Home is where my theatre is? Heimatsuche im Theater für junges Publikum

von Anna Eitzeroth


Wir sprechen wieder über Heimat – in der Politik, im Theater und auch im IXYPSILONZETT Jahrbuch für Kinder- und Jugendtheater, dessen Titel fragt: Heimat-Pflege als Theater-Programm? Heimat ist ein Begriff, der vieldeutig und durchaus umstritten ist – nicht zuletzt durch die politische Vereinnahmung, die er erfährt, indem er zur Ab- und Ausgrenzung, zur Distanzierung von dem „Anderen“ oder „Fremden“ genutzt wird.wege-ins-theater_4c_rgb (640x508)

Auch im Rahmen von Wege ins Theater, dem Förderprogramm der ASSITEJ im Rahmen von Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung, geht und ging es in vielen geförderten Projekten direkt oder indirekt um das Thema Heimat, in den meisten Fällen mit einer positiven Konnotation im Sinne von Identifikation, Zugehörigkeit, Aneignung oder von Ankommen, ein Zuhause finden. Im Projekt Platz da! des Staatstheaters Braunschweig haben die Teilnehmer*innen einen öffentlichen Platz erobert, bei der Konferenz der Träumer am Theater im Pfalzbau ging es um die Perspektiven der Teilnehmer*innen auf die Stadt Ludwigshafen und deren Image, und das Oldenburgische Staatstheater hat in den vergangenen Jahren gleich drei Projekte mit dem Begriff Heimat im Titel durchgeführt: Spiel.Räume – Heimat ist hier, Heimat ist woanders und Heimat im Kopf.

Was ist krank und gebrechlich an unserer Heimat, dass wir sie pflegen müssen?

fragt die freie Autorin Annalena Küspert unter dem Titel Take me home im Jahrbuch der ASSITEJ: Wie kann Theater gleichzeitig Heimat sein und mit seiner Kunst verunsichern, unterhalten und anregen? Sie ist eine der Referent*innen beim Fachtag MAKING HEIMAT, der am 25. Januar 2019 im Staatstheater Braunschweig stattfindet und die Projektpraxis mit der kritischen Diskussion des Heimatbegriffs verknüpft: wie ist die politische und soziale Verortung des Theaters in diesem Kontext? Wie kann Theater Teil der Alltagswelten von Kindern und Jugendlichen werden und wie kann es sich gesellschaftlich und politisch positionieren?
Die Anmeldung für den Fachtag ist hier möglich: wit@kjtz.de.


Anna Eitzeroth ist Projektleiterin von Wege ins Theater, das kleine und große Projekte für Theaterentdecker*innen, Theaterspieler*innen und Theatermacher*innen fördert. Rund eine Million Euro stehen in diesem Jahr für Bündnisse vor Ort zur Verfügung. Die nächsten Antragsfristen für eine Förderung durch Wege ins Theater sind der 31. Januar und der 30. April 2019.

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Mit dem neuen ASSITEJ-Vorstand ins neue Jahr

von Brigitte Dethier


Zum Jahresbeginn schicke ich einen lieben Gruß im Namen des neuen ASSITEJ-Vorstandes. Ich wünsche allen ein gutes neues Jahr mit beglückenden Arbeitsprozessen und -ergebnissen!

Der Vorstand wird sich im Februar treffen und wir wollen gemeinsam mit den Mitarbeiter*innen einen Organisationsentwicklungsprozess beginnen, der die Zusammenhänge zwischen ASSITEJ und KJTZ neu beschreiben soll, so dass auch für Mitglieder und Außenstehende sichtbar wird, wo und wie der Verein und das von ihm getragene Zentrum gemeinsam Ansprechpartner sind für alle diejenigen, die sich für die Darstellenden Künste für junges Publikum engagieren und interessieren. Unser Programm soll sich an den Bedürfnissen der Praxis orientieren, Raum für Diskurs und Perspektiventwicklung sein.Wir suchen auch nach neuen Kommunikationswegen, so dass die Arbeit des Vorstandes transparenter, die Arbeit in den Regionen auch darüber hinaus sichtbar und die Arbeit in Gremien als Vernetzung wirksam wird. Wir suchen nach Kommunikationswegen, die alle Mitglieder zum Mitdenken einladen, die die Prozesse offen gestalten und Ergebnisse zur Diskussion stellen. Alle Anregungen dazu sind hochwillkommen!

