Dresdner Kinder fordern Mitbestimmung. Das tjg. theater junge generation wird 70!

von Annett Israel


tjg3Das zweitälteste Kinder- und Jugendtheater Deutschlands beging am 2. November 2019 seine Gründung vor 70 Jahren. Tatsächlich eröffnet wurde es am 11. November 1949 nach Vorbild der nach 1918 entstandenen sowjetischen Kindertheater als eigenständiges Haus mit einem Ensemble, Gewerken und einer großen Zahl von Ensemblemitgliedern und Mitarbeiter*innen. Es glich damit – ganz so wie die weiteren fünf eigenständigen zwischen 1946-69 gegründeten Kindertheater der DDR – in seinen Dimensionen einem mittleren Stadttheater, das erzieherisch im Sinne des sozialistischen Menschenbildes wirken sollte und ausschließlich für ein junges Publikum spielte. Märchenbearbeitungen wurden dort ebenso auf die Bühne gebracht wie historische Stoffe und es entstand erstmals eine deutsche Gegenwartsdramatik für Kinder von Autor*innen der DDR. Übersetzt und nachgespielt wurden auch Stücke aus dem sozialistischen Ausland.

Fundstück 1 | Natalia Saz (Gründerin des ersten Kindertheaters 1918 überhaupt in Moskau), 1934:

Kleinen Kindern muss man große Kunst bieten. Wer große Kunst nicht zu meistern versteht, kann nicht im Kindertheater arbeiten – auf der Grundlage dieser Überzeugung hat sich unser Theater entwickelt. Man darf den Kindern eine Aufführung nur dann bieten, wenn wirkliche, erwachsene Kunstkenner sie für tatsächlich künstlerisch wertvoll halten.

Fundstück 2 | Alexander A. Brjanzew, 1922:

Der Zuschauer – das ist der einzige unanfechtbare Anfang, auf den sich jedes Theater in seiner Kunst stützen muss. Das Theater, das seinen Zuschauer gefunden hat, ist auch in der Lage, seinen Stil zu finden. Das Theater, das sich von seinem Zuschauer trennt, verliert seinen Stil und mit ihm seine Daseinsberechtigung.

Das alles wurde hier in nicht langen Reden und kürzeren Grußworten vor den jüngsten, den jungen und nicht mehr ganz so jungen Jubiläumsgästen ausgebreitet. Eine bewusste, eine gute Entscheidung, denn der Samstagabend stand ganz im Zeichen der Dresdner Kinder! Sie verschafften sich Gehör und waren präsent mit ihren Ideen und Forderungen für ihr Zusammenleben mit allen anderen Bewohner*innen der Stadt.

Schon im Foyer konnten die jüngsten Dresdner*innen sichtbar werden mit ihren Vorstellungen von Selbstbestimmtheit und Teilnahme an demokratischen Verfahren: Bei welchen Themen und Fragen möchtest du mitbestimmen. Welche Entscheidungen möchtest du ohne Erwachsene treffen? Bei welchen Themen und Fragen möchtest du Unterstützung von Erwachsenen haben? Hier eine kleine Auswahl von Antwortzetteln:

Mitbestimmung der Kinder war dann auch das Thema der zentralen Veranstaltung: 70 Stadträt*innen treffen 70 Noch-Nicht-Wähler*innen! – mein Highlight an diesem Nachmittag.
Auf der Probebühne der Staatsoperette reihten sich Tisch an Tisch mit je vier Stühlen. Kinder von drei Dresdner Schulen begrüßten uns Erwachsene, darunter viele Stadträt*innen und Verwaltungsangestellte aus Dresden. Sie wiesen uns ein in eine Speed-Dating-Erzählcafé-Situation, denn jede*r Erwachsene hatte per Los schon seinen Tisch gefunden, auf dem selbstgebaute oder geschriebene Hinweise auf ein Thema warteten: bei mir waren das ein kleiner Mülleimer aus Papier und ein Miniaturmüllkorb, wie man sie in Parks findet, randvoll mit Papierabfällen. Ich begrüßte den Theaterreferenten der Kulturverwaltung, der neben mir Platz genommen hatte.

