Was kann eine queere Theaterpädagogik sein?

Die ASSITEJ-Werkstatt „Gendersensibel handeln in der Theaterpädagogik“

von Marguerite Windblut 


Wir schreiben den 22. Juni 2022. Sonne pur – verheißungsvoll für einen schönen Tag am TDJW, dem Theater der Jungen Welt in Leipzig. Unter dem Titel „Gendersensibel handeln in der Theaterpädagogik“ steht er als ASSITEJ-Werkstatttag unter dem Zeichen danach zu fragen, was und wie eine queere und/oder queerfeministische Theaterpädagogik sein kann, die diverse Konzepte von Geschlecht, Identität, Begehren und Weltsicht beinhaltet. Eingeladen sind Theatermacher*innen, Pädagog*innen, Dramaturg*innen, Studierende und alle, die sich für das Thema interessieren. Ganz im Bewusstsein eines offenen Queer-Begriff, der ‚Bestehendes‘ permanent befragt und ausschließlich cis-männlich oder cis-weiblich ausgelegte, heterosexuelle Sicht- und damit auch Handlungsweisen bereichert und erweitert, ist diese Werkstatt mit verschiedenen Formaten gefüllt:
zunächst mit einem Inszenierungsbesuch des Stückes Der Katze ist es ganz egal (9+, nach dem Kinderbuch von Franz Orghandl, Regie: Katja Lehmann) der sowohl für Werkstattteilnehmer*innen als auch für Schüler*innen offen war (regulärer Spieltermin im Wochenprogramm),
im Anschluss mit dem offiziellen Beginn durch einen Impuls von Laura Kallenbach (Theaterwissenschaftlerin und -vermittlerin, Dramaturgin und Gründungsmitglied des queerfeministischen Performancekollektivs CHICKS*)
und darauffolgend mit zwei parallel stattfindenden Workshops, die sich mit einem gendersensiblen Handeln in theaterpädagogischer Arbeit mit Schüler*innen (also auf eine bestimmte Altersgruppe konzentriert) sowie im Freizeitbereich (also tendenziell vom Alter der Teilnehmenden her offener) beschäftigten. Die Werkstattgäste konnten sich im Vorfeld für einen der beiden Workshops entscheiden.

Foto: Tom Schulze

Es ist kurz vor 10 Uhr, die Türen des kleinen Theatersaals öffnen sich und eine Schulklasse strömt hinein. Auf der Bühne steht ein*e Schauspieler*in – inmitten von aufgebauten Flatscreens und einem Greenscreen im Hintergrund sowie einer Kamera. Mit all diesen Mitteln beschreitet die spielende Person den Weg der Geschichte eines jungen Menschen in Wien. Dieser Mensch entscheidet sich ab sofort dafür, den Namen Jennifer zu tragen und die eigene Identität mit diesem Namen zu erkunden, sich anders zu frisieren, zu bewegen und andere Dinge zu tun als sonst – was in diesem Fall nicht frei von Reibung ist. Aber mit Hilfe von unterstützenden Freund*innen schafft Jennifer es vor allem, dass ihre Eltern aufhören, ihre Identität in Frage zu stellen. Thematisch also ein perfekter Einstieg für den Tag. Die Schulklasse sitzt gebannt in der Vorstellung, folgt dem Spiel auf Screens und Bühne, bewundert die tollen grafischen, comicartigen Elemente der Inszenierung und die zahlreichen Switches der Figuren, denn Schauspieler Sven Reese spielt alle Figuren mit Kostüm- und Perückenwechseln – ein Feuerwerk vieler interessanter Theatermittel. Im Anschluss gibt es ein Nachgespräch in kleinen Gruppen. Hier auch spannend, weil dieses sowohl von Schüler*innen als auch dem Werkstatttagpublikum in Tandems bestritten wurde: Welches Bild von Femininität wird in der Inszenierung vermittelt? Werden neben vielen empowernden Elementen vielleicht aber auch Diskriminierungen reproduziert? All diese Fragen umrissen schon perfekt die vielen Denkanstöße, die im weiteren Verlauf des Tages entstanden.