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In unseren Kalendern sind aber – zum Glück – nicht nur Sitzungs-, Proben- und Premierentermine vermerkt, sondern auch Festivals und Werkstätten und andere Gelegenheiten für Austausch und Kontaktpflege. Beim Festival Augenblick mal! in Berlin werden die ASSITEJ-Preise verliehen (am 10. Mai), in den Regionen bieten WESTWIND, WILDWECHSEL, Hart am Wind, Baden-Württembergische Theatertage und viele weitere Festivals Gelegenheit zur Auseinandersetzung mit unserer Arbeit. Wir sind gespannt auf die ASSITEJ Werkstätten und hoffen, dass möglichst vielen Mitgliedern und Interessierten ein Dialog zu den dort angesprochenen Themen möglich ist. Zu jeder Werkstatt wird es eine kurze Dokumentation geben.

Kulturpolitisch nutzen wir die Ergebnisse unserer Studie Zur Lage des Kinder- und Jugendtheaters (2017) weiter und arbeiten dafür, dass unsere Anliegen in den entscheidenden politischen Gremien in konkretes Handeln umgesetzt werden. Dabei geht es um Ressourcen und Anerkennung, die Förderung und den Ausbau der Darstellenden Künste für junges Publikum, kontinuierliche Partnerschaften mit Bildungsinstitutionen, die Ermöglichung von Gastspielen und vieles andere mehr.
Intensivieren wollen wir auch den Austausch mit Schauspielschulen und Hochschulen, die Künstler*innen ausbilden. Welchen Stellenwert hat hier das Kinder- und Jugendtheater? Unser Ziel ist, dass wir uns auf eine gemeinsame Basis einigen: Es gibt gutes und schlechtes Theater, in allen Sparten und Genres. Und alle Sparten und Genres müssen auch Teil der künstlerischen Ausbildung sein.

Ich freue mich auf das Jahr 2019, hoffe, dass ich bald Zeit habe für eine intensive Lektüre des neuen IXYPSILONZETT-Jahrbuchs für Kinder- und Jugendtheater (Heimat-Pflege als Theater-Programm? Mal sehen, welche Antworten die Autor*innen gefunden haben) und bin gespannt auf viele Begegnungen! Je mehr Menschen sich in die Arbeit des Verbandes einbringen, desto breiter sind wir aufgestellt, denn die ASSITEJ sind wir alle!

Ihre / Eure
Brigitte Dethier


Brigitte Dethier, Intendantin des Jungen Ensembles Stuttgart (JES), ist seit Dezember 2018 erste Vorsitzende der ASSITEJ. Sie engagiert sich seit 1997 im Vorstand der ASSITEJ e.V. und war seit 2009 stellvertretende Vorsitzende des Vereins. Die Regisseurin und Theaterwissenschaftlerin ist darüber hinaus im Landesverband Baden-Württemberg sowie im Künstlerischen Ausschuss des Deutschen Bühnenvereins aktiv. Sie wurde 2014 mit dem Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg und 2009 mit dem Deutschen Theaterpreis DER FAUST ausgezeichnet.

