Jetzt beginnen die wilden Jahre

Scannen 2017-10-15 0003Pulk Fiktion feierte seinen zehnten Geburtstag und viele Freunde und Wegbegleiter kamen als Gratulanten am Freitag, 13. Oktober 2017, ins Freie Werkstatttheater in Köln. Das Foyer des neuen Heimathafens von Pulk Fiktion wirkte schon wie ein Wohnzimmer, in dem stolz Familienfotos und Theatertrophäen, wie die Urkunden des Festivals „Augenblick mal!“  präsentiert werden. Gerhard Seidel, einer der Theaterleiter*innen des FWT prophezeite in seiner Gratulationsrede, dass mit dem zehnten Geburtstag nun die wilden Jahre von Pulk Fiktion beginnen würden. Und mit der Premiere einer wild-performativen Adaption der Bildergeschichte von Max und Moritz konnten die Geburtstagsgäste schon einen Vorgeschmack davon bekommen.

Einen überaus sympathischen und bewegenden Geburtstagsgruß haben dann an diesem Abend noch die Theatereltern von Pulk Fiktion, Tina Jücker und Claus Overcamp vom Bonner Theater Marabu präsentiert, bei dem es auch viel zu Lachen gab.

Hier der Wortlaut, freundlicherweise von den beiden Gratulanten für KJTZ – Das Blog zur Verfügung gestellt:

Wir wurden von pulk fiktion gebeten hier ein paar Geburtstagsglückwünsche auszusprechen. Das tun wir natürlich sehr gern, denn – wie die Meisten hier Anwesenden wissen – verbindet uns Marabus mit dem pulk ein theaterfamiliäres Band, wenn man das so sagen kann und eine Geschichte, die lange vor der Gründung von pulk fiktion vor 10 Jahren begann.

Unsere erste Begegnung hatten wir mit Hannah im Jahr 1999. In „ZwischenZeit“, so hieß die damalige Produktion, in der hannah mitwirkte, fragten wir uns, was wir am Ende unseres Lebens rückblickend über die Zeit zwischen unserer Geburt und dem zu erwartenden Tod, über diese Zwischenzeit also, sagen können wollen.

Hannah sagte damals: Es folgt ein O-Ton

Liebe Hannah, wir finden, dass da schon jetzt eine klare Linie und eine prinzipienfeste Handschrift zu erkennen ist und dass das alles bereits schon jetzt einen sehr schönen Sinn ergibt, was ihr da macht:
Ein emanzipatorisches Theater für junges Publikum auf Augenhöhe, mit überzeugender, persönlicher Leidenschaft für die Überwindung von Ungerechtigkeit und Diskriminierung ohne jemals belehrend zu sein, weil euer Theater an die Wahrnehmungskompetenz seiner jungen Zuschauer und Zuschauerinnen glaubt. Wir gratulieren dir und euch dazu.

Danach folgte unsere Recherche „Ein Haufen Heimat“ und wieder ein Jahr später das Stück „nachtgestalten“, in dem dann neben Hannah erstmals auch Eva mitwirkte. Und noch ein Jahr später kam dann auch Manu in dem Stück „kontaktbar“ dazu. In „Täglich Seife“ spielte dann Manu während Eva mit ihrer Live Cam den Spieler*Innen im wahrsten Sinne des Wortes auf die Pelle rückte.

Nachdem die drei dem jungen Ensemble quasi entwachsen waren und sie sich beruflich in den Künsten weiter qualifiziert hatten, standen sie dann plötzlich wieder vor unserer Tür mit der Frage, wie es denn nun weitergehen könne. So entstand die Idee des „Nachwuchs Regie“. Junge Menschen, die das Theater perspektivisch auch beruflich betreiben wollten, sollten im Theater Marabu einen Raum haben, eigene Ideen zu erforschen. Hier probierten sie dann erstmals in eigener Regie und federführend, ließen uns teilhaben an ihrer Probenarbeit, hörten aufmerksam zu … oder weg, was wir zu den ersten eigenen szenischen Ideen zu sagen hatten. Das End-Ergebnis konnte sich mehr als sehen lassen.

