Annett Israel: Zeitgenössisches Musiktheater für Kinder?

„Der Besuch eines Musiktheaters kann für Kinder ein besonderes Erlebnis sein. Im großen oder kleinen Saal eines Opernhauses, eines Mehrsparten- oder Freien Theaters machen sie Bekanntschaft mit der komplexesten Form der Darstellenden Künste, in der Sprache, Musik, Gesang, Bewegung und die bildnerischen Elemente von Bühne, Kostüm und Licht oder mediale Mittel in der Aufführung zusammenwirken. Die jungen Zuschauer müssen eine Vielzahl von Ebenen und Zeichen lesen und mit der Kraft der Vorstellung zu ihrer je eigenen Geschichte verknüpfen.

In den meisten Inszenierungen spielt der singende Mensch eine Hauptrolle. Das allein ist für junge Zuschauer ungewöhnlich genug, weil der kunstvolle Gesang einer Opernsängerin oder eines Opernsängers keine direkte Entsprechung im Leben der Kinder findet. Doch die menschliche Stimme ist das „älteste Instrument der Welt“ (Richard Wagner).

Bevor Kleinkinder anfangen zu sprechen, spielen sie singend mit ersten Lauten, die sie später zu Worten formen. Bei kleinen Kindern sind Spiel, Darstellung, Sprache, Gesang, Bewegung im Rhythmus untrennbare und gleichberechtigte Mittel ihrer Kommunikation. Wenn die ersten Grundschuljahre vorüber sind, verstummt das musikalische Instrument Stimme bei manchem Kind in der irrigen Annahme, es könne nicht singen.

Zeitgenössisches Musiktheater für Kinder spielt nicht für einen kleinen Kreis von Kunstkennern und Eingeweihten. Vielmehr soll die Begegnung mit der Musik als Mittel der Darstellung für jedes Kind – gleich welcher musischen Vorbildung – zum Ereignis werden. Anders als die Liebhaber traditioneller Opern sind Kinder unvoreingenommene ‚Zuhörschauer’. Jeder musikalische Klang, ob von einem Komponisten des 18. oder 21. Jahrhunderts erscheint ihnen neu und fremdartig, denn oftmals erleben Kinder in Begleitung ihrer Eltern, Großeltern oder gemeinsam mit ihrer Kita-Gruppe oder Grundschulklasse zum ersten Mal, dass man im Theater „mit den Augen hören und mit den Ohren sehen“ kann, wie Matthias Rebstock, Professor für Szenische Musik an der Universität Hildesheim, meint.

Wie diese erste Begegnung des Kinderpublikums mit dem Musik-Theater gelingt, darüber gibt es derzeit nur wenige gesicherte Erkenntnisse. Aber es gibt seit wenigen Jahren an einigen Opernhäusern und –sparten in Zusammenarbeit mit Kinder- und Jugendtheatermachern Erfahrungen aus einer künstlerischen Stückentwicklungspraxis, in der neue Werke mit zeitgenössischer Musik in aufwendigen Prozessen gemeinsam mit den Komponisten, Librettisten und Ensembles entstehen und aufgeführt werden: Ein wesentliches Element der Szene ist hier z.B. das sichtbare Musizieren, das Herstellen von Klang durch die Musiker mit ihrem jeweiligen Instrument. Perspektivisch geht es darum, dass im zeitgenössischen Musiktheater für Kinder die funktionale Trennung zwischen Musikern und Sänger-Darstellern aufgehoben wird, indem sich die Musiker von ihren Notenpulten emanzipieren und frei im Raum oder auf einer Bühne mit ihren Instrumenten agieren können. Es entstehen neue Werke, die das Hören in Szene setzen und in denen die Musik eng mit einer Geschichte verbunden ist, die das Publikum etwas angeht.

Im zeitgenössischen Musiktheater soll sich das Bewusstsein der jungen Zuschauer für die Qualität von Musik über die Erfahrungen mit verschiedenen inszenierten Klangsprachen entwickeln. Die Künstler müssen bereit sein, „mit den Kindern zu kommunizieren und ihnen mit der gleichen Offenheit und Zuwendung begegnen, die sie sich auch von den Kindern wünschen. Wenn die Künstler sich für ihr Publikum interessieren (…), wenn das Publikum sich gemeint fühlen darf, dann stellt sich Vertrauen ein und dann interessiert und öffnet sich auch das Publikum für die verschiedensten menschlichen Äußerungen, seien es Gedanken, Bilder, Klänge“, erklärt Andrea Gronemeyer, Intendantin des Schnawwl, Kinder- und Jugendtheater und Junge Oper in Mannheim, die Haltung der Künstler zum Publikum.

Die Künstler müssen demnach höchste Maßstäbe an Komposition, Text, Szene und Bühnenbild anlegen, statt ihre Kunst auf ein vermeintliches Niveau von Kindern zu reduzieren.“

Annett Israel Annett Israel arbeitet seit 2001 als Fachmitarbeiterin im Berliner Büro des Kinder- und Jugendtheaterzentrums mit den Arbeitsschwerpunkten Schauspielmethodik, u.a. Leitung des Schauspielerseminars und Musiktheater für ein junges Publikum.

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