Mit der Faust in die Welt schlagen? Auftakt der Reihe „JUNGES THEATER für DEMOKRATIE“ mit Lukas Rietzschel

Von Nikola Schellmann


Staatstheater Mainz, 28. September 2018, Probebühne.
Mein erstes Treffen mit dem Arbeitskreis Südwest. Das ist ein regionaler ASSITEJ-Zusammenschluss von Theaterpraktiker*innen, in diesem Falle aus Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland. Einige von uns haben eben vor dem Treffen die tanzmainz-Premiere von Krawall im Kopf gesehen und ich bin immer noch nachdenklich gerührt und auch produktiv mitgenommen von der Energie, der tänzerisch-hinterfragenden Kraft, mit der da unten in der Spielstätte U17 vermeintliche Normen erschüttert werden. Mit der an das Selbstbewusstsein nicht nur junger Zuschauer*innen appelliert wird. Und – so plakativ das auch klingen mag – durch die ertappte Erinnerungen an die Teeniezeit und der Wunsch entstehen, dass schon damals Regeln in meinem Kopf krawallig unterbrochen, ge/brochen und zer/brochen worden wären.

Und nun: ein Arbeitstreffen. Der etwas harte Übergang entpuppt sich jedoch als konstruktive Auseinandersetzung mit einer relativ schnell deutlich-konkreten Veranstaltungsplanung: Ich dachte, ich beobachte erstmal, lerne Kolleg*innen kennen und bringe dann Themen in unsere späteren Diskussionen im KJTZ mit. Nö! In 2018 soll noch eine öffentliche Veranstaltung dieses Arbeitskreises stattfinden, der sich in regelmäßigen Workshops oder Treffen bei Festivals weiter- und fortbildet. Was lässt sich in diesen verbleibenden Wochen des Jahres gemeinsam schaffen? Wie kommen wir ins Gespräch? Fortbildung via Workshops von uns selbst für uns selbst?
Antwort: Impulsvortrag! Von eine* literarischen Autor*in! Kein allzu direkter Zugang aus dem Kinder- und Jugendtheaterbereich, sondern etwas, worüber anschließend für die eigene Praxis diskutiert werden kann. Kein Kaltstart nach dem Weihnachtsmarktglühwein, kein sofortiges In-eine-Diskussion-geworfen-Werden, sondern sich erstmal schön zurücklehnen und jemandem zuhören.

Staatstheater Mainz, 14. Dezember 2018, Orchestersaal.
Zuhören ist denn auch einer der zentralen Punkte, die Lukas Rietzschel in seinem Impulsvortrag anspricht. Was beschäftigt die Menschen? Er wurde in der Oberlausitz geboren, studierte in Kassel, lebt nun in Görlitz und beschreibt, wie er sich eben nicht zurücklehnen, sondern stetig hinterfragen will, was da „zuhause“ passiert. Welche Ängste sind da? Welche kommunalpolitischen Initiativen, seien sie noch so „klein“ wie das gemeinschaftliche Bepflanzen eines Verkehrskreisels, geben Zugehörigkeitsgefühl? Die Neonazis sind da. Es gibt sie. Es gibt Menschen, die sich aktiv gegen das wenden, was wir in dieser Veranstaltung diskutieren wollen.


Jeden Tag zeigen wir in unseren Theatern für junges Publikum Stücke und Projekte, in denen es um die ganze komplexe Welt geht: Um Familien und Freundschaften, um Geschlechtergerechtigkeit und Fairness, um Antirassismus und Interkulturalität. Und doch: Ein mulmiges Gefühl schleicht sich ein. Reicht das? Bleiben wir in unseren schönen, achtsam gestalteten und kreativen Räumen nicht zu weit weg von der Straße, auf der gerade die Demokratie in Frage gestellt wird? Was können und müssen wir tun? Was als politische Menschen und was als Kulturschaffende?
Lukas Rietzschel spricht wenig über seinen Bestseller-Roman Mit der Faust in die Welt schlagen und über die Praxis des Kinder- und Jugendtheaters, doch gerade seine präzisen Beobachtungen zu konkreten Situationen in Sachsen liefern Gesprächsstoff für die anschließenden Tischrunden, in denen Normen, Krawall und Hilflosigkeit diskutiert werden. Die Erwartungen an die Veranstaltung scheinen aufzugehen. In mehreren Gruppen sind neben Moderator*innen aus dem Arbeitskreis auch lokale Initiativen zu Gast, die über ihre konkrete Arbeit in der Region sprechen: Susanne Freiling und Lina Zehelein mit dem Kompetenznetzwerk und Bundesprogramm „Demokratie leben!“, Johannes Gaudet mit dem Netzwerk für Demokratie und Courage, Luisa Schumacher mit Nicolai Zimmermann von der Alternative JugendKultur Bad Kreuznach e.V.
SWR2 ist vor Ort und interviewt Lukas Rietzschel zu seiner Arbeit.

