Fabrice Melquiot: „Was das Theater zu dem Kind sagt“

Der folgende Text von Fabrice Melquiot wurde für unser Blog aus dem Französischen übersetzt von Frank Weigand: Der Originaltext „Ce que le théâtre dit à l’enfant“ entspricht dem Manifest des von Fabrice Melquiot geleiteten Theaters für junges Publikum Am Stram Gram in Genf.

Fabrice Melquiot_Foto_Jeanne Roualet

Foto: Jeanne Roualet

Fabrice Melquiot wurde für sein Stück „Die Zertrennlichen“ („Les séparables“, ab 9 Jahren, Felix Bloch Erben Verlag für Bühne Film und Funk, Berlin) mit dem Deutschen Kindertheaterpreis 2018 ausgezeichnet. Erstmals wurden bei der Preisverleihung am 1. November im Frankfurter Römer auch ausdrücklich die Leistungen der Übersetzer*innen Leyla-Claire Rabih und Frank Weigand gewürdigt: Der mit 10.000 Euro dotierte Preis geht zu gleichen Teilen an Autor und Übersetzer*innen.


– Du bist nicht allein.
– Manchmal fühlst du dich allein, aber du bist nicht allein.
– Du bist nicht einfach.
– Auch die Welt ist nicht einfach.
– Sie ist komplex.
– Du bist komplex.
– Das ist eine Chance, ergreife sie.
– Natürlich wirst du manchmal auf Probleme stoßen.
– Du bist schon auf welche gestoßen.
– Du hast eine Schatzkiste, die du jeden Tag sorgfältig füllst, und in dieser Kiste findet man zwischen den Schätzen auch Probleme.
– Jeder hat Probleme.
– So ist das, das ist das Leben.
– Vielleicht wirst du Lösungen für deine Probleme finden.
– Vielleicht wird dir jemand helfen, eine Lösung zu finden.
– Sei mutig.
– Lass dich nicht zu leicht entmutigen.
– Du bist nicht allein.
– Du bist nicht einfach.
– Du bist wie ein schwieriges Geduldsspiel.
– Und außerdem brauchst du Poesie zum Leben, so wie man Wasser oder Brot braucht.
– Die Gedichte sind deine Freunde.
– Was sind denn Gedichte?
– Gedichte sind Texte, die Fragen stellen und die sich selbst Fragen stellen, nach der Welt, die nicht einfach ist, nach Menschen, die einsam sind, nach den Problemen, auf die man stößt, nach den schwierigen Geduldsspielen des Herzens und nach dem, was wir zum Leben brauchen.
– Gedichte sind Wörter, die andere Wörter treffen, wie zum allerersten Mal.
– Der Dichter hat sie nebeneinander gestellt, und zwar nicht einfach zufällig.
– Außer manche Dichter, die sich sehr gut mit dem Zufall auskennen.
– Der Dichter sind deine Freunde.
– Die Theaterdichter, die die Worte, die Stimmen, die Körper, die Zeit und den Raum kennen.
– Weißt du, in Gedichten gibt es nicht bloß die Wörter Liebe, Sonne, Magie, Stern und Seufzer.
– Manchmal gibt es in Gedichten Schimpfwörter.
– „Geht das?“, fragst du dich. „Das macht doch das Gedicht kaputt!“, sagst du dir.
– Gedichte leben von allen Wörtern, weil sie so sind wie die Welt, weil sie keine Wirklichkeit fürchten, und weil auch die kleinen Ganoven hin und wieder an den schönen Schaufenstern der Prachtstraßen vorbeibummeln dürfen.
– Auch das ist das Leben.
– Auch Gedichte sind das Leben.
– Das Leben ist nicht einfach.
– Das Leben ist komplex.
– So wie du.
– Das heißt nicht, dass du alles von den Gedichten verstehen wirst, weil du, genau wie sie, nicht einfach sondern komplex bist.
– Manchmal versteht man Gedichte nicht, nicht immer, nicht immer sofort. Manchmal schaut man sie an, hört sie an und sagt sich: Das verstehe ich nicht.
– Auch das ist das Leben, wenn man etwas nicht versteht.
– Lass dich nicht zu leicht entmutigen.
– Lass zu, dass sich in deinem Herzen und in deinem Kopf das kleine Fahrrad des Gedichts dreht, und frage dich, was du in dir drin fühlst.
– Ohne unbedingt verstehen zu wollen.
– Versuch einfach zu fühlen, bloß zu fühlen.
– Du wirst sehen, wie Wörter in dir entstehen, wie die Lichter, die abends in der Stadt eingeschaltet werden.
– Schau sie an.
– Hör ihnen zu.
– Das dich von ihnen durchdringen.
– Bilde dir deine eigene Meinung.
– Niemand außer dir weiß, was das Gedicht dir zu sagen hat.
– Niemand außer dir weiß weiß, was von ihm in dir wiederhallt.
– Du wirst sehr schnell verstehen, dass Gedichte und Kinder dieselben Geheimnisse hüten; ihr seid aus demselben Stoff gemacht.
– Gedichte sind nicht bloß Wörter.
– Manchmal ist es nur ein Körper, der sich hinkend vorwärtsbewegt, ein Ballon, den man daran hindert, wegzufliegen, ein Clown, der rülpst, ein Wal aus Papier, den auf dem Boden liegt. Manchmal sind es zwei Körper, die spielen, dass sie sich prügeln, damit du selbst weniger Lust hast, dich zu prügeln.
– Das alles sagt: Das Leben ist das, was du siehst. Und du siehst alles, mit deinen forschenden Adleraugen.
– Aber nicht nur.
– Es ist auch, was du nicht siehst.
– Das Unsichtbare.
– Das, was anders ist.
– Das Verborgene.
– Das, was untendrunter ist.
– Das, was auf der anderen Seite ist.
– All das.
– Und auch noch etwas anderes.
– Du siehst, es ist komplex.
– Das ist eine Chance, ergreife sie.
– Du bist nicht allein.
– Das Theater ist da.
– Die Wörter sind da.
– Die anderen sitzen neben dir.
– Du sollst viel vom Leben erwarten.
– Denn du bist das wichtigste Kind der Welt.
– Und ich sehe dir in die Augen.

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