Literatur fördern – aber richtig. Die Tagung „40 Jahre Deutscher Literaturfonds“

von Henning Fangauf


litfonds
„Die Sache mit dem Geld“: Podiumsgespräch mit (v.l.) Bettina Baltschev (Moderation), Daniel Beskos (mairisch Verlag), Siv Bublitz (S. Fischer Verlage), Philipp Schönthaler (Autor), Monika Eden (Leiterin des Literaturbüros Oldenburger Land), Oliver Jungen (Journalist), Thomas Böhm (Moderation). Foto: Politycki & Partner

Literatur fördern – wie geht’s richtig? Mit der Praxis der Literaturförderung beschäftigt sich der Deutsche Literaturfonds e.V. in Darmstadt seit seiner Gründung 1980. Im Auftrag der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien ermöglicht der Fonds durch Arbeitsstipendien jungen oder bereits renommierten deutschsprachigen Schriftsteller*innen neue Romane, Lyrik oder Dramen zu schreiben; er vergibt Preise, fördert nachhaltige Literaturprojekte und ist mit Nah dran! Neue Stücke für das Kindertheater Kooperationspartner des KJTZ. Dem Fonds steht ein jährlicher Haushalt von ca. 2 Millionen Euro zur Verfügung.

Sein über viele Jahre selbst auferlegtes Credo „Wir fördern im Stillen“ stellte der Fonds nun selbst in Frage und lud mit kleinem Getöse zu einer öffentlichen Tagung vom 30. bis 31. Januar 2020 nach Leipzig ein. Anlass war das 40-jährige Jubiläum des Fonds. Welche Förderungen brauchen Autor*innen heute, was kann dieser im Wege stehen, in welchem Umfeld bewegt sich die Literatur in unserer aktuellen Medienlandschaft? Diese und andere Fragen wurden in Podiumsgesprächen und mit Beteiligung des Fachpublikums diskutiert.

Der Tagungsort, das Deutsche Literaturinstitut Leipzig als älteste und renommierte Ausbildungsstätte für literarisches Schreiben in Deutschland, war klug gewählt. Deren Student*innen, also jene nächste Generation der Schreibenden (und damit auch der beim Fonds Antragstellenden) brachten sich teils klug argumentierend teils emotional polemisch in die Tagung ein. Es waren gerade diese studentischen Interventionen, die die Statements der etablierten Podiumsteilnehmer*innen kritisch befragten und zur Meinungsvielfalt der Tagung beitrugen. Zu Recht bemängelte die junge Generation, dass sie auf den Podien nicht vertreten war – und konstatierte: „Gleiches befördert immer wieder Gleiches“. Das Bild des an den Schalthebeln sitzenden „weißen, alten Mannes“ wurde immer wieder strapaziert: sie, die „Zeitreichen“, schreiben die Texte (z.B. für Wikipedia), sie bestimmen die Diskussionen, sie geben die Richtungen vor. Aber repräsentieren sie auch unsere Gesellschaft in ihrer zunehmenden Diversität? In den Fördergremien, in den Verlagsprogrammen, auf den Theaterspielplänen? So die kritischen, auch gesellschaftspolitisch intendierten Anmerkungen aus der Studierendenschaft.

Offensichtlich war, dass weniger die Literatur als eher die Rahmenbedingungen, unter denen Literatur entsteht und unter denen der Literaturfonds agiert, im Zentrum des Tagungsprogramms standen. Also: „Die Sache mit dem Geld“, „Urheberrecht und digitale Plattformen – wie geht das zusammen?“, „Political Correctness oder Literatur“, „Erzählerische Freiheit, Fake und Fiktion“ und „Wie finden junge Autoren in die Verlage?“ – so die Titel und Fragestellungen der fünf Podien. Es war durchaus interessant, den Sichtweisen der durchweg im Literaturbetrieb fest verankerten Podiumsteilnehmer*innen zu folgen. Siv Bublitz, Chefin der S. Fischer Verlage, warnte eindringlich vor der Gefahr, dass durch politische und finanzielle Einflussnahmen die Verlage in ihrer künstlerischen Freiheit eingeschränkt werden könnten. Die Verlegerin Antje Kunstmann berichtete über den Shitstorm im Netz mit rassistischen Vorwürfen an ihre beiden Buchtitel Der weiße Neger Wumbaba und Mein schwarzer Hund. Oder die Autorin Tina Uebel, die sich durch die häufig simplen schwarz-weiß Argumente nach Political Correctness in ihrem literarischen Schreiben eingeschränkt fühlt. Brauchen wir „Sensibility Agencies“, die Texte auf „problematische Stellen“ untersuchen, und Autor*innen auf versteckte „Mikroaggression“ hinweisen?  Da wurde oftmals mit einer Verteidigungshaltung von den Podien argumentiert.

Mein Fazit: die Tagung hat deutlich gemacht, dass der Deutsche Literaturfonds seinen Dialog mit der nächsten Autor*innengeneration dringend führen muss. Es geht um deren Zukunft, aber nicht minder um die Zukunft der Förderpraxis und letztendlich um unser aller Literaturlandschaft. Nur dann kann „Literatur fördern – aber richtig“ gelingen. Der Anfang ist gemacht.


Henning Fangauf ist Projektleiter des Förderprogramms Nah dran! Neue Stücke für das Kindertheater, ein Kooperationsprojekt des Kinder- und Jugendtheaterzentrums in der Bundesrepublik Deutschland und des Deutschen Literaturfonds e.V., das mit Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien gefördert wird.

 

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