#tincon at #fftdüsseldorf performs #kulturellebildungatitsbest

von Nikola Schellmann


Ich will ein Ticket auf der Website buchen und stelle fest: ich bin zu alt.

Die TINCON ist eine Veranstaltung für 13- bis 21-Jährige. Alle über 21-Jährigen haben nur Zutritt, wenn sie sich a) als freiwillige Helfer*innen bewerben, b) eine Schulklasse begleiten oder c) am TINCALL teilnehmen und sich somit als Vortragende bewerben.

Ich bin unentschieden: Exklusivität auf der einen Seite, geschützter Raum auf der anderen. Ich möchte Themen scouten, Vortragende kennenlernen, die Einbettung theateraffiner Themen wie Storytelling via Algorithmen oder via Theater-Games bzw. die Reaktion der Jugendlichen auf Kollektive wie OutOfTheBox oder machina eX sehen.

Aber ich möchte mich nicht über das Alter definieren oder gar ausgrenzen lassen, wenn ich danach frage, welche Themen Jugendliche beschäftigen (und das sowohl aus deren eigener, vortragender Perspektive als auch aus der eine*r Zuhörer*in). Zumal ich mir die Frage im Hinblick auf das Kinder- und Jugendtheater auch oft stelle: sind dieses oder jenes nun Themen für Jugendliche? Sind es NUR Themen für Jugendliche? Wieso sind andere wiederum „für Erwachsene“? Und was genau ist eigentlich „Theater“?
Ich nehme Kontakt mit dem TINCON-Team auf und erkläre mein Anliegen. Und bereits auf dem Weg nach Düsseldorf mache ich den ersten Instagram-Post.

8. März, FFT Juta in Düsseldorf, zwischen Klo und Stage 1: „Hey, dein Lippenstift steht dir krass gut.“
„Also du hast eine total tolle Brille an. Es ist nicht leicht, so eine schlichte, aber schöne Metallrahmenbrille zu finden.“
„Und irgendwann habe ich was von Gwen Stefani gelesen und gehört – und die ist so eine coole Frau, die macht einfach ihr Ding. Das hat mich auch für meine Arbeit inspiriert.“
Gesprächsfetzen, die ich aufschnappe, die mir offenbar im Gedächtnis geblieben sind – die mir (oder vielleicht gerade WEIL sie mir) bereits eine Ahnung dessen vermitteln, was mir gleich als überaus angenehme Stimmung entgegenschlagen soll: Wertschätzung, Offenheit anderen gegenüber, Aufeinanderzugehen, Komplimente, Interesse.

20190308_141546Ich bin auf der teenageinternetwork convention: 2016 fand die erste TINCON in Berlin, 2017 auch in Hamburg und nun 2019 erstmals eine Ausgabe in Nordrhein-Westfalen statt. Die TINCON ist eine Gesellschaftskonferenz für Menschen zwischen 13 bis 21 Jahren. Das FFT Juta bietet dafür die Bühne und verwandelt einen Ort, an dem es sonst um Darstellende Künste für Junges Publikum geht, in zwei Stages, zwei Workshop-Spaces und eine Gaming Area, auf denen Themen wie Künstliche Intelligenz, Netzpolitik, Gaming, Umweltaktivismus, Kultur, Storytelling, Lifestyle, Bildung und noch viele weitere vorgestellt und diskutiert werden.

Bei der TINCON dreht sich alles um digitale Jugendkultur. Die TINCON veranstaltet seit 2016 Events von, für und mit jungen Leuten. Unser Ziel ist es, der jungen Generation und ihren Themen eine größere Öffentlichkeit zu bieten.

Das trifft es perfekt. Ich gebe zu, ich bin hochgradig neugierig – nicht nur auf die Themen, die mich als nicht-digital-Native hoffentlich und offensichtlich überraschen werden (vor allem in technischer Hinsicht). Sondern auch auf die Jugendlichen, die hier in meinen Augen vorbildlich in die Programmplanung und -gestaltung einer jeden TINCON eingebunden werden (in Programmworkshops im Vorfeld, die mehrere Tage dauern, treffen sich Jugendliche mit dem Team). Beim TINCALL kann jede*r zwischen 13 und 21 ein Thema als Speaker einreichen und so von eigenen Aktivitäten, Anliegen oder Projekten berichten und die Community daran teilhaben lassen.

