Ich komme nicht mehr mit. Und jetzt gebe ich es auch noch zu.

Erfahrungen auf dem Symposium „Positionen und Perspektiven der Theaterpädagogik“ von Anna Eitzeroth


Die Universität der Künste in Berlin hat das Ausscheiden von Prof. Dr. Ulrike Hentschel aus dem Hochschuldienst zum Anlass genommen, zu einem Fach-Symposium vom 12. bis 14. April einzuladen.
UdK Berlin kleinDas Programm ist vielfältig und voll, es enthält ein Abschiedsfest für die Professorin und ebenso wie 28 (in Worten: achtundzwanzig) Fach-Vorträge in Panels und im Plenum, dazu kommen Tischgespräche mit Impulsen aus der Praxis und ein Reflexionsformat aus dem Handbuch Zwischen Publikum und Bühne – Vermittlungsformate für die freien darstellenden Künste des Performing Arts Programm Berlin. Wie sich in einer kleinen Abfrage der Zuschauer*innen zu Beginn des Symposiums zeigt, kommen diese vor allem aus dem Hochschulbereich und zu einem kleineren Teil aus der Praxis oder aus anderen Bereichen wie Verbänden und Fortbildungsinstitutionen.

Im Eröffnungsvortrag vollzieht Prof. Dr. Ute Pinkert die Stationen der wissenschaftlichen Arbeit von Frau Hentschel nach, was – angesichts des Wirkens von Frau Hentschel über Jahrzehnte – zu einem sehr verdichteten Text führt, der für mich nur zum Teil nachvollziehbar ist. Auch in den Folgevorträgen fühle ich mich in Uni-Zeiten zurückversetzt: Die Texte sind oft in einer Sprache verfasst, die eher in einer Fachpublikation studiert als auf einen mündlichen Vortrag gehört werden will. Die Nachfragen erfolgen vor allem durch Lehrende anderer Hochschulen. Ich schaue noch mal kurz auf den Titel der Veranstaltung: Stand dort wissenschaftliche Positionen und Perspektiven der Theaterpädagogik? Wer ist hier geladen? Ein interner Kreis aus Forschenden, Dozierenden und wissenschaftlich Interessierten, oder tatsächlich auch das weite Feld der theaterpädagogischen Praxis, in das ja neben einem Universitätsstudium auch noch ganz andere Wege führen?

Mir jedenfalls ist nach einem Vortrag von Martina Leeker über „Posthuman Performances“ nicht klar, was sie mit „menschlich Agierenden“ meint, und es erscheint mir in diesem Kontext auch nicht angebracht, in der anschließenden kurzen Fragerunde neben den elaborierten Nachfragen der Professor*innen diese Grundsatzfrage nochmal aufzuwerfen. Da hätten ja dann alle gemerkt, dass ich gar nichts verstanden habe! Und kurz danach hätten sie wahrscheinlich festgestellt, dass ich auch das Buch von Ulrike Hentschel nicht gelesen habe, von dem Ute Pinkert eingangs gesagt hatte, dass es wirklich alle in diesem Raum gelesen hätten. Ich gehöre nicht dazu, kann in der akademischen Kultur nicht mithalten. Und dabei bin ich noch nicht mal eine echte Praktikerin.

Umso dankbarer bin ich für die Vorträge von Matthias Dreyer und Melanie Hinz am 2. Symposiumstag, die sich konkret an theaterpädagogischer Praxis und Methodik abarbeiten, Prozesse und Phänomene benennen, analysieren und Position dazu beziehen. Insbesondere in den zitierten Teilnehmer*innenstimmen im Vortrag mit dem Titel „Ich mache nicht mehr mit – über Krisenerfahrungen und Anlässe tranformatorischer Bildungsprozesse in der Theaterpädagogik“ von Melanie Hinz wird deutlich, wie sehr die auf dem Symposium gepflegte, akademische Sprache von Alltagssprache entfernt ist. Die nachmittags anschließenden Panels versprechen auf den ersten Blick mehr Partizipation, da die Symposiums-Teilnehmer*innen sich in kleinere Gruppen aufteilen. Jedoch ist nach den drei Kurzvorträgen auch hier wenig Zeit für Rückfragen und Diskussion oder für Impulse, Ideen oder Fragestellungen der Teilnehmer*innen. Anschließend finden Tischgespräche statt, in denen jeweils ein*e Praktiker*in einen Input gibt, um das Gespräch einzuleiten. Auch hier wiederholt sich das etablierte Schema: Vortrag und Nachfragen. Zumindest in den Gesprächen, an denen ich teilnehme, gelingt es in der kurzen Zeit nicht, die vorgestellten Praxisbeispiele so zu reflektieren, dass sie zu einem Gespräch anregen, dass über Fragen zum Probenprozess hinausgeht.

