am Taunus) arbeitet freiberuflich als Lektor und Dramaturg. Von 1996 bis 2018 war er stellvertretender Leiter des Kinder- und Jugendtheaterzentrums in der Bundesrepublik Deutschland. Er leitet weiterhin das Projekt Nah dran! Neue Stücke für das Kindertheater.

Henning Fangauf
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Fabrice Melquiot: „Was das Theater zu dem Kind sagt“

Der folgende Text von Fabrice Melquiot wurde für unser Blog aus dem Französischen übersetzt von Frank Weigand: Der Originaltext „Ce que le théâtre dit à l’enfant“ entspricht dem Manifest des von Fabrice Melquiot geleiteten Theaters für junges Publikum Am Stram Gram in Genf.

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Foto: Jeanne Roualet

Fabrice Melquiot wurde für sein Stück „Die Zertrennlichen“ („Les séparables“, ab 9 Jahren, Felix Bloch Erben Verlag für Bühne Film und Funk, Berlin) mit dem Deutschen Kindertheaterpreis 2018 ausgezeichnet. Erstmals wurden bei der Preisverleihung am 1. November im Frankfurter Römer auch ausdrücklich die Leistungen der Übersetzer*innen Leyla-Claire Rabih und Frank Weigand gewürdigt: Der mit 10.000 Euro dotierte Preis geht zu gleichen Teilen an Autor und Übersetzer*innen.


– Du bist nicht allein.
– Manchmal fühlst du dich allein, aber du bist nicht allein.
– Du bist nicht einfach.
– Auch die Welt ist nicht einfach.
– Sie ist komplex.
– Du bist komplex.
– Das ist eine Chance, ergreife sie.
– Natürlich wirst du manchmal auf Probleme stoßen.
– Du bist schon auf welche gestoßen.
– Du hast eine Schatzkiste, die du jeden Tag sorgfältig füllst, und in dieser Kiste findet man zwischen den Schätzen auch Probleme.
– Jeder hat Probleme.
– So ist das, das ist das Leben.
– Vielleicht wirst du Lösungen für deine Probleme finden.
– Vielleicht wird dir jemand helfen, eine Lösung zu finden.
– Sei mutig.
– Lass dich nicht zu leicht entmutigen.
– Du bist nicht allein.
– Du bist nicht einfach.
– Du bist wie ein schwieriges Geduldsspiel.
– Und außerdem brauchst du Poesie zum Leben, so wie man Wasser oder Brot braucht.
– Die Gedichte sind deine Freunde.
– Was sind denn Gedichte?
– Gedichte sind Texte, die Fragen stellen und die sich selbst Fragen stellen, nach der Welt, die nicht einfach ist, nach Menschen, die einsam sind, nach den Problemen, auf die man stößt, nach den schwierigen Geduldsspielen des Herzens und nach dem, was wir zum Leben brauchen.
– Gedichte sind Wörter, die andere Wörter treffen, wie zum allerersten Mal.
– Der Dichter hat sie nebeneinander gestellt, und zwar nicht einfach zufällig.
– Außer manche Dichter, die sich sehr gut mit dem Zufall auskennen.
– Der Dichter sind deine Freunde.
– Die Theaterdichter, die die Worte, die Stimmen, die Körper, die Zeit und den Raum kennen.
– Weißt du, in Gedichten gibt es nicht bloß die Wörter Liebe, Sonne, Magie, Stern und Seufzer.
– Manchmal gibt es in Gedichten Schimpfwörter.
– „Geht das?“, fragst du dich. „Das macht doch das Gedicht kaputt!“, sagst du dir.
– Gedichte leben von allen Wörtern, weil sie so sind wie die Welt, weil sie keine Wirklichkeit fürchten, und weil auch die kleinen Ganoven hin und wieder an den schönen Schaufenstern der Prachtstraßen vorbeibummeln dürfen.
– Auch das ist das Leben.
– Auch Gedichte sind das Leben.
– Das Leben ist nicht einfach.
– Das Leben ist komplex.
– So wie du.
– Das heißt nicht, dass du alles von den Gedichten verstehen wirst, weil du, genau wie sie, nicht einfach sondern komplex bist.
– Manchmal versteht man Gedichte nicht, nicht immer, nicht immer sofort. Manchmal schaut man sie an, hört sie an und sagt sich: Das verstehe ich nicht.
– Auch das ist das Leben, wenn man etwas nicht versteht.
– Lass dich nicht zu leicht entmutigen.
– Lass zu, dass sich in deinem Herzen und in deinem Kopf das kleine Fahrrad des Gedichts dreht, und frage dich, was du in dir drin fühlst.
– Ohne unbedingt verstehen zu wollen.
– Versuch einfach zu fühlen, bloß zu fühlen.
– Du wirst sehen, wie Wörter in dir entstehen, wie die Lichter, die abends in der Stadt eingeschaltet werden.
– Schau sie an.
– Hör ihnen zu.
– Das dich von ihnen durchdringen.
– Bilde dir deine eigene Meinung.
– Niemand außer dir weiß, was das Gedicht dir zu sagen hat.
– Niemand außer dir weiß weiß, was von ihm in dir wiederhallt.
– Du wirst sehr schnell verstehen, dass Gedichte und Kinder dieselben Geheimnisse hüten; ihr seid aus demselben Stoff gemacht.
– Gedichte sind nicht bloß Wörter.
– Manchmal ist es nur ein Körper, der sich hinkend vorwärtsbewegt, ein Ballon, den man daran hindert, wegzufliegen, ein Clown, der rülpst, ein Wal aus Papier, den auf dem Boden liegt. Manchmal sind es zwei Körper, die spielen, dass sie sich prügeln, damit du selbst weniger Lust hast, dich zu prügeln.
– Das alles sagt: Das Leben ist das, was du siehst. Und du siehst alles, mit deinen forschenden Adleraugen.
– Aber nicht nur.
– Es ist auch, was du nicht siehst.
– Das Unsichtbare.
– Das, was anders ist.
– Das Verborgene.
– Das, was untendrunter ist.
– Das, was auf der anderen Seite ist.
– All das.
– Und auch noch etwas anderes.
– Du siehst, es ist komplex.
– Das ist eine Chance, ergreife sie.
– Du bist nicht allein.
– Das Theater ist da.
– Die Wörter sind da.
– Die anderen sitzen neben dir.
– Du sollst viel vom Leben erwarten.
– Denn du bist das wichtigste Kind der Welt.
– Und ich sehe dir in die Augen.