Auf mehreren Ebenen funktioniert dies sehr gut: die Jugendlichen machen sozusagen ihr eigenes Programm, die Vortragenden sind direkt ansprechbar, es wird betont, dass ebenso Ansprechbarkeit dafür vorhanden ist, wenn etwas für jemanden nicht gut läuft. Die Disziplinen sind miteinander verwoben und das merkt man auch – es gibt keinen Vortrag über YouTube oder Instagram, weil das an sich ein interessantes Thema wäre. Aber darüber, wie dort Themen kreiert werden, die einer Klischeebildung entgegenwirken, oder wie sich aus der Funktionalität von Werbung via Facebook oder Instagram ein Geschäft entwickeln lässt.

Das überaus wichtige und unbedingt förderungswürdige Expert*innentum der Jugendlichen wird unterstützt, präsentiert und in Dialog gebracht – und zwar auf einfachste und direkte Art und Weise aus der Zielgruppe in die Zielgruppe. Und spätestens jetzt wird klar, dass dieser Begriff absurd ist, denn warum soll ein bestimmtes Thema nur ein Ziel in einer bestimmten Gruppe finden. Zumindest, wenn es um Themen geht, die gesellschaftlich, kulturell, sozial oder alltäglich relevant sind (ist Klimaschutz nur was für Erwachsene? Und Fake vs. Fakten nur was für Jugendliche? Wie steht es mit Smartphone-Sicherheitschecks?).

Und jetzt, mit dem Blick durch die (Metallrahmen?-)Brille des kulturellen Bildungssektors: die TINCON ist partizipativ, integrativ, kompetenzfördernd und nachhaltig. Das beeindruckt mich sehr. Vielleicht auch deswegen die drei hängengebliebenen Zitate aus dem Flur: die Teilnehmer*innen nehmen sich gegenseitig wahr, entdecken so (unter anderem) Trends, schätzen diese und tragen sie weiter, motivieren und fördern sich gegenseitig durch Erlebnisse oder Begegnungen mit prägenden Persönlichkeiten – und dies wird geteilt. Im besten und nicht nur technologischen Sinne.
Mein nächster Instagram-Post ist schon auf dem Weg.

 

 

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Dem jüngsten Publikum verpflichtet

von Gerd Taube


Morgen geht im italienischen Bologna das diesjährige Festival des Theaters für das jüngste Publikum Visioni 2019 zu Ende. Dieses Festival ist schon seit Jahren ein Hotspot für alle Künstler*innen und Veranstalter*innen, die sich dem Kinderpublikum von 0 bis 5 Jahren verpflichtet fühlen. 3222Und seit Jahren sorgt das Team der Theatercompanie La Baracca Testoni Raggazzi für eine, den jüngsten wie den älteren Theaterzuschauer*innen, zugewandte Festivalstimmung. Weiterlesen

Generationenwechsel im Kinder- und Jugendtheater: „Was bleibt von meiner Arbeit übrig?“

von Gundula Hölty, Geschäftsführerin des FUNDUS THEATER | THEATRE OF RESEARCH in Hamburg


Im Rahmen des Hamburger Kindertheater Treffens im Februar 2019 fand am 17. Februar eine Gesprächsrunde zum Thema „Generationenwechsel im Kinder- und Jugendtheater“ mit 21 Teilnehmer*innen und Moderatorin Caroline Heinemann im FUNDUS THEATER statt.

Nach dem gemeinsamen Vorstellungsbesuch von ottos mops der freien Theatergruppe kirschkern Compes & Co. hatten alle Beteiligte ein konkretes Beispiel des Generationenwechsels vor Augen: Peu à peu erschlossen sich innerhalb der angesetzten zwei Stunden die Bandbreite und Vielfalt der Thematik, die Unterschiede zwischen Theaterhäusern und freien Bühnen sowie der Generationenwechsel in Verbänden. Das Thema hat vor allem auch sehr persönliche Seiten – geprägt von ideellen Wünschen und Hoffnungen: Was bleibt von meiner eigenen Arbeit übrig? Was wird aus dem individuellen künstlerischen Stil? Was gibt man weiter, den „Geist“, ein Haus, Infrastruktur, Stücke, …? Der Grundgedanke, der in der Runde geäußert wurde, war, dass man etwas aufgebaut habe, man daran hängt und es wert ist, dies weiterzugeben. Bei Solokünstler*innen kommt noch hinzu: Wenn ich das nicht mehr mache, gibt es die Theatergruppe, meine Stücke nicht mehr – das ist in Ordnung.

