zusammen+arbeiten: Kannst du es sehen, das Plus?

Dieser Artikel ist in gekürzter Form abgedruckt in IXYPSILONZETT. Das Magazin für Kinder- und Jugendtheater 02.2020, erschienen im Oktober 2020 im Verlag Theater der Zeit. Lena Gorelik hielt diesen Vortrag im Oktober 2019 zur Eröffnung des Frankfurter Forum Junges Theater: zusammen+arbeiten.

Siehst du mich, wie ich hier stehe, alleine? Ich stehe nicht zusammen, ich stehe alleine. Ich bin mir nicht so sicher, warum ich hier alleine stehe, es ist immer diese Unsicherheit, wenn man*frau alleine steht und zu anderen spricht, weil: Wer hat einem die Erlaubnis dazu, das Podium gegeben? Wer erteilt mir das Wort, und warum? Und wem erteile ich das Wort, wenn ich – zum Beispiel – schreibe, wenn ich – zum Beispiel – Figuren sprechen lasse, oder gehört das Wort für immer mir, auch dann noch, wenn ich fremde Geschichten erzähle? Wer kommt eigentlich warum und wie zum Wort? Wer darf erzählen, wen fragen wir, und warum sind es wir, die fragen? Du kennst sie vielleicht, diese Fragen beim Schreiben. Oder du kennst sie nicht, weil du nur schreibst. Schreiben ist manchmal eine recht einsame Angelegenheit.

Siehst du mich, wie ich hier stehe, alleine, und einen Text lese, von dem ich mir nicht sicher bin, ob er nicht zu literarisch ist, weil wir hier über Theater sprechen, über Kinder- und Jugendtheater. Weil es hier um Arbeit gehen soll, und viel wichtiger noch über Zusammenarbeit, wie ich hier alleine stehe und spreche, und nicht weiß, in welcher Funktion ich das tue, weil ich gerade an einem Kindertheaterstück arbeite, einem Stück für Kinder, das nicht nur am PATHOS Theater in München aufgeführt wird, sondern vor allem am PATHOS Theater, zusammen mit dem PATHOS Theater, zusammen mit Kindern entsteht? Oder stehe ich wegen des anderen hier, wegen des Zusammen, weil es mir in allem, was ich schreibe, was ich sehe, was ich frage, was ich denke, so wichtig ist, diese Frage. Wie leben, arbeiten, schreiben, streiten, lieben wir zusammen? Es gibt gute Gründe dafür, für dieses Zusammen zu kämpfen, aber wenn man*frau sie aufzählt, haben sie diese Eigenart, in Richtung Pathetik zu rutschen, und am Einfachsten, vielleicht am ehrlichsten ist diese Begründung: Weil ich das Antonym kenne, das Alleine. Das Alleine habe ich kennengelernt, da war ich so, wie diejenigen, für die und über die – und hoffentlich mit denen zusammen – wir, du und ich, Theater machen, ich war ein Kind, und das Kind ist jugendlich geworden, und das Gefühl blieb, es blieb zu lange, und lange genug, damit die Erinnerung währt, damit etwas entstehen kann daraus. Ich war, was man „Migrantenkind“ nennt, was man aus Statistiken kennt, was die anderen Kinder „anders“ nannten, ich stand da ohne Sprachkenntnisse und Freund*innen, ich sah allen anderen beim Leben zu. Nichts, was geschah, richtete sich an mich, und ich richtete mich auch an niemanden, einerseits, weil mir die Sprache natürlich fehlte, und andererseits die Kraft, das Wissen um mich selbst.

zusammen+arbeiten: Kannst du es sehen, das Plus? Kannst du diese zwei Striche sehen, die sich kreuzen, die sich an einem Punkt treffen, kannst du ihn sehen, spüren, kannst du ihn hören, diesen Punkt? Kannst du, wenn du genau da stehst, an diesem Punkt, wo sich die beiden Striche treffen, kannst du alles andere sehen, ein Sternchen zum Beispiel, den Punkt in der Mitte, an dem sich in diesem Fall mehr Striche treffe, dieses eine kleine Zeichen, wie von Kinderhand gemalt, wie aus einer anderen Welt, nicht aus der, aus der die Buchstaben stammen, kannst du es sehen, das Sternchen, das alles kann? Das Sternchen ist klein, noch kleiner als das Plus ist es, aber es kann, was so viele heutzutage – oder war es schon immer schon so? – nicht mehr können: Es kann inklusiv. Es kann alle meinen und nicht nur sich selbst und nicht nur jene, die so sind, wie man selbst, oder so aussehen, oder so denken, oder so sprechen, oder so arbeiten, oder so glauben, oder so lieben, oder sich selbst so identifizieren, oder so verdammt austauschbar sind, dass man vor Langeweile beinahe kotzen könnte: Es trägt dieselbe Schuluniform wie du. Das Sternchen ist anders: Das Sternchen sagt „alle“, es braucht nicht viel Raum dazu, und erhebt so großartig unkonform die Stimme: Es stellt sich einfach mitten ins Wort. In diese wohl geordnete, Regeln beherrschte deutsche Sprache, es traut sich, einfach mitten hinein: Autor*innen. Schauspieler*innen. Zuschauer*innen. Dramaturg*innen.

