Drama for future! Zur Eröffnung von „Hart am Wind“

csm_HaW_web_dc834730f5von Rebecca Hohmann


Sehr geehrte Frau Brigitte Hohmann, sehr geehrter Herr Karasek, sehr geehrter Herr Benclowitz, liebe Astrid Großgasteiger, liebe Anne-Liis Maripuu, liebes Team des Werftparktheaters, liebe Kinder- und Jugendjury, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Gäste!
Im Namen der ASSITEJ Deutschland begrüße ich Sie alle recht herzlich zu Hart am Wind dem 6. Noddeutschen Festival für junges Publikum in Kiel.

Liebe Astrid, liebe Anne-Liis, liebes Team vom Werftparktheater Kiel, nun ist es soweit, das Festival, das ihr lange vorbereitet habt, beginnt jetzt! Ich danke euch im Namen des Vorstands für die Gastfreundschaft und Ausrichtung des Festivals, für die Zusammenstellung des attraktiven Programms auf und neben der Bühne, für die Möglichkeiten der Begegnungen und inhaltlichen Diskurse, die ihr geschaffen habt. Dank sagen möchte ich auch der Jury, die aus den Bewerbungen zehn bemerkenswerte Inszenierungen aus den norddeutschen Ländern ausgewählt hat. Das waren Henning Fangauf, bis 2018 stellvertretender Leiter des Kinder- und Jugendtheaterzentrums, Frankfurt am Main, Céline Bartholomaeus, Theatervermittlerin am Staatstheater Braunschweig und Karolin Wunderlich, Theaterpädagogin am Jungen Theater im Werftpark Kiel.

Wir freuen uns sehr darüber, mit dem Festival Hart am Wind hier sein zu dürfen, zum ersten Mal in Schleswig-Holstein! Nach drei  Ausgaben in Niedersachsen (in den Städten Oldenburg, Hannover und Göttingen), den Stadtstaaten Bremen und Hamburg waren wir nun in allen Bundesländern des Arbeitskreises Nord der ASSITEJ zu Gast. Die ASSITEJ ist die internationale Vereinigung des Theaters für Kinder und Jugendliche und hat rund 80 nationale Zentren auf allen Kontinenten. Der Name ASSITEJ ist eine  Abkürzung, abgeleitet aus dem Französischen und steht für Association Internationale du Théâtre pour l’Enfance et la Jeunesse. Zweck der ASSITEJ ist die Erhaltung, Entwicklung und Förderdung des Kinder- und Jugendtheaters. Und dazu trägt dieses Festival im hohen Maße bei, denn es ist neben einem Publikumsfestival auch ein Arbeitstreffen der Kinder- und Jugendtheatermacher*innen. Beides ist sehr wertvoll und wichtig.

Seit einigen Jahren spüren wir vermehrt eine Spaltung in unserer Gesellschaft. Zum einen durch das wirtschaftliche Gefälle zwischen Arm und Reich, aber auch dadurch, wie Menschen aufgrund von kultureller Herkunft, Geschlecht oder sexueller Orientierung diskriminiert werden. Je mehr Ausgrenzung uns in der Gesellschaft begegnet und gerade dann, wenn politische Parteien und Gruppierungen uns bewusst spalten wollen, hat es den Anschein, dass Orte, wie das Theater wieder wichtiger in unserer Gesellschaft werden. Hier können wir Gemeinschaft erfahren und neue Denkweisen erproben, solche die uns verbinden, anstatt zu spalten, solche die uns ermöglichen, Empathie für andere zu empfinden, solche, die uns Hoffnung auf die Zukunft machen. Und, Theater schafft Räume, sich im Anschluss an Vorstellungen über das Gesehene zu verständigen, sich mit anderen auszutauschen, sich eine Meinung zu bilden und diese mit anderen abzugleichen, eine Gemeinschaft auf Zeit zu bilden.

