Guter Rat, gern gefragt

Prof. Dr. Wolfgang Schneider berichtet von einer Selbstverständigung innerhalb der Theaterlandschaft. Er ist Vorsitzender der ASSITEJ e.V. und vertritt diese im Rat für Darstellende Kunst und Tanz.


Theaterpolitik. Porträt von Uli Wirtz von Mengden.2

Foto: Uli Wirtz-von Mengden

Im Anfang war zwar das Wort, aber dann kam schon gleich der Verein. In Deutschland gibt es kaum ein gemeinschaftliches Ansinnen, das nicht auch beim Amtsgericht eingetragen ist und als e.V. firmiert. Rund drei Dutzend solcher Vereine vertreten die Interessen des Theaters und haben sich im Rat für darstellende Kunst und Tanz zusammengeschlossen.

Zwei Mal im Jahr gibt es ein Treffen, zuletzt Mitte November 2018 wieder in der Geschäftsstelle des Deutschen Bühnenvereins in Köln. Von A wie ASSITEJ e.V. bis Zirkus macht stark e.V. sind unter dem Dach des Deutschen Kulturrates die Repräsentanten der Freien und Stadt-Theater ebenso organisiert wie der Tanz in Schulen, die Theaterpädagogik oder die Puppentheater, das Internationale Theaterzentrum, der Bund der Theatergemeinden oder die Genossenschaft Deutscher Bühnenangehörigen.

Was haben all die Lobbyisten zu besprechen? Im besten Falle dient der Austausch auch der Selbstverständigung und Standortbestimmung, das heißt auch zur kulturpolitischen Positionierung innerhalb der Theaterlandschaft. Jüngstes Zusammenwirken führte zur ersten Stellungnahme, das Ergebnis sind zehn Forderungen zu den Darstellenden Künsten für junges Publikum! Dabei geht es um Zugänge schaffen, Ensembles stärken und Strukturen implementieren. Der komplette Text ist in der Oktober-Ausgabe IXYPSILONZETT, dem Magazin für Kinder- und Jugendtheater, nachzulesen.

In Köln wurde aber auch der Kieler Appell auf Antrag des Bundesverbandes Theater in Schulen e.V. verabschiedet, in dem die Bundesbildungsministerin aufgefordert wird, zukünftig das Festival Schultheater der Länder zu unterstützen. Engagieren will sich der Rat ebenso für die politische Initiative Die Vielen, gegen rechtsnationale Propaganda für Vielfalt, Toleranz und Respekt. Der Rat diskutierte außerdem eine Resolution aus Sorge um den Dialog mit der Zivilgesellschaft und plädiert für eine kooperative Zusammenarbeit von öffentlicher Zuwendung und künstlerische Szene. „Vereine sind keine nachgeordnete Behörde“, kritisiert Marc Grandmontagne, einer der Sprecher des Rates, die Praxis der Projektförderung. Demnächst geht es um Macht und Missbrauch im Theater, um #MeToo und Geschlechtergerechtigkeit, in einer Arbeitsgruppe um soziale Absicherung und wider die prekären Arbeitsverhältnisse in den Darstellenden Künsten. Der Rat hat etwas zu sagen, er ist gefragt! Und weiß das selbstbewusst in Worte zu fassen. Alles andere als Vereinsmeierei…

PS: Neues Mitglied wurde der Bund der Szenografen. Der formuliert nicht minder pointiert: „Wir wünschen uns von Intendanz und Dramaturgie mehr Risikobereitschaft, mehr Bereitschaft zu Forschung und Experiment. Wir fordern eine Verschiebung weg von Fast-Food-Produktionen und Akkordarbeit hin zu nachhaltigen Produktionsweisen“.

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Z OGNIEM W GLOWIE 3. Ein Fachaustausch zum Jugendtheater in Polen

Von Henning Fangauf


Als erstes zeigt sich ein alter Förderturm, dann die modernen Produktionshallen von Toyota und schließlich die Kirchtürme, nähert man sich von Wroclaw kommend der niederschlesischen Stadt Wałbrzych. Die ehemalige Bergwerksstadt befindet sich im Umbruch. Kohle wird hier nicht mehr gefördert, junge helle Birkenwälder breiten sich auf den Abraumhalden rund um die Stadt aus. Die Moderne hält nur langsam Einzug, die Stadt sucht nach neuer Identität für das 21. Jahrhundert.