Und wir, wir kommen dem Sternchen einfach nicht schnell genug hinterher: Ich zum Beispiel muss das noch lernen, das Sternchen mitzusprechen: Autor*innen, ohne zu stolpern, nicht, weil es mir schwer fallen würde, daran zu denken, nein, sondern weil mir die Aussprache tatsächlich schwer fällt: Diese Pause genau einzuhalten, nicht zu kurz und nicht zu lang, sondern genau richtig, und dann das „innen“ hinterher, mit dem kurzen Vokal und dem doppelten „n“, was mich sofort in andere Zeiten versetzt, als ich elf Jahre alt und ganz neu in Deutschland, und fremd und verwirrt und verdammt einsam und wortlos auch, und ich so stolperte durch die deutsche Sprache und ganz oft auch über den Unterschied von kurzen und langen Vokalen, die es in meiner Muttersprache, im Russischen, nicht gibt. Ich kannte das Wort „inklusiv“ nicht, ich kannte aber vor allem das andere nicht, das dazugehörige Verb: Inkludiert zu werden.

Andere – besorgniserregenderweise – auch viele Autor*innen sind noch langsamer als ich. Sie weigern sich, sie kämpfen gegen das Sternchen an. Jene, die es gewohnt sind, Welten zu lesen und Welten zu erschaffen, denen nachgesagt wird, dass sie frei seien von Gedankengrenzen und aus Vorstellungen geschaffenen Zäunen, die Figuren und Szenen und Welten zaubern können, so sagt man, wehren sich und schmeißen mit Worten um sich: Das Sternchen schränke sie ein. Sie wollen frei sein, in ihrem Lesefluss, in ihrem Schreibfluss, wollen frei davon sein, jene, die anders sind als sie selbst, mitzudenken, mitzumeinen, mitzuschreiben, zu inkludieren, sie stören sich, stolpern am Sternchen.

Wir sind die, die die Worte in den Händen halten, sie aufs Papier drücken, sie auf Bühnen bringen, sie Figuren und Menschen in den Mund legen, wir sind es, die das Wort beherrschen, die Anordnung der Sätze, die Setzung der Themen, den Blickwinkel, die Perspektive, wir sind es, die Entscheidungen über Wahrnehmung und Definition treffen, wir geben vor, wir stellen hin, stellen auf, stellen dar, auch die Entscheidung, wen wir beim Schreiben mit denken, wessen Gedanken, wessen Lebenswelten, wessen Ansichten, wessen Fragen, wessen Wut, wessen Ich. Das Sternchen ist kein Gender-Sternchen, es ist ganz klein, und manche beschweren sich, dass es den Lesefluss störe, das Sternchen ist noch bedeutsamer als die Frage, welche Gender-Identifikationen mit gesprochen, geschrieben werden. Das Sternchen vermag, auf Lebensrealitäten hin zu weisen, die größer sind, als was wir kennen, sehen, auch uns anlesen können, es mag zeigen, dass die Welt größer ist als wir.

Siehst du das Plus, das ich auch sehe, aus dem meine Augen gleich ein Sternchen machen, bei dem ich nicht ans Schreiben denke, weil es zu einfach wäre, es nur in Worte hinein zu tippen. Es geht darum, es mitzudenken, weiterzudenken, abseits von Kategorien zu denken, von Berufsbezeichnungen, Autor*in, Dramaturg*in und so weiter, von festen Strukturen, weiter zu denken, über jede Barriere hinaus, Barrieren wegzudenken, abzubauen, den Raum zu öffnen, auch für diejenigen, die nicht wissen, wie Theater buchstabiert wird, für diejenigen, die nicht ahnen, was Inszenierung heißen könnte, und seien wir mal ehrlich, das vielleicht nicht tun müssen. Den Raum zu öffnen für das, was sie denken und sehen, und damit auch den Raum zu öffnen für das, was Theater vermag.

Siehst du das Plus, das kleine zwischen „zusammen“ und „arbeiten“, kannst du es sehen? Wenn wir über das Schreiben, über Theater, über das Schreiben für, im und übers Theater sprechen, dann tun wir das nicht in einem vakuumgefüllten Raum, wir tun es in der Welt. Das war, seit es Theater gibt, der Fall, das ist vielleicht das Großartige daran. Theater ist ein Wiederhall, es ist eine Antwort, obwohl oder weil es gleichermaßen eine Frage ist, es arbeitet, selbst wenn wir beschließen, in geschlossenen Räumen zu arbeiten, wenn Autor*innen sich im berühmten stillen Kämmerchen – hast du schon einmal tatsächlich eins gesehen? ich nicht; jeder Gegenstand fängt an zu erzählen, jede Taste zu klagen, sobald man zu schreiben beginnt – schreiben, wenn Dramaturg*innen alleine an den von Autor*innen verfassten Texten arbeiten, nur mit dem Stift in der Hand, und Regisseur*innen mit Schauspielier*innen in geschlossenen Räumen proben, sie bis zur Premiere jedem Zuschauer*innenauge entziehen, auch dann arbeitet sich jede*r von ihnen am Leben ab, an allem: An dem, was man*frau gesehen hat, vor dem man*frau die Augen verschlossen hat, was man*frau gelesen hat, und was man*frau auf gar keinen Fall auf einer Bühne sehen möchte, was man*frau erlebt, gehört, gefühlt hat, was schmerzte, was freute, was entsetzte, was immer noch nach einer Erklärung sucht: All das windet sich in die Theaterstücke und -performances an jeder Stelle des Arbeitsprozesses hinein, nimmt sich selbstbewusst Platz. Wenn wir also heute über das Schreiben und Theater und beides in Kombination sprechen, dem Schreiben fürs Theater, dann ist es so, wie es schon immer war: Wir tun das inmitten dessen, was man*frau als Leben, als Gesellschaft bezeichnet, wir tun das in einem historisch und gesellschaftlich geprägten Raum, wir tun das von Menschen, Ländern, situativen Bedingungen umgeben, wir können höchstens in unseren Köpfen so tun, als wären wir das nicht: Zusammen.

