Z OGNIEM W GLOWIE 3. Ein Fachaustausch zum Jugendtheater in Polen

Von Henning Fangauf


Als erstes zeigt sich ein alter Förderturm, dann die modernen Produktionshallen von Toyota und schließlich die Kirchtürme, nähert man sich von Wroclaw kommend der niederschlesischen Stadt Wałbrzych. Die ehemalige Bergwerksstadt befindet sich im Umbruch. Kohle wird hier nicht mehr gefördert, junge helle Birkenwälder breiten sich auf den Abraumhalden rund um die Stadt aus. Die Moderne hält nur langsam Einzug, die Stadt sucht nach neuer Identität für das 21. Jahrhundert.

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Henning Fangauf, Dramaturg und Lektor, bei seinem Vortrag „Kunst und Gesellschaft – Theater für junges Publikum in Deutschland“, rechts die Übersetzerin Justyna Rodzinska-Nair.

Das Stadttheater, das Teatr Dramatyczny, scheint diese bereits gefunden zu haben. Die junge, erst seit 1964 als „Dramatisches Staatstheater“ existierende Bühne, hat sich seit der Jahrtausendwende einen besonderen Ruf in der polnischen Theaterlandschaft verschafft. Mit seinen progressiven Inszenierungen neuer polnischer und europäischer Stücke durch junge, aufstrebende Regisseur*innen zieht es die überregionale Kritik immer wieder in diesen südwestlichen Teil des Landes.

Und das Theater hat sich konsequent für die Jugend geöffnet. In diversen Jugendclubs probieren sich insbesondere ältere Schülerinnen und Schüler im Theaterspielen aus. Die Theaterpädagogin Dorota Kowalkowska hat hier in den letzten zehn Jahren vorbildliche Arbeit geleistet und das Angebot zum Theater sehen und Theater spielen für junge Leute ausgebaut. Mit ihren Programmen gibt sie der interessierten Jugend von Wałbrzych Halt und Identifikation, zumindest für eine gewisse Zeit, bevor diese zum Studium, zur Ausbildung, die Stadt verlassen müssen.

Der nun jüngst stattgefundene Fachaustausch Z OGNIEM W GLOWIE 3. (zu Deutsch: Mit Feuergesicht 3) mit Expert*innen des jungen Theaters aus Deutschland und aus Polen gehört auch zu diesem Angebot und zum Selbstverständnis des Theaters. Seit 2014 lädt das Theater alle zwei Jahre zu dieser Veranstaltung ein und gewinnt die theaterbegeisterten Jugendlichen der Stadt, aber auch Theaterpädagog*innen und weitere Künstler*innen des ganzen Landes für den internationalen Dialog.  Auch eine gesamte Jahrgangsklasse des Studiengangs Theaterpädagogik von der Universität in Warschau nahm daran teil. Das Programm wurde kuratiert von Dorota Kowalkowska und der Übersetzerin Iwona Nowacka und gemeinsam mit den Jugendlichen vorbereitet. Diese interessierten sich besonders, von den Gästen aus Deutschland etwas über die aktuelle Haltung der Theater zu Politik und Gesellschaft zu erfahren. Mit großer Selbstverständlichkeit moderierten die Jugendlichen einzelnen Gespräche und fühlten den polnischen Regisseuren, die drei Stücke aus Deutschland szenisch einstudiert hatten, kräftig auf den Zahn. Männerdominanz im polnischen Theater – muss das so sein? Wurden die Texte wirklich intensiv genug gelesen und durchdrungen? Wird Humorlosigkeit in der Umsetzung als „ernsthafte Auseinandersetzung“ (miss)-verstanden? Die Fragen der – perfekt vorbereiteten! – Jugendlichen trafen es genau, es war ein Genuss ihren kritischen Nachfragen an die Profi-Künstler*innen zu folgen. Das Theater in Wałbrzych hat damit eine gelungene Form der partizipativen Theaterarbeit eröffnet. Theater als Anlass für den Generationendialog. Chapeau!

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