Es ist 12 Uhr und das Werkstattplenum mit den Teilnehmer*innen findet sich im großen Saal des TDJW im Halbkreis zusammen. Endlich können wir uns alle gegenseitig in die Augen gucken. Wir begrüßen uns, Intendant*in Winnie Karnofka und Theaterpädagogikleiter*in Katrin Maiwald freuen sich über die Werkstatt am TDJW. Danach zum persönlichen Einstieg erzählen wir Teilnehmer*innen uns alle einen Satz zur persönlichen Geschichte unseres Namens. Etwas, was ja auch in dem Stück davor ein zentrales Thema war – der persönliche Name und die Freiheit, über diesen selbst zu entscheiden. Angekommen in der Runde bei Laura Kallenbach nimmt sie uns mit auf eine kleine Reise in ihre Promotionsarbeit an der Universität Hildesheim unter dem Titel „Doing Gender als ästhetische Praxis in der Theaterpädagogik“, in der sie untersucht, wie in theaterpädagogischen Arbeiten Geschlecht und Geschlechterrollen verhandelt und ästhetisch umgesetzt werden. Als Gründungsmitglied des queerfeministischen Performancekollektivs CHICKS*, welches bisher an verschiedenen meist freien Produktionshäusern in Deutschland (u. a. Schwankhalle Bremen, LOFFT Leipzig) Projekte mit Jugendlichen oder Menschen anderen Alters umgesetzt hat, nimmt sie die Arbeiten von CHICKS* auch zum Gegenstand der Untersuchung. Zentral sind neun Punkte einer queerfeministischen theaterpädagogischen Arbeit, die sie dabei als charakteristisch herausgearbeitet hat. Unter Oberbegriffen wie Raum, Material, Probenstruktur, Performative Strategie, Umgang mit Hierarchie, Recherche, etc. geht Laura Kallenbach in die Tiefe, beschreibt Probenprozesse, die natürlich einer Struktur bedürfen, aber auch individuell nach Möglichkeiten der Teilnehmer*innen gestaltet werden und ein Aufbrechen starrer Zeitstrukturen bedeuten. Probenstrukturen, die vor allem mit langen Rechercheprozessen verbunden sind – sich Zeit zu nehmen für Material, sei es aus Büchern, Videos oder physischen Dingen, Gegenständen, Kleidung etc. Sich auch Zeit zu nehmen für das Besprechen von individuellen Performance- und Spielaufträgen für die mitspielenden Personen. Nicht ständig nach ‚gleichmachenden‘ Formalisierungen für die Bühne zu forschen (die ja teilweise recht beliebt sind als theaterpädagogische Inszenierungsform) sondern das Individuelle in jeder Person gerade mit den Spielaufträgen herauszuarbeiten. Gemütliche Probenraumgestaltung, ein bewusster Umgang mit Hierarchien etc. – alles wirklich wichtige und spannende Anstöße – auch in dem Bewusstsein, dass sich diese vielleicht nicht immer eins zu eins auf eine Stadttheaterstruktur und die Bedingungen in vielen theaterpädagogischen Abteilungen übertragen lassen, wo zeitlich und personell limitierte Prozesse (leider oft) den Alltag bestimmen.

Foto: Ida Zenne

14 Uhr, ich Schreibende*r beginne mein Workshop-Hopping am Nachmittag. Im Workshop 1 unter Leitung von Katrin (Leitung QUEERTOWNS), Johanna (Assistenz und Teilnehmende QUEERTOWNS) und Jose (Teilnehmende QUEERTOWNS) im großen Saal legt die Gruppe Zettel auf dem Boden aus und beschreibt, an welchen Orten im Raum sich jeweils die teilnehmende Person sichtbar oder unsichtbar fühlt. Dieses Gefühl von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit ist für queere Menschen, die in einer heterosexuell dominierten Gesellschaft leben, etwas oftmals Begleitendes. Es gibt Punkte, an denen ich sichtbar sein will, wiederum Punkte, wo nicht, wo ich es aber bin. Oder Orte, an denen ich es mir sehr wünsche, es aber nicht bin.

Foto: Ida Zenne

Diese Übung entlehnt sich aus dem künstlerischen Konzept der Gruppe „Leipzig“ aus der queeren Ferienwerkstatt QUEERTOWNS, die zeitgleich im April 2022 als städteübergreifendes Projekt am TDJW Leipzig, tjg. Dresden, Schauspiel Essen und JES Stuttgart stattfand. Übersetzt wird dann das, was auf den Zetteln steht, in individuelle Bewegung im Raum, die in der Entwicklung gegenseitige Spiegelmomente enthält und sich letztlich zu einem Schwarm formiert, in dem jede*r einmal die Möglichkeit hat, mit einer Bewegung einen Impuls für die ganze Gruppe zu setzen. Eine schöne Form von inhaltlicher Auseinandersetzung kombiniert mit Methoden des Community Dance. Bewegungen im Raum – zunächst individuell, brüchig, dann spiegelnd, in einen gemeinsamen Rhythmus findend und letztlich Gemeinschaft verkörpernd!

Im Workshop im kleinen Saal unter Leitung von Veronique (Theatervermittlerin TDJW) und Julika (Bildungsreferentin RosaLinde e.V.) sitzen die Teilnehmenden im Kreis und besprechen die Ergebnisse einer Fragerunde an eine fiktive Figur, die jeweils eine heterosexuelle und queere Position innehatte, und vergleichen die „Ja’s“ und „Nein’s“. Auffällig werden dabei natürlich Diskriminierungsmechanismen und unterschiedliche Handlungsfreiheiten – die vorhandene Eingeschränktheit von queeren Personen wird aufgezeigt und deutlich spürbar und erfahrbar gemacht.

Das Spannende an beiden Workshops sind die Arbeitsformen und Methoden, um sowohl inhaltlich in queerbezogene Themen wie Sichtbarkeit/Unsichtbarkeit oder Identitäts- und Begehrenserfahrungen (sehr praktisch in der fiktiven Geschichte in Workshop 2) einzutauchen, aber gleichzeitig auch ästhetische Vorgänge zu praktizieren.

16:15 Uhr, wir kommen alle nochmals im großen Saal zusammen. Ein Tag voller Impulse neigt sich dem Ende zu. In Form eines Zielscheibenfeedbacks konnten die Teilnehmer*innen nochmals einzelne Spotlights und Gedanken benennen. Für viele war der Tag sehr intensiv. Interessante Anstöße entstanden – wie der Wunsch, dieses Thema auf jeden Fall auch intersektional zu betrachten (also wenn sich verschiedene Diskriminierungsformen gegenüber bestimmter Personen in einem überschneiden) oder teilweise auch mehr ländliche Regionen in den Mittelpunkt eines solchen Themas zu rücken, diesbezüglich Erfahrungen zu teilen oder Besonderheiten zu erörtern. Langsam tröpfeln einzelne Teilnehmer*innen bereits aus dem Werkstatttag, andere bleiben in Zweiergespräche und wir lösen das Ganze in Zweiergespräche vertieft offen auf.

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