Siehst du, wenn du dich heute hier umsiehst, Kinder, siehst du die Menschen, die kleiner sind als du? Siehst du Jugendliche hier sitzen, die versuchen, größer zu sein, als sie es sind, die erwachsen sein wollen, weil sie noch nicht ahnen, wie schrecklich das ist. Siehst du sie, oder siehst du sie nur in dir, siehst du sie, wenn du mit deiner Arbeit beginnst, siehst du Bilder von ihnen, siehst du ihre Gesichter, kannst du in ihren Köpfen, in ihren Herzen lesen, siehst du Gedanken, die du dir über sie denkst? Wenn wir Theaterstücke für Kinder und Jugendliche schreiben, entwickeln, kommentieren, produzieren, auf die Bühne bringen, zeigen, dann maßen wir uns per se etwas an: Wir maßen uns an, ihnen erzählen zu dürfen. Wir maßen uns zum Beispiel an, emphatisch genug zu sein, um uns in ihre Köpfe, ihre Herzen versetzen zu können, wir erinnern uns selbst, wie es war, alleine auf dem Schulhof zu stehen beispielsweise, verliebt zu sein und keine Worte dafür zu finden, wir beobachten vielleicht unsere Kinder, wir recherchieren gar – und maßen uns dennoch an: Ihnen ihre Welten zeigen zu können. Wir maßen uns zum Beispiel an, zu wissen, welche Themen interessant sein könnten, oder schlimmer noch, welche Themen für sie von Bedeutung sein sollten, wir urteilen bereits, wenn wir mit der Arbeit beginnen. Wenn wir mit der Arbeit beginnen, maßen wir uns an, „Theater zu machen“, und Kinder, Jugendliche zu Zuschauer*innen zu machen, wir weisen ihnen, um die es geht, für die dieses Theater entsteht, Plätze zu, Sitzplätze, Stehplätze, Momente zum Sprechen, wir weisen ihnen vorgefertigte Rollen zu, wir hierarchisieren.

Strukturen haben diese Angewohnheit, fest zu wachsen. Sie haben diese Art, mit einer Haltung da zu stehen, als gäbe es kein Hinterfragen, sie lehnen so wahnsinnig lässig am Zaun. Siehst du sie, da lehnen, so lässig, als wüssten sie, dass es ohne sie nicht geht. Es ist an uns, sie aufzubrechen, was wie ein pathetischer Appell klingen mag – schon wieder diese Pathetik –, wie eine dieser großen, aber darin banalen, repitativen Reden: Lasst uns gemeinsam die Welt verändern, aber tatsächlich einfach eine Tatsache ist. Wenn wir Strukturen nicht aufbrechen, bleiben sie stehen. Und wir sind es, die sie stehen lassen. An den Strukturen wackeln: Wie geht das, und geht das überhaupt, und ist das nicht zu ideologisch, nicht zu utopisch, nicht lebensfremd gedacht? Alls hätte man*frau schon nicht genug Probleme, Probleme, Finanzierungen zu finden, mit Kolleg*innen zusammen zu arbeiten, Vereinbarung von Familie und Beruf, und jemand, der immer, immer, immer zu spät zu den vereinbarten Terminen kommt, zu den Proben. Und dennoch, hörst du diese Frage: Wie wehrt man*frau sich gegen fest gewachsene Hierarchie im Theater, gegen den Regisseur, der die #metoo-Debatte für nerviges Geschwätz hält, für Zeitverschwendung? Was macht man*frau mit konkreten, sichtbaren Barrieren – was macht man*frau, wenn es eine Barrierefreiheit im Theater nicht gibt? Was macht man*frau mit Autor*innen, die an ihren Texten, an ihren Worten und Sätzen fest hängen, an den immerzu eigenen und damit individuellen Vorstellungen, Erfahrungen und Geschichten, oder mit Dramaturg*innen, die exakt dasselbe mit dem Text tun: Nur die eigene Geschichte, Idee darin lesen? Wer rüttelt an diesen Strukturen und wie, vielleicht in kleinen, langsamen Schritten, und vielleicht gar nicht, und vielleicht zu lange nicht.

Ich bin erst lange Romanautorin gewesen, bevor ich für das Theater zu schreiben begann. Ich bin es gewohnt, lange Texte zu schreiben, ich presse Geschichten in Bücher, auf denen mein Name steht: Ich erzähle eine Geschichte, ich erzähle eine Figur. Jede*r, der diesen Roman liest, sieht den Titel, sieht meinen Namen, liest trotzdem möglicherweise – und hoffentlich – sich selbst hinein, sein Leben. Ich kann das beruhigt sagen, weil ich weiß, wem die Geschichte gehört, und weil ich weiß, dass die anderen das auch wissen. Es ist ein Buch, eine zwischen dicke Umschlaggsseiten gepresste Geschichte, man stellt sie nach Benutzung ins Regal, Staub legt sich über die Seiten.

Das ist beim Theater anders, weil Theater immer ein gemeinsamer Prozess ist, an so vielen Stellen, das weiß jede*r, der jemals am und mit Theater gearbeitet hat: Jede*r bringt sich selbst hinein, von der*dem Autor*innen über den*die Schauspieler*in bis hin zum Lichttechniker*in. Was auf der Bühne, was in Performances erzählt wird, verändert sich mit jede*m, der das Stück berührt, das ist der Zauber von Theater, und manchmal die Schwierigkeit daran. Vielleicht ist die Verantwortung fassbarer, lauter, größer, wenn man*frau wie ich später im Schreibprozess zum Theater kommt, vielleicht ist die Achtung eher eine, die in Furcht auswachsen kann: Bevor ich mein erstes Theaterstück schrieb – was geschah, nachdem ich mehrere Romane veröffentlicht hatte – sagte ich diesen Satz, mit denen ich das Theaterstück zu entwickeln gedachte: „Aber lasst mich mit dem Schreiben ja nicht allein.“ Der Satz war von einer Ahnung getrieben, dass es hier um mehr geht als um meine eigenen Worte. Vielleicht wäre die Ahnung auch eine Furcht.

