Vielfalt kartographieren

Bis Oktober läuft noch die Sichtung für AUGENBLICK MAL! 2023. Mehr als zweihundert Stücke werden die Mitglieder des Kuratoriums dann gesehen haben. Ihm gehören auch in dieser Runde des biennalen Festivals des Theaters für junges Publikum wieder fünf Personen an:
die Autorin, Regisseurin und Performerin Antigone Akgün, der Theatermacher und Kulturvermittler Malte Andritter, die Theatermacherin und Kulturwissenschaftlerin Dorothea Lübbe, die Kulturjournalistin und Redakteurin Elena Philipp sowie der Leiter des Kinder- und Jugendtheaters und Stellvertretende Intendant am Theater der Stadt Aalen Winfried Tobias. Hier stellen sie sich selbst einige Fragen zu ihrer Jurytätigkeit.


Wenn Ihr für AUGENBLICK MAL! sichtet, nach was sucht Ihr dann? 

Elena: Nach dem bleibenden Eindruck. Das hat viel mit aktivem Abwarten zu tun – schauen, was uns begegnet, was an Eindrücken bleibt, ob ich mich auch nach Wochen noch erinnere und erklären kann, warum, wie die anderen reagieren, inwiefern ihre Argumente für oder wider eine Theaterarbeit meinen Seheindruck verändern. Es ist viel im Fluss oder: das Sichten ist ein Prozess, keine zielgerichtete Suche.

Winfried: Mir fällt erst mal auf, dass ich Vieles finde, was ich vielleicht gar nicht gesucht hatte. In der Zusammensetzung unseres Kuratoriums sehe ich mich als Vertreter der festen Häuser, die häufig mehrere Stücke pro Jahr zur Aufführung bringen. Arbeiten mit Texten neuer – und etablierter Autor*innen – sind für mich deshalb per se interessant. Gleichzeitig sind die vielen anderen Setzungen – wie z.B. Tanz – für mich so inspirierend, dass ich mich frage, ob nicht Publikum aus ‚meiner Ecke‘ gerade auch solche Arbeiten sollte erleben können, statt die ’nur‘ gelungene Umsetzung eines Stückes. Ich war vor Jahren schon mal beleidigt, weil eine, wie ich fand, sehr gelungene Uraufführung unseres Theaters für AUGENBLICK MAL! offenbar nicht einmal in Erwägung gezogen wurde – das kann ich jetzt besser verstehen.

Malte: Mein Augenmerk liegt in dieser Zusammensetzung auf partizipativen Elementen der Inszenierung. Ansonsten interessieren mich oft die experimentellen Produktionen und die Formen, die gewählt wurden. Gut, dass die Vertretung Junger Perspektiven uns immer wieder darauf hinweist, dass der Inhalt der Stücke mindestens genauso wichtig ist. Allgemein würde ich aber sagen, dass ich nichts Bestimmtes suche, sondern eher etwas Neues finden möchte. Ich möchte überrascht werden.  

Dorothea: Nach Innovationen, Überraschungen, etwas was ich nicht erwarten würde. Ich suche nach richtig gutem Theater für junges Publikum, das gut gearbeitet ist, von den Inhalten stimmig ist, mit den Mitteln experimentiert und mich in den Bann zieht!

Antigone: Nichts. Ich suche nichts. Oder vielleicht suche ich danach, herauszufinden, was die Künstler*innen mit ihrer Inszenierung gesucht haben.

Was fällt Euch bei einer Inszenierung sofort auf? Worauf kommt Ihr dann vielleicht in einem zweiten oder dritten Gedanken?

Elena: Für mich ist die Atmosphäre der entscheidende Ersteindruck, wenn ich live sichte: Wie fühlt sich das an, vibriert die Luft, ist das Publikum gebannt, bleibe ich dran oder sackt meine Aufmerksamkeit ab? Den zweiten Gedanken widme ich dann analytisch der Frage, warum mich etwas (nicht) erreicht hat. Und im dritten Schritt versuche ich, auf meine eigenen blinden Flecken zu kommen – aber das geht im Kreis der anderen Kurator*innen oder zusammen mit der Vertretung junger Perspektiven viel besser. Auf Video, wo uns viele der Inszenierungen zum ersten Mal begegnen, ist es eher die Inszenierungsidee oder das Konzept, das mir auffällt; von der Atmosphäre bekommt man im Mitschnitt ja nur begrenzt etwas mit.

