2, 1, 0: Noch drei Retrovisionen von Carina Sophie Eberle

Foto_Carina2Virtuelle Spielzeit mit+abstand: Kategorie [aus+blick]

Hier kommt die mit+abstand zweite Folge von Übermorgen paradise, der vier Retrovisionen von Carina Sophie Eberle:

Geplant war hier eine Science-Fiction-Geschichte. Eine Zeitreise in eine utopische Welt nach der Corona-Pandemie. Delphine im Meer vor Venedig. Angepasste Kinderbetreuungsmodelle. Klug digitalisierte Schulen. Doch die Gegenwart funkte der schreibenden Theatermacherin immer wieder dazwischen, sodass Sie hier nun stattdessen deren komplett subjektive Aufzeichnungen aus den ersten Wochen der Corona-Krise vorfinden. Sie inszeniert John Cages 4’33 auf der nackten Bühne, zerbricht sich den Kopf über die existenzbedrohenden Paradoxien des Künstler*innen-Daseins und hofft, am Ende doch noch eine Art Utopie für die Zukunft formulieren zu können.

Die zweite Folge zum Download findet Ihr hier: 2_UEBERMORGEN PARADISE_Folge 2_Carina Eberle


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21. April
Freiheit wovon und wofür?

Die Sonne scheint, mein Schreibtisch steht im Morgenlicht. Der Schnittlauch im Blumentopf ist mindestens drei Millimeter gewachsen seit gestern Abend. Soll ich wohl ein Lineal zum Nachmessen holen? Draußen singen ein paar Vögel mit geschwollener Brust. Es ist mir noch nie aufgefallen, dass sich die Kehle von einem Vögelchen so massiv ausdehnt, wenn es zwitschert. Piep, piep, piep. Und dann sinkt die Vogelbrust wieder in sich zusammen. Atem, der entweicht. Was heute los ist? Dasselbe wie gestern. Wie vorgestern. Morgen wahrscheinlich auch. Kontaktbeschränkung. Schnittlauchmillimeter und ornithologische Beobachtungen. Ansonsten ist es still.

Bis ich den Laptop öffne. Verteiler-E-Mails von Kulturrat und Arbeitskreisen in aufgeregtem Tonfall. Ich lese über aktuelle Beschlüsse, über den kritisierten Föderalismus der Hilfspakete, die in jedem Bundesland anders aussehen, eine Erhebung „Wie hoch sind die Ausfälle?“. Es wird versucht, erst Gehör und dann Regelungen zu finden, alles am Laufen zu halten, zu sehen, wie es weitergehen kann. Die Differenz zwischen der physischen Realität in meiner Wohnung und dem pandemischen Weltgeschehen ist eklatant. Sehr kurz die Hoffnung: Könnte ich mit dem Schließen meines Rechners die Pandemie beenden? Und dann, hungrig von dieser Heldentat, ein Schnittlauchbrot essen?

Alles hängt mit allem zusammen

Letztes Jahr habe ich eine Diskussionsveranstaltung mit dem Titel „Girls im Netz“ im FFT Düsseldorf erlebt. Es ging um das Internet als ursprünglich utopische Idee, eine Plattform, in der jede:r mangels körperlicher Präsenz seine:ihre Identität frei formen kann. Dann weiter: wie das Ganze sich in ein Treibhaus von Vorurteilen entwickelt hat und wie dieses Treibhaus z.B. aus feministischer Perspektive im Sinne der Ursprungsutopie gehackt werden könnte. Die Grundthese der Veranstaltung war: Online und Offline sind nicht mehr voneinander trennbar. Wir sind längst verwickelt in eine komplexe Struktur aus virtuellen und physischen Realitäten, in der alles mit allem zusammenhängt. Die Pandemie besteht weiter, und wenn ich alle Sicherungen umlege.