Was ich seit Jahren, manchmal mehr, manchmal weniger erfolgreich, aber nie in Frage stellend, betrieb, mich an den Schreibtisch, an den Laptop im Zug, im Café setzen, schreiben, lektorieren, korrigieren, an andere schicken, an die nächste Instanz, in dem Fall den Lektor, noch einmal an den Text, kam, sobald ich fürs Theater schrieb, nicht mehr in Frage. Es fühlte sich an, und weißt du, es scheint fast naiv, beinahe peinlich, das so, hier, zu sagen, als habe ich die Erlaubnis einfach nicht. Die Erlaubnis, mich hinzusetzen, alleine, und zu schreiben, um dann das Geschriebene los zu lassen: Das Stück aus den Händen geben, wie beim Staffellauf an die nächste Instanz. Jetzt seid Ihr dran, weil ich, was Ihr macht, nicht kann. Ich hatte Angst vor dem stillen Kämmerchen, ich wollte die Verantwortung nicht fragen: Für die Worte, mit denen andere etwas machen, für die Worte, die von anderen gesprochen werden, für Worte, die in einem Raum wiederhallen, nachhallen in den Köpfen, die sie hören, vielleicht.

Ich wurde, wir wurden, nachdem das Stück uraufgeführt wurde, oft gefragt, wie der Arbeitsprozess ausgesehen hatte. Es fiel uns schwer, den Prozess zu beschreiben, aber jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, wo ich zu greifen versuche, denke ich, dass der Titel unserer Zusammenkunft heute vielleicht am Besten als Beschreibung passt. Wir trafen uns an diesen Punkt, an dem sich die zwei Balken im Plus treffen, kannst du ihn sehen, diesen Punkt? Wir arbeiteten, und wir arbeiteten zusammen. Das war so einfach, wie es nur schwierig war. Das Einfachste vielleicht vorweg: Wir saßen zusammen. Wir: Die Dramturginnen, Regisseurinnen, Schauspieler*innen, die Musikerin, die Kostümbildnerin und ich. Wir sprachen viel und weichten noch öfter vom Thema ab, wir tranken, Kaffee und abends Bier, wir aßen für mein Dafürhalten nicht viel, und ich, die ich nicht vom Theater kam, sondern es gewohnt war, alleine am Schreibtisch zu sitzen und beim Schreiben immerzu Nüsse und gerne auch Kuchen zu essen, wunderte mich, vielleicht essen die nicht viel beim Theater. Wir warfen Begriffe in die Luft und erzählten Geschichten, einmal weinte jemand, wir lachten sicherlich ganz viel, wir stellten einander Aufgaben und sehr viele Fragen. Ich bestand darauf, dass manche der Fragen schriftlich beantwortet wurden, und manchmal stöhnte jemand, und sagte, „ich kann das nicht, schreiben“ oder „das ist doch dein Job“. Die Texte sammelte ich ein, wie in der Schule, und ich schrieb mit, obwohl sie alle schnell sprachen, ich nahm auf, jemand brachte alte Fotos mit, und jemand anders eine aus der Zeitschrift ausgerissene Barilla-Werbung, und an vielen Abenden ging ich nachhause, mit einem Wust an Gedanken und diesen Zweifeln: Und was soll bitte daraus entstehen? Wenn wir nicht mehr sprechen konnten oder wollten, oder wenn die Angst zu drückend war, das Wissen um verstreichende Zeit, guckten wir zusammen Filme, japanische Mangas und Serien, wir lachten auch darüber, und manchmal lag eine Unruhe im Raum, dann gingen wir nachhause, wahrscheinlich alle mit demselben Gefühl: Wir vertrödeln unsere Zeit, da können wir genauso gut zuhause Serien gucken. Dann spürte ich Blicke auf mir, die vielleicht auf mir lasteten, und die ich vielleicht nur auf mir spürte: Was macht sie damit? Ich sammelte Geschichten, Dialoge, Satzfetzen, Motive, ich sammelte Ängste, Gedanken, Zitate, ich sammelte wie Pippi Langstrumpf, ich war Sachensucher, legte Figuren, Charaktere und Fragen nebeneinander ab, vermischte Erinnerungen und Beichten, ließ dem Chaos die Unruhe und der Angst ihre Zeit. Es drängten nicht nur die Blicke, es drängte die Zeit, und das Theater zeigte seine Strukturen zähnefletschend: Es gab Probentermine, es gab für Proben gebuchte Räume und Schauspieler*innen, die sich die Zeit genommen hatten, nur einen Text gab es nicht. Und jemand von uns sagte, wir schaffen das schon, zusammen, aber ich glaube nicht, dass der Satz ein lauter war.

Ich sehe mich: Vor der berühmten, klischeehaften weißen Seite. Ich beginne da, wo ich beginnen kann, bei einer Rolle. Bei meiner Rolle, bei der Rolle der Autorin, die ein Stück schreiben soll. Bei einer Autorin, die im besten Fall und nur an den guten, hellen Tage glaubt, zumindest das andere einigermaßen zu können, Romane schreiben. Ich sehe mich, von Zetteln, Notizen, Aufnahmenmitschrieben umgeben, ich sehe diese leere Seite, ich sehe mich, wie ich zu tippen beginne, wie ich beginne, wo ich eben beginnen kann: Bei meiner Rolle. Ich schreibe über das Schreiben eines Stückes. Dann drucke ich diese Seite aus, lege sie beiseite, lege sie bei all diesen anderen Papieren ab, ziehe noch einmal die Barilla-Werbung hervor, fotografiere sie ab, tue alles, um nicht zu schreiben. Beginne das Stück noch einmal, beginne es dieses Mal als etwas, was ich meine zu können, als Roman. Bremse ab, drucke aus, ich schreibe hier ein Stück. Die Verzweiflung beim Schreiben, welche Farbe hat sie? Hast du sie schon einmal in Worte gefasst?