NETTZ_Community Event
Foto: Jörg Farys

Abgeschlossen wird der zweite Tag durch das PAP-Vermittlungsformat „Das unbeschriebene Blatt“, angeleitet durch David Vogel von der Geheimen Dramaturgischen Gesellschaft. Die Teilnehmer*innen sind dazu aufgefordert, eine Skulptur aus einem DIN A4-Blatt zum Thema des Symposiums anzufertigen (normalerweise werden in diesem Format Aufführungen reflektiert) und sich anschließend mit eine*r Partner*in zusammenzutun und die Kunstwerke gegenseitig zu reflektieren. Meine Skulptur ist eine Mauer, die aber umgangen werden kann. Das Kunstwerk meine*r Partner*in ist ein zusammengerolltes Blatt, das sie als Fernrohr verwendet, für den ‚Tunnelblick‘, den sie in der Ausrichtung der Veranstaltung sieht.

Über andere Symposiumsteilnehmer*innen erfahre ich wenig, sofern ich sie nicht schon aus anderen Kontexten kenne. Insbesondere bei einer Disziplin, die sich auf so vielen Ebenen mit Partizipation auseinandersetzt, überrascht und enttäuscht mich das etwas. So, wie viele Vortragende ihren Vortrag mit der Beschreibung ihrer Perspektive auf den Gegenstand beginnen, frage auch ich mich, wie diese enttäuschte Erwartung mit meiner persönlichen Perspektive auf das Feld zusammenhängt. Als Mitarbeiterin der ASSITEJ und des Kinder- und Jugendtheaterzentrums komme ich immer wieder an Punkte, an denen mir Theorielastigkeit und/oder praxisferne Sprache vorgeworfen wird – z.B. durch Verwendung von Begriffen wie „Teilhabegerechtigkeit“ oder „Sozialraumorientierung“; ich habe Veranstaltungen mit Titeln wie „Diversitätsorientiertes Audiencedevelopement. Eine bildungs- und kulturpolitische Herausforderung im Theater für junges Publikum“ konzipiert – auch nicht gerade bodenständig. Dass Veranstaltungen manchmal thematisch überfrachtet sind und Ideen für partizipative Formate nicht aufgehen, kenne ich aus eigener Erfahrung. Und habe vielleicht auch gerade deshalb diese Brille auf.

Das Symposium wird in einer Buch-Publikation ausführlich dokumentiert, die Gelegenheit geben wird, die einzelnen Positionen ausführlicher nachzuvollziehen und als Diskussions-Anstoß zu nehmen. Offen bleibt für mich die Frage, wie weit theaterpädagogische Forschung und Praxis voneinander entfernt sind und inwiefern ein Austausch mit der Praxis von der akademischen Seite erwünscht ist – insbesondere bei einer Disziplin wie der Theaterpädagogik: die Brücken baut und Barrieren abbaut zwischen der Theaterkunst, Theater-Institutionen mit ihrem akademischen Personal. Und den Menschen außerhalb dieser Institutionen.

 

 

2 Kommentare

  1. Mit einiger Überraschung stieß ich bei der Nachlese zum Symposium an der UDK auf diesen Blog. Mich verwundert der Vorwurf an eine Universität, das zu betreiben, was ihr originärer gesellschaftlicher Auftrag ist – nämlich Grundlagenforschung in Auseinandersetzung mit den benachbarten Wissenschaften wie auch mit forschungsrelevanten neuen Herausforderung, wie sie etwa die Digitalisierung mit sich bringt. Verschiedene Bildungsinstanzen haben unterschiedliche Aufgaben: Universitäten sollen durch Forschung und Theorieentwicklung Grundlagen zur Verfügung stellen, Fachhochschulen haben den Auftrag der „Angewandten Forschung“. Beide stellen zum einen Praktiker_innen Wissen und Handlungskompetenz zur Verfügung und arbeiten zum anderen maßgeblich an der Fachentwicklung, deren Boden eben Theoriebildung und Forschung ist. Diesem Auftrag wurde das Symposium umfänglich gerecht. Es gab ein breites Spektrum an theoretischen Impulsen, die – aus meiner Perspektive – ein hohes Anregungspotential aufwiesen. Ute Pinkerts Vortrag gab einen Einblick in das Wirken Ulrike Hentschels und damit in ein Theoriefeld, das zumindest in meinem Studium eine der entscheidenden theoretischen Säulen darstellte. Besonders interessant waren meines Erachtens die Vorträge von Martina Leeker und Hanne Seitz, die auf eine Frage verweisen, mit der sich die Theaterpädagogik hinsichtlich der Digitalisierung (s.o.) dringend auseinandersetzen sollte, will sie weiter eine gesellschaftliche Rolle im Bildungskanon spielen. In vielen Panels und Tischgesprächen wurde, wie ich erlebte und hörte, lebhaft diskutiert. Dort ging es gerade auch um die Fallstricke, die den Theaterpädagog_innen hinsichtlich der vorgetragenen Thematiken in der Praxis widerfahren.
    Woran also hapert es in der Begegnung zwischen Theoretiker_innen und Praktiker_innen? Ich denke, zum einen ist es die notwendige Abstraktheit der Theorie, die sich in der Regel nicht unmittelbar in „Anwendungsrezepte“ runterbrechen lässt, will sie ihrem Gegenstand halbwegs „gerecht“ werden. Dieser Abstand zu Handlungskontexten und Brauchbarkeit wird häufig als anstrengend, im schlimmsten Fall als überflüssig erlebt. In meinem Verständnis gehört die Anstrengung des Begriffs wesentlich zu unserer Professionalität. Sie verhindert, dass sich Praktiker_innen in ihren Erfahrungsräumen verlieren und sich zu guter Letzt als Methodenlieferanten missbrauchen lassen. Deshalb sollte in der Begegnung von Theorie und Praxis eine Atmosphäre hergestellt werden, in der Nicht-Verstehen nicht als Abwertung, sondern als Anregung erlebt wird. Eine Neugierde auf den jeweiligen anderen Bereich wäre vielleicht ein hilfreicher Weg.

