Dxr andxre Oxt. Eröffnung des AYŞE X Staatstheaters in München

von Nikola Schellmann


IMG_20191110_183724_691Wart Ihr schonmal in einer Heterotopie? Ich bin hingefahren. Nach München ins HochX.

Klingt akademisch-foucaultig? Ist es auch. Aber mit der Theorie-Keule baut das neu gegründete AYŞE X Staatstheater ein Fundament, von dem aus es beinahe wie von selbst einen Raum schafft, in dem die diskursive Struktur Programm ist. In dem Fragen gestellt werden nach Hierarchien, Formen der Zusammenarbeit, nach Machtgefälle, Lernprozessen, Zugänglichkeit, Diversität, Mitsprache, auch nach ungesunden, beleidigenden, verletzenden Vorgängen am Staats- und Stadttheater.

Klar gibt es die auch anderswo und auch nicht überall, aber ist es nicht bemerkenswert, dass vermeintlich bemerkenswerte Inszenierungen aus solchen Strukturen kommen, aus denen zugleich immer mehr Stimmen lauter werden, dass etwas schief laufe?
Dass diese Strukturen diese ganzen tollen Inhalte verhandeln (wollen) – aber Stimmen immer lauter werden, dass die Entstehungsprozesse dieser Inhalte dazu nicht passen?

Klingt gut, aber wird grad überall und nirgends diskutiert? Wird es auch.
Aber was nun hier passiert ist: es hat jemand gemacht. Antigone Akgün und Emre Akal gehen hin, stellen ein Ensemble zusammen und gründen ein neues Theater. Ein Staatstheater, ja, mit Absicht dieser Begriff. Staatstheater der Zukunft.
Am bemerkenswertesten ist, dass dieser andere Raum (sic) hier im AYŞE X Staatstheater anrührend freundlich ist. Und dass nicht zuletzt darüber das ganze Konstrukt funktioniert. Das schreibe ich mit Absicht so pathetisch hin, denn das kommt irgendwie derzeit abhanden.

Klingt einfach gedacht? Ist es auch.

Es geht aber hier an diesem Eröffnungswochenende vom 21.-24. November gar nicht (mehr) um Nettigkeiten, es geht um Menschen, die sich eben diese Gedanken zu allererst mal machen. Eine ‚Gruppe‘, die mit den Strukturen, wie auch immer sie sein mögen, nicht mehr zurechtkommt. Sei es aus Leidensdruck oder Solidarisierung mit anderen. Die diese Gedanken auch anspricht. Und wenn das in den Strukturen nicht möglich ist, gründen wir eben nicht nur unsere eigene Initiative, sondern kurzerhand unsere eigene Arbeitsstruktur und Institution. Dass das neue, andere Theater den Namen einer Schauspielerin trägt, die eben nur eine bestimmte und in diesem Falle leider begrenzte Rollenauswahl hatte (nein Moment, dann wäre sie ja aktiv beteiligt gewesen: sie wurde besetzt), schafft einen überaus wichtigen, identitätsstiftenden, selbstbewussten, beeindruckenden (ich finde keine akademischen Worte dafür) Moment: die Münchner Schauspielerin Ayşe Çetin wird bei der Eröffnung im HochX geehrt und bekommt den Schlüssel zu ihrem Theater überreicht.
Auch pathetisch? Vielleicht, aber den eigenen Namen so ernstgenommen und geehrt zu sehen, ist auch eine Erfahrung, die für viele von uns (zu) selbstverständlich ist.

„Als Ayşe Çetin an ihre künstlerischen Grenzen stieß – etwa durch Rollenzuschreibungen, denen sie nicht weiter gerecht werden wollte –, brach sie mit der Schauspielkunst und widmete sich fortan, unter ihrem Decknamen „Angie C.“, dem Kampf um Gleichberechtigung, Gender Issues, LGBTQ+ Rights sowie dem Erhalt einer pluralen Gesellschaft und fordert heute ein neues Theater, offen benannt nach ihrem echten Namen, für sich und (X=) alle Künstler*innen, Mitstreiter*innen, Nachbar*innen und Freund*innen.“

Klingt alles konstruiert? Ist auch ein Konstrukt. Aber bis ins Detail (Achtung, nochmal Wissenschaft:) performativ, weil es auf sich selbst verweist und eine Wirklichkeit dadurch erschafft, dass es stattfindet. Und das funktioniert.

„Wir eröffnen“  =  Wir eröffnen. Wir, die wir hier sind. Eröffnen, was hier ist.

20191124_133902Der Vortrag „Was ist eigentlich ein*e Dramaturg*in? Und was könnte ein*e Dramaturg*in sein?“ von Antigone Akgün  =  Die Dramaturgin live in Aktion mit Kaffee, Schal und der live verschriftlichten Antwort, natürlich nicht ohne (Selbst-)Ironie.

Das ist überhaupt ein schönes, weil total passendes Bild: die eigene, woher auch immer herrührende Rolle im produktiven Sinne nicht ernst nehmen, sie damit kreativ hinterfragen und so zugleich wiederum produktiv machen für ein gleichzeitiges Hinterfragen des Herrührens.

Klingt verwirrend? Ist es gar nicht so sehr.
Es funktioniert mit einem Staff aus 80 Personen, mit Spielplan, mit denen, die da sind. Denn der Gedanke, dass ‚die‘ Staatstheater eigentlich eine seltsame Utopie darstellen, indem ihre Struktur nicht zeigt, was und wer da in der Welt ist, begründet und etabliert ein zutiefst künstlerisches und politisches (da ist das Wort wieder:) Konstrxkt.

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