Nominierungen 2020: Deutscher Kindertheaterpreis

Logo KJT-PreisDie Jury für den Deutschen Kindertheaterpreis 2020 und Deutschen Jugendtheaterpreis 2020 hat über die Nominierungen zu den beiden Preiskategorien entschieden:
Am 12. November 2020 werden die Preisträger*innen von der Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Dr. Franziska Giffey mit den Staatspreisen für Texte des Theaters für junges Publikum ausgezeichnet.

Nominierungen für den Deutschen Kindertheaterpreis 2020:

Liebe Grüße … oder Wohin das Leben fällt (8+)
von Theo Fransz (Niederlande)
aus dem Niederländischen von Andrea Kluitmann
Theaterstückverlag Korn-Wimmer, München

Begründung der Jury:

Moritz‘ Oma muss ins Heim. Sie braucht Pflege. Während sein Vater den Umzug organisiert, findet der zehnjährige Moritz alte Postkarten seiner Oma, mit denen er in das Jahr auf Zeitreise geht, in dem sein Vater ebenso alt war.

Theo Fransz erzählt dramaturgisch spannend eine berührende Familiengeschichte, in der sich das Trauma des nicht zurückkehrenden Vaters wiederholt. Moritz‘ Urgroßvater war im Krieg gefallen und sein Großvater immer auf Reisen, bis auch er bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam. In der Begegnung mit der vorhergehenden Generation begreift Moritz die Hintergründe seiner Familiengeschichte und erkennt woher die übergroße Fürsorge seines Vaters, wie auch die Schuldgefühle seiner Großmutter kommen.

Der Text handelt vom Übergang, vom Abschiednehmen und dem Trauma des vergeblichen Wartens. Der Autor zeigt mit dem raffinierten Spiel der poetischen Verschränkung beider Zeitebenen eine Realität, wie sie nur auf der Bühne stattfinden kann.
Ein dramaturgisch geschickt gebautes Stück, das mit magischem Realismus den Fragen nachgeht, warum die eigenen Eltern und Großeltern so sind, wie sie sind, wie sie das Leben geprägt hat und auf welche Weise sich das auf das Leben der Kinder auswirkt.


Wer nicht träumt, ist selbst ein Traum (8+)
von Jens Raschke (Deutschland)
Theaterstückverlag Korn-Wimmer, München

Begründung der Jury:

Ahlam träumt, also lebt sie. Das ist nicht selbstverständlich angesichts der Lebensgeschichte der Zwölfjährigen. Von wo sie aufwuchs, musste sie vor den Bomben fliehen, die die Lebensgrundlage ihrer Familie zerstörten. Sie musste früh lernen, für sich selbst einzustehen und sich zu behaupten.

Jens Raschke zieht uns gleich zu Beginn hinein in einen Traum, der sich als Alptraum entpuppt: Finn lebt den Alltag im Traum. So ist er nah bei Lucy, seiner verunglückten älteren Schwester. Sie ist ihm Ratgeberin für den Umgang mit ihren Eltern, die ebenso versuchen mit dem Verlust umzugehen. Lucy lebt in den Träumen ihrer Liebsten weiter. Wenn am Ende Finn nicht mehr selbst träumen kann, ist er inzwischen zum Traum von Ahlam geworden.

Starke, suchende, sich aktiv mit schwierigen Lebenssituationen auseinandersetzende Kinderfiguren macht der Autor zu Protagonisten der Geschichte. Sie weisen über die gängigen Bilder der Erwachsenen, wie Kinder sein sollten, hinaus und sind wichtige Identifikationsfiguren: ganz real, mit beiden Beinen das Leben erobernd.

Ein Traumspiel für Kinder, das für das Publikum immer wieder überraschende Einsichten bereithält. Nichts ist was es scheint. Vieles ist nur ein Traum, aber die Geschichten der Figuren sind wahr.


Wutschweiger (Woestzoeker) (8+)
von Jan Sobrie und Raven Ruëll (Belgien)
aus dem Flämischen von Barbara Buri
Theaterstückverlag Korn-Wimmer, München

Begründung der Jury:

Wenn die Eltern ihren Job verlieren, die Familie in eine kleinere Wohnung ziehen muss und das Geld zum Notwendigsten nicht mehr reicht, dann sind meistens die Kinder die Leidtragenden und erfahren oft viele Ungerechtigkeiten. Mit Ebeneser und Sammy treffen sich zwei Kinder, denen die für andere selbstverständliche Teilhabe an der Gemeinschaft nicht mehr möglich ist.

Jan Sobrie und Raven Ruëll lassen in ihrem Stück ausschließlich die beiden Kinderfiguren zu Wort kommen. Sie erzählen aus ihrer Perspektive von ihren Erfahrungen und ihrem Gefühl der ohnmächtigen Wut gegen erlittenes Unrecht, wenn ihnen beispielsweise die Skifreizeit gestrichen wird, weil die Eltern das Geld nicht aufbringen können. Einer so kalten Gesellschaft erwehren sie sich schließlich durch ihr Protestschweigen. Für die Eltern, die nicht in der Lage sind, ihren Kindern Teilhabe zu ermöglichen, finden die Autoren ein starkes Bild: Sie schrumpfen, bis sie zuletzt fast gänzlich verschwinden, so wie in der realen Welt das Elternhaus bei jedem Umzug kleiner wird und am Ende, wie bei der bereits obdachlosen Sammy, ganz verloren geht.

Das Stück erzählt von zwei starken Figuren, denen ihre Freundschaft die Kraft gibt, sich auch in einem Leben voller Anstrengung und Schwierigkeiten mit Würde zu behaupten.


Die Jury hat entschieden, neben den drei dotierten Nominierungen für den Deutschen Kindertheaterpreis 2020 ein weiteres Stück mit einer nicht dotierten Lobenden Erwähnung auszuzeichnen.

Kommt eine Wolke (8+)
von Jens Raschke (Deutschland)
Theaterstückverlag Korn-Wimmer, München

Begründung der Jury:

Stine ist alt und wohnt mit ihren besten Freunden aus Kindertagen, Gonne und Fiete, im Haus hinterm Deich. Die beiden sind schon lange tot, aber vor ein paar Jahren zu Stine zurückgekommen und leben in ihrem Kopf weiter. Als Kinder waren sie bei Ebbe dem Wasser in der Bucht hinterhergelaufen und dann von der Flut überholt worden. Das ganze Dorf hatte vom Deich aus zugeschaut und nicht geholfen.

An diesem Wintertag schaut Stine nicht wieder tatenlos zu, als alle Leute auf dem Eis feiern und ein Unwetter heraufzieht. Kurzentschlossen zündet sie ihr Haus an, um die Feiernden zu warnen. Die Leute können sich in Sicherheit bringen. Und Stine wird in letzter Minute gerettet?

Jens Raschke hat eine alte Husumer Sage in theatrale Vorgänge übersetzt und eine Parabel über Menschlichkeit und Moral geschaffen. Obwohl Stine bei den Leuten im Dorf als verrückt gilt und sie ihr an diesem Wintertag zur Sicherheit sogar die Tür vernagelt haben, handelt sie selbstlos und bringt sich dabei in Gefahr. Die Geheimnisse der Figuren fordern die Kombinationslust des Publikums heraus und ihre Darstellung ist eine große Herausforderung für Schauspieler*innen.

Ein dichtes und spannendes Stück für Kinder über zeitlos existentielle Fragen von Schuld, Verlust, Trauer und Verantwortung.


Begründungen zum Download: KT_Begründungen_Nominierung
Pressemitteilung: PM_KJT_Preis2020_Nominierungen

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