Ich nehme die Seiten, von denen ich glaube, dass sie keinen Sinn ergeben, dass sie das Gegenteil sein von einem, von unserem Stück, mit in die erste Probe. Ich denke mir, verzweifeln können wir auch zusammen. Wir lesen sie zusammen, wir lesen laut. Ich lese, die anderen lesen, irgendjemand liest. Jemand sagt, jemand lacht, jemand sagt, versuch doch, dazu zu improvisieren, ich halte einen Stift in der Hand, jemand spielt einen Song, jemand sagt, hörst du, diese Zeile, ich schreibe, der Stift schreibt, jemand dreht meine Worte um, und ich lege den Stift beiseite. Ich hole meinen Computer, und ich schreibe, während die anderen lachen, improvisieren, sich an Songs erinnern, jemand endlich etwas zu essen holt, bis jemand sagt, lasst uns doch die erste Szene probieren, und ich nicht weiß, wie die Szene entstand.

Und ich nicht weiß, wie das Stück entstand, aber weiß, es entstand zusammen, ich weiß, wir waren alle, die wir mit machten, darin, wir steckten in Geschichten und versteckten Geschichten in Rollen, wir machten aus Ängsten Fragen, wir klauten einander Sätze und Entrüstung, ich schrieb meinen Frust hinein, sie strichen ihn mir hinaus, und manchmal war es, wie wochenlang auf dem Prüfstein stehen, und einmal war es, als mache alles keinen Sinn. Wir verzweifelten eine Nacht lang zusammen, ich weiß bis heute nicht, ob Zusammen das Verzweifeln kleiner oder größer macht. Wir führten das Stück auf, wir hatten keine klassische Bühne, aber ich stand dennoch auf der Bühne, aber nicht, weil ich versuchte, eine Schauspielerin zu sein. Ich stand nicht, ich saß auf der Bühne, als Autorin, weil ich das so kenne: Als Autorin auf einer Bühne zu sein. Wenn mich jemand nach dem Stück fragte, „das erste Stück, das die Romanautorin Lena Gorelik schreibt“, so fiel es mir schwer, was sie sagten und fragten, zu fühlen: Das Stück hatte niemals mir gehört. Wir scheiterten und erhoben uns zusammen.

Siehst du mich, wie ich hier stehe, alleine und viel zu erwachsen, obwohl so klein? Ich weiß nicht genau, warum ich hier stehe, vielleicht, weil ich ein Theaterstück für Kinder schreibe, aber ich schreibe es nicht. Ich möchte die Verantwortung nicht tragen, und man könnte provokant fragen, oder traust du dich nicht? Nein, ich traue mich nicht. Und ich will nicht an den Punkt kommen, an dem ich mich traue. Erinnerst du dich, wie es war, als wir Kinder waren, und die Erwachsenen sich so schwer damit taten, uns zu verstehen, was weh tat, und was wichtig war, und was so lachen machte, dass wir uns nicht vorstellen konnten, jemals wieder aufzuhören, erinnerst du dich an diese Welt, an diese vielen Welten, in denen wir lebten, sie hatten so wenig mit der Welt außerhalb zu tun, mit dieser Welt, in der wir uns vor dem Essen Hände waschen mussten, und Spielzeug aufgeräumt werden musste, obwohl, weißt du noch, es doch gar kein Spielzeug war. Das waren Freunde, das war „echt“. Erinnerst du dich, wie es später noch schlimmer wurde, erinnerst du dich, wie wir sie nicht mehr ertrugen, die Eltern, die Lehrer*innen, all jene, die meinten, alles über das Leben zu wissen, und nicht sehen konnten, wie groß unsere Gefühle waren, wie einzigartig, wie neu? Ich weiß noch, wie mein Vater mir, um mich zu trösten, als ich Liebeskummer hatte, den größten aller Zeiten, sagte, dass das alle kennen, dieses große, dunkle, schluckende Gefühl, dass nichts wieder gut, nichts wieder weiß werden könnte, dass niemand, nie wieder, er sagte, wir haben alle schon mal vor dem Telefon gewartet, so wie du jetzt. Das Telefon hatte damals noch ein Kabel, ich musste es zu mir ins Zimmer tragen, meine Eltern stolperten im Flur darüber, und wussten genau, wie lange ich telefonierte, und riefen manchmal, immerhin durch die geschlossene Tür, bist du mal fertig? Und ich war entrüstet, war empört: Dass mein Vater meinte, meine Gefühle zu kennen, dass er dachte, dass jemand so gelitten haben könnte wie ich.

Hast du dir auch geschworen, niemals so werden zu wollen, als Kind schon, hast du auch geflüstert, Peter Pan sein zu wollen, für immer, und hast du das später wiederholt, als du deine Eltern beobachtest, beim Frühstücken, beim allabendlichen Begrüßen nach der Arbeit, beim Sprechen, so werde ich niemals, oder so werde ich niemals mit meinen Kindern reden, oder so spießig, oder so oder so. Hast du Kinder, hast du dich auch schon einmal dabei erwischt, wie du diese Sätze sagtest, die eigentlich deinen Eltern gehören, oder eigene Sätze bildest, von denen du hoffst, du hast sie gerade nicht gesagt. Hast du schon einmal deine Kinder sprechen hören, wie sie über Erwachsene reden, und ist dir aufgefallen, sie meinen dich mit, auch wenn du Turnschuhe trägst, die wie ihre aussehen, und so anders bist, als deine Eltern damals waren, so anders frei.