Es wurde deutlich, dass in Übergangsprozessen eine spezifische künstlerische Sprache verloren gehen kann, wenn sie nicht von anderen fortgeführt wird. Auf der anderen Seite gibt es aber auch bewusste Trennungen, wenn z.B. eine Produktion nicht mehr zeitgemäß ist. Hier könnte ein weiterer Diskurs noch ausführlicher geführt werden: was ist mit der Archivierung von Inszenierungen, Weitergabe von beispielsweise Figuren an ein Museum, einer Lizenz an eine andere Gruppe, Texte an Verlage undsoweiter.

Bei kirschkern Compes & Co. war der Wunsch, Stücke zu erhalten – und nun sind sie in der glücklichen Situation, eine Nachfolgerin für eine Spielerin gefunden zu haben. Fünf Stücke sind durch Umbesetzungsproben (auf eigene Kosten, da keine Förderung dafür eingeworben werden konnte) nun weiterhin im Repertoire, eine neue Produktion ist in Planung – verbunden mit der Fragestellung nach Kontinuität oder neuem Stil. Die Nachfolgefrage ist somit auch eine Finanzierungsfrage und bedingt ebenfalls den Blick auf die Bedingungen im Kinder- und Jugendtheater und politische Forderungen.

fundus theater

Foto: Charlotte Bendler

Die Problematik, die passenden „Erben“ zu finden, schilderte auch Wolfgang Stüßel (Theater STRAHL Berlin, ASSITEJ-Vorstand) aus eigener Erfahrung. Der Transformationsprozess dauere erheblich länger, als angenommen. Hilfreich sei, sich für das Aufhören (auch wenn man das vielleicht eigentlich gar nicht möchte) einen festen Zeitpunkt zu setzen. Bei Veränderungen der Struktur und Umwandlungen (in diesem Fall vom Verein in eine gGmbH) empfiehlt es sich, externe Beratung und Coaching in Anspruch zu nehmen. Weitere Erfahrungsberichte aus beiden Perspektiven (Theaterhaus und freie Gruppe) lieferten Tine Krieg (FUNDUS THEATER) und Peter Markhoff (Theater Mär).

Nicht nur der Wechsel, sondern auch der Austausch der Generationen wurde am Ende diskutiert. Hier lag ein Fokus u.a. auf den kulturpolitischen Errungenschaften der älteren Generation wie auch auf der Notwendigkeit, die Ausbildung und Arbeit der nachfolgenden Generationen für das Kinder- und Jugendtheater attraktiver zu gestalten: Wie geht es also weiter? Die Fortführung dieser Kick-Off-Veranstaltung als ASSITEJ-Werkstatt ist in Planung.

 

KinderStücke 2019: Ein schöner Erfolg für „Nah dran! Neue Stücke für das Kindertheater“

von Henning Fangauf


Nun ist sie getroffen, die Entscheidung für die diesjährigen KinderStücke kinderstuecke mülheimder Mülheimer Theatertage NRW. Vor wenigen Tagen gab das Auswahlgremium mit Oliver Bukowski, Dr. Thomas Irmer und Werner Mink seine Entscheidung bekannt und nominierte fünf neue Autor*innenstücke für das Kindertheater und deren Uraufführungen. Vom 13. bis 17. Mai werden die Inszenierungen in Mülheim gezeigt und stellen sich dem renommierten Wettbewerb um den Mülheimer KinderStücke-Preis 2019.