© Photo: Dariusz Gdeszmobile: +48 796 689 301
e-mail: studio@gdesz.com

Henning Fangauf, Dramaturg und Lektor, bei seinem Vortrag „Kunst und Gesellschaft – Theater für junges Publikum in Deutschland“, rechts die Übersetzerin Justyna Rodzinska-Nair.

Das Stadttheater, das Teatr Dramatyczny, scheint diese bereits gefunden zu haben. Die junge, erst seit 1964 als „Dramatisches Staatstheater“ existierende Bühne, hat sich seit der Jahrtausendwende einen besonderen Ruf in der polnischen Theaterlandschaft verschafft. Mit seinen progressiven Inszenierungen neuer polnischer und europäischer Stücke durch junge, aufstrebende Regisseur*innen zieht es die überregionale Kritik immer wieder in diesen südwestlichen Teil des Landes.

Und das Theater hat sich konsequent für die Jugend geöffnet. In diversen Jugendclubs probieren sich insbesondere ältere Schülerinnen und Schüler im Theaterspielen aus. Die Theaterpädagogin Dorota Kowalkowska hat hier in den letzten zehn Jahren vorbildliche Arbeit geleistet und das Angebot zum Theater sehen und Theater spielen für junge Leute ausgebaut. Mit ihren Programmen gibt sie der interessierten Jugend von Wałbrzych Halt und Identifikation, zumindest für eine gewisse Zeit, bevor diese zum Studium, zur Ausbildung, die Stadt verlassen müssen.

Der nun jüngst stattgefundene Fachaustausch Z OGNIEM W GLOWIE 3. (zu Deutsch: Mit Feuergesicht 3) mit Expert*innen des jungen Theaters aus Deutschland und aus Polen gehört auch zu diesem Angebot und zum Selbstverständnis des Theaters. Seit 2014 lädt das Theater alle zwei Jahre zu dieser Veranstaltung ein und gewinnt die theaterbegeisterten Jugendlichen der Stadt, aber auch Theaterpädagog*innen und weitere Künstler*innen des ganzen Landes für den internationalen Dialog.  Auch eine gesamte Jahrgangsklasse des Studiengangs Theaterpädagogik von der Universität in Warschau nahm daran teil. Das Programm wurde kuratiert von Dorota Kowalkowska und der Übersetzerin Iwona Nowacka und gemeinsam mit den Jugendlichen vorbereitet. Diese interessierten sich besonders, von den Gästen aus Deutschland etwas über die aktuelle Haltung der Theater zu Politik und Gesellschaft zu erfahren. Mit großer Selbstverständlichkeit moderierten die Jugendlichen einzelnen Gespräche und fühlten den polnischen Regisseuren, die drei Stücke aus Deutschland szenisch einstudiert hatten, kräftig auf den Zahn. Männerdominanz im polnischen Theater – muss das so sein? Wurden die Texte wirklich intensiv genug gelesen und durchdrungen? Wird Humorlosigkeit in der Umsetzung als „ernsthafte Auseinandersetzung“ (miss)-verstanden? Die Fragen der – perfekt vorbereiteten! – Jugendlichen trafen es genau, es war ein Genuss ihren kritischen Nachfragen an die Profi-Künstler*innen zu folgen. Das Theater in Wałbrzych hat damit eine gelungene Form der partizipativen Theaterarbeit eröffnet. Theater als Anlass für den Generationendialog. Chapeau!

Fabrice Melquiot: „Was das Theater zu dem Kind sagt“

Der folgende Text von Fabrice Melquiot wurde für unser Blog aus dem Französischen übersetzt von Frank Weigand: Der Originaltext „Ce que le théâtre dit à l’enfant“ entspricht dem Manifest des von Fabrice Melquiot geleiteten Theaters für junges Publikum Am Stram Gram in Genf.