Aber ernsthaft, mich hat dieser Gedanke der grundsätzlichen Involviertheit sehr beschäftigt. Weil das doch auch auf das Leben in einer globalisierten, symbiotisch funktionierenden Welt komplett zutrifft. Alles hängt mit allem zusammen und wir alle sind mittendrin. Es ist naiv zu glauben, Waffenexporte aus dem eigenen Land hätten nichts mit Flüchtlingsbewegungen zu tun. Das Telefon in der eigenen Hüfttasche nichts mit den Arbeitsbedingungen von Menschen im globalen Süden. Der Umgang mit dem Kulturbetrieb während der Krise nichts mit der post-coronaren Theaterlandschaft. Die persönlichen Lebensbedingungen nichts mit der eigenen kreativen Arbeit.

Im letzten Eintrag habe ich ausführlich über die (zeitweiligen) prekären Arbeitsbedingungen von selbständigen Künstler:innen geschrieben. Fragen, die natürlich vielen bereits bewusst sind. Dass es einen Zusammenhang gibt, geben muss, zwischen unserer künstlerischen Tätigkeit und unseren Lebensbedingungen. Umso mehr beschäftigt mich die Frage, woher dann eigentlich unsere Bereitschaft kommt, für das Theatermachen Prekarität und Unsicherheit als Normalzustand in Kauf zu nehmen.

Antwortversuche

Mögliches Szenario: Schulvorstellung um zehn Uhr vormittags. Aufgeregt plappernde Schüler:innen, müde Lehrer:innen mit Kaffeebechern, Gruppendynamiken, die sich während der Aufführung Bahn brechen, direkte emotionale Reaktionen und womöglich ein kontroverses Nachgespräch. Ich mag das. Das wäre eine Situation, aus der sich meine Bereitschaft, Opfer für das Theater zu bringen, speist. Weil ich den Austausch und die unmittelbare Diskussion mit den Zuschauer:innen als sinnstiftend erlebe. Dieser Austausch ist buntbreit gefächert auf vielen Ebenen in den Kinder- und Jugendtheatern angelegt. Nur leider verortet das Inszenieren und Erfinden für junges Publikum Theatermacher:innen häufig immer noch ausschließlich in eine  Schnittstelle zwischen Vermittlung und Kunstproduktion. Reicht das?

Lieber noch ein zweiter Versuch. Wer sich für eine freiberufliche kreative Existenz entscheidet, weiß ja häufig um die Risiken und Nebenwirkungen. Denn „reich wird man damit nicht“. Es werden also Prioritäten gesetzt: Was ist das Ziel der eigenen Arbeit?

Nehmen wir ein Beispiel. Alec, 23 Jahre, möchte Theaterschauspielerin werden. Sie weiß, dass sie damit aller Wahrscheinlichkeit nach kein Vermögen verdienen wird. Aber sie glaubt in purem Idealismus an die Veränderbarkeit der Welt durch Geschichten. Sie möchte dazu beitragen, die Welt etwas besser zu machen. Alec setzt also ihre erste Priorität auf die eigene künstlerische Existenz, die im Wesentlichen darin besteht, scheinbare Normalitäten zu hinterfragen und alternative, virtuelle Realitäten auf der Bühne auszuprobieren. Erst ihre zweite oder dritte Priorität legt sie auf den Erwerb von materiellem Wohlstand. Alec nimmt ihren „Verzicht“ auf finanzielle Spielräume zugunsten eines Lebens für die Kunst als große Freiheit wahr.

Kurzes zweites plakatives Gegenbeispiel. Johann, 23 Jahre, studiert Betriebswirtschaftslehre im 5. Semester. Er möchte gerne Karriere machen. Johanns Priorität liegt auf finanziellem Wachstum. Jeden Morgen öffnet er seinen Online-Banking-Account und begrüßt warmherzig die seit Kurzem knapp fünfstellige Ziffer unter der Spalte PLUS. Dieser Anblick vermittelt ihm Sicherheit ergo ein Gefühl der Freiheit, beispielsweise um bald eine Familie gründen zu können.