Für unser Projekt Nah dran! Neue Stücke für das Kindertheater ist die diesjährige Auswahl erneute eine schöne Bestätigung. Denn drei der fünf ausgewählten Stücke entstanden durch die vom KJTZ und dem Deutschen Literaturfonds vergebene Förderung. Besser kann Qualität und Resonanz des Projektes nicht bewiesen werden. Wir freuen uns mit ‚unseren‘ Autor*innen Katja Hensel, Kristo Šagor und Oliver Schmaering – und gratulieren allen für Mülheim nominierten Autor*innen und den Bühnen, die das Wagnis der Uraufführung eingegangen sind und nun diesen Erfolg verzeichnen können.


Henning Fangauf (Hofheim am Taunus) arbeitet freiberuflich als Lektor und Dramaturg. Von 1996 bis 2018 war er stellvertretender Leiter des Kinder- und Jugendtheaterzentrums in der Bundesrepublik Deutschland. Er leitet weiterhin das Projekt Nah dran! Neue Stücke für das Kindertheater.

Henning Fangauf

„Augenblick mal!“-Vorverkauf für Fachbesucher*innen startet

von Annett Israel


Augenblick mal! 2019 zeigt zehn nationale und drei internationalen Gastspiele: Der Vorverkauf  für Fachbesucher*innen beginnt heute, der freie Kartenvorverkauf startet am 25. Februar 2019!

Das Programm für das Festival des Theaters für junges Publikum in Berlin ist nun mit Weballen Gastspielen aus dem nationalen und internationalen Programm und einigen Daten und Uhrzeiten für das Rahmenprogramm online. Schaut rein, kommt nach Berlin und feiert mit uns!

2019 erwarten euch im Rahmenprogramm des Festivals ganz unterschiedlichste Dialogformen und Gesprächsangebote:
Bei Face it! könnt ihr täglich von 12:30 bis 14:30 eure Erfahrungen mit den gesehenen Gastspielen in verschiedenen experimentellen Nachgesprächsformaten austauschen. Sie basieren u.a. auf dem im November 2018 erschienenen Handbuch Zwischen Publikum und Bühne. Vermittlungsformate für die freien darstellenden Künste, veröffentlicht vom Performing Arts Programm Berlin mit den Künstler*innen, die sie erfunden und erprobt haben. Daneben kann man auch ein Gesprächsangebot nutzen.

Mit den nationalen Kurator*innen kommt ihr u.a. bei Face to face: meet the Curators am Eröffnungsabend und am Sonntagmorgen ins Gespräch. Die Kurator*innen fürs internationale Gastspiel-Programm geben bei Facing East Auskunft über die kultur-politische Situation in ihrem Land und über Mut, Leidenschaft und Widerständigkeit beim Theaterspielen für junges Publikum in Russland, Ungarn und Polen.

Zwei Fortbildungen laden angehende Erzieher*innen und Lehrer*innen auf ungewöhnliche Erkenntniswege ein; an den Berliner Partnertheatern GRIPS, STRAHL und am Festivalzentrum an der PARKAUE wird das junge Publikums mit einem umfangreichen Programm zur Beteiligung eingeladen. Fachbesucher*innen sind ausdrücklich willkommen!

Website und Facebook werden mit Informationen und Texten zum Rahmenprogramm weiter befüttert: Immer wieder mal reinschauen lohnt sich!

Und jetzt? Karten sichern!
Auf bald dann in Berlin!

Zur Pressemeldung: PM Augenblick mal! VVK beginnt 2019

 

„Kinder- und Jugendliteratur aktuell“, Band 9 erschienen: Anja Tuckermann

von Henning Fangauf


Die Klage ist altbekannt: an unseren Schulen, im Deutschunterricht spielt die aktuelle Kinder- und Jugendliteratur kaum eine Rolle. Ob Prosa, Drama, Lyrik, die Werke der zeitgenössischen Autorinnen und Autoren werden nicht vermittelt und sind den Schüler*innen weitgehend unbekannt. Der Literaturkanon scheint seit Jahrzehnten festgeschrieben.

