Jakob Nolte: Mein ideales Kinder- und Jugendtheater

Michel Decar und Jakob Nolte (Foto: Reinhard Werner)

Michel Decar und Jakob Nolte (Foto: Reinhard Werner)

„Eine Utopie von einem idealen Kinder- und Jugendtheater könnte folgende sein: Ein Theater in einer Stadt mit vielen Besuchern und Mitteln lässt Stücke spielen, die gut sind. Sie sind an alle Menschen gerichtet, von denen einige natürlich auch Kinder sind. So sind ein Teil des Repertoires Kindergeschichten und Märchen und diskursive Nachstellungen von Gerichtsverhandlungen. Natürlich verhält es sich bei diesen Stücken um Stücke, die vor allem die Erwachsenen schauen wollen.

Denn sie sind voller Magie und schön und traurig und beschreiben das Leben und die Welt in einer Art und Weise, wie sie nur Kinder verstehen können. In diesem Theater spielen kleine Jungs und Mädchen und Zwitter die Hauptrollen. Sie müssen Königreiche verteidigen und mit den Schrecken eines Luftbombardements leben. Es kann sein, dass am Ende alle Tod sind, oder dass am Ende die Hauptpersonen zurück zum Mond müssen, wo sie eigentlich herkommen. Es kann sein, dass alle Besucher dieses Theaters schrecklich weinen müssen und dass sie ihre Leben verfluchen. Es kann sein, dass sie lachen und an nichts denken für 80 heilige Minuten.

In diesem Theater würde das Theaterstück Hamlet von der einflussreichsten Regisseurin ihrer Zeit mit Grundschulkindern inszeniert werden. Die Inszenierung wäre viel zu lang und auch kompliziert, aber sie würde die Herzen der Menschen erwärmen, denn alle Figuren wären trotz allem unfassbar niedlich. In diesem Theater würden ein paar überschwängliche Teenager die Schauspieler des Ensembles in einer Neubearbeitung von „Nach Damaskus“ (nach August Strindberg) auf die Bühne stellen und es wäre noch länger als die Hamlet-Inszenierung, und sie wäre auch noch viel schlimmer, und ohne Vergnügen für niemanden, aber immerhin hätte einer der beteiligten Teenager dabei gelernt, dass er doch lieber Pilot werden möchte. Dieses Projekt wäre einzigartig und die Theaterleitung würde sich dagegen entscheiden, es nochmal zu probieren. In diesem Theater würden Puppenspieler arbeiten, genauso wie Zauberkünstler und auf der Drehbühne würden Fahrradrennen stattfinden. Auch das Corporate Design wäre ein Hit.
Andere Utopien sähen selbstverständlich anders aus. Ob ihre Väter nun Jewgeni Schwarz oder Hayao Miyazaki heißen. Es müsste ja doch alles sehr einfach sein.“

(Mehr zum Autoren-Team Jakob Nolte und Michel Decar beim Rowohlt Theaterverlag: Klick)

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