Kann es sein, dass wir Unsicherheit und Prekarität unserer Existenzen akzeptieren, weil wir Alecs Idealismus teilen? Dass wir letztlich verschiedene Freiheiten gegeneinander abwägen? Entweder die Freiheit, ein engagiertes kreatives Leben zu führen, oder die Freiheit, finanzielle Rückendeckung und abgesicherte Arbeitsbedingungen zu haben? Und warum widerstrebt es mir, dass ich hier ganz selbstverständlich entweder-oder geschrieben habe?

Wer kann wie gut arbeiten?

Denn die Frage ist ja, wer unter welchen Bedingungen gut arbeiten kann. Ich muss kurz an Spitzweg denken, an „Der arme Poet“ das Bild von dem krumpeligen kleinen Mann mit der Schlafmütze, den Schirm über dem Bett drapiert, damit es nicht auch noch auf seine rote Schniefnase regnet aus dem löchrigen Dach, das er über dem Kopf hat. Entweder er ist krank, oder es lohnt sich schon gar nicht mehr, noch aufzustehen. Er ist ein Außenseiter. Aber ein Blatt hat er auf den Knien, damit es gleich losgehen kann mit dem Phantasieren. Der arme Poet ist eine Karikatur, klar, aber auch aussagekräftig für die Neigung, aus der Not eine Tugend zu machen, und für das Narrativ des Kreativen, der in der Lage ist, selbst schwierigste Bedingungen für seine Arbeit auszublenden.

Tatsächlich ist ein solches Ausblenden für viele ein Kraftakt. Mir fällt definitiv mehr ein, wenn ich weiß, dass die Miete für den Folgemonat auf meinem Konto liegt. Noch mehr und Besseres fällt mir ein, wenn da die Miete für die nächsten sechs Monate verbucht ist. Die Annahme, dass kreative Arbeit unabhängig vom Kontext stattfindet, ist schlichtweg nicht für alle gültig. Kreatives Arbeiten ist sehr individuell. Die Miete auf dem Konto schafft eine Art Freiheit, die für manche erst den Raum für echte kreative, sprich sorglos-spielerische Arbeit eröffnet. Oder, um es mit der Wirtschaftswissenschaftlerin Lisa Basten zu sagen, deren Vortrag ich beim ersten Burning Issues Kongress 2018 in Bonn erleben durfte, hier sinngemäß zitiert: Es besteht kein nachgewiesener Zusammenhang zwischen Stress und Kreativität. Es gab Applaus.

Freiheit wovon und wofür?

Mir munkelt, die Priorisierung von kreativ-idealistischer Freiheit einerseits und materiell-arbeitsrechtlicher Absicherung andererseits könnte sich überlebt haben. Könnte ein Anachronismus sein aus einem Elfenbeinturm der kanonischen, altehrwürdigen Spielstätten, Sälen, Philharmonien, in denen sich kurz Ausnahmezustandsluft atmen ließ, als die Welt noch überschaubar schien. Stattdessen verzahnt sich die Frage nach der Funktion unserer künstlerischen Arbeit für mich immer enger mit der nach unseren Lebens- und Arbeitsbedingungen. Eine meiner Studierenden hat Theater kürzlich sehr treffend als „Labor für’s Zusammenleben“ beschrieben. Spannend, das wörtlich zu nehmen, zuletzt habe ich beispielsweise in einer Ausschreibung vom geplanten „Wohnzimmer“ auf der Bühne 2 des Theaters an der Parkaue gelesen. Das ist ein Beispiel von vielen Formaten der Vermittlung und der Partizipation, die letztlich Theater als offenes Forum begreifen und so „zum Motor für Öffnungsprozesse klassischer Kultureinrichtungen werden“  (Birgit Mandel, 2018) könnten.