Dann stürmten Viert- und Fünftklässler*innen den Raum und verteilten sich an den Tischen. An unserem Tisch spielten drei Mädchen eine Szene und sprachen dann darüber, wie sie mit dem Müll, der die Parks verschmutzt und ihnen das Spielen erschwert, künftig umgehen würden. Eine Müllpolizei wurde ebenso gefordert wie neu gestaltete bunte Müllbehälter, die phantasievoll zur Benutzung einladen – fünf Minuten.
Die Erwachsenen wechselten per neuem Los den Tisch. Am zweiten Tisch erwarteten mich und eine Grünen-Stadträtin ein Junge und zwei Mädchen, die sich darüber Gedanken gemacht hatten, wo Neuangekommene (auch Kinder) in der Stadt aufeinander und auf Dresdner*innen treffen könnten. Sie forderten über alle Stadtteile verteilt, internationale Cafés als Begegnungsstätten mit internationalen Speisen, die für Geflüchtete dann preiswert zu haben wären („Für Dresdner wäre es natürlich etwas teurer, denn die haben mehr Geld“).
An meinem dritten Tisch begegnete ich zwei Jungen, die einen Stadtrat und mich teilhaben ließen an ihrem Zwiespalt, „ob sie nun ein Mehr oder ein Weniger“ fordern sollten. Für „Weniger“ sprach eine dringend notwendige Mietsenkung für alle alleinerziehenden Mütter oder Väter, die ihre Wohnkosten kaum noch aufbringen können. Für „Mehr“ sprach die Einführung unterschiedlichster kostenloser Angebote für die Freizeitgestaltung. Fußballspielen können in einem Klub war für die beiden bisher unerreichbar: „Zu teuer!“ Deutschland – reiches Land! Ich spürte, wie ich wütend wurde.

Kindern aufmerksam zuhören. Ihren verschiedenen Perspektiven Raum geben. Vielleicht nachfragen, aber bestimmt nicht Antworten parat haben und mit eigenen Lösungsideen aufwarten – das war die spannende Erfahrung dieser einen Stunde.
Schließlich hatten wir Gelegenheit, den Kindern einen Brief zu schreiben, einen Brief der Kinder in Empfang zu nehmen und per Video noch einmal alle beteiligten Schüler*innen mit eigenen Statements und Mitbestimmungsforderungen erleben.

Die Wünsche der Kinder für Dresden, eine Zusammenfassung aller Ideen, die im Rahmen des Projektes 70 Stadträt*innen treffen 70 Noch-Nicht-Wähler*innen entstanden sind, stehen hier zum Download: Wuensche_der_Kinder_tjg70

Fundstück 3 | Erich Kästner, 1946:

In jeder größeren deutschen Stadt müsste es in absehbarer Zeit ein »Ständiges Kindertheater« geben. Ein Gebäude, wo während des ganzen Jahres Kinder für Kinder Theater spielen. Ein Gebäude, das allen Kindern der jeweiligen Stadt gehört. Die Leitung läge in den Händen ausgezeichneter, pädagogisch veranlagter Künstler, und in den Stücken müssten, soweit erforderlich, erwachsene Schauspieler mitwirken.

Fundstück 4 | Walter Benjamin, 1928:

Die Selbstsicherheit des parlamentarischen Stumpfsinns kommt gerade daher, dass die Erwachsenen unter sich bleiben. Über Kinder dagegen haben Phrasen gar keine Gewalt.

Fundstück 5 | tjg. 2019:

Das tjg. versteht sich als Ort, an dem Kinder und Jugendliche wirklich gemeint sind, der ihnen besondere Erfahrungen ermöglicht, ihren Interessen und Bedürfnissen entgegenkommt und sie als Publikum ernst nimmt. Über das Zuschauen hinaus sollen am tjg. auch immer wieder Möglichkeiten für das Empowerment von Kindern und Jugendlichen geschaffen werden – als Diskutierende, Agierende, Gestaltende.

Natürlich gab es zum Jubiläum auch Theater zu erleben. Gleich zwei Vorstellungen umrahmten das Treffen mit den Kindern: Zu Beginn wurde Ich bin Kain von Jens Raschke gezeigt, eine Aufführung des Puppentheaters am tjg. in der Inszenierung von Nis Søgaard, die gerade für den Theaterpreis DER FAUST nominiert wurde und das Ringen den beiden Brüder Kain und Abel um Fortschritt oder Tradition mit Puppen und Videoprojektionen auf mehreren Spielebenen verhandelte.
Später sahen wir, wie König Macius der Erste, selbst ein Kind, „besser weiß, was Kinder brauchen“ und sich zwischen Erwachsenen und Kindern als „König der Kinder“ zu behaupten suchte. Das Kinderbuch von Janusz Korczak wurde in einer Fassung von Wojtek Klemm und Ulrike Leßmann auf die Bühne gebracht.

tjg10Schließlich saßen alle Gäste gemeinsam an einer langen Festtafel – Ausklang!
Happy Birthday tjg.! Wir gratulieren!

 


Die zitierten Fundstücke sind dem Arbeitsheft 4 zum Kinder- und Jugendtheater Gedacht – Gemacht. Programmschriften und Standpunkte zum deutschen Kinder- und Jugendtheater von 1922-2008 (Hoffmann, Christel (Hg.)/Israel, Annett (Mitarb.), Frankfurt 2008) entnommen.

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