Kultur mit allen?!

Eindrücke von einer Fachtagung zur Kulturellen Bildung in der Migrationsgesellschaft

Das Justus-Liebig-Haus in Darmstadt ist voll. Das Thema der Veranstaltung der KulturRegion FrankfurtRheinMain und der Landesvereinigung Kulturelle Bildung Hessen ist offenbar sehr vielen Menschen ein Anliegen. „Kultur und Kulturelle Bildung können nicht mehr von einer homogenen Mehrheit aus gedacht werden, die Zuordnungen in „Wir und die Anderen“ werden obsolet“ lese ich im Flyer zur Veranstaltung, die sich an Akteur*innen und Expert*innen aus allen Kultur- und Bildungsbereichen, der interkulturellen Arbeit und der Verwaltung richtet, über 200 Teilnehmer sind ihr gefolgt.

Migrationsgeschichte als Familiengeschichte

Der einführende Impuls zum Thema der Veranstaltung wird aus der Perspektive des „Kindes eines Gastarbeiters“ gehalten, wie sich Dr. Manuel Gogos von der Agentur für geistige Gastarbeit bezeichnet. Deutschland bezeichnet er als „Einwanderungsland wider Willen mit Einwanderern wider Willen“ – denn viele Gastarbeiter dachten, sie kommen, um das Land nach einigen Jahren wieder zu verlassen. Er macht darauf aufmerksam, dass der Diskurs zur Migrationsgeschichte weitestgehend in den Familien geführt wird und weniger in der Öffentlichkeit oder den Geschichtsbüchern. Und er fragt, wie es zu einem „wir“ kommen kann in einer Gesellschaft, in der Menschen aus unterschiedlichen Kulturen zusammen leben. Migration ist in den letzten Jahren zunehmend auch zum Thema öffentlicher Repräsentation geworden, die Städte sind „Spielplätze vereinter Nationen“ und daraus folgt: Migration ist nicht Katastrophe, sondern Alltag, auch wenn sie von manchem zur Katastrophe hochstilisiert wird. Und sie gibt die Chance, eine neue Erzählung der Vielstimmigkeit zu entwickeln, ein gemeinsames „Wir“ eine „migration love story“.

Bildung oder Förderung?

Manuel Gogos erwähnt auch die Undurchlässigkeit des deutschen Bildungssystems, die immer wieder in Studien belegt wird, und auf die sich ein großer Teil des folgenden Programmpunkts konzentriert: Fördermöglichkeiten und Projekte. Hier werden meist zielgruppenspezifische Programme vorgestellt, die darauf ausgerichtet sind, Teilhabechancen von z.B. Geflüchteten und jungen Menschen, die in Risikolagen leben, zu erhöhen: Das Landesprogramm „Wir“, des Kulturkoffer des Landes Hessen sowie unterschiedliche Projekte im Rahmen des Bundesprogramms „Kultur macht stark“. Im „Markt der Möglichkeiten“ gibt es Raum und Zeit für Austausch, Informationen und Gespräche. Es fällt auf: Es gibt nicht nur viele Interessierte, sondern auch sehr viele Projekte und Initiativen, die sich in diesem Markt der Möglichkeiten darstellen.

Begegnungsanlässe schaffen

Um sich einigen dieser Projekte etwas intensiver widmen zu können, werden in verschiedenen Foren zu unterschiedlichen Themensetzungen einzelne Projekte vorgestellt. Von Urban Gardening über Crossover Cooking bis zu Theater- und Filmprojekten wird eine beeindruckende Vielfalt und ein sehr starkes Engagement der Akteure deutlich. Die Projekte machen Fragen des gesellschaftlichen Zusammenlebens konkret: Im Forum „Begegnungen schaffen“, das ich besuche, finden wir heraus, dass es in Projekten oft darum geht, Begegnungsanlässe zu schaffen, in denen sich die Menschen aktiv einbringen können – beim Kochen, gärtnern, Gastgeber sein. Das gemeinsame Essen spielt eine große Rolle und Projekte finden sowohl in privaten als auch öffentlichen Räumen statt.

Die Begegnung ist auch ein zentrales Element der Zusammenfassung zum Abschluss: Mund zu Mund Propaganda, Kontakt mit Eltern, Begegnung und Austausch zwischen Familien werden als wichtige Bestandteile für ein gelingendes Projekt genannt. Dabei wird deutlich, dass es dabei nicht vorrangig um Bildung geht, sondern um informelles Zusammensein, Essen, Erzählen, kreativ sein und Spaß haben. Zielgruppenspezifische Projekte sollten die Menschen, die sie erreichen möchten, möglichst schon in die Projekt Konzeption einbinden und ihnen mittelfristig auch ermöglichen, eigene Projekte zu erfinden und durchzuführen.

Vernetzung als Aufgabe

In der Abschluss-Runde wird betont, dass Projektinitiatoren und -organisatoren oft „professionelles Ehrenamt“ sind – ein Begriff, den ich in zwei Richtungen deute: Ehrenamtliche, die professionelle Kompetenzen und sehr viel Arbeitszeit einbringen und Profis, die weit mehr arbeiten, als sie bezahlt werden. Der Begriff der „Selbstausbeutung“ fällt und ich frage mich: Wo bleibt bei der Kraft, die ins eigene Projekt gesteckt wird, noch Zeit dafür, Netzwerke zu knüpfen und Kooperationen zu bilden, um vielleicht auch mal einem Interessierten sagen zu können „Wir sind gerade mitten im Projekt, aber es gibt hier noch Projekt XY, das Dich interessieren könnte“? Inwiefern sind die Projekte wirklich zugänglich für Menschen, die sich in der Struktur und Kultur einer Stadt vielleicht noch nicht auskennen?

Strukturveränderung als Auftrag

„Mit Sprache werden auch Barrieren aufgebaut“ heißt im Resumée eines der Foren: Für Förderanträge müssen Zielgruppen benannt werden, die zum Beispiel von bestimmten Bildungsbarrieren betroffen sind. Aber es gebe den Bedarf „einfach nur mit Kindern“ zu arbeiten. Ich denke an Projektanträge aus meinem Alltag, in denen ein sehr defizitäres Bild von der Zielgruppe gezeichnet wird. Dort sind die Barrieren zwischen Projektinitiatoren und Zielgruppe nahezu greifbar. Aber diese Akteure haben auch einen wesentlichen Punkt nicht verstanden: Das es darum geht, gesellschaftliche Strukturen und Barrieren zu benennen, die Teilhabe verhindern, und nicht darum, Kinder und Jugendliche als „bildungsfern“ oder „sozial schwach“ zu stigmatisieren. Die Strukturen, die diese Kinder an der Teilhabe hindern, sind Teil unserer Gesellschaft und unserer Institutionen. Und das ist auch daran ablesbar, dass die Besucher dieser Tagung nicht die Diversität unserer Gesellschaft abbilden, sondern doch eher homogen wirken: zum Großteil weiß, akademisch gebildet, gut vernetzt.

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Ein Kommentar zu “Kultur mit allen?!

  1. Hervorragende Analyse. Jeder Absatz trifft es auf den Punkt, der letzte bleibt der Wichtigste: Es gilt diese „Strukturen“ und „Barrieren“ zu erkennen/benennen und dann in mühseliger Arbeit zu verändern.

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