Vielfalt leben Vielfalt erleben ist der thematische Schwerpunkt, mit dem wir Theaterschaffende uns in den nächsten Tagen intensiver beschäftigen werden. Das Publikum im Kinder- und Jugendtheater ist divers. Es hat sich mit Blick auf die letzten 10 Jahre noch einmal stark verändert. Durch die Kooperation mit den Schulen erreichen wir in dieser Sparte den Querschnitt der Gesellschaft: Arm – Reich, Bildungsnah – Bildungsfern, Kinder und Jugendliche mit und ohne körperliche oder geistige Einschränkungen, Kinder und Jugendliche mit kulturellen Wurzeln aus der ganzen Welt, Kinder und Jugendliche mit großem oder geringem deutschen Wortschatz. Ein Publikum, wie man es sich schöner nicht wünschen kann.

Was bedeutet das für uns Theaterschaffende? Welche Fragen müssen wir stellen? Welche Ausdrucksformen müssen wir wählen? Was für ein Programm ist für dieses Publikum relevant? Wie können wir für alle Identifikation schaffen? Können wir das? Wie schaffen wir es, auch auf und hinter der Bühne so divers zu sein wie unser Publikum? Braucht es das? Ich freue mich auf intensiven Austausch und Input während dieses Festivals zu diesen und anderen Fragen, u. a. auch von zwei Projekten, die durch das Förderprogramm Wege ins Theater im Rahmen von „Kultur macht stark. Bündnisse für Bildung“ vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wurden. Der Deutsche Bühnenverein und die ASSITEJ schaffen Rahmenbedingungen für Theaterprojekte mit Kindern und Jugendlichen, die bisher keinen Zugang zu Theater hatten. So wird eine Schulklasse uns präsentieren, wie sie Vielfalt in unserer Gesellschaft erlebt oder auch nicht erlebt und eine Gruppe stellt sich der herausfordernden Aufgabe und bildet in diesem Jahr die Kinder- und Jugendjury. Die Mitglieder der Jury haben sich auf ihre Aufgabe ein halbes Jahr vorbereitet. Vielen Dank an beide Gruppen! Auf die Präsentation und das Urteil der Jury sind wir natürlich alle sehr gespannt.

Das Festival Hart am Wind wird eindrucksvoll zeigen, davon bin ich überzeugt, wie relevant, anspruchsvoll und lebendig das Kinder- und Jugendtheater des Nordens ist. Es wird zeigen, wie wichtig es ist, sich den Belangen der Kinder und Jugendlichen anzunehmen, aber auch wie wichtig es ist, sich den Belangen der Theaterschaffenden im Kinder- und Jugendtheater zuzuwenden und gute Rahmenbedingungen zu schaffen. Denn leider ist es immer noch so, dass in unserer Gesellschaft die Anerkennung für diejenigen, die sich für Kinder und Jugendliche stark machen, nicht ausreichend wertgeschätzt wird. Und damit meine ich vor allem die finanzielle Wertschätzung. In vielen Bereichen in denen mit Kindern gearbeitet wird, ob es Grundschullehrer*innen, Kinderärzt*innen oder Kindertheatermacher*innen sind, wird das Budget, das Gehalt oder die Gage erst einmal per se runtergesetzt. Warum ist das so??? Das sollte sich dringend ändern, denn es gibt dafür keinen haltbaren Grund. Im Gegenteil.

Die letzten Wahlen zum Europäischen Parlament haben gezeigt, dass es eine große Kluft zwischen Jung und Alt gibt. Kinder und Jugendliche sind eine Minderheit in unserer Gesellschaft. Eindrucksvoll haben sie sich im letzten halben Jahr mit der Bewegung Fridays for Future Gehör verschafft, auf der Straße, in den Medien und in der Politik. Wir sollten uns an ihre Seite stellen. Diese Generation sollte uns besonders am Herzen liegen, denn sie sind unsere Zukunft. In diesem Sinne – Drama for future!

 

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