Visionen, Traditionen und eine Mission

Theater für junges Publikum ist heute in Deutschland eine gesellschaftlich anerkannte Kunstform und gilt als Beispiel für die institutionelle Umsetzung des Rechts von Kindern und Jugendliche auf kulturelle Teilhabe. Das war nicht immer so und ist das Ergebnis der künstlerischen und theaterpädagogischen Arbeit von Aktivist/innen des Kinder- und Jugendtheaters im Osten und im Westen Deutschlands in den zurückliegenden sieben Jahrzehnten. Die Vision eines speziell dem jungen Zuschauer gewidmeten Theaters ist sogar noch älter und fand mit der Einrichtung von speziellen Theatern für junge Zuschauer in den 1920er Jahre in Sowjetrussland zum ersten Mal umfassende praktische Umsetzung. Das deutsche Kinder- und Jugendtheater steht in dieser, fast ein Jahrhundert professioneller Erfahrung mit dem jungen Publikum umfassenden, künstlerischen und institutionellen Tradition. Und es steht sprichwörtlich mit beiden Beinen im Leben, findet seine Themen und Stoffe und seine künstlerischen Impulse im Hier und Jetzt, ohne seinen über die Jahre wachsenden Schatz der Theatertexte für junges Publikum gering zu schätzen.
Was wir heute als Traditionen pflegen oder auch ablehnen, sind die Visionen von Generationen von Künstlern/innen und Pädagogen/innen weltweit, die in den vergangenen Jahrzehnten ihre Mission von einem künstlerisch anspruchsvollen und gesellschaftlich anerkannten Theater für Kinder und Jugendliche verfolgt haben. In Deutschland sind es heute die Mitglieder des Verbandes der Theater für Kinder und Jugendliche, der ASSITEJ e.V. Bundesrepublik Deutschland, die diese Mission weiterführen. 2016 begeht der Verband sein fünfzigstes Jubiläum und es darf als ein Ergebnis der Arbeit des Verbandes und seiner Mitglieder gelten, dass es längst nicht mehr nur die traditionellen Kinder- und Jugendtheater sind, die für junges Publikum produzieren und spielen. Theater für Kinder und Jugendliche gehört inzwischen zum Portfolio des deutschen Stadttheaters und in den freien darstellenden Künsten entstehen Produktionen von Künstler/innen, die bisher nicht für junges Publikum gearbeitet haben. Umso wichtiger ist es, mit Weitblick auf die gegenwärtige darstellende Kunst für junges Publikum schauen, ohne Vorurteile aber mit dem Bewusstsein der eigenen Tradition als Basis für die künstlerische Qualität und das Selbstverständnis des zeitgenössischen Kinder- und Jugendtheaters.
Das Jubiläum des Verbandes der Theater für Kinder und Jugendliche und einige andere Jahrestage sind Belege für die Beständigkeit der Idee eines eigens für junges Publikum produzierten Theater und seine alltägliche Praxis zeigt seine aktuelle Notwendigkeit und Zukunftsfähigkeit. Herzlichen Glückwunsch der ASSITEJ zum 50. und ein herzlicher Dank für Engagement und Anspruch an alle, die Tag für Tag dazu beitragen, dass Theater für junges Publikum aus dieser Welt nicht mehr wegzudenken ist.
Prof. Dr. Gerd Taube
Leiter des Kinder- und Jugendtheaterzentrums

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