Der Autor als Waisenkind

„Wir müssen uns also über Adoptionsstrategien Gedanken machen.“

Dieser Erkenntnis, von Gerd Taube am Ende des 25. Frankfurter Autorenforums im Gespräch mit ExpertInnen und dem Publikum formuliert, sind intensive Diskussionen vorausgegangen. Ist der Autor ein Waisenkind, das von der Theaterfamilie großzügig aufgenommen werden will und muss? Ein armes Hascherl, ein Underdog gar?

Zuweilen drängte sich dieser Eindruck auf. „Gemeinsam gewinnen – Das Verhältnis von Autoren und Theater in der Praxis“ lautete der Titel des ersten Gesprächs, das Henning Fangauf mit einem selbstsicheren Christian Schönfelder und einem streitlustigen Oliver Bukowski führte. Schönfelder, Dramaturg am Jungen Ensemble Stuttgart (JES), erläuterte, wie dort bisher der Spielplan entstand: Das gesamte Ensemble einigt sich in langen Diskussionen auf ein Thema. Findet sich kein Stück und kein Roman, der zu den Thesen des Ensembles passt, wird das Stück kollektiv entwickelt. Der professionelle Autor bleibt draußen. Schönfelder gab zu, dass bei dieser Art der Stückentwicklung keine Hochsprache entsteht und er dies durchaus als Defizit sehe. Auch komme dieses System nach zehn Jahren an seine Grenzen. Deshalb, meinte Autor Bukowski, sei es auch für das JES wichtig, Input von Außen zu bekommen, sonst kenne das Ensemble irgendwann „nur noch den Tomatensalat aus der eigenen Kantine.“ Schönfelder stimmte zu. Darum werde das JES im nächsten Jahr für sechs Wochen eine Autorin beschäftigen.

Henning Fangauf resümierte: Der Autor ist also nur zeitlich begrenzt, quasi kontrolliert, in der Wohlfühlfamilie Theater erwünscht. (Ein ausführliches Gespräch, das Bukowski und Schönfelder im Vorfeld des Autorenforums führten, kann man hier als PDF-Datei herunterladen)

Im weiteren Verlauf dieses ersten Tages wurden mehrere Beispiele gelungener Zusammenarbeit von Autoren und Dramaturgen vorgestellt. Nora Mansmann stellte gemeinsam mit Kathi Loch (theater junge Generation Dresden) die ersten Szenen ihres Stücks „fuchs und freund“ vor. Autorin Sophie Reyer und Joerg Bitterich, Leiter der Badischen Landesbühne, berichteten über das neue Kinderstück „Anna und der Wulian“. Beide Projekte werden im Rahmen des KJTZ-Projekts „Nah dran!“ gefördert.

Direkt von der Premiere ihres Klassenzimmerstücks „Deine Helden – Meine Träume“ kam Karen Köhler, die mit Dramaturgin Beate Seidel vom Deutschen Nationaltheater Weimar über den Prozess der Stückentwicklung sprach. Ausführliche Informationen zu Köhlers Stück finden sich auf der eigens eingerichteten Website: DEiNE HELDEN – MEiNE TRÄUME.

Die Autorinnen Juliane Kann und Anne Nather sprachen über ihre neuen Stücke und die Zusammenarbeit mit Dramaturg Christoph Macha am Staatstheater Braunschweig. Nathers Stück „Heldenblut“ hat dort am 11. Juli 2014 Premiere. Juliane Kann sagte kürzlich in einem Interview, das Eva-Maria Magel anlässlich des 25. Frankfurter Autorenforums für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung führte, zur Situation des Autors:

„Wenn man davon ausgeht, dass das performative Theater mehr in den Vordergrund rückt oder das Gruppen gemeinsam Stücke entwickeln, dann sehe ich meine Zukunft als Autorin nicht so rosig“.

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