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Foto: Jeanne Roualet

Fabrice Melquiot wurde für sein Stück „Die Zertrennlichen“ („Les séparables“, ab 9 Jahren, Felix Bloch Erben Verlag für Bühne Film und Funk, Berlin) mit dem Deutschen Kindertheaterpreis 2018 ausgezeichnet. Erstmals wurden bei der Preisverleihung am 1. November im Frankfurter Römer auch ausdrücklich die Leistungen der Übersetzer*innen Leyla-Claire Rabih und Frank Weigand gewürdigt: Der mit 10.000 Euro dotierte Preis geht zu gleichen Teilen an Autor und Übersetzer*innen.


– Du bist nicht allein.
– Manchmal fühlst du dich allein, aber du bist nicht allein.
– Du bist nicht einfach.
– Auch die Welt ist nicht einfach.
– Sie ist komplex.
– Du bist komplex.
– Das ist eine Chance, ergreife sie.
– Natürlich wirst du manchmal auf Probleme stoßen.
– Du bist schon auf welche gestoßen.
– Du hast eine Schatzkiste, die du jeden Tag sorgfältig füllst, und in dieser Kiste findet man zwischen den Schätzen auch Probleme.
– Jeder hat Probleme.
– So ist das, das ist das Leben.
– Vielleicht wirst du Lösungen für deine Probleme finden.
– Vielleicht wird dir jemand helfen, eine Lösung zu finden.
– Sei mutig.
– Lass dich nicht zu leicht entmutigen.
– Du bist nicht allein.
– Du bist nicht einfach.
– Du bist wie ein schwieriges Geduldsspiel.
– Und außerdem brauchst du Poesie zum Leben, so wie man Wasser oder Brot braucht.
– Die Gedichte sind deine Freunde.
– Was sind denn Gedichte?
– Gedichte sind Texte, die Fragen stellen und die sich selbst Fragen stellen, nach der Welt, die nicht einfach ist, nach Menschen, die einsam sind, nach den Problemen, auf die man stößt, nach den schwierigen Geduldsspielen des Herzens und nach dem, was wir zum Leben brauchen.
– Gedichte sind Wörter, die andere Wörter treffen, wie zum allerersten Mal.
– Der Dichter hat sie nebeneinander gestellt, und zwar nicht einfach zufällig.
– Außer manche Dichter, die sich sehr gut mit dem Zufall auskennen.
– Der Dichter sind deine Freunde.
– Die Theaterdichter, die die Worte, die Stimmen, die Körper, die Zeit und den Raum kennen.
– Weißt du, in Gedichten gibt es nicht bloß die Wörter Liebe, Sonne, Magie, Stern und Seufzer.
– Manchmal gibt es in Gedichten Schimpfwörter.
– „Geht das?“, fragst du dich. „Das macht doch das Gedicht kaputt!“, sagst du dir.
– Gedichte leben von allen Wörtern, weil sie so sind wie die Welt, weil sie keine Wirklichkeit fürchten, und weil auch die kleinen Ganoven hin und wieder an den schönen Schaufenstern der Prachtstraßen vorbeibummeln dürfen.
– Auch das ist das Leben.
– Auch Gedichte sind das Leben.
– Das Leben ist nicht einfach.
– Das Leben ist komplex.
– So wie du.
– Das heißt nicht, dass du alles von den Gedichten verstehen wirst, weil du, genau wie sie, nicht einfach sondern komplex bist.
– Manchmal versteht man Gedichte nicht, nicht immer, nicht immer sofort. Manchmal schaut man sie an, hört sie an und sagt sich: Das verstehe ich nicht.
– Auch das ist das Leben, wenn man etwas nicht versteht.
– Lass dich nicht zu leicht entmutigen.
– Lass zu, dass sich in deinem Herzen und in deinem Kopf das kleine Fahrrad des Gedichts dreht, und frage dich, was du in dir drin fühlst.
– Ohne unbedingt verstehen zu wollen.
– Versuch einfach zu fühlen, bloß zu fühlen.
– Du wirst sehen, wie Wörter in dir entstehen, wie die Lichter, die abends in der Stadt eingeschaltet werden.
– Schau sie an.
– Hör ihnen zu.
– Das dich von ihnen durchdringen.
– Bilde dir deine eigene Meinung.
– Niemand außer dir weiß, was das Gedicht dir zu sagen hat.
– Niemand außer dir weiß weiß, was von ihm in dir wiederhallt.
– Du wirst sehr schnell verstehen, dass Gedichte und Kinder dieselben Geheimnisse hüten; ihr seid aus demselben Stoff gemacht.
– Gedichte sind nicht bloß Wörter.
– Manchmal ist es nur ein Körper, der sich hinkend vorwärtsbewegt, ein Ballon, den man daran hindert, wegzufliegen, ein Clown, der rülpst, ein Wal aus Papier, den auf dem Boden liegt. Manchmal sind es zwei Körper, die spielen, dass sie sich prügeln, damit du selbst weniger Lust hast, dich zu prügeln.
– Das alles sagt: Das Leben ist das, was du siehst. Und du siehst alles, mit deinen forschenden Adleraugen.
– Aber nicht nur.
– Es ist auch, was du nicht siehst.
– Das Unsichtbare.
– Das, was anders ist.
– Das Verborgene.
– Das, was untendrunter ist.
– Das, was auf der anderen Seite ist.
– All das.
– Und auch noch etwas anderes.
– Du siehst, es ist komplex.
– Das ist eine Chance, ergreife sie.
– Du bist nicht allein.
– Das Theater ist da.
– Die Wörter sind da.
– Die anderen sitzen neben dir.
– Du sollst viel vom Leben erwarten.
– Denn du bist das wichtigste Kind der Welt.
– Und ich sehe dir in die Augen.