Viele Zuhörer*innen des Vortrags bleiben auch zu den Gesprächen, bleiben später an der Bar und liefern ihrerseits wieder Impulse, die Heike Mayer-Netscher, Koordinatorin, und Susanne Freiling, Sprecherin des Arbeitskreises mitnehmen und im neuen Jahr 2019 in weiteren Veranstaltungen von JUNGES THEATER für DEMOKRATIE aufgreifen wollen. Die Themenschwerpunkte werden sich verschieben, aber das Bedürfnis des Austauschs angesichts aktueller gesellschaftspolitischer Fragen bleibt.
Zuhören, Zusammenarbeit und Kooperation – sowohl der Organisator*innen, des Staatstheaters Mainz in der Gastgeberrolle als auch der Vertreter*innen der verschiedenen Initiativen und des Arbeitskreises – werden auch im neuen Jahr eine krawallig-produktive Diskurskraft sein.


IMG_6540Die Veranstaltung Mit der Faust in die Welt schlagen? war Auftakt der Reihe JUNGES THEATER für DEMOKRATIE, die als ASSITEJ-Werkstatt über das Jahr 2019 an verschiedenen Orten in Hessen, Saarland und Rheinland-Pfalz stattfinden wird. Die Veranstaltung wird unterstützt vom Ministerium für Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur Rheinland-Pfalz und findet in Kooperation mit dem Kinder- und Jugendtheaterzentrum in der Bundesrepublik Deutschland statt.
Die Arbeit des Arbeitskreises Südwest wird unterstützt vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst und dem Ministerium für Bildung und Kultur Saarland.

 

 

 

Kunst über den Schulhof hinaus: Das FLUX-Schaufenster

Von Ilona Sauer


Das FLUX-Schaufenster findet zum Programmstart jeweils in einer anderen Region Hessens statt: In diesem Jahr war das Künstlerhaus Mousonturm in Frankfurt am Main Veranstaltungsort und Treffpunkt für Theaterschaffende, Lehrer*innen, Pädagog*innen und Veranstalter*innen, in einige Schaufenster waren auch Kinder und Jugendliche eingebunden. Das Schaufenster hat insofern Festivalcharakter, als die für FLUX von einer Jury für das Jahresprogramm kuratierten Theater dort en suite Kurzausschnitte der ausgewählten Produktionen präsentieren. Beteiligt waren unter anderem LIGNA, Hicks & Bühler, Dance Box GbR, die stromer, Monstra, Theater Lakritz, Hella Lux, Hirsch&Co, Sarah Kortmann, theaterperipherie, Cornelia Niemann, das Theater Gruene Sosse sowie das Brachland Ensemble. Alle Gastspiele können sowohl von Schulen als auch von Veranstaltern in ländlichen Räumen eingeladen werden. Für die Schulgastspiele übernimmt das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst 50 Prozent der Kosten.Screenshot_20181127-234254_WPS Office

In diesem Jahr verband das Schaufenster Denk-Räume und Spiel-Räume mit den Schau-Räumen und initiierte so Diskursräume zwischen Kunst und Bildung. Aus Sicht der Arbeitsgruppe „Theater und Schule in Hessen“ erläuterten Anna Eitzeroth, Fiona Louis, Ruth Kockelmann, Katja Pahn und Ilona Sauer Aspekte der ASSITEJ-Studie und machten deutlich, wie wichtig die Zusammenarbeit des bereits existierenden Netzwerkes zwischen den Fachberatern Kultur, dem Landesverband Schultheater in Hessen und den Vertretern der Darstellenden Künste und FLUX sei – insbesondere dann, wenn man die Strukturen ausbauen und weiterentwickeln wolle.