Ich schreibe ein Kindertheaterstück, aber ich traue mich nicht, ein Theaterstück für Kinder zu schreiben. Ich traue mich nicht, ihnen Geschichten zu erzählen, ihnen Themen zu klauen, wie ihnen Themen vorzulegen, ihnen Worte in den Mund zu legen, auch wenn ich immer angestrengt versuchen würde, ihnen die Welt zu erklären, weil ich so nicht sein möchte, ich traue mich nicht, Theater zu machen für sie. Ich traue mich nur mit ihnen zusammen. Ich schreibe ein Kindertheaterstück, ich arbeite mit dem PATHOS Theater in München zusammen. zusammen+arbeiten: Wir haben ein Thema überlegt, vielleicht hat uns das Thema gefunden. Mein Sohn trägt gerne Mädchenkleider, er sagt, sie wirbeln so schön. Wenn er sich dreht, meint er, das ist das wichtigste an seinen Kleidern: Dass der Rock möglichst weit ist, dass er sich dreht. Er trägt Kleider, wie ich sie niemals tragen würde, er trägt sie auch in die Schule, er tut das Schultern zuckend. Er sagt, sie lachen ihn aus, aber er sagt auch, sie seien dumm. Weil sie nicht wüssten, dass jede*r – auch an dieser Stelle ein Sternchen – tragen dürfe, was er*sie will. Die künstlerische Leiterin des PATHOS Theater, Judith Huber, hat eine Tochter im ähnlichen Alter, sie hat kurze Haare, und ist, was man*frau, glaube ich, Wildfang nennt. Sie hat lange darüber nachgedacht, ob sie sich konfirmieren lassen möchte, das hatte weniger mit religiösen Fragen zu tun, als vielmehr mit einer – offensichtlich alles andere als simplen – Kleidungsordnung: Sie habe noch nie, noch nicht einmal als kleines Mädchen Kleider getragen, sie fange auch an diesem Tag nicht an.

Es gibt nichts, was wir diesen beiden Kindern, die noch nichts über die Existenz des Gender-Sternchen wissen, aber alles darüber, was es zu sagen und an Denkraum auszuweiten versucht, erzählen können, und es wäre anmaßend zu sagen, wir bringen Kinder auf eine Bühne, die solche Geschichten wie ihre erzählen, damit sie sich repräsentiert fühlen, damit sie sichtbar werden. Es steckt immer auch eine Hierarchie in dieser Forderung, eine Minderheit, eine Gruppe möge sich repräsentiert fühlen, so grundsätzlich wichtig sie auch ist. Es hat ein bisschen den Ton von „jemandem das Wort erteilen“, es hat immer jemand die Macht.

Strukturen, die fest gewachsen sind, sind auch jene von Macht. Das ist eine große Frage, wahrscheinlich ist die Frage für heute zu groß: Lassen sich Machtstrukturen überhaupt aufbrechen, hat sie nicht immer jemand, die Macht? An den Strukturen rütteln: Ich bin es nicht, die für die Kinder ein Theaterstück schreibt. Sie, die Kinder sind es, die mir im besten Falle ihre Geschichten erzählen, ihre Gedanken, die Fragen unbeantwortet lassen und mir diese Leerstellen schenken, die ich genauso anhefte wie ihre Zitate, ihre Lieder, ihre Wünsche, ihre Träume, die sie vielleicht mit mir teilen, vielleicht nicht. Vielleicht kann ich es so formulieren: Sie sind es, die mit mir ein Theaterstück schreiben. Sie sind es, die mir die Erlaubnis geben, vielleicht. Sie sind es, die mir Weltsichten schenken, wenn ich genau hinschaue, genau hin höre, wenn ich all das höre, was mir nicht ins Konzept passt, was dem widerspricht, was in meinem Kopf herum schwirrt, weil wir es alle nicht schaffen, unseren Kopf zum Schweigen zu bringen. Die leere, weiße Seite ist eine Lüge, aber ich versuche, den Mund und die Gedanken zu halten, während die Kinder – vielleicht, hoffentlich – ihre Ideen, Gedanken, Vorstellungen, Ängste, Wünsche auf meine legen.

Wir stürmen Schulen und Horte. Wir achten bei der Auswahl der Schulen und Horte. Fest gesetzte Strukturen: Nein, es gibt sie nicht, die akribisch abgebildete Lebensrealität aller Kinder, der ganzen Gesellschaft. Aber den Versuch gibt es, an Schulen und Horte zu gehen, an die vielleicht nicht oft jemand geht, an Schulen zu gehen, an denen man das Wort Theater vielleicht sogar erklären muss, und erst recht das Wort Inszenierung. Schulformen, alle, auch die Förderschule, auch diejenigen, die selten zu Wort kommen, möglicherweise nie. Die Stillen fragen, den Jungen, der alleine sitzt und aus dem Fenster starrt, und ihn nicht so fragen, dass alle auf ihn blicken, und gespannt oder bereits kichernd auf die Antwort warten, dass er sich nicht wünscht, dass die Frage niemals gestellt worden wäre. Die Kinder nach ihren Fragen fragen, ihnen den Raum geben, ihnen diesen Raum langsam gehen, Erwartungen weg kicken, die eigenen, ihre, nichts wissen, für einen Moment nichts sein, noch nicht einmal Autorin. Wir stürmen Schule und Horte, wir gehen ohne vorgefertigte Fragen, ohne Geschichten im Kopf hinein. Wir warten, bis sie anfangen zu erzählen. Sie wissen ja nicht, dass wir das auch nie werden wollten, erwachsen. Sie machen sich keine Gedanken darüber, was bühnentauglich ist, und wofür man gut Fördermittel beantragen könnte, aber sie haben möglicherweise eine Meinung zu einem Jungen, der ein Kleid trägt, und möglicherweise möchten sie keine Meinung zu einem solchen Jungen haben.

