Auswahllisten zum Deutschen Kindertheaterpreis und Deutschen Jugendtheaterpreis: Teil 4

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Foto: Loredana La Rocca

1996 wurden der Deutsche Kindertheaterpreis und der Deutsche Jugendtheaterpreis zum ersten Mal verliehen und seitdem arbeitet Thomas Stumpp, Mitarbeiter im Bereich Theater und Tanz des Goethe Instituts in München, in der Jury mit und hat dabei sicherlich an die eintausend Texte des Theaters für junges Publikum gelesen.
Heute setzt er den Reigen der Vorstellung von Texten aus den beiden Auswahllisten für die diesjährigen Preise mit Stücken von Karsten Laske, Oliver Schmaering, Jens Raschke und Kees Roorda fort.


Die drei Gleichen (4+)
von Karsten Laske (Deutschland)
Drei Masken Verlag, München

Ais, Ceses und Mr. B sind Freunde, weil sie gleich sind. Als das zauberhafte Zong auftritt, gibt ihm jeder etwas von sich, einen Hut, einen Ärmel, eine Socke, um es ihnen ähnlich zu machen. Doch dadurch werden die drei Gleichen plötzlich unterscheidbar und lernen, dass man befreundet sein kann, auch wenn man verschieden ist. Die drei Protagonisten sind den drei durch enharmonische Verwechslung gleichen Töne Ais, Ceses und B zum Verwechseln ähnlich. Die gleichen und doch nicht gleichen Töne geben einem vierten Ton, dem Zong – lautmalerisch ein zunächst undefinierbarer Laut – etwas ab, was dieser weder braucht noch haben will. Poetisch doppeldeutig, musikalisch und sprachlich rhythmisch wird eine Geschichte von Freundschaft, Gleichheit und Fremdheit für sehr junge Zuschauer*innen erzählt.

Ich, Ikarus (9+)
von Oliver Schmaering (Deutschland)
Felix Bloch Erben Verlag, Berlin

Dädalus und sein Sohn Ikarus wollen fort von der Insel Kreta. Aus Vogelfedern und Bienenwachs baut der Vater Flügel und warnt seinen Sohn davor, zu hoch oder zu tief zu fliegen. Doch Ikarus will hoch hinaus, kommt dabei der Sonne zu nahe und stürzt ab. Die antike Sage wird als ein Solo des Ikarus erzählt, gleichsam ein von ihm gesungenes Lied, auf der Bühne musikalisch zu begleitet und zu kommentieren. In dem literarisch dichten und poetischen Text steht eine heranwachsende Figur im Mittelpunkt, die sich der Mittelmäßigkeit entziehen und den Vater übertreffen will. Eine Figur, die das Extrem sucht, auch wenn es das Leben kostet. Der Text schafft einen Freiraum für das Zusammenspiel von lyrischer Sprache und kommentierender Musik auf der Bühne.

Petty Einweg – Die fantastische Reise einer Flasche bis ans Ende der Welt (12+)
von Jens Raschke (Deutschland)
Theaterstückverlag Korn-Wimmer, München

Eine Flaschensammlerin kommt ins Klassenzimmer. Sie sammelt Einweg-Plastikflaschen, aber nicht wegen des Pfands, sondern um sich daraus ein Boot zu bauen. Empathisch erzählt sie aus der Perspektive der Einwegflasche Petty deren Geschichte. Kaum hergestellt und befüllt, wurde sie benutzt und weggeworfen, um schließlich mit all dem anderen Plastikmüll im Meer zu landen und sich dort in Nanoplastik aufzulösen. Ein phantastisch-groteskes Klassenzimmer-Stück, das vom Umweltschutz handelt, ohne zu belehren. Mit der ebenso eigenwilligen wie originellen Erzählperspektive werden Sympathie für Petty und Anteilnahme an ihrem Schicksal geschaffen und das Problem der Entsorgung von Plastikmüll unaufdringlich thematisiert.

Rishi
(Rishi)
von Kees Roorda (Niederlande)
aus dem Niederländischen von Alexandra Schmiedebach
Theaterstückverlag Korn-Wimmer, München

Rishi, ein junger Mann mit dunkler Hautfarbe, ist von einem Polizisten im Einsatz erschossen worden. War der Einsatz notwendig? Oder war er unverhältnismäßig? Konnte oder musste sich der Polizist bedroht fühlen? Hatte er rassistische Motive oder hat er einfach einen Fehler gemacht? Verschiedene Beteiligte kommen zu Wort, vom Kollegen des Polizisten über unbeteiligte Zeugen, den Richter, einen Ausbilder bis zum Cousin, der Nachbarin und der Mutter des Getöteten. So wird der Fall aus zahlreichen Perspektiven geschildert und dabei jeder Figur Respekt entgegengebracht. Jede subjektive Ansicht zählt und jeder Perspektive wird Raum gegeben. Und es wird deutlich, dass es mehrere Wahrheiten gibt und sich niemand seiner Wahrheit sicher sein – oder gar die Schuldfrage klären kann.


Die Auswahllisten stehen hier zum Download bereit.

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