Come closer: Aktuelle Ausschreibung zum Projekt „Nah dran!“ ist veröffentlicht

von Henning Fangauf

Herbstzeit – Spielplanzeit. Welches neue Stück fehlt noch auf meinem Spielplan, welche* Autor*in können wir zur Zusammenarbeit gewinnen, auf welche Uraufführung darf sich unser Publikum freuen? Oder aus anderer, der Autor*innen-Perspektive gefragt: welches Theater interessiert sich für jenen Stoff, den ich schon lange mal beackern wollte, mit welchen Künstler*innen in Dramaturgie, Theaterpädagogik, Regie möchte ich endlich mal zusammenarbeiten, wo wird die Uraufführung meines nächsten Stückes stattfinden?

Das sind genau die richtigen Fragen für all jene, die sich um eine Projektförderung Nah dran! Neue Stücke für das Kindertheater bewerben möchten. Die aktuelle, mittlerweile 11. Ausschreibung liegt nun vor. Bis zum 1. April 2019 können sich Autor*innen und Theater gemeinsam bewerben. In der Zusammenarbeit, die konzeptionell die Autor*innen in die Spielplan- und ersten Regieüberlegungen der Theaterkünstler*innen mit einbezieht, entsteht das neue Stück für ein Publikum bis zu 10 Jahren. Die Uraufführung findet spätestens im Juli 2021 statt. Bis zu vier Auftragshonorare von je 6500 Euro und bis zu vier Projektzuschüsse von je 1000 Euro können vergeben werden. Voraussetzung: man macht mit und ist näher dran!
Weitere Infos unter: nahdran@kjtz.de


Henning Fangauf ist Projektmitarbeiter für Nah dran!
Er arbeitet freiberuflich als Lektor und Dramaturg und war von 1996 bis 2018 stellvertretender Leiter des Kinder- und Jugendtheaterzentrums in der Bundesrepublik Deutschland in Frankfurt am Main.

Zwei Preisverleihungen, zwei Sonderpreise… und ein Bundesverdienstkreuz!

Wow. Was für ein Abend.
Im Kaisersaal des Frankfurter Römers überreichte Juliane Seifert, Staatssekretärin im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, am Donnerstagabend die beiden wichtigsten deutschen Staatspreise für dramatische Literatur für Kinder und Jugendliche, die mit jeweils 10.000 Euro dotiert sind. Erstmals wurden ausdrücklich auch die Leistungen der Übersetzer*innen bei fremdsprachigen Stücken gewürdigt: Preise und Prämien gehen zu jeweils gleichen Teilen an die Autor*innen und beteiligte Übersetzer*innen.