Wir bringen uns nur als das hinein, was wir geworden sind, ohne dass wir etwas dafür können: Wir sind die Ebene der Erwachsenen im Stück. Das Kindertheaterstück wird von dem Autoren-Theater-Projekt Nah dran! gefördert, also versuchen wir das zu sein: Nah dran. Wir nähern uns den Geschichten und Themen und Gedanken wie wachenden Hunden: So nah, wie sie uns eben lassen. Siehst du uns, da stehen? Wir bitten sie um ihre Worte, aber wir erteilen ihnen nicht das Wort. Wir maßen uns nicht an, uns in sie hinein zu versetzen, zu erklären. Wir arbeiten zusammen, wir mit ihnen und sie mit uns. Das Zusammen ist ein Raum, wir schreiten den Raum zusammen ab, finden heraus, was möglich ist, was gesagt werden muss, und was nicht darf, niemand herrscht im besten Fall über diesen Raum. Das Theater ist nichts weiter und nichts weniger als ein Ort: An den wir Sammelstücke mitbringen. Sachensucher. Wir ordnen das Gesammelte an, fügen zusammen und lassen weg, wir bringen es zusammen auf die Bühne. Wir fügen hinzu, auch das tun wir zusammen. Augen, die gemeinsam darauf achten, was mit dem Gesammelten geschieht, wir passen zusammen darauf auf. Wir stehen an diesem Punkt, kannst du uns sehen, wir sind uns unseres Standpunktes bewusst. Wir nehmen so viele mit, wie es geht, wie wollen.

Hierarchien abbauen, Teilhabe erweitern, Zugänge schaffen, Barrieren entfernen: Das sind große Vorhaben, noch größer sind die Worte, und wie es bei großen Worten häufig der Fall ist, verfallen sie manchmal zu Plattitüden. Jede*r findet sie gut, aber niemand weiß, was konkret zu tun wäre, also begnügt man*frau sich damit, fleißig und zustimmungsvoll zu nicken, Sätze, die die hehren Ziele bekräftigen, in Förderanträge hinein zu schmuggeln, und auf jeden Fall dahinter zu stehen. Siehst du mich hier stehen, siehst du mich sprechen, siehst du mich etwas tun?

Siehst du ihn, deinen nächsten Schritt? Nein, ich schaffe es nicht, Teilhabe grundsätzlich zu erweitern, und nein, ich bin nicht größenwahnsinnig, ich bin es nicht, die die Sache mit der nicht-vorhandenen Inklusion ändert, ich ändere nicht die Welt. Aber ich inkludiere. Ich stehe nicht alleine, ich schreibe nicht alleine, ich arbeite nicht alleine, ich will zusammen sein. Möglicherweise mit jenen, mit denen ich es nicht gewohnt bin, zu sein, zu arbeiten, zu denken, zu schreiben.

Es ist momentan, da Männer mit rechtsextremen Gedanken in den letzten Monaten in unserem Land Menschen auf offener Straße ermordeten und Synagogen zu stürmen versuchten, schwer, von „zusammen“, vom Plus zu sprechen, ohne die Entwicklung in unserer Gesellschaft mit zu denken, als fände Theater in einem vakuumgefüllten Raum statt. Als würden die Kinder und die Jugendlichen, die in unseren Theatern sitzen, die unsere Stücke sehen, in unseren Stücken vielleicht mitmachen, die unsere Zuschauer*innen und unsere Ansprechpersonen sind nicht in dieser Gesellschaft aufwachsen, in der das Zusammen immer mehr an Basis verliert. In der Zusammen etwas ist, was zunehmend mit roher Gewalt bedroht wird, in der wir zwar entrüstet, aber dennoch nichts tuend zusehen. Theater geschieht in der Welt, es handelt von der Welt, es erzählt die Welt, hinterfragt und zeigt sie, es führt sie geradewegs and absurdum. Es kann und darf die Welt verdrehen, überhaupt es kann und es darf. Erinnerst du dich, wie es war, als wir Kinder waren und immer mehr dürfen wollten, wir wollten verantwortlich sein, und wir wollten, dass uns niemand ans Hände waschen erinnert, und wie das Dürfen auch immer mehr mit einem Müssen einher ging? Wie wir durften, aber dann auch mussten, und wie das gut war, irgendwie, obwohl wir uns so gerne ärgerten, über unser Eltern und sonstige erwachsene Personen, und dennoch stolz waren so ein bisschen, und auch sehen konnten, was wir tun. Das Theater darf der Ort sein, an dem die Welt verhandelt wird, und es darf nicht nur dieser Ort sein, nicht nur der Ort der Verhandlung von Welt. Es muss auch ein Ort des Aushandelns sein, von Positionen, von Fragen, wer darf erzählen und warum, wem gehört die Geschichte, wer, verdammt noch mal, hat hier das sagen, wer hat wem das Wort erteilt. Es muss der Ort sein, von dem Barrieren abgebaut werden, wie Kulissen das auch werden, es muss der Ort sein, an dem die Kulisse eine andere, eine neue sein darf. In kleinen Schritten, in einem Einlassen, in einem Widerstand, in sich selbst bekämpft. Es wird nicht immer einfach sein, und ich verspreche noch mehr: Es soll nicht einfach sein. Weil nichts geschieht, wenn es einfach ist. Weil wir stolpern müssen, über einander und mit einander, wir müssen stolpern, um zusammen wieder aufstehen zu können. 

