Zwei mal zehn preiswürdige Stücke für das Kinder- und Jugendtheater – Teil 4

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(c) Volker Metzler

Mit neuen Texten von Luc Tartar, Oliver Schmaering, Fabrice Melquiot und Kevin Armento stellt heute die Jurorin Karola Marsch, Leiterin der Abteilung Dramaturgie und Theaterpädagogik am THEATER AN DER PARKAUE, Junges Staatstheater Berlin, vier weitere Stücke aus den Auswahllisten zum Deutschen Kindertheaterpreis 2018 und zum Deutschen Jugendtheaterpreis 2018 vor.

„In dir schläft ein Tier“ (8+)
von Oliver Schmaering (Deutschland)
Felix Bloch Erben Verlag für Bühne Film und Funk, Berlin
Die beiden Medizinforscher Emil von Behring und Paul Ehrlich jagen die Diphteriebakterien, um Ultima, das letzte Mädchen zu retten. Sie machen vor keinem Experiment Halt, scheuen nicht den allergrößten Aufwand und begeben sich in Selbstversuche bis das Fieber nicht mehr zu stoppen ist. Sie suchen das Problem und finden eine Lösung – im Blut des Pferdes offenbart sich die Rettung. Oliver Schmaering hat ein wildes Stück für Kinder geschrieben, das die Irrwege und Sternstunden von Forschung feiert, Schauspielern eine unendliche Fülle für Spiel und Verwandlung bietet und der Regie eine Goldgrube für exzellente, absurde, komische Theatermittel.

„Die Zertrennlichen“ (9+)
Les séparables
von Fabrice Melquiot (Frankreich)
Aus dem Französischen von Leyla-Claire Rabih und Frank Weigand
Felix Bloch Erben Verlag für Bühne Film und Funk, Berlin
Romain und Sabah wohnen sich genau gegenüber. Er sieht, wenn sie sich in eine Sioux verwandelt, sie sieht, wie er sein Schaukelpferd reitet. Manchmal trägt ihr ihre Mutter auf, dem wilden Jungen Makrouts zu bringen. Doch Romains Eltern werfen sie kurzerhand in den Müll, zu schwer liegt das orientalische Zeug im Magen. Immer wieder stören die Eltern die Freundschaft, die Liebe ihrer Kinder und pfeifen sie auf ihr angestammtes Terrain zurück. Sabahs Familie verlässt das Viertel nach einer Handgreiflichkeit der Väter. Sie sehen sich nie wieder. Und doch sind ihre Leben geprägt von dieser ersten zarten Zeit, als sie sich nicht der Welt der Eltern mit ihren Rassismen beugten und zueinanderstanden.

“Please Excuse My Dear Aunt Sally” (14+)
von Kevin Armento (USA)
Aus dem amerikanischen Englisch von Theresa Schlesinger
henschel SCHAUSPIEL Theaterverlag, Berlin
Kevin Armento entwirft eine Chronik der Liebe. Einer aussichtslosen Liebe. Denn sie ist seine Mathelehrerin. Sie zog sein Handy ein, als das mitten im Unterricht klingelte und legte es in ihr Schubfach. Statt es dort bis zum nächsten Tag verschlossen zu lassen, nimmt sie es mit nach Hause und beginnt im Leben ihres Schülers zu stöbern. Sie klickt sich durch seine Fotogalerien und hinterlässt eine Bildnachricht für ihn. Jetzt beißt er an. Sie schreiben sich Nachrichten und können nicht mehr voneinander lassen. Die Besonderheit dieses Textes liegt in der Radikalität der Suche beider Figuren abseits der vorgezeichneten und ausgetreten Lebenswege und in der vom Autor gewählten Erzählinstanz: Er lässt die Geschichte dieser unbedingten Liebe aus der Perspektive des eingangs konfiszierten Mobiltelefons erzählen. Was bietet das Theater dafür an?

„Feuer fangen“ (12+)
S’embrasent
von Luc Tartar (Frankreich)
Aus dem Französischen von Jakob Schumann
Felix Bloch Erben Verlag für Bühne Film und Funk, Berlin
Jonathan und Latifa küssen sich. Auf dem Schulhof. Ohne Hemmung. Minutenlang. Mädchen wie Jungen trauen ihren Augen nicht. Lehrerinnen und Eltern sind aus dem Häuschen, die Schulpsychologin vergibt pausenlos Termine, der Schulleiter schlägt Alarm, die Nachbarin stellt auf einer Fensterbank schon mal Kondome bereit. Allen verschlägt es die Sprache von einem Kuss. Luc Tartar gelingt mit seinem Text, den Ausnahmezustand der Liebe nicht nur auf der Seite der Liebenden sondern auch ihrer ganzen Umgebung zu beschreiben. Sie ist ein Angriff, eine Überwältigung, ein Gefühl mit einem spektakulären Potenzial.

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