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(v.l.n.r.) Prof. Dr. Gerd Taube (Leiter des Kinder- und Jugendtheaterzentrums), Leyla-Claire Rabih, Frank Weigand, Juliane Seifert, Karola Marsch (Jury). Foto: Karin Berneburg

Den Deutschen Kindertheaterpreis 2018 erhält Fabrice Melquiot (Frankreich) für sein Stück »Die Zertrennlichen« (Felix Bloch Erben Verlag für Bühne Film und Funk, Berlin), in der Übersetzung von Leyla-Claire Rabih und Frank Weigand. Die Jury beschreibt das Stück als große Tragödie um Liebe, Macht und Herrschaftsansprüche für Kinder. Die Konstruktion des Textes sei ungewöhnlich im Theater für Kinder und überaus bemerkenswert: Melquiot greife zu mythischen, archaischen Gestalten und verschaffe den Kinderfiguren einen eigenen, von der Außenwelt unantastbaren Raum.

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(v.l.n.r.) Juliane Seifert, Dino Pešut, Alida Bremer, Prof. Dr. Gerd Taube (Leiter des Kinder- und Jugendtheaterzentrums), Christoph Macha (Jury). Foto: Karin Berneburg

Der Deutsche Jugendtheaterpreis 2018 geht an Dino Pešut (Kroatien) für »Der (vorletzte) Panda oder Die Statik« (henschel SCHAUSPIEL Theaterverlag, Berlin), in der Übersetzung von Alida Bremer unter Mitarbeit von Sonja Anders und Friederike Heller. Die Jury-Laudatio lobt das Stück als eines der politischsten des aktuellen Jugendtheaters. Modellhaft verhandele es am Beispiel der gesellschaftlichen Konflikte in Kroatien die großen Krisen der Demokratie, Turbo-Kapitalismus, Angst vor dem Fremden sowie den Verlust von menschlichen Werten. Das Stück mache in messerscharfen Sätzen und knappen Repliken sehr deutlich: Leute, wir müssen aufstehen!

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(v.l.n.r.) Prof. Dr. Gerd Taube (Leiter des Kinder- und Jugendtheaterzentrums), Vera Schindler, Fabienne Dür, Viktoria Klawitter (Jury), Thomas Stumpp (Jury), Juliane Seifert. Foto: Karin Berneburg

Die Jury hat zudem zwei Sonderpreise für Studierende des Szenischen Schreibens an Fabienne Dür (für »Zu wenig Wut oder So etwas passiert doch hier nicht«) und Vera Schindler (für »Allahu Akbar«), beide Universität der Künste Berlin, verliehen.

Zum Abschluss hieß es allerdings: Frau Seifert hat da noch etwas mitgebracht! Und dann herrschte große gerührte Sprachlosigkeit bei Wolfgang Schneider: Im Namen des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier wurde der ASSITEJ-Vorsitzende mit dem Bundesverdienstkreuz erster Klasse für seine großen Verdienste für kulturelle Bildung und kulturelle Vielfalt, für das Kinderrecht auf Teilhabe an Kunst und Kultur, für die Wertschätzung und Förderung der Künstler*innen in Deutschland und für den internationalen Austausch geehrt – eine Riesenüberraschung nicht nur für ihn selbst, sondern auch fürs Publikum. Sofort erhob sich der ganze Saal zum begeisterten und langen Applaus. Wir gratulieren hier nochmals von Herzen!

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Foto: Karin Berneburg

 


Die beiden Staatspreise für dramatische Kinder- und Jugendliteratur werden alle zwei Jahre vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend vergeben. Das Kinder- und Jugendtheaterzentrum in der Bundesrepublik Deutschland ist mit der Durchführung des Auswahlverfahrens und der Preisverleihung beauftragt.

Watch. Stop. Repeat. Erase Yourself. – Ein Festivalbericht

Eliot Moleba ist derzeit in Frankfurt im KJTZ zu Gast, arbeitet an neuen Stücken und Projekten und hat das Internationale TheaterFest der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens in St. Vith besucht. Hier schreibt er über seine Erlebnisse im Next Generation-Programm.
Eliot lebt in Johannesburg, ist Autor, Redakteur, Theatermacher, Regisseur und Mitglied von PlayRiot, einem Autor*innenkollektiv, das sich dem Erzählen wagemutiger Geschichten in/aus Südafrika verschrieben hat. Er studierte Dramatic Arts und Diversity Studies an der University of the Witwatersrand und ist momentan Dramaturg am South African State Theatre.