Wer der aktuellen Kinder- und Jugendliteratur zu mehr Relevanz im Deutschunterricht verhelfen will, setzt bei der Ausbildung zukünftiger Lehrer*innen an. Das geschieht noch deutlich zu wenig, aber bereits an einigen Hochschulen, angeregt durch Professor*innen, die diese Literatur nicht nur als Gegenstand für die Erforschung der Poetologie der Autor*innen zu würdigen wissen, sondern auch ihre didaktische Relevanz erkannt haben und diese vermitteln. So ist ein kleines Netzwerk der Kinder- und Jugendliteratur-Lehrenden von Oldenburg bis Heidelberg, von Bielefeld bis Paderborn entstanden. Sie alle setzen auf die Einbindung der Autor*innen in die Lehre und schufen Begegnungsformate wie die Paderborner Kinderliteraturtage, Heidelberger Literaturgespräche, Oldenburger Poetikvorlesungen oder den Bielefelder Poet in Residence. Die Student*innen hatten bisher dank dieser Veranstaltungsreihen Gelegenheit, sich mit den Werken von so renommierten Autor*innen wie Kirsten Boje, Klaus Kordon, Martin Baltscheit, Paul Maar, Andreas Steinhöfel und anderen intensiv auseinanderzusetzen und ihnen persönlich zu begegnen. Dass diese Aktivitäten, die seit 2012 regelmäßig im Rahmen des Netzwerkes stattfinden, auch dokumentiert werden, ist ein besonderer Verdienst der Initiatorinnen.

In der Publikationsreihe Kinder- und Jugendliteratur aktuell im kopaed Verlag München lassen sich die Gespräche mit den Autor*innen, Ihre Impulsreferate und weitere Artikel, die sich wissenschaftlich und essayistisch mit den Werken auseinandersetzen, nachlesen.
2-19_Cover_Tuckermann_groAufloesung2017 war die Berliner Autorin Anja Tuckermann (Berlin) Bielefelder Poet in Residence und 2018 war sie Gast der Paderborner Kinderliteraturtage.  Als Ergebnis ihrer Lehrtätigkeiten und den Begegnungen mit den Student*innen ist nun Band 9 von Kinder- und Jugendliteratur aktuell erschienen, herausgegeben von Petra Josting und Iris Kruse. Auf 400 Seiten wird das Werk der Berliner Autorin, die literarisch, essayistisch und journalistisch aktiv ist wie kaum eine andere, umfangreich untersucht und gewürdigt.
Im Klappentext heißt es:

Anja Tuckermann spricht in ihren Texten für Jugendliche vieles an, das dringend aus dem Schweigen gehoben werden muss. Von besonderer Bedeutung sind ihre erinnerungskulturell bedeutsamen Romane Muscha (1994), Denk nicht, wir bleiben hier (2005) und Mano (2008), in denen sie sich mit den NS-Verbrechen an den Sinti und Roma befasst. Junge Leser*innen werden von ihr mit gleichaltrigen Protagonist*innen konfrontiert, die in ihrem Alltag mit vielfältigen Problemen zu kämpfen haben, ohne daran zu verzweifeln oder gar zu zerbrechen. Das breite Inhaltsspektrum von Anja Tuckermanns Romanen, Erzählungen, Theaterstücken und Lyrik verbindet sich mit einem auf ein kooperatives und erfüllendes Miteinander gerichteten problemorientiert-realistischen Schreiben.

So umfangreich ist selten das Werk einer Autorin der Kinder- und Jugendliteratur dargestellt und analysiert worden. In sechzehn Artikeln werden u.a. die Dokumentarischen Fiktionen, die Interkulturellen Begegnungen, die Adoleszenzgeschichten, die Realistisch-problemorientierten Kinderliteratur in Anja Tuckermanns Werk untersucht. Ein Beitrag, verfasst vom Autor dieser Blog-Zeilen, widmet sich der Dramatikerin Anja Tuckermann und beschreibt ihre Stücke, von denen insgesamt dreizehn vorliegen und vom Theaterverlag Felix Bloch Erben vertreten werden.


Henning Fangauf (Hofheim am Taunus) arbeitet freiberuflich als Lektor und Dramaturg. Von 1996 bis 2018 war er stellvertretender Leiter des Kinder- und Jugendtheaterzentrums in der Bundesrepublik Deutschland. Er leitet weiterhin das Projekt Nah dran! Neue Stücke für das Kindertheater.