Winfried: Als Zuschauer sehe ich oder möchte ich sehen, wie die Inszenierung mich zu einer Begegnung einlädt. „Ihr da, ich hier, jetzt geht’s los.“ Das muss keinesfalls immer über direkte Ansprache erfolgen, auch ein Bild, das sich langsam aufbaut, kann ansprechend sein. Aber ich glaube, man positioniert sich in den ersten Minuten einer Aufführung. Und dann erlebe ich, wie sich ein ‚Wir‘ aufbaut. Im Publikum, zwischen den Performer*innen und denen, die zuschauen. Im Moment der Aufführung, aber auch im Gespräch danach. Gerade, wenn wir Theater für junges Publikum sichten, habe ich als Vater zweier Teenager-Kinder sicher oft eine andere Perspektive als das ‚Zielpublikum‘. Das heißt, was ich in einer Aufführung beim jungen Publikum erlebe – auf Video selbst bei Live-Mitschnitten schwierig – und wie wir im Sichtungsprozess z.B. mit der Vertretung junger Perspektiven über die Aufführung sprechen, spielt für die zweiten und dritten Gedanken eine große Rolle. 

Antigone: Häufig springen mir erstmal ähnliche Fragen ins Auge: Wie steht es um Repräsentation? Wie zeitgemäß ist das Dargestellte? Wie wird das Publikum mitgedacht oder gar adressiert? Wie groß ist der Anteil der moralischen Anstalt oder: wie groß ist der Anteil zum selbst Entdecken? Je nach Inszenierung überwiegt mal die eine, dann auch wieder die andere Seite. In jedem Fall informiere ich mich im Anschluss auch immer in einem zweiten Schritt über den Background der Inszenierung: Wie ist der Entstehungsprozess? Welche Ressourcen standen zur Verfügung? Was war das Anliegen? Bin immer sehr dankbar um dieses Backgroundwissen – es wirkt in den Inszenierungseindruck mit ein.

Was wäre für Euch ein ideales Festival 2023? Wie müsste es sich anfühlen? Was sollte nach seinem Ende bleiben?

Elena: Schön wäre, wenn über einzelne Entscheidungen angeregt und durchaus auch kritisch debattiert würde, aber trotzdem die meisten Besucher*innen der Meinung wären, dass sich ihr Besuch gelohnt hätte.

Winfried: Ich kann mich Elena da voll anschließen. Der Sichtungsprozess hat mich sehr bereichert. Wie lässt sich das kondensieren und erneut teilen? Die Aufführungen sollen den Austausch – in großer Runde und 1:1 – über die künstlerische Arbeit befeuern, auch über Inhalte, den Platz und ‚Auftrag‘, den die szenischen Künste für junges Publikum in der Gesellschaft einnehmen sollen und wollen. Das alles als Erfahrung für sich und als Inspiration und Ansporn für die Arbeit danach. Bitte unbedingt mit Präsenz vor Ort und hybrid, Corona zum Trotz!

Was war für Dich die herausragendste Begegnung mit Deinen Kolleg*innen?

Malte: Ob auf dem KUSS-Festival in Marburg, auf der Schönen Aussicht in Stuttgart oder bei Hart am Wind in Bremen: wie das Festival-Catering war, war immer ein wichtiges Thema für uns. Und würde es ein Catering-Festival geben, würden wir die Pfandteller des KUSS-Festivals mit dem italienischen Buffet aus Bremen kombinieren.  

Dorothea: Definitiv die Gespräche mit der Vertretung für junge Perspektiven nach gemeinsamen Theaterbesuchen! Das macht richtig Spaß und bereichert!