Prof. Dr. Kristin Westphal erläuterte in ihrem Vortrag das Spannungsfeld von Kunst und Bildung und beschrieb dabei Lern- und Erfahrungsräume, die durch die Begegnung mit zeitgenössischen Theaterformen entstehen. So war denn auch in den folgenden Gesprächsrunden eine der Fragen, die Kristin Westphal im Austausch mit Gerd Taube und den teilnehmenden Lehrer*innen und Darstellenden Künstler*innen diskutierte, jene nach der pädagogisch-künstlerischen Qualität in der Theaterarbeit mit Kindern und Jugendlichen. Mitgedacht wurde immer auch das Konfliktpotenzial zwischen einer künstlerischen und einer pädagogischen Perspektive. Wichtig war den Diskutant*innen, dass die Fragestellung nicht auf eine gute oder schlechte Qualität abziele. Vielmehr wurde Qualität als etwas Subjektives beschrieben, das sich vor allem in der Beziehung zwischen Lehrer*innen, Künstler*innen und Schüler*innen entwickle.

Kristin Westphal verwies ausgehend von ihrem Vortrag darauf, dass Qualität etwas sei, dass man nicht messen könne, vielmehr müsse diese stets zwischen den Beteiligten in jeder Situation neu ausgehandelt werden. Kriterien wie Begeisterung, Fremderfahrung, sinnlich-leibliche Erfahrung seien hier wesentlich, dies habe auch die wissenschaftliche Begleitforschung von Projekten im Rahmen des Weiterbildungsprogramms Kunst-Rhein-Main ergeben. Die von Kristin Westphal benannten Qualitätskriterien sind natürlich auch für die Aufführungen und  Performances für junges Publikum relevant. Jan Deck, der gemeinsam mit Detlef Köhler diese Arbeitsgruppe moderierte, verwies insbesondere auf das Ziel von Aufführungen, eine  „Wahrnehmungsverschiebung“ in dem Sinne zu initiieren, dass man als Zuschauer*in anders aus dem Theater komme als man hineingegangen sei.

Wie zeitgenössische Theaterformen sinnlich-leibliche Erfahrung für die Teilnehmenden eröffnen können, zeigte insbesondere die Performance Klasse Kinder! von LIGNA, einer Produktion der Tanzplattform Rhein-Main, für Kinder ab 6 Jahren. Ligna macht die Zuschauer*innen in der Hör-Performance über die Tänzerin Jenny Geertz zu Akteuren*innen und eröffnet so Kommunikationsräume.
Gemeinsam Handeln, Erfahrungen teilen, ausprobieren, einander begegnen: das ist wohl die große Qualität des FLUX Schaufensters, das Theater und Schulen in Austausch bringt.

Natürlich bleiben die Erwartungen von Theatern und Schulen aneinander oftmals unterschiedlich, natürlich haben Schüler*innen und Lehrer*innen oftmals repräsentative Theaterauffassungen, die sich nicht so ohne weiteres knacken lassen. Aber das gilt nicht immer!
Ruth Kockelmann, Vorsitzende des Landesverbandes Schultheater in Hessen, brachte die Ergebnisse der Arbeitsgruppe Zeitgenössische Theaterformen und neue Formate der Kooperation zwischen Theater und Schule auf den Punkt. Gewünscht ist die Erhöhung der Frequenz der Theaterereignisse! Mindestens einmal im Monat ein Gastspiel, eine gemeinsame Aktion, Erforschung und Okkupation des gesamten Schulraums, Durchdringung und performative Erforschung des Systems Schule, Tandemstrukturen im Unterricht – Entdeckung von Räumen für Theaterkunst an der Schule.
Auch in der Schule denkt man derzeit gelegentlich über den Schulhof hinaus.