 

Heimat wird wichtig, wenn man zu wenig davon hat

von Charlotte Kösters


Braunschweig, 25. Januar 2019:

Über Heimat mache ich mir selten Gedanken. Noch seltener über meine Heimat. Der Wege ins Theater-Fachtag MAKING HEIMAT, der heute am Staatstheater Braunschweig stattfindet, lädt zu einer Auseinandersetzung mit Heimat ein. Wir sind eine Gruppe von ca. 30 Menschen. Wie die meisten von uns habe ich einen Gegenstand dabei – etwas mitbringen, das ich mit (meiner) Heimat verbinde, so die Aufforderung im Vorhinein dieser Veranstaltung. Ich frage mich nach dem richtigen Zeitpunkt, meinen Gegenstand (wo überhaupt?) zu platzieren. Es ist ja ein Stück von mir, das ich offenbare (egal ob ich es Heimat nenne oder nicht). Wie angebracht ist es eigentlich, Biografisches zu besprechen, gar zur Schau zu stellen, wenn es um Heimat geht?

Wir werden von der Generalintendantin des Hauses, Dagmar Schlingmann, und dem Leiter des Jungen Staatstheaters, Jörg Wesemüller, herzlich begrüßt. Es folgt ein inhaltlicher Auftakt von Rebecca Hohmann, die sich sowohl in ihrer Funktion als Vorstandsmitglied der ASSITEJ als auch als künstlerische Leiterin des Moks Bremen für Wege ins Theater ausspricht und das Potenzial des Förderprogramms betont. Unser heutiges Anliegen – MAKING HEIMAT – entstammt nicht zuletzt der Tatsache, dass das frisch erschienene Jahrbuch der ASSITEJ nach Heimat fragt: „Heimat-Pflege als Theater-Programm?“ Rebecca Hohmann stellt heraus, dass es sowohl im Jahrbuch als auch bei Wege ins Theater um die Positionierung des Theaters in der Gesellschaft geht.

Von Annalena Küspert und Ines Wuttke, denen der heutige Tag seine ebenso liebevolle wie lebendige Rahmung verdankt, werden wir dazu aufgefordert, kleine Gedichte über unsere Gegenstände zu schreiben. Um sich im ersten Schritt selbst im Thema Heimat zu verorten, so heißt es. Ein Versuch, Heimat zu benennen. Nicht ganz ernsthaft, aber doch andächtig verfasse ich ein Haiku über den von mir mitgebrachten Tacker (!). Er ist rund und gelb mit Smiley-Motiv (der ganz einfache lächelnde Smiley, aus einer Zeit vor Emoticons) und wertet die Pop-up-Installation, in der unsere Gegenstände und Gedichte im Anschluss gesammelt präsentiert werden, für mich optisch wie emotional deutlich auf (Zwinkersmiley). Mein liebstes Haiku aus der Kollektion beschäftigt sich allerdings mit einem anderen Gegenstand – es heißt „Ohne kalte Füße“ und geht so:

Waltrauds Socken. Warm.
Extra für mich gestrickte.
Egal wo. Meine.

Wir sind individualistisch geprägt und daran gewöhnt, über uns selbst zu reflektieren, in wie auch immer gearteten Schaffensprozessen das Eigene als Ausgangspunkt zu nehmen, um nicht zu sagen: zu verwenden. Ist das okay oder drehen wir uns dabei zu sehr um uns selbst anstatt um ‚wirkliche Themen‘? Wird das der Komplexität der Welt gerecht? Meine Erkenntnis heute: Es ist okay! Denn es hilft uns Zugang zu Themen zu finden. So bestätigt es auch die mit zwei Mitgliedern und Wohnwagen (!) angereiste Fräulein Wunder AG. Ihr Bericht aus konkreten Wege ins Theater-Projekten zeigt, dass die Ansprache von Kindern und Jugendlichen hierüber funktionieren kann: über das Eigene ins Gespräch kommen, sich infolgedessen für Beziehungen und – das ist uns wichtig – für künstlerisch-ästhetische Prozesse öffnen. Zum Inventar des auf dem Theatervorplatz gelungen platzierten Wohnwagens gehören Riechproben, anhand derer die Fräulein Wunder AG später am Tag Entscheidendes bewirkt: Wir riechen an Essig, Schokolade etc. und assoziieren (schau an, manche von uns können Heimat riechen!)… und über unsere eigenen Geschichten nähern wir uns sowohl einander als auch dem Heimatthema an. Aus einem zutiefst menschlichen Mitteilungsbedürfnis heraus lernen wir uns kennen und machen gemeinsam Heimat.

