Zwei mal zehn preiswürdige Stücke für das Kinder- und Jugendtheater – Teil 3

 

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(c) Loredana La Rocca

Seit 1996 der Deutsche Kindertheaterpreis und der Deutsche Jugendtheaterpreis zum ersten Mal verliehen wurden, arbeitet Thomas Stumpp, Mitarbeiter im Bereich Theater und Tanz des Goethe Instituts in München, in der Jury mit. Heute setzt er den Reigen der Vorstellung von Texten aus den beiden Auswahllisten für die diesjährigen Preise mit Stücken von Jeton Neziraj, Roland Schimmelpfennig, Andréanne Joubert und Jean-François Guilbault sowie Jordan Tannahill fort.

„Windmühlen. Die merkwürdige Reise der Familie Müller nach Unmikistan“ (10+)
Mullinjët e erës – Një udhëtim i çuditshëm i familjes Müller në Unmikistan
Aus dem Albanischen von Zuzana Finger
von Jeton Neziraj (Republik Kosovo)
S. Fischer Verlag Theater & Medien, Frankfurt am Main
Herr Müller soll im Auftrag der EU in dem fiktiven Entwicklungsland Unmikistan Windräder bauen, um die Energieversorgung zu stabilisieren. Zusammen mit seiner Familie begibt er sich in dieses unbekannte Land. Er wohnt gesichert in einem Viertel der Hauptstadt, in dem alle Ausländer untergebracht sind und das aus Sicherheitsgründen vor der Bevölkerung abgeschottet ist. Doch Gisela, die aufgeschlossene und neugierige Tochter, freundet sich mit Dani einem einheimischen Jungen an. Beide werden von Phantasiefiguren aus ihren jeweiligen Märchen, Cinderella auf der einen, Muja auf der anderen Seite, gestützt, beraten und begleitet. Die Entdeckung des tatsächlichen Unmikistans und seiner Bevölkerung verläuft erheblich angenehmer, als sich Familie Müller das vorgestellt hatte.
Neziraj hat mit seinem Stück eine entlarvende Satire über Entwicklungshilfe geschrieben. Mit dem satirischen Blick der Einheimischen auf die fremde Familie Müller aus dem Westen, potenziert er die Klischees. Mit überzeichneten Figuren und zugespitzten Ereignissen zeigt er wirkungsvoll, wie skurril und übertrieben Vorurteile und Ängste gegenüber dem Fremden und dem Unbekannten sein können

„Die Biene im Kopf“ (7+)
von Roland Schimmelpfennig (Deutschland)
S. Fischer Verlag Theater & Medien, Frankfurt am Main
Ein Tag im Leben eines Schülers. Die Eltern sind arbeitslos, apathisch, Alkoholiker, kümmern sich nicht um ihn. Er muss alleine mit dem Schülerleben fertig werden Im Kopf verwandelt er sich in eine Biene. Schimmelpfennig lässt seinen Protagonisten von drei Schauspielern darstellen. Die drei erzählen und erleben gleichzeitig den Tagesablauf, der sich wie ein Computerspiel von Level zu Level steigert.
Sein erstes Stück für Kinder hat Roland Schimmelpfennig formal außergewöhnlich gestaltet. Damit bietet er gleichermaßen eine Vielzahl von Inszenierungsmöglichkeiten wie auch Herausforderungen an Regie und Darsteller. Auf ungewöhnliche Weise wird den Kindern gezeigt wie Alltag durch Phantasie zu bewältigen ist.

„Unter W@sser“ (14+)
Noyades
von Andréanne Joubert und Jean-François Guilbault (Kanada)
Aus dem kanadischen Französisch von Leyla-Claire Rabih und Frank Weigand
Felix Bloch Erben Verlag für Bühne Film und Funk, Berlin
Louis nutzt Informationen, die er aus dem gehackten Account seiner Lehrerin bezieht, um sich in den sozialen Medien bei seinen Mitschülern als Superheld „Narzissus“ darszustellen. Sedna kapselt sich nach dem Tod ihrer bei einem Unfall ertrunkenen Mutter ab und versucht das Geschehen dadurch zu verarbeiten, dass sie übt die Luft anzuhalten, um möglichst lange unter Wasser bleiben zu können.
Zunächst verbindet die beiden Figuren nichts. Doch als Louis‘ Schwester Eko, sich wichtig macht, indem sie vorgibt, mit dem anonymen Superhelden liiert zu sein, weckt dies Sednas Eifersucht. Es gelingt ihr, Eko bloßzustellen. Eko geht ins Wasser und wird bei dem Selbstmordversuch ausgerechnet von Sedna gefunden und gerettet.
Die beiden Protagonisten verfolgen ihre eigenen Ziele ohne Rücksicht und unabhängig voneinander. Dem Autorenduo gelingt es, in einer spannend erzählten Geschichte zweier Einzelgänger, deren Handlungen im Laufe des Stückes immer mehr verknüpft werden bis zum dramatischen Höhepunkt, die Folgen einer ohne Empathie handelnden Gemeinschaft darzustellen.

„Concord Floral“ (14+)
Aus dem kanadischen Englisch von Frank Weigand
von Jordan Tannahill (Kanada)
henschel SCHAUSPIEL Theaterverlag, Berlin
Ein verlassenes Gewächshaus am Rande der Großstadt, das zu einem geheimen Treffpunkt von Jugendlichen geworden ist. Einem Mädchen fällt dort ihr Handy in einem Schacht, in dem sie und ihre Freundin ein totes Mädchen entdecken. Als die Freundin einen Anruf von diesem Handy erhält, beginnt ein Nervenkrieg. Keiner glaubt ihr, sie wird ausgegrenzt und am Ende stellt sich die vermeintliche Leiche als die zurückgelassene Kleidung einer gemobbten ehemaligen Mitschülerin heraus.
Jordan Tannahill lässt die vermeintliche Mordgeschichte von zehn Jugendlichen aus ihrer jeweiligen Perspektive erzählen. Durch die derart mosaikartig zusammengebaute Handlung, wird die Spannung wie in einem Thriller aufgebaut. Und über die innere Spannung der Figuren gelingt es, von deren Gewissensnöten zu erzählen.

 

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