I attended the 29th International TheatreFest that is organised by Agora Theatre, which took place from the 16th to 21st October 2018. The festival happens in a small German-speaking Belgian town of St Vith. As I only know Belgium to be predominantly Flemish\Dutch and French, I found the proposition of travelling from German city of Frankfurt to a German town in Belgium to be quite strange at first, until I learned that it is a bordering town that has changed hands between Germany and Belgium a few times. At this stage, I didn’t know what to expect from such a place but as a South African – given our troubled history and its territorial questions – one is now more comfortable diving into any place with a complex, laden and conflicting national history and identity! And so the journey began!

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Photo: Marie Aurore D’Avans; Copyright: AGORA Theater

Luckily, driving into St Vith was a magical experience because it offered a very contrasting scenery! The first thing that greets you from a distance is its dramatic landscape, which holds and wears the beauty of its greenery on the palm and sleeves of the small surrounding hills. And as you rolled downed the window, the fresh air hits you with the whiff of cow dungs from all the nearby feed and the sound of a trucker approaching along a narrow road. This will probably be the most congested traffic this road will see today! And with the emblem: Welcome to St Vith! This moment felt like stepping back into my childhood. Even though I grew up in the rural Northern parts of South Africa, the familiar aromas and the open landscape that allows you to feel and connect to the natural surroundings immediately transported me back to my humble origins.
To compliment this feeling of being at home (alas in a strange place), was the warm welcome I (and I hope everyone else) received from the theatre staff. Amidst the rush of getting the festival ready to hit the road, everyone never missed an opportunity to stop and offer you a friendly welcoming smile. I am always amazed at how easing this small gesture is when one experiences a new place and people for the first time. In a few glimpses and impressions, I was already convinced that the festival is ran by an awesome team and we are in for a great treat!

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Photo: Marie Aurore D’Avans; Copyright: AGORA Theater

I attended the festival as part of the Next Generation (NG) programme. The theme of the NG was Watch. Stop. Repeat. Erase Yourself. It is a loaded theme and the festival invited a small pack of 10 young people to unpack it in relation to their festival program. That is, we were tasked with a mission to see the theatre pieces, attend both the organized or informal meetings, observing everything that the festival had to offer – and to do something with it. In the end, we were asked to give our experiences and impressions of the TheaterFest a form or shape, whatever that might be.
The core of the festival programme was made of 12 different theatre performances that were usually followed by an open discussion called „moving thoughts“, which was moderated by the artistic team. This exchange offered the audience a chance to engage with the theatremakers who were presenting the work (and vice versa). While my participation in them was limited due to language constraints (that is, I could not judge how critical, challenging, or robust the engagement was), but it was still interesting to see how energetic these encounters were, and how the small gatherings prompted much enthusiasm from both the audience sharing their impressions of the work(s) and artists responding to the feedback. It is not a feature that you find in a lot of big festival but it is also vital to foster a culture of not just seeing theatre work but to speak back to it, especially with the makers. I find it enriching as a theatremaker to hear how my work is received – both the criticisms and compliments alike!

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Photo: Marie Aurore D’Avans; Copyright: AGORA Theater

In the NG programme, we were fortunate to have a space and time to extend these conversations about the performances we witnessed. Although we never had the audience of the theatremakers themselves in our sessions, they were tasked with providing us any piece of material (i.e. a text, image, etc.) that we can use as an entry point into our discussion of their work and then our programme leader sourced addition material. The material formed the basis of how we framed and unpacked them in relation to the work itself. Our conversations were multifaceted as they offered various perspectives and interpretations among the diverse group members. Curiously, as we were from different backgrounds ourselves, our varying reactions were also problematised. It was not just about what your reaction to something was, but where you were also reacting from; and suddenly the question emerged of who we are and who do we speak for – if for anyone at all – both as individuals and a collective. This began to eat away at the assumption(s) of what it means to be the Next Generation, both among ourselves and the absent but felt larger festival public. I do not know how conscious we were of this fact but we have spent the rest of our time together trying to unpack these complex questions – and perhaps this was in search of a collective voice. Did we find it? I don’t know. But the discursive reading, questioning, challenging, (re)framing and unpacking that punctuated these dialogical moments was nuanced and richly textured. We found it productive to engage these questions and their embedded assumptions. And I think the discursive process of engaging these questions became the work of our meetings.