Ilona Sauer ist Theaterpädagogin und Koordinatorin des Projektes Theater und Schule in Hessen. Sie leitet das Projekt FLUX. Theater in Hessen unterwegs. Theater für Schulen.

Abschied, Neuanfang und Einladung zum Dialog. ASSITEJ Mitgliederversammlung und Vorstandswahlen am 8. Dezember 2018

von Meike Fechner


Abschied

Ein bisschen Pathos durfte nicht fehlen: Nach 21 Jahren als Vorsitzender des Verbandes der Kinder- und Jugendtheater stellte sich Wolfgang Schneider nicht erneut zur Wahl. Im Bühnenbild von An der Arche um Acht im Frankfurter Theaterhaus blickte er zurück auf seine Jahre im Kinder- und Jugendtheater, die 1986 als Schriftführer im Vorstand begannen:

Ich danke allen, die mich inspiriert, motiviert und begleitet haben. Und ich wünsche mir noch mehr Anstrengungen bei der Implementierung des Kinderrechts auf künstlerische Teilhabe, eine mutigere Bildungs- und Kulturpolitik in Stadt und Land sowie ein nachhaltiges Wirken der Akteure für eine demokratische, ökologische und friedliche Zukunft. Denen, die die Förderung der Darstellenden Künste für junges Publikum zu ihrer Aufgabe machen, rufe ich in bewährter Weise zu: Weiter so und ändert Euch!

 

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Petra Fischer (li.), Wolfgang Schneider

Applaus und Geschenke folgten und Petra Fischer (Zürich) überbrachte die Ehrenmitgliedschaft in der ASSITEJ Schweiz.

Neuanfang

Brigitte Dethier, Intendantin des Jungen Ensembles Stuttgart (JES), ist neue Vorsitzende der ASSITEJ in Deutschland. Sie benannte die Gleichberechtigung und Sichtbarkeit der Darstellenden Künste für junges Publikum sowie ihre Stärkung in den künstlerischen Studiengängen als zentrale Ziele.
Stellvertretende Vorsitzende sind Andrea Maria Erl (Theater Mummpitz, Nürnberg), Jutta M. Staerk (COMEDIA Theater Köln) und Julia Dina Heße (Dramaturgin und Regisseurin, Wiesbaden). Als Schriftführerin wurde Birte Werner (Bundesakademie für Kulturelle Bildung Wolfenbüttel) gewählt. Als Schatzmeisterin wurde Lydia Schubert (Theater der Jungen Welt Leipzig) im Amt bestätigt. Als Beisitzer*innen wurden Stefan Fischer-Fels (Junges Schauspiel Düsseldorf), Bianca Sue Henne (Junges Staatstheater Parchim der Mecklenburgischen Staatstheater), Rebecca Hohmann (Junges Theater Bremen), Wolfgang Stüßel (Theater Strahl Berlin) und Lisa Zehetner (Junges Nationaltheater Mannheim) gewählt.
Brigitte Dethier dankte Detlef Köhler (Theater Gruene Sosse, Frankfurt) sehr herzlich für seine engagierte Mitarbeit im Vorstand in den letzten sechs Jahren.

Dialog

Die Vorstellung der Kandidat*innen machte die zukünftigen Themen des Vereins konkret: In Bayern entsteht mit Südwind (AT) ein neues Festival der Darstellenden Künste für junges Publikum, Interkultur, Transkultur und Diversität müssen in den Institutionen sichtbar werden, Wissenstransfer und Generationenwechsel brauchen den Diskurs ebenso wie die aktuellen gesellschaftlichen Fragen nach Teilhabe und den Schnittstellen zwischen kultureller und politischer Bildung. Dass es notwendig ist, politisch aktiv und sichtbar für Demokratie und Menschenrechte, gegen Rassismus und Ausgrenzung aufzutreten, war ebenso deutlich.
Gelegenheit zum Dialog bieten neben dem Festival Augenblick mal! (7. bis 12. Mai 2019) und den Festivals in den Regionen auch die ASSITEJ Werkstätten.