Ein hybrides und spartenübergreifendes Arbeiten, das unsere Institutionen in unserer Lebenswelt, unserem Alltag verwurzelt: Je sinnvoller ich diese Initiativen finde, desto mehr frage ich mich: Welche Bedingungen brauchen wir Theatermacher:innen selbst, um diese Funktion gut und glaubwürdig erfüllen zu können? Gut: Indem wir Kontexte schaffen, in denen die individuellen Bedingungen, unter denen gute künstlerische Arbeit möglich ist, berücksichtigt werden. Glaubwürdig: Indem wir die Werte, für die wir in unseren Projekten mit so viel Engagement einstehen, auch in unseren eigenen Existenzen umsetzen können.

Welche Lebens- und Arbeitsbedingungen müssten wir also fordern, um unsere Glaubwürdigkeit nicht zu verlieren? Welche Art von Freiheit brauchen wir denn? Die vielzitierte idealistische Freiheit, die selbständige Künstler:innen mit prekären Arbeitsbedingungen bezahlen? Oder die (finanzielle) Freiheit, Gleichberechtigung und soziale Gerechtigkeit auch in unseren eigenen Existenzen leben zu können?

23. April
Die Kartoffelfrage: Tschüss, ihr Narrative der Hilfsbedürftigkeit

Vor einiger Zeit waren eine Freundin und ich zu einem sehr stilvollen Abendessen bei ihren Verwandten eingeladen, einem betagten, im Stadtteil sehr beliebten und kulturinteressierten Paar in einem Ruhestand, den sie ausgiebig mit Apérol in der Mittagssonne im üppigen Garten genießen. Anwesend waren außerdem (in Berufsbezeichnungen): ein Jurist, eine Galeristin, ein Grundschullehrer und eine ältere Buchhändlerin, die ihre Sitznachbarin, eine Lokalpolitikerin, verstohlen fragte, wie sie die Farbe ihrer neuen Bluse fände. Knallrot. Großartig. Es wurde ein sehr unterhaltsamer Abend. Irgendwann zu sehr später Stunde fragte mich die Gastgeberin nach meiner beruflichen Tätigkeit. Sie und die Galeristin hörten mir interessiert zu. Aha, das ist ja spannend.

  • Das ist aber spannend.
  • Ja, mal mehr, mal weniger, ich habe auch viel ganz schnöde Organisation zu erledigen.
  • Aber da müssen wir ja einmal ausführlicher darüber reden. Über Kreativität als Lebenshaltung. Ich habe ja eine Freundin, die ist Künstlerin, und nun ja, die hat eben manchmal am Monatsende nur noch Geld für Kartoffeln und Quark. Wie ist denn das bei Ihnen?

Sagte die Gastgeberin und schenkt mir und sich vom teuren Wein nach.

Zum Wohl

Ich habe das Thema gewechselt, weil mir der Abend und der Garten zu gut gefallen haben für eine solche Diskussion, und den Vorfall danach vergessen. Heute fiel er mir wieder ein bei einem Telefonat mit einem großen deutschen Konzerthaus. Wegen Corona wurden kurzfristig Veranstaltungen abgesagt, die Ausfälle werden nun nachbereitet. Aktuell kann nur ein Teilbetrag der Gage ausbezahlt werden, wie auch schon vorausgesagt. Ich habe bereits viel Vorarbeit geleistet für das Konzerthaus. Ich werde dafür nicht den Mindestlohn erhalten haben. Es wird bei der Teilzahlung juristisch korrekt – Werkvertrag – von „Kulanz“ gesprochen. Außerdem erfahre ich im Plauderteil des Gesprächs von einem Fonds, den die Elbphilharmonie Hamburg eingerichtet habe. Dieser speise sich aus nicht zurückgeforderten Ticketpreisen. „Da können diejenigen, die das Geld nicht unbedingt brauchen, ihr Ticket sozusagen spenden, was dann den notleidenden Künstler:innen zugute kommt“, formuliert die Mitarbeiterin am Telefon.