„Ein Stück Autokino“ war ein charmanter Roadmovie, mit Hannah und Manu als eine Art „Bonny und Clyde“, der dann zum internationalen Festival der AGORA eingeladen wurde und weitere Einladungen wie z.B. dem internationalen Festival MOMIX nach sich zog. Gerade das Agora Festival war besonders, weil hier mit der Agora und seinem künstlerischen Leiter Marcel Cremer, quasi unserem eigenen Marabu Theater-Papa, so etwas wie ein Familientreffen stattfand und künstlerische Verwandtschaften innerhalb der Generationen spürbar wurden …. und auch nachhaltig gefeiert wurden.

Nicht zuletzt entstand hier die Idee, eine eigene Gruppe zu gründen. Die Geburtsstunde von pulk fiktion, der dann Produktion wie „Nicht Efraims Töchter“ und „Rest der Welt “ – beide noch im Theater Marabu realisiert, – entstanden. Und auch als sich die Wege räumlich trennten, blieben wir doch bis zum heutigen Tag eng verbandelt. Hannah spielte und inszenierte im Marabu, Norman und Manuela spielen aktuell bei uns oder wir arbeiten auf anderer künstlerischer Ebene zusammen.

Jetzt fragt sich vielleicht jemand, ob es so viel – vielleicht ein wenig nostalgischen – Rückblicks bedarf, um zum Geburtstag zu gratulieren, aber so sind Eltern, wenn die Kinder Geburtstag haben. Sie holen die alten Bilder raus, als die Kinder noch klein waren, sehen stolz zu, wie sie wachsen und wundern sich wie schnell das geht. Sie merken, wenn sie gebraucht werden und noch viel mehr, wenn sie nicht mehr gebraucht werden, sie müssen den richtigen Abstand finden – das gilt für Kinder und Eltern – und müssen manchmal auch neidlos anerkennen, wenn die eigenen Kinder einem über den Kopf wachsen.Die Begegnung mit euch und anderen jungen Künstler*innen hat unser Theater Marabu verändert und wichtige Impulse für unsere Arbeit gegeben und fruchtbare Diskussionen um Spielweisen und Formate angestoßen.Der Dialog mit der „Next Genrationen“ irritiert, fordert und provoziert ja auch die – nennen wir sie mal „Now Generation“ – von Theatermacher*innen und stellt ihre,
zum Teil auch allzu routinierten Strukturen und Inszenierungsstrategien in Frage.
Für diese Irritationen und In-Frage-Stellungen möchten wir euch danken, denn sie haben uns weitergebracht.

Was bleibt ist die Gewissheit, dass man so viel nicht falsch gemacht haben kann, wenn diese klugen, engagierten, liebenswerten, ehrlichen und offen-neugierigen Kinder dabei herauskommen, die dann auch noch ein ebensolches Theater machen.Hannah hat uns anlässlich unseren zehnten Geburtstages mit dem Jungen Ensemble Marabu zu sich selbst gratuliert, weil diese Theatererfahrung im Jungen Ensemble sie zu einem „lebendigen und mutigen Menschen“ gemacht habe.

Wir gratulieren euch, liebe Pulkis, heute zu euch selbst, weil ihr tolle Menschen seid – mit oder ohne Theater. Ihr könnt darauf vertrauen, dass ihr alles richtigmacht, weil ihr die richtigen Fragen stellt und das Herz am richtigen Fleck habt. Wir wünschen euch, dass die Qualität eurer Arbeit endlich auch finanziell entsprechend anerkannt wird. Künstlerisch ist euch das ja längst gelungen. Als kleines symbolisches Geschenk haben wir für euch einen Werkzeugkasten, der euch auf euren Expeditionen begleiten soll und einen Verbandskasten, falls mal etwas schiefgeht. Seid gewiss, wenn ein Pflaster einmal nicht reichen sollte, sind wir für euch da.

Zum Schluss noch ein Wunsch: Wie alle Eltern wünschen wir uns natürlich auch, Großeltern zu werden und zu sehen, wie ihr eure Erfahrungen als Eltern wiederum an eure Kinder weitergebt, damit sie nie aufhöre:

die Suche nach dem Wahren, Guten und Schönen.

Oder vielleicht sollte man nach der heutigen Aufführung von „Max und Moritz“ sagen

Die Suche nach dem Wahren, Fiesen und Bösen.

Herzlichen Glückwunsch PULK FIKTION

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