Was macht man eigentlich als Referentin für Diversitätsentwicklung für darstellende Künste für junges Publikum?

von Gabriela Mayungu

Diese und auch andere Fragen, werden mir häufig gestellt, seit dem ich die Stelle als Referentin für Diversitätsentwicklung für darstellende Künste für junges Publikum im KJTZ im September angetreten habe. Gemeinsam mit meinen Kolleg*innen mache ich mich auf eine Suchbewegung, nach mehr Teilhabe und Möglichkeiten im Kinder- und Jugendtheater, mit und für Menschen, deren Stimmen oft übergangen werden und mit denjenigen, die positive Veränderung erzielen möchten in Form der Verbündetenschaft (Allyship). Diversitätsentwicklung in den darstellenden Künsten für junges Publikum ist ein Prozess, der sich v.a. auf die Strukturen (Institutionen) und Produktionen (Aufführungen) der Praxis darstellender Künste für junges Publikum bezieht. Ausschlaggebend sind Fragen nach den Strukturen in den Häusern, die Diskriminierung hervorrufen, nach einer diversitätssensiblen Theatervermittlung und einer künstlerischen Praxis, die alle miteinschließt.

Ich befasse mich sowohl persönlich, aktivistisch und beruflich mit Diversität. Dabei liegen meine Interessen in den Zusammenhängen von Gesellschaft, Anti-Diskriminierung, künstlerischer und kultureller Praxis. Darstellende Künste und kulturelle Räume sind für mich Orte des Vergnügens und der Realitätsflucht. Allerdings können diese auch gegenteilige Erfahrungen hervorrufen. Als Schwarze Frau mit Migrations(-vordergrund) und als erste weibliche Person mit Universitätsabschluss in meiner Familie, traf ich als heranwachsender Mensch auf so manche gesellschaftlichen Herausforderungen. Ständig bekommt man von anderen zu hören, wie man zu sein hat, was man machen soll und was nicht, an welchen Orten man willkommen ist und an welchen nicht. Hierbei handelt es sich um eine kollektive Erfahrung vieler BIPoCs und anderer marginalisierter Gruppen, deren Stimmen bestimmter und immer lauter in der kulturellen Öffentlichkeit auf diskriminierende Strukturen hinweisen. „Enough is enough“ ist keine Bitte, sondern eine Aufforderung an die Mehrheitsgesellschaft, es besser zu machen.

Theater, ist einer dieser Orte, der mir fremd(bestimmt) war. Mir fehlte gänzlich der Bezug zu den Stücken, zu den Menschen, die Theater für junges Publikum machen. Für die einen sind Theater, Räume subjektiver Erfahrungen und Orte wo vieles Unmögliches möglich wird. Räume, wo sie gesehen werden und in ihrer Selbstwirksamkeit gestärkt werden. Wiederum für andere können Theater, Orte der (Re-)Traumatisierung darstellen, beispielsweise durch Formate, die diskriminierende und stereotypisierende Bilder und Narrative zeigen als auch bestehende Barrieren in den Abläufen, die meist unhinterfragt bleiben. Teilweise werden ihnen diese Orte auch durch bauliche oder sprachliche Barrieren verwehrt.

„Das Theater erfuhr ich erst dann wieder als Möglichkeitsraum, in der Begegnung mit Stücken, die mich interessierten und die auf der Bühne gesellschaftspolitische Themen subtil integrierten. Plötzlich stellte ich fest, dass auch meine Perspektiven und Erfahrungen zählen.“

Gabriela Mayungu

Darstellende Künste für junges Publikum sind sowohl auf und hinter der Bühne, Orte für gesellschaftliche Auseinandersetzungen zu Diversität. Zumal durch Kunst, Kinder und Jugendliche in ihrer Autonomie und in ihrem Entwicklungsprozess gestärkt werden können. Zum anderen sind diskriminierungsfreie Räume nun mal eine notwendige Voraussetzungen für ein gutes Arbeitsklima und einem wertschätzenden Umgang mit Vielfalt. Deshalb möchte ich gerne mit euch Theatermacher*innen ins Gespräch kommen und lade dazu ein, sich gemeinsam mit dem KJTZ und der ASSITEJ auf den Weg einer Suchbewegung zu machen für eine diversitätssensible künstlerische Praxis. Der erste Schritt sollte sein, Diskriminierung aufzuspüren, diese benennen zu können, um dann mit Entschlossenheit dagegen zu arbeiten. Diesen Grundsatz verstehe ich als elementaren Bestandteil der Suchbewegung, nach mehr Teilhabe und Möglichkeiten für darstellende Künste für junges Publikum. Denn Diversität setzt Inklusion und Chancengleichheit voraus. Chancengleichheit zu erzielen bedeutet eine Auseinandersetzung mit der Teilung und Umverteilung von Macht. In meiner neuen Stelle beim KJTZ als Diversitätsreferentin fühle ich mich angekommen. Dabei werde ich diesen Prozess begleiten und mich als critical friend für eine diversitätssensible künstlerische Praxis einsetzen. Schaut doch mal auf unserer neuen Webseite: bewusst+sein – Darstellende Künste & Junges Publikum vorbei. Dort erwarten euch spannende Beiträge zum Diversitätsdiskurs. Darüber hinaus möchte ich euch zu den Vernetzungstreffen der AG bewusst+sein einladen, die seit April 2021 besteht, zwar zwischenzeitlich geruht hat, aber nun bald wieder einberufen wird. Bei den Treffen wollen wir über diversitätssensibles Arbeiten im Kinder- und Jugendtheater sprechen und gemeinsam reflektieren, wie ein diverses und inklusives Theater für junges Publikum gestaltet werden kann. Die AG versteht sich als Forum, für die Debatte über eine diskriminierungskritische Theaterpraxis für junges Publikum. Alle sind herzlich willkommen!

Neugierig geworden? Für weitere Infos stehe ich Ihnen und euch gerne zur Verfügung.
Kontakt: g.mayungu@kjtz.de

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s