Winfried: Ich würde die Frage gerne auf den Kreis aller Kolleg*innen erweitern. In der täglichen Arbeit, aber auch im Sichtungsprozess, in dem an Häusern und bei Festivals Vorstellungen coronabedingt entfallen und generell viel über Video gesichtet werden muss, erlebe ich die Anstrengungen der ganzen Szene, in den festen Häusern wie vielleicht noch mehr im freien Bereich. Ich habe selber AUGENBLICK MAL! oft als ‚Show der Besten‘ wahrgenommen, in der aber gleichzeitig viel Alltagsarbeit gar keinen Platz zu haben schien. Tatsächlich geht es ja einerseits um Herausragendes. Das aber vielleicht auch im Sinne von Wegmarken, um die Bandbreite und das Angebot der Künste für junges Publikum zu kartographieren. Um gemeinsam einen Eindruck zu gewinnen und Ideen zu entwickeln, was sich wo noch besser vernetzen könnte. Ich bin eigentlich bei jedem Video und jedem Theaterbesuch dankbar dafür, dass es ein so großes Angebot gibt und welche Arbeit die vielen Kolleg*innen dafür geleistet haben. Wie wir dem gemeinsam Respekt zollen und diese Vielfalt feiern können, ist für mich die Frage. Die einzelne herausragendste Begegnung kommt also hoffentlich noch…

Antigone: Ein offener Austausch über das Gesehene ist mir sehr wichtig. Und dass dieser auch Personen umfasst, die nicht zum klassischen ‚Fachpublikum‘ gehören. 😉


Antigone Akgün arbeitet als Regisseurin, Autorin und Schauspielerin an deutschsprachigen Stadt- und Staatstheatern, wie auch in der freien Szene. Nach einer Schauspielausbildung in Griechenland, studierte sie Theater-, Film- und Medienwissenschaften, Griechische Philologie, Klassische Archäologie und Philosophie in Frankfurt, sowie Dramaturgie (MA) an der Hessischen Theaterakademie. In ihrer künstlerischen Praxis beschäftigt sie sich mit der Überschreibung kanonischer Literatur und versucht, Multiperspektivität hör- und sichtbar zu machen.

Malte Andritter, derzeit 34 Jahre alt, ist Theaterschaffender und Kulturvermittler im ländlichen Raum in Schleswig-Holstein. Er studierte Szenische Künste in Hildesheim und organisierte fünf Jahre das Junge Volkstheater in Wien. Seit 2021 produziert er mit seinem Kollektiv Prinzip Rauschen Theaterprojekte, die sich zwischen Performance und Hörspiel im öffentlichen Raum verorten. Seit 2021 beackert er als Vorstandsmitglied im Landesverband Freier Darstellende Künste Schleswig-Holstein e.V. kulturpolitische Themen.

Dorothea Lübbe, 35 Jahre alt, ist Regisseurin, Musikvermittlerin und promovierte Kulturwissenschaftlerin im Feld der „Kulturwissenschaften & ästhetische Praxis“ (Uni Hildesheim) und „Médiation Culturelle de l’Art“ (Uni Aix-Marseille). Sie ist als Theatermacherin für (Musik-)Theater und Community Theatre Projekte,  Autorin sowie als Dozentin tätig. In eigenen künstlerischen Arbeiten kreuzen sich Musik, Theater und Community mit dem Bestreben, Menschen zusammenzubringen und die bestehenden Konventionen und Formen von Theater in Theorie und Praxis neu zu befragen. Zusammen mit Florian Stiehler, Thomas Fiedler und Jutta Wangemann übernahm Dorothea Lübbe die künstlerische Leitung der Interimsspielzeit 2020/21 am THEATER AN DER PARKAUE – junges Staatstheater Berlin und verantwortet das Community Theater.

Elena Philipp, derzeit 44 Jahre alt, ist Redakteurin bei nachtkritik.de und schreibt für Zeitungen und Fachmedien. Mit Susanne Burkhardt von Deutschlandfunk Kultur hostet sie allmonatlich den Theaterpodcast. 2021 war sie im Herausgeber:innen-Team des Sammelbandes “Theater und Macht. Beobachtungen am Übergang” der Heinrich Böll Stiftung und von nachtkritik. Studiert hat sie Theaterwissenschaft, Film und Vergleichende Literaturwissenschaft sowie ein paar Semester Politik, Soziologie, Geschichte und VWL.

Winfried Tobias, Jahrgang 1970, ist seit 2013 Leiter des Kinder- und Jugendtheaters und Stellvertretender Intendant am Theater der Stadt Aalen in Baden-Württemberg. Berufliche Stationen nach dem Studium in Gießen waren verschiedene Stadttheater, Justizvollzugsanstalten und das Berliner GRIPS. In der Theaterarbeit vorrangig Arbeit mit zeitgenössischen Texten, Autorinnen und Autoren. Kulturpolitisch engagiert er sich im Arbeitskreis Junges Theater Baden-Württemberg.

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