Ich stelle fest, nicht allein zu sein mit Fragen wie: Wem gehört Heimat? Wie viele Heimaten sind normal? Wie groß ist Heimat? Wie lange dauert Heimat? Wie wichtig ist Heimat?

Für mich ist Heimat nicht so wichtig. Vermutlich weil ich auf eine Weise gut genug damit ausgestattet bin. Ich kann mir sogar Wahlheimaten leisten, und davon mehrere, analog und digital. Mit Heimat verhält es sich unter Umständen wie mit Geld: Es wird erst wichtig, wenn man zu wenig davon hat.

Mit Kultur macht stark und konkret Wege ins Theater sprechen wir Zielgruppen an, die wenig haben. Wenig Geld oder Bildung und vielleicht wenig Heimat. Die Einblicke in die Projektpraxis, die der heutige Fachtag ermöglicht, zeigen: Wer Wege ins Theater geht, kann unterwegs Heimat finden. Dabei ist nicht erheblich, ob Projekte sich explizit mit dem Thema Heimat beschäftigen, sondern auf welche Weise die beteiligten Akteure aufeinander zugehen und inwieweit die Teilnehmenden Raum für individuelle Heimat(-suche) haben. Während drei verschiedene Projekte ausführlich vorgestellt werden, wird für mich mehr und mehr deutlich: Bei Heimat geht es (wie auch beim Theater!) um den Menschen selbst. Das Menschliche steht im Mittelpunkt.

Durch den Nachmittag werden wir maßgeblich von den Theatermenschen Caroline Eisenträger, Carmen Grünwald-Waack, Iris Kleinschmidt, Michael Kranixfeld, Lea Schreiber und Anne Tysiak geführt (Danke!). An einigen Gedankenimpulsen und Überlegungen, die sich in den Präsentationen und unseren Gesprächsrunden ergeben, hänge ich bis weit nach der Veranstaltung. Darunter: Schade, dass der Name unseres Projektes Wege ins Theater nicht den Wunsch mit abdeckt, dass auch Wege aus dem Theater heraus und drum herum führen mögen. Wir wollen mit Wege ins Theater erreichen, dass Kinder und Jugendliche sich Theater erschließen. Zum Teil verlassen sie dafür ihren Sozialraum – sie bewegen sich. Wie logisch erscheint da der Gedanke, dass auch wir Theatermenschen uns bewegen müssen! Aus dem Theater heraus, ja. Nicht jedoch im Sinne einer räumlichen Erweiterung unserer Theater-Heimat oder ihrer Übertragung auf andere Sozialräume, sondern im Sinne einer Entkoppelung des Heimatbegriffs von Räumlichkeit und Hinführung zu einer Kategorie menschlicher Interaktion, des menschlichen Miteinanders.

Den in den Projekten engagierten Betreuungs- und Bezugspersonen kommt in diesem Zusammenhang eine besondere Verantwortung und Bedeutung zu. Sie bilden nicht nur die Schnittstelle zwischen verschiedenen Sozialräumen alias Heimaten, sondern verkörpern im besten Fall eine Auffassung von Heimat, nach der der einzelne Mensch dem anderen Heimat ist. Heimat kann nur da passieren, wo Menschen sind. Nur über Menschlichkeit können wir aus Heimat eine Perspektive machen.

Und so schließe ich diesen Beitrag mit einem Aufruf: Lasst uns einander Heimat sein!


Charlotte Kösters ist stellvertretende Projektleiterin von Wege ins Theater, das kleine und große Projekte für Theaterentdecker*innen, Theaterspieler*innen und Theatermacher*innen fördert. Rund eine Million Euro stehen in diesem Jahr für Bündnisse vor Ort zur Verfügung. Die nächste Antragsfrist für eine Förderung durch Wege ins Theater endet am 30. April 2019.
Eine Dokumentation des Fachtags wird online zur Verfügung gestellt.