World Wide Wonderland

IMG_7895Gerd Taube hat am 4. Oktober an der ASSITEJ-Werkstatt zum Thema „Theater und Digitalität“ am Jungen D’Haus Düsseldorf teilgenommen und gibt hier Einblick in diese Erfahrung

Wer weiß was das ist: Meme, Tellonym, PewDiePie, Tik Tok, VR-Chat, Pizza-Gate, QA-Code, Reply all, Vine, Amanda Todd, Mert, Reddit?
Mit der Frage nach diesen und anderen Begriffen eröffnete der Regisseur Martin Grünheit die ASSITEJ-Werkstatt zum Thema Theater und Digitalität am Jungen D’haus in Düsseldorf. Ich hatte nach dieser ersten Runde null Punkte. Sagte mir alles nichts. Jetzt weiß ich, dass PewDiePie der (!) Youtuber der Welt ist. Ich hab auch gleich nachgeschaut, sein Kanal hat 101 Mio. Abonnenten. Und er ist bei der Zielgruppe des Theaters für junges Publikum überaus beliebt. Oder auch der VR-Chat, eine virtuelle Realität, in der man mit seinem Avatar live mit anderen Nutzer*innen und ihren Avataren chatten kann.
Eine Erkenntnis aus der Werkstatt kann ich schon nach der ersten halben Stunde festhalten: Das Narrativ, dass das Theater für junges Publikum seine Zuschauer*innen und ihre Lebenswelt kennt stimmt womöglich nur in Teilen, denn zu ihrer Lebenswirklichkeit gehören die digitale Sphäre des Internets und der sozialen Netzwerke ebenso wie das Real Live des Alltags. Mehr noch, es sind nicht viele Welten, in denen sie leben, wie unsereiner sich das immer so vorstellt, sondern diese vielfältigen Ebenen des Realen durchdringen einander, nehmen aufeinander Bezug und prägen ihre Weltwahrnehmung und Weltanschauung ganz enorm.
Auch wenn wir letztlich nicht abschließend klären konnte, mit welchen Aspekten der Digitalität oder des Digitalen wir uns in der Werkstatt beschäftigen wollen, war es genau diese Uneindeutigkeit, die diese Erfahrung so faszinierend macht.
Ich will nicht sagen, dass nun für mich eine Tür aufgestoßen worden wäre, um mal in einem Bild aus der analogen Welt zu bleiben, aber Martin Grünheit und David Brückel, Dramaturg am Jungen D’haus, der die Werkstatt moderiert hat, haben mir diese Tür einen Spalt geöffnet und mich hineinschauen lassen. Es ist ein bisschen wie bei Alice im Wunderland, man staunt, welche Welt es hinter den Spiegeln gibt. Aber wie Alice muss man da durch, muss selbst Erfahrungen mit diesen unterschiedlichen Erscheinungsformen des Realen machen, um ermessen zu können, welcher Reichtum an Möglichkeiten da ist, aber auch, wie sehr das Internet und seine Möglichkeiten mißbraucht werden können, um unsere Gesellschaft zu spalten und die eigene Meinung zum Maß aller Dinge zu machen.
Im praktischen Teil habe ich mich der Gruppe angeschlossen, die WhatsApp als Plattform für kollektive Autorschaft genutzt hat. Ich gebe zu, WhatsApp kenne ich schon, das Risiko ins Unbekannte zu gehen war kalkulierbar. Aber schon die erste Viertelstunde des Schreibens mit meinen beiden Mitautorinnen Anne und Nazli hat mir gezeigt, dass ich vorher theoretisch nicht ermessen konnte, wie viel Spaß das macht und wie einfach man in die fiktive Geschichte einsteigen kann, die sich da aus einigen ersten Repliken schnell entwickelt hat. Das war getipptes Rollenspiel und virtuelles Improtheater. Das hat sich noch bestätigt, als wir unsere digital erfundene Geschichte analog vorgetragen haben. Mit vertauschten Rollen und einem Riesenspaß an unserer eigentlich ziemlich banalen Geschichte. Aber es ging ja auch nicht um den Content, sondern um die Methode, die sich sowohl für die Arbeit mit Jugendlichen als auch mit professionellen Schauspielern eignet.
Es braucht also für das Digitale im Theater nicht unbedingt den großen technischen Aufwand und die Technologie ist nicht die Digitalität, sondern erst in der sozialen Praxis des Real Live oder des Theaters materialisieren sich die Einsen und Nullen des Digitalen, die Virtualität des Internets und die Algorithmen der Suchmaschinen. Noch so eine Erkenntnis aus diesem aufregenden Freitag mit einem Blick auf die Gegenwart, der sich für mich wie ein Blick in die Zukunft angefühlt hat. Obwohl ich weiß, dass diese gefühlte Zukunft schon jetzt real ist. Man muss nur hinschauen und sich einlassen.

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