Einfach(e) Tatsachen in Corona-Zeiten

Dieser Artikel ist in gekürzter Form abgedruckt in IXYPSILONZETT. Das Magazin für Kinder- und Jugendtheater 02.2020, erschienen im Oktober 2020 im Verlag Theater der Zeit. Wir eröffnen damit die neue Rubrik „Was macht eigentlich….“ und sind dabei auf der Suche nach Impulsen für die Theaterarbeit: nach Themen, die junge Menschen beschäftigen. Themen, die nicht direkt aus dem Theaterkontext kommen, wie zum Beispiel bei Bündnispartner*innen der Wege ins Theater-Projekte. Also: Was macht eigentlich… die Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz, Roland Horne?

Das Einfache hat sehr viel mit der Wahrheit zu tun. Zum Beispiel mit drei grundlegenden und einfachen Erkenntnissen der Ökologie und einer nachhaltigen Entwicklung:

1. Die Erde ist ein begrenztes System
2. In einem begrenzten System kann man nicht von allem immer mehr haben 
3. Unser auf ständigem exponentiellem Wachstum gründendes Wohlstandsmodell ist daher nicht zukunftsfähig

Ich denke, diese drei Sätze sind einfach. Einfach, weil sie richtig sind. Einfach, weil die Gedanken selbstverständlich anmuten. Einfach, weil die Schlussfolgerung naheliegt.

Krisenzeiten, zumal existenziell empfundene Krisenzeiten, haben den Vorteil, dass sie unsere Aufmerksamkeit auf das Wesentliche, das Elementare, das Einfache lenken. In einer solchen Zeit befinden wir uns. Und das Corona-Virus scheint längst bekannte einfache Wahrheiten schärfer konturiert ans Tageslicht zu bringen.

Das Einfache ist der Feind der Behäbigkeit, des Opportunismus und der Verwirrung.  Lang, schwierig und kompliziert kann der Weg zur einfachen Erkenntnis sein. Und häufig fällt es schwer, Kompliziertes einfach auszudrücken. Noch schwerer ist es oft, die unbequemen Konsequenzen aus einer einfachen Wahrheit zu ziehen., Bewusstsein und Praxis,  Wissen und Tun zusammen zu bringen. Verneinung, Verdrängung oder Vertagung scheinen – kurzfristig – einfach zu sein. In diesem Sinne ist das Einfache der Feind der Behäbigkeit, des Opportunismus, der Verwirrung.

Die weltweite Corona-Bedrohung macht mit einem Schlag fühlbar klar, dass Menschen  Teil der Natur dieses Planeten sind. Wir können uns nicht abkoppeln. Wir wissen nicht alles. Seit Aufklärung und Industrialisierung tun wir Menschen trotz immer wiederkehrender lokalerer/regionaler  Naturkatastrophen so, als beherrschten wir die Natur. Von Demut unseren Lebensgrundlagen gegenüber keine Spur – gemessen an unserem tatsächlichen, steigendem,  nicht nachhaltigem, zerstörerischem Naturverbrauch.

Wir alle wissen mehr, als wir bewusst wahrhaben wollen von und über einfache Wahrheiten. Auch und besonders über die die drei zu Beginn genannten. Sie sind sogar eine Art kollektives Geheimwissen unserer  Zeit, das nur dann handlungsmächtig wird, wenn wir in unserem Umgang mit unseren natürlichen Lebensgrundlagen wieder und wieder einmal pathologische Lernerfahrungen machen  müssen. Doch behäbig und opportun scheinen wir uns sogar an den menschengemachter Klimawandel und galoppierenden Verlust an Biodiversität zu gewöhnen.

Wir hängen an unseren Lebensstilen und Konsummustern. Wenn wir klug sind, können wir aus der Corona-Krisenzeit diese einfache Erfahrung der Angewiesenheit und der Verbundenheit mit den natürlichen Grundlagen unseres Lebens als Orientierung für gesellschaftliche Entscheidungen in die Zukunft mitnehmen.

Das Einfache schenkt Orientierung in der Komplexität. Das Einfache hat mit Verständlichkeit zu tun. Den Weg durch den Dschungel einem anderen Menschen zeigen zu können, setzt voraus, dass man ihn selbst kennt. Komplexes einfach erklären kann nur, wer es selbst verstanden hat. Das Einfache hat also viel mit Verstehen zu tun. Und das Verstehen mit dem Einfachen.

Was wir beim anthropogenen Klimawandel unverdrossen weiter tun – weiter wie bisher trotz der mittlerweile bereits sichtbaren und absehbaren Folgen von Gletscherschmelze bis Auftauen der Permafrostböden –, das scheint in der Reaktion auf Corona umgekehrt. Wir sind zu drastischen Änderungen und Einschnitten bereit, weil wir nicht genau wissen, was da auf uns zukommt. Nur die Bedrohung scheint unmittelbarer, direkter, bedrohlicher, persönlicher, ganz nahe. Nicht vertagbar. Nicht zu verschieben. Nicht zu verdrängen. Die Entscheidung jetzt hat jetzt Folgen.

