Perspektiven für das Theater in der Provinz – Eindrücke aus Memmingen

von Anna Eitzeroth

Das Tagungsprogramm der Tagung „Künstlerische Vielfalt und Kulturelle Teilhabe als Programm? Perspektiven für Theater in der Provinz“, zu der die Universität Hildesheim und das Landestheater Schwaben am 13.-14.04.2018 eingeladen haben, zeigt den Kopf einer Kuh, verwendet also ein etabliertes Symbol für Landidyll und Landkultur, dem sich gerne auch Lebensmittelmarketing und Tourismus auf dem Land bedienen. Dass die Kuh sehr bunt ist, kann auf die Vielfalt und Unterschiedlichkeit von ländlichen Räumen verweisen, aber auch auf die ungewöhnlich bunte Zusammensetzung der Partner der Tagung: Neben dem Deutschen Bühnenverein und dem Bundesverband Freie Darstellende Künste ist hier auch die Interessensgemeinschaft der Städte mit Theatergemeinden (inthega), der Bund der Theatergemeinden und der Bund Deutscher Amateurtheater vertreten. Prof. Dr. Wolfgang Schneider erläutert zur Eröffnung den Tagungstitel: Es geht um Künstlerische Vielfalt und Kulturelle Teilhabe als Menschenrechte und um Theater als Provinz als kulturpolitischen Auftrag. Zur Teilnahme eingeladen sind diejenigen, die es in der Hand haben, Perspektiven für Theater in der Provinz zu entwickeln.

Den Blick auf ländliche Räume schärft Beate Kegler von der Universität Hildesheim in ihrem Eröffnungsvortrag: Nicht über einen Kamm scheren sollten wir so genannte „Speckgürtel“ urbaner Zentren und schrumpfende, sehr strukturschwache ländliche Räume – die Lebensbedingungen und Teilhabemöglichkeiten in urbanen und stadt-nahen Räumen und sehr peripheren Räumen sind alles andere als gleichwertig, und es gibt einiges dazwischen. Der Städter sieht mit in dem Blick aufs Land oft nur die Leuchttürme, es gelte aber, genauer hinzuschauen und „Tiefenbohrungen“ vorzunehmen: in den Alltag, an dem nur zu Schulzeiten Busse in die nächsten Zentren fahren, in die Gemeinschaften und Aktivitäten vor Ort. Und wie in anderen Kontexten, in denen es um strukturelle Defizite geht, stellt sich die Falle der Arroganz gegenüber Menschen und Institutionen: Kunst und Kultur in ländliche Räume zu „bringen“, ohne zu anzuerkennen und einzubeziehen, welches Engagement und welche Kultur es vor Ort bereits gibt.

Dr. Thomas Renz, Kulturwissenschaftler und Geschäftsführer und Theaterleiter im Kulturring Peine schließt an, indem er Teilhabemöglichkeiten, Nichtbesucher-Forschung und ländliche Räume miteinander in Bezug bringt. Dabei verweist er auch darauf, dass der Besuch von Theateraufführungen von zwei wesentlichen Faktoren abhängt: Motivation und Barrieren. Dabei sei die fehlende Motivation der stärkere Faktor bei denjenigen, die nie Theater besuchen. Das Kernpublikum, das auch nach einem negativen Theatererlebnis wiederkommt, wird zunehmend älter und kleiner. Theater, so Renz, sei nicht mehr ein Ort der gesellschaftlichen Selbstvergewisserung. Wie kann die Jugend erreicht werden? „Wir machen freies W-Lan, dann kommen die Jugendlichen und machen im Theater eine Pokemon Go Arena und dann machen wir den Eisernen runter und spielen drei Stunden Shakespeare im Original“ scherzt Renz und schließt mit einen kleinen Plädoyer für die Möglichkeiten künstlerischer Vielfalt an Gastspielhäusern: Keine Angst vorm Populären und vor Schenkelklopfern, ein Programm „von Alban Berg bis Andy Borg“.

Im Programm folgen vier Podiumsdiskussionen zu den verschiedenen Akteuren des Theaters in der Provinz, zu Kooperationen, zu Partizipation und zu Perspektiven für ein Kulturpolitisches Programm. Vielen Diskussionen ist anzumerken, dass hier Teilnehmer*innen zusammenkommen, die aus unterschiedlichen Feldern kommen und unterschiedliche Expertisen mitbringen. Zum Teil prallen unterschiedliche Verständnisse und Erwartungen an Theater, Vermittlung und Partizipation aufeinander. Theater wird als „Kanzel“ oder „Lagerfeuer“ assoziiert, Vermittlung wird als Bestandteil oder Zusatzprogramm der künstlerischen Arbeit bezeichnet, Kooperationen werden als „überlebensnotwendig“, „pragmatisch“, „bereichernd“ und als „Türöffner“ beschrieben und Partizipation als „künstlerische Herausforderung“, „Publikumsakquise“, oder „inhaltlicher Impulsgeber“. Das Plenum beteiligt sich engagiert und scheut sich nicht vor grundsätzlichen Fragen: die Relevanz des Theaters für die Gesellschaft, die Verortung des Theaters in der Stadt- und Landgesellschaft und die Frage nach dem gesellschaftlichen und politischen Auftrag der Theater. Durch die Besetzung der Podien gelingt es immer wieder, große gesellschaftliche Fragen in Bezug auf spezifische Situationen und Orte zu konkretisieren.

Kulturpolitisch können u.a. folgende Fragen benannt werden:

  • Wie können kulturpolitische Programme aussehen, die der Vielfalt der Akteure des Theaters in der Provinz und der Vielfalt der ländlichen Räume gerecht werden?
  • Wie können Theater und Kulturpolitik Bundesprogramme wie z.B. „Trafo“ (Kulturstiftung des Bundes) oder „Kultur macht stark“ (Bundesministerium für Bildung und Forschung) nutzen und begleiten, um nachhaltige Entwicklungen anzustreben?
  • Wie können Akteure in ländlichen Räumen ermächtigt werden, Projekte und Kooperationen mit Akteuren der Theaterlandschaft zu gestalten?
  • Wie können kulturpolitische Akteure die Expertisen der verschiedenen Theater-Akteure für die Entwicklung einer kulturpolitischen Programmatik für die Provinz einbeziehen?

Die Ergebnisse und aufgeworfenen Fragen der Tagung werden weiterverfolgt, verspricht Wolfgang Schneider am Ende – in wissenschaftlichen Promotionen, im Fachdiskurs und in weiterführenden Veranstaltungen. Die verschiedenen Perspektiven zusammen zu bringen, wird schon im Verlauf der Tagung auf einigen Podien als gewinnbringend beschrieben, Akteur X hatte die ein oder andere „gar nicht auf dem Schirm“ mit Y wäre eine Kooperation oder ein Gastspiel interessant und mit Z ein kulturpolitischer Austausch. Eine Dokumentation mit detaillierteren Ausführungen der Diskussionen und Standpunkte der Tagung darf gespannt erwartet werden.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s