Zwei Preisverleihungen, zwei Sonderpreise… und ein Bundesverdienstkreuz!

Wow. Was für ein Abend.
Im Kaisersaal des Frankfurter Römers überreichte Juliane Seifert, Staatssekretärin im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, am Donnerstagabend die beiden wichtigsten deutschen Staatspreise für dramatische Literatur für Kinder und Jugendliche, die mit jeweils 10.000 Euro dotiert sind. Erstmals wurden ausdrücklich auch die Leistungen der Übersetzer*innen bei fremdsprachigen Stücken gewürdigt: Preise und Prämien gehen zu jeweils gleichen Teilen an die Autor*innen und beteiligte Übersetzer*innen.

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(v.l.n.r.) Prof. Dr. Gerd Taube (Leiter des Kinder- und Jugendtheaterzentrums), Leyla-Claire Rabih, Frank Weigand, Juliane Seifert, Karola Marsch (Jury). Foto: Karin Berneburg

Den Deutschen Kindertheaterpreis 2018 erhält Fabrice Melquiot (Frankreich) für sein Stück »Die Zertrennlichen« (Felix Bloch Erben Verlag für Bühne Film und Funk, Berlin), in der Übersetzung von Leyla-Claire Rabih und Frank Weigand. Die Jury beschreibt das Stück als große Tragödie um Liebe, Macht und Herrschaftsansprüche für Kinder. Die Konstruktion des Textes sei ungewöhnlich im Theater für Kinder und überaus bemerkenswert: Melquiot greife zu mythischen, archaischen Gestalten und verschaffe den Kinderfiguren einen eigenen, von der Außenwelt unantastbaren Raum.

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(v.l.n.r.) Juliane Seifert, Dino Pešut, Alida Bremer, Prof. Dr. Gerd Taube (Leiter des Kinder- und Jugendtheaterzentrums), Christoph Macha (Jury). Foto: Karin Berneburg

Der Deutsche Jugendtheaterpreis 2018 geht an Dino Pešut (Kroatien) für »Der (vorletzte) Panda oder Die Statik« (henschel SCHAUSPIEL Theaterverlag, Berlin), in der Übersetzung von Alida Bremer unter Mitarbeit von Sonja Anders und Friederike Heller. Die Jury-Laudatio lobt das Stück als eines der politischsten des aktuellen Jugendtheaters. Modellhaft verhandele es am Beispiel der gesellschaftlichen Konflikte in Kroatien die großen Krisen der Demokratie, Turbo-Kapitalismus, Angst vor dem Fremden sowie den Verlust von menschlichen Werten. Das Stück mache in messerscharfen Sätzen und knappen Repliken sehr deutlich: Leute, wir müssen aufstehen!