Vielleicht liegt eine einfache Erkenntnis in Corona-Zeiten darin, dass unsere Spezies mit ihrer Grundausstattung intellektuell zwar in der Lage ist, ein komplexes Problem wie den Klimawandel ausreichend  wissenschaftlich beschreiben zu können – aber nicht, ein langfristig drohendes Unheil angemessen in der zur Verfügung stehenden Zeit abzuwenden.

Es gibt viele Gründe, weshalb etwa Verwaltungssprache oft so kompliziert und unverständlich ist. Eine einfache, klare Sprache könnte entlarven, wie banal die Zusammenhänge, der Gegenstand oder die Aussagen sind. Ein einfacher klarer Satz könnte offensichtlich machen, dass Autor*innen, die Behörde, Gesetzgeber*innen selber nicht den Mut und die Kraft haben zu einer einfachen, klaren Lösung. Vorgetäuschte Komplexität, getarnt in Unverständlichkeit als Ergebnis fauler Kompromisse oder bewusster Verwirrung zum eigenen Vorteil. Künstliche Kompliziertheit zum Zwecke eigener Absicherung. Aufblasen, um größer zu scheinen als man ist. Gleiches gilt natürlich auch für andere Lebensbereiche von der Wissenschaft bis zu Strategiepapieren von Unternehmen.

Die Frage nach dem Einfachen entlarvt Maskerade, Schein und Interessen. Hochspekulative Finanzprodukte etwa täuschen durch labyrinthische Verwirrungsschleifen gewollt und gezielt Komplexität vor. Unverständlichkeit wird so zum Ziel des Expert*innenwissens. Wir könnten es ja verstehen. Der Neo-Liberalismus erklärte zum Programm, die Regeln eines funktionierenden Marktes einfacher als möglich zu machen. Wir waren Zeitzeugen seines grandiosen Scheiterns.

Corona-Zeiten scheinen Zeiten des Gemeinwesens, des Gemeinwohls, des kooperativen und lenkenden Staates zu sein. Der Markt hat mit seiner Logik nicht die Kraft, kurzfristig Gefahren für alle abzuwehren und Strategien für Lösungen zu entwickeln. Liegt eine einfache Erkenntnis in Corona-Zeiten darin, dass privat-public-partnership  und freiwillige Lösungen der Wirtschaft keine Lösungen sein können? Keine Lösungen für die erkannten und benannten Schritte hin zu einer Großen Transformation – angesichts der ökologischen Erdsystemkrise im Anthropozän?

‚Einfach mal machen‘ führt meist zum Gegenteil von einfach. Unsere Geschichte der Umweltpolitik füllt hierzu Bände. Es ist eben nicht einfach – auch wenn es auf den ersten Blick so anmutet – Fäkalien und Industrieabwässer von Millionen Menschen in Bäche und Flüsse zu leiten. Es ist nicht einfach, Schadstoffcocktails über hohe Schornsteine weiträumig zu verteilen, mehr oder weniger giftige Abfälle in große und kleine Löcher zu verbuddeln, abermillionen Automotoren mit verbleitem Benzin zu füttern. Zu Beginn der Industrialisierung erschien nichts einfacher, als den gigantisch steigenden Bedarf an Holz in den Wäldern zu decken. Dass man nur so viel ernten kann wie nachwächst, ohne die Substanz zu gefährden – diesen einfachen Gedanken hatten zunächst nur sehr wenige.

So einfach uns diese Beispiele heute als Fehler vor Augen stehen, so wenig selbstverständlich war die zwingend notwendige Umkehr in der jeweiligen gesellschaftlichen Auseinandersetzung. Der allgemeine Nutzen – und der künftiger Generationen – waren und sind alles andere als ein Selbstläufer. In diesem Sinne ist das Einfache auch das Reifgewordene, die reife Frucht eines meist langen Prozesses. Gut möglich, dass wir als Pandemie-Zeitzeug*innen hierdurch schneller, weil sensibilisiert lernen, nur so viel und nur so zu nutzen, dass es  für das allgemeine Wohl und unsere  Zukunft auf dem Raumschiffes Erde reicht.