Später im Supermarkt hatte ich die Kartoffeln schon in der Hand. „Notleidend“. Das klingt für mich wie ein Spendenaufruf von vor 20 Jahren. Kurz habe ich die Fantasie eines Kurzfilms, in dem ich in zerrissenen Kleidern vor einer einzigen trockenen Kartoffel sitze und mit großen Kulleraugen von unten in die Kamera sehe. Mit der Bitte um Quark. Hm. Nüchterner Fakt ist doch: Ich habe Vorbereitungsarbeit erbracht. Ich würde sehr gerne dafür bezahlt werden. Der gängige Werkvertrag, der Künstler:innen im Falle eines Veranstaltungsausfalls nicht absichert, ist da natürlich ein strukturelles Problem. Und im Prinzip finde ich es toll, dass Initiativen wie der Elbphilharmonische Hilfsfonds ergriffen werden, auf dessen Homepage die Formulierungen ja auch wesentlich sachlicher ausfallen. Aber wichtig: Die aktuelle „Not“ vieler selbständiger Künstler:innen ist das Resultat fehlender Absicherung. Sie ist kein Schicksal.

Sensibilität im Umgang mit Narrativen der Hilfsbedürftigkeit

Darin liegt auch der Denkfehler, wenn Monika Grütters den Weg der Unterstützung durch soziale Grundsicherung für freie Künstler:innen verteidigt, da „dieser Weg auch anderen Berufsgruppen zugemutet (werde), sie verstehe nicht, warum Künstler eine Ausnahme machen sollten“.

Sicherlich tun alle derzeit unter großem Druck ihr Möglichstes. Sicherlich wird auch noch einiges in die Wege geleitet werden, ich möchte das gerne an dieser Stelle ausdrücklich wertschätzen. Trotzdem kurz zum „Ausnahmestatus“ selbständiger Künstler:innen. Dieser besteht darin, dass sie den Shut-Down, im Unterschied zu anderen freiberuflich aktiven Berufsgruppen, oft schon kennen. Im Kleinen, Individuellen. Mini-Shut-Downs. Wären die Frühjahrsveranstaltungen aus irgendeinem anderen Grund – Höhere Gewalt! – abgesagt worden: Same. In der Krisensituation sollte dieser grundsätzliche Missstand zumindest als problematisch benannt werden. Künstler:innen wie andere Berufsgruppen nun ohne weitere Kontextualisierung an die Grundsicherung zu verweisen, ist ein Signal, das bestehende Klischees des:der „notleidenden Künstler:in“ mit besonderer „Hilfsbedürftigkeit“ untermauert.

Vorschlag: Vielleicht sollten wir uns in der Krise nicht nur für eine finanzielle und arbeitsrechtliche Verbesserung der Situation freie:r Künstler:innen einsetzen, sondern auch sensibel sein für das Vokabular, mit dem die aktuellen Notoperationen durchgeführt werden. Initiative für die Weiterenwicklung der freien Künste in Krisenzeiten? Solidarität? … ? Ich lege die Kartoffeln erst mal ins Regal zurück.

25. April
Übermaß und Relevanz

Übermaß, Übermaß, Übermaß. Seit ich im Studium einmal den Vortrag eines französischen Anthropologen namens Marc Augé, gehört habe, verfolgt mich dieses Wort. Augé charakterisierte unsere Zeit als „Übermoderne“ (Nicht-Orte, 2010). Zentrales Merkmal, da ist es, schon wieder: das Übermaß. Überfülle, Überfluss. Nahe Verwandte des Kapitalimus, nehme ich an. Die sehen sich so ähnlich.

Das Übermaß begegnet mir auch im Theater immer und immer wieder, an jeder einzelnen Bühnenecke, hinter jedem Scheinwerfer, wo es sich manchmal zum Spaß versteckt. Alter Schlawiner. Viele selbständige Kolleg:innen sagen zum Beispiel häufig: „Ich habe Angst, nichts zu tun zu haben!“ Oder: „Ich habe viel zu viel zu tun!“ Produktionsdruck und Leerlauf, beides beliebte Ausprägungen des Übermaßes.

