SPURENSUCHE: Tag 3

Wir haben das Bergfest gefeiert. Wir haben in einen Geburtstag reingefeiert. Wir sind bei Tag 3 angekommen. Es ist Dienstag, der 21. Juni 2022, in München.

Foto: Cordula Treml

3 Workshops.

„Mein rechter, rechter Platz ist frei und ich wünsche mir Jörg herbei“, sagt eine weibliche Stimme. Sie klingt weich. Sie erklingt von schräg gegenüber, etwa auf zehn Uhr. Eine Person steht auf. Schritte tapsen vorsichtig und langsam über den Boden. Das Gummi der Sohlen quietscht leicht. „Ich bin hier, komm näher. Folge meiner Stimme, ich kann dich schon hören. Du bist fast hier. Dein Stuhl steht nah bei meinem.“ Ein Stuhl schabt kurz über den Boden. Jörg setzt sich. Stille. Im Hintergrund schnorchelt die Kaffeemaschine.

Etwas später. „Wir reihen uns nun auf. Die nicht sehenden Personen umfassen den Ellenbogen der Sehenden. Wir gehen los. Wir gehen nach draußen. Bitte führt keinen Small Talk. Die Sehenden beschreiben den Nicht-Sehenden bitte den Untergrund, weisen auf Unebenheiten und Stufen hin. Wenn wir durch Türen oder Engstellen gehen, gehen die Sehenden voran.“ Während wir in den letzten zwei Tagen vor allem erfahren und diskutiert haben, wie Theater für nicht hörende Menschen erlebbar werden kann, sind wir nun vollständig auf das Hören angewiesen. Im Workshop von Lavinia Knop-Walling tragen wir Schlafmasken, um den Sehsinn auszuschalten. Uns bleiben: fühlen über die Füße, hören mit den Ohren und riechen. Der Raum, der in der Dunkelheit entsteht, ist geprägt von Sinneseindrücken, die sonst zwar auch da sind, aber überlagert von der Gewohnheit zu sehen. Wie oft gehen wir mit Kopfhörern durch die Stadt. Wie selten achten wir auf den Geruch des Windes. Weißt du, wie deine Stadt riecht im Gegensatz zu einer anderen oder dem Land? Wie sehr sind wir gewohnt, Höhenunterschiede beim Gehen, beim Treppensteigen, beim Surfen, Skateboard Fahren oder Schwimmen mit dem Blick auszumessen anstatt zu erspüren. Jetzt müssen wir. Jetzt können wir nicht sehen. Wir vertrauen der Person, deren Ellenbogen wir umklammern, dass sie uns leitet und mit Warnungen weist: „Achtung, es kommt eine Stufe. Jetzt Kopfsteinpflaster, Schotter, Asphalt, eine Bodenwelle, eine Stufe.“ Vorsichtig schiebt sich der Fuß die Kante hinunter, um auszumessen, wie hoch die Stufe ist. Dabei gibt es auf dem Gelände von Pathos Theater und schwere reiter keine größeren Stufen – zumindest nicht im Publikumsbereich. Dafür viele verschiedene Untergründe, die plötzlich irritieren und viel präsenter sind als je zuvor.

Manche verlieren zu Beginn leicht das Gleichgewicht, die Orientierung oder das ganze Raumgefühl. Wie weit sind die Personen oder Fahrzeuge entfernt? „Ich kann die Wände hören“, sagt eine Teilnehmerin. Zurück im Seminarraum machen wir weitere Übungen: Gegenstände beschreiben und sie dann die nicht sehende Person ertasten lassen. Filmszenen beschreiben, damit sie die nicht sehende Person sich vorstellen kann. Wie lässt sich Visuelles für blinde Menschen erlebbar gestalten – im Theater, im Film, im Alltag? „Show! Don’t tell!“ ist ein gängiges Prinzip der neueren Schulen für Kreatives Schreiben. Zeige, statt zu erklären. „Eine geburtsblinde Person kann mit der Beschreibung ‚Er schaut angestrengt‘ nichts anfangen. ‚Er kneift die Augen zusammen und presst die Lippen aufeinander‘ ist schon eher nachvollziehbar“, erklärt Lavinia. In der Praxis bedeutet das, dass Theaterschaffende, von Schauspieler*innen über Regisseur*innen bis Dramaturg*innen, ihren Erfahrungsschatz mit blinden Menschen und Audiodeskriptor*innen zusammenlegen sollten. Abstrakte Beschreibungen, die den ästhetischen Anspruch der Kunstschaffenden abbilden, sollten in einem ausgewogenen Verhältnis mit literarischeren Formulierungen zugunsten der Vorstellungskraft von Sehbeeinträchtigten stehen, um ein bestmögliches Ergebnis zu erzielen. Die Branche ist noch längst nicht da angekommen, wo man von Barrierefreiheit sprechen könnte.

Foto: Cordula Treml

3 Panels.

Inzwischen haben wir auch drei Gesprächsformate absolviert – zwei davon am heutigen Tag. Am Vormittag gab es einen Erfahrungsaustausch zu Diversität in Ausbildungssituationen in der Kultur. Was heißt es überhaupt, professionell zu arbeiten, ein*e professionelle*r Schauspieler*in zu sein? Wie können Personen, die durch das System in der Ausbildung benachteiligt werden, ihr Recht auf Gleichbehandlung einfordern?

Am Nachmittag wurde das Konzeptionsteam der SPURENSUCHE 2022 gegrillt – und hat währenddessen seinen eigenen Beilagensalat zubereitet … war lecker! Und informativ. Transparenz zu den Höhen und Tiefen, Highlights und Herausforderungen in der Vorbereitung des diesjährigen Arbeitstreffens standen nach wie vor im Mittelpunkt. Aber noch viel wichtiger: Was lernen wir daraus fürs nächste Jahr? Das wird im vierten und letzten Panel am Festival-Mittwoch Thema sein. Aus den Einblicken in die Entstehung der Neukonzeption der inzwischen 30 Jahre „alten“ SPURENSUCHE soll dann nämlich herausgefiltert werden, wie das Wissen von diesem in die Konzeption des kommenden Arbeitstreffens transferiert werden kann.

Foto: Cordula Treml

3 Beine.

Am Abend haben wir dann noch gebastelt. Das Dreieck ist die stabilste Form, die Mutter Natur hervorgebracht hat. Ein Dreibein steht am Stabilsten. Jede mehrteilige Formation lässt sich leicht zerschlagen. Parallelverschiebung und so. Aber die Styropor-Teilchen, die wir mit Schaschlikspießen, die vom Grillen übriggeblieben sind, zusammenstecken, bauen sich zu stabilen, kleinen und großen Gebilden auf. Daran reflektiert sich buntes Licht. Dazu dröhnt der Bass. Die audiovisuelle Gehörlosen Disco mit dem Munich Deaf Disco Kollektiv kommt gut an.

Foto: Cordula Treml

3. Tag.

Die heutigen Learnings: Es gibt noch viel zu tun. Kunst muss auch mal laut sein. In jedem kreativen Prozess gibt es den Melting Point der Überforderung.

Auch morgen lassen wir euch hier noch einmal teilhaben. Und natürlich auch im Livestream von Panel 4 um 13 Uhr und auf Instagram.

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