WiT+geteilt: Das sehen, was einfach da ist

Wir starten heute eine neue Reihe über Projekte, Gedanken, Beobachtungen zu Wege ins Theater, dem Projekt der ASSITEJ im Rahmen des Förderprogramms „Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.
Freut Euch auf WiT+teilungen in loser Folge!
Den Anfang macht Charlotte Kösters, die das Performance-Festival
IMPLANTIEREN 2020 besucht hat:

Yoga, Church, Evil, Beauty, das sind ganz schön erwachsene Themen. Es sind Themen, die die Urban Kids Academy an einem ihrer Workshoptage aufgreift, ausgehend vom Performanceprojekt Yoga Church of Evil von und mit Janina Castellano. Die Performance Recovering Beauty ist als „Für Kinder geeignet“ gelabelt. Wie komme ich eigentlich auf die Idee, das zu hinterfragen? Welcher Teil in mir denkt, dass das Böse nichts für Kinder ist? Dass Kinder mit dem Bösen nichts anfangen können oder sollen?

„Ich sehe was, was du nicht siehst!“, so der auf eine der Grundideen der Performance heruntergebrochene Untertitel, klingt schon viel eher nach Vermittlungsprogramm, zugänglicher, niedrigschwelliger, für Kinder. Nur: Brauchen Kinder wirklich niedrige Schwellen? Kinder springen viel höher als Erwachsene (relativ zu ihrer Körpergröße gesehen erst recht). Kinder haben Kraft. Kraftausdrücke werden aber von Erwachsenen verboten. Könnte es Sinn machen, weniger stark zwischen erwachsenen und jungen Themen zu unterscheiden, zwischen erwachsenen und jungen Tabus? Das habe ich mich gefragt. Und Ines Wuttke, Projektleiterin der Urban Kids Academy.

Was passiert, wenn wir das Schöne und die Scheiße beim Namen nennen, ohne Sch…. und ohne Psss…….t, und dabei vielleicht sogar das eine im anderen finden? Welchen Tabus begegnen wir im Stadtraum? Und auf welche guten Ideen, diese Tabus, das Böse, bewusst anzugehen, stoßen wir, wenn wir die junge Perspektive (mit der Performance gesprochen: die Perspektive des inneren Kindes) in den Vordergrund stellen?

Im Gespräch mit Ines erfahre ich, dass es dem Team im Workshop mit Janina Castellano wichtig war, dass die Kinder sie zu Beginn der Stadtbegehung als Privatperson kennenlernen und nicht gleich als Performerin: „Sie hatte zum Beispiel einen kleinen Kuscheltierbuddha dabei und sie hat erzählt, welche Funktion dieses Kuscheltier bei ihr zuhause hat und bei ihren Kindern – für was der da ist, nämlich zum Beispiel dafür, dass man sich ihn nimmt wenn man traurig ist. Und dann hat sie so langsam angefangen, ihre Rolle anzulegen und hat sich zum Beispiel diesen Stimmverzerrer genommen um da durchzusprechen. Sie hat die Kinder gefragt, ob sie das jetzt gruselig finden oder was das mit ihnen macht, wenn sie das hören. Lustigerweise fanden die Kinder das gar nicht so gruselig. Sie fanden es anders, aber nicht gruselig.“

Die Workshopgruppe hat mehr Pausen gemacht als Erwachsene für sich vorsehen würden, zum Reflektieren, Innehalten, die Yogamatte immer dabei. Wie geht eigentlich Pause machen im öffentlichen Raum? Und was braucht es, damit wir uns dabei sicher fühlen?

Recovering Beauty ist so angelegt, dass ein Team aus drei Personen der Performerin assistiert und die Teilnehmenden bei der Stadtbegehung begleitet. Nennen wir dieses Team „Awareness-Team“. Der Awareness-Ansatz ist für alle Umstände und für jede Art und jedes Alter von Publikum eine sehr gute Idee. Die Erfahrung, wie gut es sich anfühlen kann, von einem „Awareness-Team“ begleitet zu sein, habe ich zum ersten Mal beim „Kultur macht stark“-Fachforum KULTUR MACHT ANDERE im letzten Juni gemacht. Allein das Wissen um die Präsenz von Awareness-Personen kann einen enormen Unterschied machen, in der Offenheit von Gesprächen und im individuellen Empfinden von Sicherheit.