Zunächst: Leerlauf. Den wohl selbständige Künstler:innen alle irgendwann einmal erleben. Zumindest mal nach einer fordernden Premiere, nach intensiven Endproben, Tag und Nacht, und dem darauffolgenden Kater:

Alec, die junge, nun selbständige Schauspielerin allein zu Hause in ihrer eigenen Wohnung

Haallo??

Nein, heute keine Proben mit den Kolleg:innen, mit denen du die letzten Stunden, Tage, Wochen verbracht hast.

Erschöpfung.

Mühsames Wiederfinden in einen Alltag.

Pfefferminztee.

Womöglich aufkeimende Existenzsorgen: Was wird nun?

Möglicherweise kurzzeitiges Verfluchen der eigenen Prioritätensetzung im Alter von 23 Jahren.

Wachsende Unsicherheit mit jedem Tag ohne Folgeprojekt.

Die Existenzsorgen wuchern angeregt.

Und eines Tages klingelt es an Alecs Tür.

  • Wer ist da?
  • Ich bin’s, die Angst.
  • Wo kommst du denn her?
  • Deine tollen Existenzsorgen im Fenster haben mich angelockt, superschön. Lässt Du mich rein?
  • Nein.
  • Das war eine rhetorische Frage.
  • Na dann, willkommen.
  • Ich könnte ab jetzt das Gießen und Düngen übernehmen, in Ordnung?
  • Ist das auch eine rhetorische Frage?

Zweitens: Das Übermaß an Produktion, „Ich habe viel zu viel zu tun!“ 

Ich war bisher nie über eine Produktion hinaus an einem Stadttheater angestellt, da können Kolleg:innen im Festengangement detailliertere Informationen geben. Im Gespräch erscheinen mir deren Tagespensen allerdings durchaus ambitioniert. Ich selbst  schaffe es nie, alle Aufführungen zu sehen, die ich mich interessieren. Meine Theatersozialisation hat in der freien Kölner Theaterszene begonnen. Für die prägenden Gruppen ist Sichtbarkeit und eine regelmäßige Produktion sehr wichtig, um Fördergelder zu erhalten und weiterarbeiten zu können. Als selbständige Theatermacher:in brauche ich mindestens drei größere Projekte pro Spielzeit, inklusive vor Adrenalin berstender 14-Stunden-Endprobentage, um über die Runden zu kommen. Dazu würde ich schon länger gerne einmal eine Umfrage machen: Wie viele Projekte pro Spielzeit wären ideal, sprich: gut und entspannt machbar, wenn du mal alle finanziellen Fragen außer acht lässt? Mit Zeit zum Vordenken und zur Analyse, wem du was erzählen möchtest?

Heißt: Wir wollen aus Idealismus und Überzeugung (Priorität 1) für ein Publikum produzieren. Wir müssen uns um ein stetiges Produzieren gemäß den Gesetzen des Übermaßes bemühen, um unseren Lebensunterhalt sichern und um sichtbar bleiben zu können (Priorität 2 oder 3 holen uns ein). Das Theater ist ein Ort der Extreme, an dem (nicht nur) selbständige Künstler:innen sich derzeit ständig beweisen müssen. Weißes Rauschen Relevanz.

Und jetzt kommt Corona und fegt uns die vollen Bühnen leer.

—- Fortsetzung folgt —-


Unseren kompletten Spielplan findet Ihr HIER.

BMFSFJ_2017_Office_Farbe_deDie Rechte liegen bei der Autorin.
Das Projekt wird finanziert aus Mitteln des Kinder- und Jugendplans des Bundes (KJP) des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie aus Mitgliedsbeiträgen der ASSITEJ.

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