Ich bin, wie sagt man*frau, von Haus aus Romanautorin, ich bin es gewohnt, alleine am Schreibtisch zu sitzen. Das ist anstrengend, und manchmal einsam, und dennoch: Ich bin nur mir ausgesetzt, meinem inneren Kritiker, meinen Gedanken. Das Theaterstück, das ich zusammen schrieb, zusammen erarbeitete, endete – es ist vielleicht bezeichnend – mit dem Freitod der Autorin oder dem Autor, das Geschlecht war zu diesem Zeitpunkt nicht ganz klar. Es ist vielleicht bezeichnend für das, was auch beim Zusammen geschieht, dass man*frau sich manchmal verliert, verunsichert wird, sich selbst und andere verunsichert, dass das Zusammen erarbeitet, gearbeitet werden muss, dass das alles Linien sind, die zu diesem Punkt in der Mitte führen. Kannst du es sehen, das Plus?

Dieses Gefühl: Wenn sie auf einem trampeln. Wenn sie Worte zerbersten lassen, und sie nichts ahnen oder nichts ahnen wollen von diesem weit gerühmten Schweiß. Sie ahnen auch nicht: Der Schweiß ist kein Schweiß, das sind in Tränen gegossene Ängste. Jedes Wort eine Überwindung meiner Selbst, eines jeglichen Glaubens, eines jeden Wissens. Sie denken, sie sprechen, aber sie schreien dabei, sie schreien Schmerzen ins Ohr. Die Dramatik des Satzes ist ein ehrliches, simples Gefühl. Ich kann das nicht. Lena, über diese Szene müssen wir noch mal sprechen. Ja, das ist schon mal ganz gut so, aber eigentlich wollen wir es ganz anders. Ja, schreib doch mal, dann sehen wir weiter. Ja, das ist ein guter Anfang. Nein, das ist so… wie soll ich das sagen. (Sie wissen nicht, wie sie es sagen sollen, aber ich weiß, wie sich das, was sie nicht sagen, anfühlt.) Du, komm nur rein, wir schmeißen die Szene gerade mal um. Wir schmeißen um, wir denken, wir sagen, wir setzen uns noch zusammen (um über dich zu urteilen, aber das sagen sie natürlich nicht so, und sie wissen nicht, wie es ist, noch einmal neu zu schreiben. Gelöschte Buchstaben, ausrangierte Gedanken, ermordeter Mut. Sie sprechen, ich lausche. Ich weiß nicht, ob ich dem lausche, was sie sprechen, ich höre nur diesen einen Satz: Du kannst es nicht. Du kannst es nicht. Was versuchst du denn? Wie banal dieser Gedanken, wie dumm diese Idee, warum denkst du, dass du das kannst? Was hältst du dich für eine Literatin, was denkst du eigentlich, wer du bist? Sie hassen mich, ich kann ihn hören, den heraus gespuckten Hass, sobald ich das Zimmer verlasse. Mein Hass aber, mein Hass auf mich leuchtet noch mehr als ihrer.  Ich schäme mich, sie schämen sich fremd. Wir schämen uns leise, aber gemeinsam für jedes meiner Worte, für diesen lächerlichen Versuch. Auf vielfacher Ebene versagen, überall. Als Schriftstellerin, als Frau. Als eine Frau, die zu schreiben versucht. Die andere Frauen im Schreiben ermordet. Sie sagen das. Ich höre ihnen zu, ich höre den Monstern zu, wie sie mir erzählen, was für ein Monster ich bin. Ein frauenverachtendes Monster ohne jegliches Talent, eines, das klischeehafte, selbstmitleidstriefende Abschiedsbriefe schreibt, eine Peinlichkeit in seiner Selbst. Ich kann das nicht. Und ehrlich, ich kann das auch nicht mehr.

Wir lasen diesen Theater-Text zusammen. Wir sprachen ihn zusammen, wir verabschiedeten uns gemeinsam, ich schrieb den Text, aber er hat zu keinem Zeitpunkt mir gehört. Wir arbeiteten uns aneinander ab, wir arbeiteten zusammen. Wir entschieden uns dafür, wir waren erwachsen. Kinder und Jugendliche entscheiden häufig zu wenig, sie sehen, hören, lesen, was wir ihnen vorsetzen, geben, erlauben. Für das zusammen+arbeiten können sie sich häufig nicht entscheiden, das müssen wir ihnen geben. Wenn wir es nicht tun, was ist es dann, was macht es uns in unserer Position, was sagt es über uns aus? Siehst du mich, wie ich alleine hier stehe?


Lena Gorelik, geboren 1981 in St. Petersburg, kam 1992 mit ihrer Familie nach Deutschland. Mit ihrem Debütroman Meine weißen Nächte wurde sie als Entdeckung gefeiert. Sie hat seitdem sechs weitere preisgekrönte Romane und zahlreiche Essays veröffentlicht. Sie arbeitet derzeit an ihrem ersten Theaterstück für Kinder: Als die Welt lernte, rückwärts zu gehen in Kooperation mit dem PATHOS München wird gefördert im Rahmen von Nah dran! Neue Stücke für das Kindertheater, ein Kooperationsprojekt des Kinder- und Jugendtheaterzentrums in der Bundesrepublik Deutschland und des Deutschen Literaturfonds e.V. – gefördert mit Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

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