Pressemitteilung: Brigitte Dethier ist neue ASSITEJ Vorsitzende 10 Dez 2018

Guter Rat, gern gefragt

Prof. Dr. Wolfgang Schneider berichtet von einer Selbstverständigung innerhalb der Theaterlandschaft. Er ist Vorsitzender der ASSITEJ e.V. und vertritt diese im Rat für Darstellende Kunst und Tanz.


Theaterpolitik. Porträt von Uli Wirtz von Mengden.2

Foto: Uli Wirtz-von Mengden

Im Anfang war zwar das Wort, aber dann kam schon gleich der Verein. In Deutschland gibt es kaum ein gemeinschaftliches Ansinnen, das nicht auch beim Amtsgericht eingetragen ist und als e.V. firmiert. Rund drei Dutzend solcher Vereine vertreten die Interessen des Theaters und haben sich im Rat für darstellende Kunst und Tanz zusammengeschlossen.

Zwei Mal im Jahr gibt es ein Treffen, zuletzt Mitte November 2018 wieder in der Geschäftsstelle des Deutschen Bühnenvereins in Köln. Von A wie ASSITEJ e.V. bis Zirkus macht stark e.V. sind unter dem Dach des Deutschen Kulturrates die Repräsentanten der Freien und Stadt-Theater ebenso organisiert wie der Tanz in Schulen, die Theaterpädagogik oder die Puppentheater, das Internationale Theaterzentrum, der Bund der Theatergemeinden oder die Genossenschaft Deutscher Bühnenangehörigen.

Was haben all die Lobbyisten zu besprechen? Im besten Falle dient der Austausch auch der Selbstverständigung und Standortbestimmung, das heißt auch zur kulturpolitischen Positionierung innerhalb der Theaterlandschaft. Jüngstes Zusammenwirken führte zur ersten Stellungnahme, das Ergebnis sind zehn Forderungen zu den Darstellenden Künsten für junges Publikum! Dabei geht es um Zugänge schaffen, Ensembles stärken und Strukturen implementieren. Der komplette Text ist in der Oktober-Ausgabe IXYPSILONZETT, dem Magazin für Kinder- und Jugendtheater, nachzulesen.

In Köln wurde aber auch der Kieler Appell auf Antrag des Bundesverbandes Theater in Schulen e.V. verabschiedet, in dem die Bundesbildungsministerin aufgefordert wird, zukünftig das Festival Schultheater der Länder zu unterstützen. Engagieren will sich der Rat ebenso für die politische Initiative Die Vielen, gegen rechtsnationale Propaganda für Vielfalt, Toleranz und Respekt. Der Rat diskutierte außerdem eine Resolution aus Sorge um den Dialog mit der Zivilgesellschaft und plädiert für eine kooperative Zusammenarbeit von öffentlicher Zuwendung und künstlerische Szene. „Vereine sind keine nachgeordnete Behörde“, kritisiert Marc Grandmontagne, einer der Sprecher des Rates, die Praxis der Projektförderung. Demnächst geht es um Macht und Missbrauch im Theater, um #MeToo und Geschlechtergerechtigkeit, in einer Arbeitsgruppe um soziale Absicherung und wider die prekären Arbeitsverhältnisse in den Darstellenden Künsten. Der Rat hat etwas zu sagen, er ist gefragt! Und weiß das selbstbewusst in Worte zu fassen. Alles andere als Vereinsmeierei…

PS: Neues Mitglied wurde der Bund der Szenografen. Der formuliert nicht minder pointiert: „Wir wünschen uns von Intendanz und Dramaturgie mehr Risikobereitschaft, mehr Bereitschaft zu Forschung und Experiment. Wir fordern eine Verschiebung weg von Fast-Food-Produktionen und Akkordarbeit hin zu nachhaltigen Produktionsweisen“.