Ines beschreibt, dass die Kunstvermittlerin Hannah Dewor sich bei der Leitung des Recovering Beauty-Workshops selbst als zentrale Awareness-Person begriffen hat, mit der Hauptaufgabe, den Rahmen zu sichern. Den Rahmen für die beteiligten Menschen sichern. Den Rahmen für die Kunst sichern. Und dadurch einen Rahmen schaffen, der den öffentlichen Raum zu mehr macht als zu einem (bösen) Durchgang von A nach B.

Dafür, auf dem Weg von A nach B dieses ‚Mehr‘ wahrzunehmen und anzuerkennen, bringen Kinder eine Grundoffenheit mit. Das hat sich bei der digitalen Schnitzeljagd Der Kunst auf der Spur! gezeigt, die ebenfalls im Rahmen der Urban Kids Academy stattfand. Ines erzählt mir, dass dabei jene Aufgaben am besten ankamen, die digital angeleitet wurden (Medienkompetenz ist übrigens kein junges Thema), aber mit analogem Material umgesetzt. Sie beschreibt, wie unvoreingenommen Kinder sich im öffentlichen Raum bewegen und zu Künstler*innen werden, wenn der Rahmen stimmt – hier am Beispiel einer analogen Tasche: „Wir haben eine Tasche gefunden, die lag da rum, und dann haben wir ewig darüber diskutiert, was wir jetzt mit dieser Tasche machen und wem die denn gehören könnte, und irgendwie ist dann plötzlich eine Geschichte entstanden um diese Tasche. Das hat mich an einen Ausgangspunkt für eine Performance erinnert, weil man eine Narration schafft. Man geht von einer Tasche aus, die man findet – da waren neben Klamotten auch Medikamente drin und eine Einladung zu einer Weihnachtsfeier, es war irgendwie ein buntes Sammelsurium. Die war so halb kaputt, die Tasche, aber auch nicht so richtig kaputt, und man dachte die ganze Zeit: Wer ist der*die dahinter? Das war richtig so wie eine kleine Detektivgeschichte.“ (Innere) Kinder sehen mehr, als ihnen vorgegeben wird. Sie sehen das, was einfach da ist, die Geschichten und Gefühle, die längst da sind.

In Projektzusammenhängen und in der Vermittlungsarbeit sind viele Dinge nicht planbar. Was man aber planen kann, finden Ines und ich, ist: Awareness. Wie das gehen soll? Mitdenken und mitplanen heißt: mitkalkulieren. Versuchen wir es zum Beispiel mit einem konkreten Gedankenspiel für den Bereich der Projektförderung: Wie wäre es mit einer Awareness-Pauschale? Das würde ähnlich funktionieren wie die Verwaltungspauschale – 5% der Fördersumme on top (so die derzeitige Regelung für „Kultur macht stark“-Projekte), ohne Nachweispflicht. Legten wir zum Beispiel einen einzigen Prozentpunkt zugrunde, kämen der Urban Kids Academy Awareness-Mittel im immerhin dreistelligen Bereich zu. Ein Anfang.

Unabhängig davon, wie wir sie dann genau managen und in Abrechnungen darlegen, wünschen wir uns für die Zukunft jedenfalls mehr Awareness, verkörpert durch Menschen, deren Hauptaufgabe darin besteht, aware zu sein: Awareness als Schlüsselqualifikation in neuen Jobbeschreibungen, Menschen, die einfach da sind, ‚für alle Fälle‘. Dabei geht es um einen Raum für die ganz großen gesellschaftlichen Fragen und Herausforderungen, aber mindestens so sehr um das ‚was, wenn …?‘ im vermeintlich ganz Kleinen: Was, wenn ich auf die Toilette muss, alle Betreuungspersonen aber gerade anders beschäftigt sind? Was, wenn ich mich jemandem anvertrauen möchte, aber nicht weiß, wie? Was, wenn mich eine gewisse Situation einfach überfordert? Wenn dann jemand da wäre…

Von dieser Art Awareness versprechen wir uns menschlichere Bedingungen für eine bessere Beleuchtung und dadurch Veränderbarkeit von den Themen, die weder jung noch erwachsen, sondern einfach dran sind.


Urban Kids Academy nennt sich das Vermittlungsprogramm des Performance-Festivals IMPLANTIEREN 2020 von ID_Frankfurt. Weiter geht’s an diesem Wochenende in Darmstadt, unter anderem mit einer weiteren digitalen Schnitzeljagd und einem Schreibworkshop (es sind noch ein paar wenige Plätze frei! Anmeldungen bei ines.wuttke@idfrankfurt.com).

Die Urban Kids Academy wird gefördert von Wege ins Theater, dem Projekt der ASSITEJ im Rahmen des Förderprogramms „Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.

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