Auswahllisten zum Deutschen Kindertheaterpreis 2022 und Deutschen Jugendtheaterpreis 2022: Teil 4

David B. Brückel Foto: Thomas Rabsch

Heute setzt der Juror David Brückel, Dramaturg am Jungen Schauspiel des D’haus, Düsseldorf, die Vorstellung von Stücken aus den Auswahllisten zum Deutschen Kindertheaterpreis 2022 und zum Deutschen Jugendtheaterpreis 2022 fort und schreibt hier zu vier Texten von Lena Gorelik, Marie-Hélène Larose-Truchon, Fayer Koch und Sergej Gößner.

Als die Welt rückwärts gehen lernte (6+)
von Lena Gorelik (Deutschland)
Rowohlt Theater Verlag, Hamburg

Joshi hat es satt. Weil er gerne Kleider trägt, lachen ihn die anderen Kinder aus. Die Erwachsenen loben ihn, weil er sich was traut. Auch das hat Joshi satt.
Mira hat die Lehrerin geduzt und dafür Ärger bekommen, weil es gegen die Regeln ist. Sie findet es blöd, dass immer andere irgendwelche Regeln aufstellen, die dann für alle gelten sollen. Daran würde sich wohl so schnell nichts ändern, wenn es nur die eine stinknormale, ultranervige Welt gäbe, in der alles wie immer ist. Doch dann tritt eine weitere Welt auf, in der alles anders ist. Tiere und Dinge beginnen zu reden. Und die Menschen benehmen sich ziemlich sonderbar. Mira und Joshi sind durcheinander. Dass alles anders sein soll, ist nämlich genauso sinnlos, nur eben umgekehrt. Mit feinem Gespür für absurde Figuren und Situationen stellt Lena Gorelik die Welt auf den Kopf und die Frage, was Joshi und Mira eigentlich wollen, wenn sie nach dem Untergang der Welten ihre eigenen Regeln machen dürfen.

Amanda Mandel (8+)
(Amande-Amandine)
von Marie-Hélène Larose-Truchon (Kanada)
aus dem Französischen von Uli Menke
Verlag der Autoren, Frankfurt am Main

Im grauen Zimmer eines Krankenhauses begegnen einander Amanda Mandel und der Kranke Mann. Doch während der nur noch ein Schatten seiner selbst ist, sprüht das Mädchen nur so von Phantasie und Vorstellungskraft. Von der Krankheit zunehmender Zappeligkeit über die Spinnenkrankheit bis hin zur Keinekrankheitkrankheit wird es von immer neuen fantastischen Beschwerden geplagt. Der Kranke Mann spricht dem Mädchen Mut zu. Er weiß, dass gegen die gelbe Angst nur blauer Wackelpudding hilft. Umgekehrt glaubt das Kind insgeheim daran, dass auch der Mann eines Tages geheilt wird. Aus gegenseitiger Zuwendung erwächst Zuversicht und wir erfahren, was die beiden so unterschiedlichen Menschen aneinander bindet. Mit surrealen Bildern und einer poetischen Sprache voller Komik findet Marie-Hélène Larose-Truchon einen überraschenden Ausdruck für die Erfahrung von und den Umgang mit Krankheit aus der Sicht von Kindern.

Anorexia Feelgood Songs (14+)
von Fayer Koch (Deutschland)
Rowohlt Theater Verlag, Hamburg

Sommer am Kanal. Flirrende Hitze. Jungs in Badehosen. Berentzen Maracuja. Schwimmen. Lachen. Mutproben und Rituale. In der Ausgelassenheit fällt zunächst nicht auf, dass einer immer stiller wird. Manchmal sehnt er sich danach, Ordnung in das Wirrwarr aus Pubertät, Männlichkeitsklischees, eigenen Wünschen und Erwartungen anderer zu bringen. Manchmal ist er damit überfordert. Er wird immer dünner und schwächer. Irgendwann sorgen sich die anderen um ihn. Ein lebensbedrohlicher Badeunfall macht allen schließlich klar: Es ist höchste Zeit zu handeln. Alle Anzeichen verdichten sich zu einer Diagnose: Magersucht. Mit einem einfühlsamen, entspannten und zugleich rhythmischen, ganz eigenen Sound erzählt Fayer Koch die Geschichte eines Heranwachsenden zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung. Auf behutsame Weise lenkt er die Aufmerksamkeit auf ein Thema, das gesellschaftlich wenig Beachtung findet, weil manche Vorstellungen von Männlichkeit einfach nicht dazu passen wollen.

Wegklatschen. Applaus für Bonnie und Clyde (13+)
von Sergej Gößner (Deutschland)
Felix Bloch Erben Verlag für Bühne Film und Funk, Berlin

Wie weit würdest du für deine politischen Überzeugungen gehen?
Mona, Maik, Paul, Leo und Tobi wollen dem Hass in der Welt und auf Social Media mit Witz und Herz begegnen. Sie diskutieren über Hannah Arendt, Justin Bieber und die Political Correctness von Thunfischpizza. Sie sind links und planen kreative Aktionen gegen rechts. Was mit harmlosen Streichen beginnt, läuft aus dem Ruder als das Kollektiv einen ehemaligen SS-Offizier zu Hause aufsucht, um ihn mit seinen Verbrechen zu konfrontieren. Plötzlich ist der 100-Jährige tot. Unfall oder Mord? Mit knappen, lakonischen Sätzen springt Sergej Gößner schnell zwischen den Figuren und Zeitebenen hin und her. Einer moralischen Bewertung enthält er sich. So ist es am Publikum, das Denken und Handeln der Figuren einzuordnen, die Todesumstände zu rekonstruieren und das Verhältnis von Rache, Recht und Gerechtigkeit zu diskutieren.

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