Bei den von uns verursachten globalen Problemen befällt uns mitunter der Gedanke, dass die zur Verfügung stehende Zeit eine der knappsten Ressourcen ist, weil wir zu viel zu lange und immer noch in die Zukunft vertagen. Haben wir wirklich schon bewusst realisiert, was es bedeutet, bis 2050 den Kohlendioxid-Ausstoß fast komplett sein zu lassen? Wenn Corona-Zeit für das hierfür notwendige Umdenken ein Beschleuniger sein würde…

Einfach notwendig: der Blick aufs Ganze. Wer mit Ökologie, Umwelt, einer nachhaltigen Entwicklung zu tun hat, entwickelt notwendigerweise einen Blick für das Ganze. Die Vielfalt als Grundlage und Reichtum unseres Lebens verschont uns nicht vor Komplexität. Kompliziert – und eben nicht mehr einfach – wird es, wenn wir ahnungs-, gedanken- oder gewissenlos in diese Komplexität eingreifen oder sie ignorieren. Die Gefährdung der Biodiversität, die absehbare Verknappung natürlicher Rohstoffe und der Klimawandel beschreiben die Fehler und Herausforderungen. In diesen Wochen und Monaten der Corona-Zeit ist augenfällig, dass die Populist*innen weltweit – die den Tropenwald verstärkt abholzen, den anthropogenen Klimawandel leugnen, aus dem Pariser Klimaschutzvertrag aussteigen – just diese Autokrat*innen und Egoman*innen sind, die wissenschaftlich belegte Sachverhalte leugnen und dagegen arbeiten, in deren Ländern Corona tobt und trotz der Möglichkeiten hierzu nicht eingedämmt wird.

Das Kurieren von Symptomen führt zu komplizierten Scheinlösungen. Die einfache, aber nicht leichte Lösung liegt in der Beseitigung der Ursachen. Das wissen wir aus der Umweltpolitik nur allzu gut. Ging es in der Vergangenheit um das Auf- und Wegräumen zum Teil gefährlicher Hinterlassenschaften vor der eigenen Haustüre, so geht es heute vor allem um Lebens-, Wirtschafts- und Konsumweisen, die zukunftsfähig sind. Konkret heißt dies vor allem: Weg vom Verbrennen fossiler Energieträger. Zwei einfache Fakten: Aus 100 Tonnen einstigen pflanzlichen Lebens werden gerade mal vier Liter Benzin. Wir Menschen verfeuern inzwischen so viel fossile Energie pro Jahr, wie in rund einer Million Jahre gebildet wurden. Die Einsichten, die daraus erwachsen, sind einfach. Schwer fällt uns nur die Konsequenz. Es müsste sich halt so viel und schnell ändern.  Die Corona-Zeit zeigt, dass wir dazu sehr wohl in der Lage sind, wenn uns die Bedrohung direkt im Nacken sitzt.

Es gilt, die weltweit wachsende Nachfrage  nach Energie und Rohstoffen zu verbinden mit einer drastischen Verringerung der Klimabelastung und gleichzeitig die Entwicklungschancen besonders der armen Staaten nicht zu gefährden. Man muss kein*e Prophet*in sein, um sich die Verteilungskonflikte auszumalen, sollte dies nicht gelingen. Arbeit für eine nachhaltige Entwicklung ist daher auch Arbeit für den Frieden. Die Parallele zur Corona-Zeit ist augenfällig, denn auch hier wird die Frage sein, sollte ein oder verschiedene Impfstoffe  gefunden werden, wie gerecht diese in einer Pandemie verteilt werden. Mit „Ich zuerst“ werden wir keinen Frieden finden.

Für die Industriegesellschaften bedeuten Kreislaufwirtschaft, Effizienztechnologien und regenerative Energien einen grundlegendenliege Wandel mit neuen Produkten und neuen Dienstleistungen. Vor uns liegen spannende Jahre mit Energiewende, Verkehrswende und Ernährungswende. Sie allein werden es jedoch nicht richten.

Wieviel ist genug? Da die Erde ein begrenztes System ist, in man nicht ständig immer mehr haben kann, kommen wir in der Wachstumsgesellschaft nicht an unserer Frage nach des Kaisers neuen Kleidern vorbei: „Wie viel ist genug?“ Oder anders ausgedrückt: Wie kann sich das  Verhalten der Menschen so verändern, dass Wohlstand und wirtschaftliche Entwicklung nicht reduziert werden auf die Wachstumsrate des Bruttosozialproduktes?
Die Frage ist nicht, ob all dies kommt. Die Frage ist, wie schnell wir uns darauf einstellen.
Gestalten wir den nicht aufzuhaltenden Wandel und nutzen die Zeit oder lassen wir alles laufen, verschieben in die Zukunft und verwalten das Desaster? 

In Corona-Zeiten fiel uns die Antwort leicht.


Roland Horne ist Leiter der Landeszentrale für Umweltaufklärung Rheinland-Pfalz. Die Landeszentrale war Bündnispartner des FutureSoundMap, einem Wege ins Theater-Projekt des Staatstheater Mainz von Oktober 2019 bis Juli 2020. Dritter Bündnispartner war die Integrierte Gesamtschule Oppenheim. Das Projekt FutureSoundMap wurde gefördert von Wege ins Theater, dem Projekt der ASSITEJ im Rahmen des Förderprogramms „Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.

Einige Gedanken in diesem Essay wurden angeregt durch neun Thesen aus dem Forum „Das Einfache“ (September 1994) am Internationalen Forum für Gestaltung Ulm und der Stiftung Hochschule für Gestaltung Ulm.

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