Warten. Stefan Fischer-Fels über seine Reise nach Yaundé, Kamerun

 

Der Vorstand der Assitej International – das Executive Committee – trifft sich alle 4 bis 6 Monate irgendwo auf der Welt, um die Geschäfte des weltweiten Bündnisses des Theaters für Kinder voranzutreiben. In den letzten 5 Jahren war ich auf diese Weise in Argentinien, Aserbaidschan, Australien, England, Indien, Japan, Österreich, Polen, Ukraine… Aber das war alles nichts gegen diese Reise nach Kamerun. Dort gibt es jährlich in der 2-Millionen-Hauptstadt Yaoundé das internationale Theater-Festival für junges Publikum „Fateh“. Wir sind Gäste des Festivals, treffen die Künstler vor Ort und erfahren, welche Fragen und Herausforderungen hier bestehen.

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Kamerun ist ein armes Land. Es hat Rohstoffe, aber die Gewinne fließen in die Taschen einer kleinen reichen Oberschicht, die an internationale Konzerne seinen Reichtum an Rohstoffen verdealt. Darunter: schockierende Armut. Yaoundé war vor einigen Jahren die „Stadt auf 7 Hügeln“- jetzt hat sie sich über unzählige Hügel ausgebreitet und niemand weiss wirklich, wie viele Menschen hier leben. Eine Stadt ohne öffentliches Verkehrssystem, laut, dreckig, hart. Moneychange wird zur Abenteuerreise in einer Stadt, die keine Bankautomaten hat – sie würden sofort geknackt. Geld wechselt man illegal in dunklen Gassen oder im bestbewachten Ort der Stadt: dem Hilton Hotel, in das du nur mit zwei Sicherheitschecks reinkommst. Überall junge Männer, die warten. Warten. Warten. Auf Kunden. Auf Arbeit. Auf einen Funken, der etwas entzündet, zur Explosion bringt.

Und dann gibt es in Yaoundé ein paar Leute, die in einem nie gesehenen Chaos für Kinder Theater machen. Großartige Performer, Sänger, Tänzer, Clowns – all in one -, mit sagenhaften Antennen ins wache Publikum, das sofort jede Stimmung aufnimmt und zurück auf die Bühne schleudert. Selten so erfahren  wie hier: Theater als Dialog mit dem Publikum.

Ich leite einen Workshop für Autoren über das Schreiben fürs Kindertheater. Treffe auf hochgebildete, kreative Schreiber, die im Nebenberuf auch Theatermanager, Schauspieler, Lebenskünstler sind. Es gibt einen großen Hunger nach Austausch. Für Kameruns Künstler das Schlimmste ist: Vergessen zu sein. Nicht reisen können oder dürfen. Keinen Besuch erhalten, keinen Austausch. Ein Dreistunden-Workshop wird so zu einem kleinen Fenster in die Welt, dem große Bedeutung zukommt. Wir teilen Erfahrungen, Methoden, Geschichten. Wer bereichert hier wen? – Ich lerne Künstler kennen, die unter unglaublichen Umständen arbeiten. Der Workshop im Centre Culturel Cameroon findet im 1.Stock statt. Drunter spielt eine Truppe für 200 Kinder in einem unklimatisierten 100-Personen-Saal ein Clownsstück. Daneben probt eine Band. Über uns findet eine Theaterprobe statt und nur durch einen Vorhang getrennt sind wir von der lautstarken Besprechung einer Gruppe. Draußen tobt ohrenbetäubend der Verkehr. Vorstellungen finden statt, wenn die Künstler es geschafft haben, rechtzeitig ein Transportmittel zu kriegen. An der Decke hängen 3 Scheinwerfer, die nicht funkionieren. Das Saallicht beleuchtet die Szene. Im Dorf Mfou, 30 Kilometer von Yaoundé entfernt, gibt es kein Licht, nur einen großen leeren Raum. 200 Kinder sitzen auf dem Boden und reagieren auf jede Aktion des Schauspielers wie ein kollektiver Mitspieler. Wir sehen zwei grandiose Entertainer aus Benin. Das Stück endet mit einer Aktion, bei der Kinder mit Kreide auf einen umgekippten Tisch ihre Berufswünsche für die Zukunft aufschreiben. Journalist. Ärztin. Djay. Draußen im Freien ziehen sich die Spieler um. Garderoben gibt es nicht. Alle hier sind Meister der Improvisation. Woher nimmt man diese Kraft und die Hoffnung?

In einer anderen Geschichte auf der Bühne – gespielt von der großartigen Gruppe der „Royal Jackets“ aus Yaoundé werden zwei arme Kinder aus dem Dorf verschleppt und arbeiten als Sklaven in einem Haus. Sie werden geschlagen. Am Ende gelingt es ihnen, sich zu befreien, und ihr Schicksal öffentlich zu machen.

Absurde Randgeschichte auf dem Rückweg: Der Assitej-Vorstand wird von einer Polizeikontrolle angehalten. Wir müssen aussteigen, uns ausweisen. Die Situation ist bedrohlich. Die Polizisten wollen wissen, ob wir illegale Einwanderer aus Europa sind.

Auf dem Flug zurück sitze ich neben einem Mann im traditionellen afrikanischen Gewand. Er schaut auf mein Buch. Hei, bist du auch Deutscher?, fragt er mich. Ja, sage ich, und du? Ick bin Berliner, sagt er. Seit dreißig Jahren. Kurz vor der Ankunft in Brüssel zieht er Jeans, Hemd und Lederjacke an. Wir grüßen uns herzlich zum Abschied. 

Stefan Fischer-Fels im November 2016.

Stefan Fischer-Fels ist Leiter des Jungen Schauspielhauses Düsseldorf. Er ist stellvertretender Vorsitzender der ASSITEJ e.V. und Vize-Präsident der ASSITEJ International. 

Weiter diskutieren zum Thema „Fair Cooperation“: Die ASSITEJ Deutschland lädt am 13. Februar 2017 zu einer Werkstatt im Rahmen des Festivals „Hellwach“ ins Helios Theater in Hamm ein und fragt, was eine faire Kooperation mit Theatern in afrikanischen Ländern ausmachen kann. Anmeldung bis 20. Januar 2017. Teilnahme kostenlos. Weitere Informationen hier.

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