    • Anna Eitzeroth:

      Liebe Frau Renvert,

      vielen Dank für Ihren ausführlichen Kommentar!

      Mein Ziel war es nicht, der UdK vorzuwerfen, dass sie Ihre Aufgabe wahr- und ernst nimmt. Ich habe das Programm mit großem Interesse und großer Neugier gelesen, bin jedoch – gerade bei einem Feld wie der Theaterpädagogik – davon ausgegangen, dass die Organisator*innen die unterschiedlichen Perspektiven der möglichen Teilnehmer*innen im Blick haben, und es vielleicht nicht bei den ganz klassischen wissenschaftlichen Formaten belassen.

      Ich arbeite selbst nicht in der Praxis, sondern auf Verbandsebene, daher geht es mir auch eher um übergeordnete Diskurse und gar nicht um Methodenrezepte. In meinem Alltag geht es allerdings um eine Ausrichtung auf die Praxis des Theaters für junge Zuschauer, und darum, eine Sprache zu finden, die alle miteinander sprechen können. Mir ist bewusst, dass es in wissenschaftlichen Kontexten notwendig sein kann, sehr spezifische Begriffe zu verwenden, ich finde es aber auch zumutbar, diese Sprache – insbesondere für mündliche Vorträge, die nicht ausschließlich an ein wissenschaftlich aktives Publikum gerichtet sind, die Sprache anzupassen, mit Erläuterungen und praktischen Beispielen zu durchsetzen, damit der Vortrag für alle verständlich ist. Dass das – ohne Verlust des akademischen Niveaus – möglich ist, haben meines Erachtens Melanie Hinz und Matthias Dreyer in ihren Vorträgen gezeigt. Was die Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit Digitalisierung angeht, bin ich absolut Ihrer Meinung, und ich bin auch ein großer Fan des Nichtverstehens und Irritiertseins als Anregung (besonders im Theater). Sie schreiben, dass es auch Aufgabe der Universitäten ist, Praktiker*innen Wissen und Handlungskompetenz zur Verfügung zu stellen – für mich stellt sich die Frage, welche Formate wir finden können, um das möglich zu machen. Gerade, wenn uns bewusst ist, dass die Abstraktheit der Theorie oft als anstrengend empfunden wird: Wie können wir sie trotzdem für die Praxis zugänglich machen?

      Mir scheint, dass wir die Veranstaltungen aus sehr unterschiedlichen Perspektiven erlebt haben. Aber, wenn sich unsere Perspektiven schon so stark unterscheiden, obwohl ich in meiner Arbeit immerhin die Möglichkeit habe, mich mit der ein oder anderen Fachpublikation zu beschäftigen, wie geht es dann der/dem Theaterpädagog*in, die/der im Alltag kaum Zeit hat, sich mit übergeordneten Themen und Entwicklungen auseinanderzusetzen, der/die vielleicht nicht an einer Universität studiert hat, sondern eine berufsbegleitende Ausbildung gemacht hat oder über die Soziale Arbeit zur Theaterpädagogik gekommen ist? Seit einigen Jahren wird überall über Barrieren und Ausschlüsse in Kulturinstitutionen gesprochen, mir ist in dieser Veranstaltung bewusst geworden, wie exklusiv der akademische Betrieb ist. Und das stellt mich vor die Frage, wie Wissenschaft und Praxis (und alles dazwischen) in einen produktiven Austausch gebracht werden können.

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