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(v.l.n.r.) Prof. Dr. Gerd Taube (Leiter des Kinder- und Jugendtheaterzentrums), Vera Schindler, Fabienne Dür, Viktoria Klawitter (Jury), Thomas Stumpp (Jury), Juliane Seifert. Foto: Karin Berneburg

Die Jury hat zudem zwei Sonderpreise für Studierende des Szenischen Schreibens an Fabienne Dür (für »Zu wenig Wut oder So etwas passiert doch hier nicht«) und Vera Schindler (für »Allahu Akbar«), beide Universität der Künste Berlin, verliehen.

Zum Abschluss hieß es allerdings: Frau Seifert hat da noch etwas mitgebracht! Und dann herrschte große gerührte Sprachlosigkeit bei Wolfgang Schneider: Im Namen des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier wurde der ASSITEJ-Vorsitzende mit dem Bundesverdienstkreuz erster Klasse für seine großen Verdienste für kulturelle Bildung und kulturelle Vielfalt, für das Kinderrecht auf Teilhabe an Kunst und Kultur, für die Wertschätzung und Förderung der Künstler*innen in Deutschland und für den internationalen Austausch geehrt – eine Riesenüberraschung nicht nur für ihn selbst, sondern auch fürs Publikum. Sofort erhob sich der ganze Saal zum begeisterten und langen Applaus. Wir gratulieren hier nochmals von Herzen!

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Foto: Karin Berneburg

 


Die beiden Staatspreise für dramatische Kinder- und Jugendliteratur werden alle zwei Jahre vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend vergeben. Das Kinder- und Jugendtheaterzentrum in der Bundesrepublik Deutschland ist mit der Durchführung des Auswahlverfahrens und der Preisverleihung beauftragt.

Zwei mal zehn preiswürdige Stücke für das Kinder- und Jugendtheater – Teil 5 (Schluss)

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(c) Annika Freytag

Heute stellt der Sprecher der Jury für den Deutschen Kindertheaterpreis 2018 und den Deutschen Jugendtheaterpreis 2018, Prof. Dr. Gerd Taube, Leiter des Kinder- und Jugendtheaterzentrums, die letzten vier Texte aus den Auswahllisten zu beiden Kategorien vor. Weiterlesen

Zwei mal zehn preiswürdige Stücke für das Kinder- und Jugendtheater – Teil 3

 

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(c) Loredana La Rocca

Seit 1996 der Deutsche Kindertheaterpreis und der Deutsche Jugendtheaterpreis zum ersten Mal verliehen wurden, arbeitet Thomas Stumpp, Mitarbeiter im Bereich Theater und Tanz des Goethe Instituts in München, in der Jury mit. Heute setzt er den Reigen der Vorstellung von Texten aus den beiden Auswahllisten für die diesjährigen Preise mit Stücken von Jeton Neziraj, Roland Schimmelpfennig, Andréanne Joubert und Jean-François Guilbault sowie Jordan Tannahill fort. Weiterlesen

Zwei mal zehn preiswürdige Stücke für das Kinder- und Jugendtheater – Teil 2

 

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(c) Sebastian Bühler

Heute setzt die Jurorin Viktoria Klawitter, Stellvertretende Leiterin und Dramaturgin am Jungen Theater Heidelberg, die Vorstellung von Stücken aus den Auswahllisten zum Deutschen Kindertheaterpreis 2018 und zum Deutschen Jugendtheaterpreis 2018 fort und macht mit vier weiteren Texten von Marta Guśniowska, Olivier Sylvestre, Rasmus Lindberg und Christina Kettering bekannt. Weiterlesen

Zwei mal zehn preiswürdige Stücke für das Kinder- und Jugendtheater

Die Jury für den Deutschen Kindertheaterpreis 2018 und Deutschen Jugendtheaterpreis 2018 hat über die Auswahllisten zu den beiden Preiskategorien entschieden.
Aus den jeweils zehn Theatertexten werden als nächstes je drei Texte für die Preise nominiert und veröffentlicht.

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(c) Katrin Schander

Am 1. November 2018 werden die Preisträger*innen von der Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Dr. Franziska Giffey mit den Staatspreisen für Kinder- und Jugendtheater ausgezeichnet.

In den nächsten Tagen werden hier die fünf Juror*innen jeweils vier Texte aus den Longlists mit einem kurzen Text präsentieren. Den Anfang macht heute Christoph Macha, seit 2014 Dramaturg am tjg. theater junge generation Dresden, davor am Staatstheater Braunschweig.

 

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