Z OGNIEM W GLOWIE 3. Ein Fachaustausch zum Jugendtheater in Polen

Von Henning Fangauf


Als erstes zeigt sich ein alter Förderturm, dann die modernen Produktionshallen von Toyota und schließlich die Kirchtürme, nähert man sich von Wroclaw kommend der niederschlesischen Stadt Wałbrzych. Die ehemalige Bergwerksstadt befindet sich im Umbruch. Kohle wird hier nicht mehr gefördert, junge helle Birkenwälder breiten sich auf den Abraumhalden rund um die Stadt aus. Die Moderne hält nur langsam Einzug, die Stadt sucht nach neuer Identität für das 21. Jahrhundert.

© Photo: Dariusz Gdeszmobile: +48 796 689 301
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Henning Fangauf, Dramaturg und Lektor, bei seinem Vortrag „Kunst und Gesellschaft – Theater für junges Publikum in Deutschland“, rechts die Übersetzerin Justyna Rodzinska-Nair.

Das Stadttheater, das Teatr Dramatyczny, scheint diese bereits gefunden zu haben. Die junge, erst seit 1964 als „Dramatisches Staatstheater“ existierende Bühne, hat sich seit der Jahrtausendwende einen besonderen Ruf in der polnischen Theaterlandschaft verschafft. Mit seinen progressiven Inszenierungen neuer polnischer und europäischer Stücke durch junge, aufstrebende Regisseur*innen zieht es die überregionale Kritik immer wieder in diesen südwestlichen Teil des Landes.

Und das Theater hat sich konsequent für die Jugend geöffnet. In diversen Jugendclubs probieren sich insbesondere ältere Schülerinnen und Schüler im Theaterspielen aus. Die Theaterpädagogin Dorota Kowalkowska hat hier in den letzten zehn Jahren vorbildliche Arbeit geleistet und das Angebot zum Theater sehen und Theater spielen für junge Leute ausgebaut. Mit ihren Programmen gibt sie der interessierten Jugend von Wałbrzych Halt und Identifikation, zumindest für eine gewisse Zeit, bevor diese zum Studium, zur Ausbildung, die Stadt verlassen müssen.

Der nun jüngst stattgefundene Fachaustausch Z OGNIEM W GLOWIE 3. (zu Deutsch: Mit Feuergesicht 3) mit Expert*innen des jungen Theaters aus Deutschland und aus Polen gehört auch zu diesem Angebot und zum Selbstverständnis des Theaters. Seit 2014 lädt das Theater alle zwei Jahre zu dieser Veranstaltung ein und gewinnt die theaterbegeisterten Jugendlichen der Stadt, aber auch Theaterpädagog*innen und weitere Künstler*innen des ganzen Landes für den internationalen Dialog.  Auch eine gesamte Jahrgangsklasse des Studiengangs Theaterpädagogik von der Universität in Warschau nahm daran teil. Das Programm wurde kuratiert von Dorota Kowalkowska und der Übersetzerin Iwona Nowacka und gemeinsam mit den Jugendlichen vorbereitet. Diese interessierten sich besonders, von den Gästen aus Deutschland etwas über die aktuelle Haltung der Theater zu Politik und Gesellschaft zu erfahren. Mit großer Selbstverständlichkeit moderierten die Jugendlichen einzelnen Gespräche und fühlten den polnischen Regisseuren, die drei Stücke aus Deutschland szenisch einstudiert hatten, kräftig auf den Zahn. Männerdominanz im polnischen Theater – muss das so sein? Wurden die Texte wirklich intensiv genug gelesen und durchdrungen? Wird Humorlosigkeit in der Umsetzung als „ernsthafte Auseinandersetzung“ (miss)-verstanden? Die Fragen der – perfekt vorbereiteten! – Jugendlichen trafen es genau, es war ein Genuss ihren kritischen Nachfragen an die Profi-Künstler*innen zu folgen. Das Theater in Wałbrzych hat damit eine gelungene Form der partizipativen Theaterarbeit eröffnet. Theater als Anlass für den Generationendialog. Chapeau!