Autor*innen@ Augenblick mal!: Gedanken über Kinder, Geld und Theater

von Milena Baisch


An dem Tag, an dem das Augenblick mal!-Festival begann, am 7. Mai 2019, war in den Nachrichten die Meldung über eine neue Armutsstudie. Die hat herausgefunden, dass mittlerweile fast jedes vierte Kind in Deutschland an oder unter der Armutsgrenze lebt. Grund sei die immer weiter auseinanderdriftende soziale Schere. Die Nachricht erschreckt mich und begleitet mich in Gedanken durch die ersten Festivaltage.

Beim Eröffnungsabend werden die eingeladenen Politiker*innen dafür beklatscht, dass die Etats für Kindertheater gestiegen sind und sie vorhaben, sie weiterhin sehr ernst zu nehmen. Als sich einmal jemand verspricht und Augenblick mal!-„Theatertreffen“ (das gerade gleichzeitig in Berlin stattfindet) nennt, lacht die Vorsitzende der ASSITEJ: „Nein, das sind die anderen, die mit dem vielfachen Budget.“

Wer geht eigentlich ins Theater? Bei den Kindern sind es Schulklassen, also alle Kinder, die theaterinteressierte Lehrer*innen haben.

Bei den Erwachsenen sind es die Fans. Leute, die es genießen, bis zu fünf Stunden auf harten Stühlen stillzusitzen und einer intellektuellen Inszenierung zu folgen. Sie erleben dabei Erkenntnisse, Vergnügen, große Gefühle, Spannung und alles mögliche. Manchmal erleben sie auch nicht so viel, aber sie sind trotzdem stolz darauf, dabei gewesen zu sein, weil es nicht zuletzt ein Statusding ist. Es wertet einen auf, wenn man bei Partys lockeres Namedropping aus dem Bereich der hohen Kultur beherrscht.

In einem anderen Milieu kann man sich da nur an die Stirn tippen. Freiwillig ins Theater gehen? Das ist doch wie Schule. Schule war für viele ein Ort der Niederlagen und des Zwangs. Warum sollte man sich als erwachsener Mensch so etwas freiwillig antun und sogar noch Geld dafür bezahlen?

IMG-20190510-WA0002Die einen gehen ins Theater, die anderen nicht – bei der sozialen Schere sitzen sie auf verschiedenen Klingen.

Jede*r soll die Freizeit so verbringen, wie es gefällt. Es stört mich genausowenig, wenn Leute ins Theater gehen, wie wenn sie es nicht tun. Was mich stört, ist die Verteilung der öffentlichen Förderung.

Eine Eintrittskarte für die Staatsoper wird in Berlin mit 250 € bezuschusst. Oper ist nunmal teuer. Es gibt Produktionen bei der Staatsoper, in denen 40 Ankleider*innen am Abend arbeiten, um allein den Chormitgliedern während der Vorstellung in die Kostüme zu helfen. Und es gibt nicht nur die eine, sondern drei Opern in Berlin.

Auch für klassische Musik wird in Deutschland viel Geld ausgegeben, fast jede Stadt hat ein eigenes Orchester. Das ist toll, ich mag gerne klassische Musik. Aber ich komme aus dem Bildungsbürgertum, habe Klavierunterricht bekommen, seit ich fünf war, und mein Abi in Musik gemacht. Nicht jede*r hat dieses Privileg, nicht jede*r wurde an klassische Musik herangeführt, nicht jede*r hat ein Abi. Es gibt Menschen, denen geht nicht Mahler unter die Haut, sondern Cats. Das ist auch eine große Show mit Schauspieler*innen und Musik, die das Publikum berührt. Der Unterschied zu Oper ist, dass es nicht mit Steuergeldern finanziert wird.

Unter den Erwachsenen in diesem Land gibt es zwei Parallel-Kulturgesellschaften. Die bourgeoiseren und die proletarischeren. Dass ausgerechnet Erstere viel mehr Kulturförderungen bekommen als die zweiten, erscheint mir eher elitär als demokratisch.

Die einzige Kultur, die in diesem Sinne demokratisch ist, ist das Kinder- und Jugendtheater! Mit den Schulklassen kommen hier alle, die Armen und die Reichen, egal wie viele Bücher zuhause in den Regalen stehen. Wäre es nicht logisch, die allermeiste Kulturförderung hier zu investieren? Wäre das nicht für einen demokratischen Staat geradezu verpflichtend? In Skandinavien können Kinder gratis ins Theater gehen, das ist doch eine gute Idee. Gratis Theater, gratis Konzerte für alle Kinder!

Nur wer als Kind an Theater und Musik herangeführt wurde, hat auch als Erwachsener eine Chance, Fan davon zu werden. Doch Kinder- und Jugendtheater bekommen nur einen Bruchteil der Förderungen. Für die oft freien Kinder- und Jugendtheater liegt der öffentliche Zuschuss pro Ticket bei etwa 10% von dem der Opern.

Bei Augenblick mal! ging es weiter im Programm. Ich habe mir spannende Stücke angeschaut. Abends bei der Preisverleihung des Berliner Kindertheaterpreises wurde auf der Bühne wieder über Geld gesprochen. Diesmal ging es vor allem um die Autor*innen. Es fielen Sätze wie: „Die Honorare im Kinder- und Jugendbereich liegen bedeutend unter denen im Erwachsenenfach.“

Ich schreibe fürs Kinder- und Jugendtheater. Trotzdem – muss man ja fast schon sagen. Ich tue das nicht, um reich zu werden, sondern weil es mich glücklich macht und ich es wichtig finde. Auch das Publikum scheint einigermaßen zufrieden, denn ich werde oft gefragt, wann es was Neues gibt. „Wenn ich es mir leisten kann“, muss ich dann antworten. Bei jedem neuen Stück muss ich erst eine unternehmerische Investition tätigen, denn mein Lohn kommt erst nach und nach über Jahre durch die Tantiemen herein. Wenn das Stück viel gespielt wird, das Risiko liegt bei mir. Also muss ich am Anfang meinen Lebensunterhalt für mehrere Monate Arbeit selbst vorschießen. Und das hat dazu geführt, dass ich schon Auftragsangebote von Theatern absagen musste.

Viele Leute können das nicht glauben, wenn sie es hören („Was? Du hast doch Preise gewonnen, du hast doch einen Namen…“). Aber von wem soll ich mehr Geld verlangen: von den Kindertheatern, in denen viele an der Grenze der Selbstausbeutung arbeiten? Vom Publikum, das höhere Eintritte zahlen soll? Ich will nicht jammern, ich liebe meinen Beruf. Aber dass Fördergelder demokratischer verteilt werden könnten, wäre nicht nur fürs Publikum zu spüren, sondern auch für die Kreativen.

Immerhin haben wir noch unsere Phantasie, die kostet nichts. Und mit der stell ich mir die Nachrichten am Morgen des nächsten Augenblick mal!-Festivals 2021 vor: „Kulturförderung drastisch erhöht! Von nun an bekommen die Kleinsten das Meiste“.


Milena Baisch wurde 1976 geboren und ist in Wuppertal aufgewachsen. Als Tochter der Kinderbuchautorin Cris Baisch begann sie früh, selbst Kinderbücher zu schreiben. Nach einem Studium an der Filmakademie in Berlin sind Drehbücher für Filme und Fernsehserien dazugekommen und mittlerweile auch Theaterstücke und Hörspiele für Kinder. Ihre Texte erhielten unter anderem den Deutschen Jugendliteraturpreis, den Deutschen Kinderhörspielpreis und den Mülheimer Kinderstückepreis. Milena Baisch lebt in Berlin.

 

 

 

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