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Photo: Marie Aurore D’Avans; Copyright: AGORA Theater

For me, this is the most exciting thing about the potential of intercultural dialogue. It was able to demonstrate how we needed to understand our own diverse positionalities for any effort to build a collective voice to be possible. And, of course, that these conversations were carried beyond the group sessions into coffee, lunch, and dinner breaks showed just how important it was for us to digest the experiences of the theatrical buffet that was so spectacularly organised (and generously offered) and our own subjectivities and sensibilities! This also weaved discussions about how we work in our own respective processes, and even played several exercises together.

These moments of ‚digestion‘ proved to be the most valuable of experiences of my stay. Yet, at the end of our stay, we were faced with an interesting question: how do we give shape to these ‚digestive‘ moments? Do we have to? In the Next Generation, although it is not obligated, it is nonetheless expected that we would take this digestion of the experiences and impressions and give them some form or shape, to present at the end of the festival. This is how usually Next Generation program is framed within ASSITEJ. And it’s not difficult to understand why this expectation is placed on the NG. I mean, it is a good way for other members of the festival and programme organisers to see – perhaps in somewhat more concrete terms – the impact that this moment and programme has had on its participants. Yet, this is not how the script was played at the TheaterFest. The doors opened but nothing was presented except a cleaned room and remnants or fragments of written notes, a looped conversation we recorded of one of the sessions, props we collected and played with, which were all neatly packed against one side of the room. For the most part, the work that had taken place in this room was erased. Ironically, and, in hindsight, this became an interesting play on the theme of the NG programme: Watch. Stop. Repeat. Erase Yourself. We had watched the festival shows. Stopped to think and respond or react to it. Repeated this over and over. And now here we were, with traces of our encounters and ourselves erased.

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Photo: Marie Aurore D’Avans; Copyright: AGORA Theater

At first I battled to understand how I could explain this ‚presentation‘ to the audience who came up to me to ask directly about what it was or meant. In their eyes, everything in this space reflected nothing much really. I think the offer was read and understood as being empty. It took a while to make this distinction myself but the room was not empty, it was emptied. We emptied it. But emptied of what? Now, this is a trickier question to answer. But to make this attempt, I would like to highlight and reframe two key words I have used so far in order to articulate my next point more succinctly. If one has to think of this digestion I have spoken about as ‚research‘, at the end of this program it was hoped that the result will lead to some ‚practice‘, i.e. something the group does to give shape to the experience and emerging thoughts gained from engaging the festival, which would be what is presented when the NG opens their door to the public. I have been lucky enough to participate in other NG programmes before, and this is usually what happens. But I think in this NG programme something strange, unexpected and quite interesting happened: the ‚research‘ (i.e. this digestion) became the ‚practice‘ itself. I don’t think that we had intended it to be, so perhaps that explains the ’strangeness‘ of our presentation both to the public and ourselves.
For obvious reasons, I don’t think the public was quite satisfied with this result. If anything, they were underwhelmed and perhaps even disappointed at what we ‚offered‘. But I find this ‚disappointment‘ to have a productive side to it. How? Because it is a moment of rupture in what this programme is expected to mean or be. As such, this, for me, has raised interesting implications for the other NG programmes going forward. If we say that the participants are not given the obligation to create a ‚presentation‘ at the end of their stay, do we really mean it? In other words, are we really fine with it if they do not to create something? If we are, then I think the current framework is fine. But, as we were met with somewhat disappointed faces, it is clear that there is tacit expectation at play here and it is more binding that people expect. And not only is that fine but also understandable. Because this is an opportunity to respond to something unique and to give form to something unknown. Read me well, I think it would be great if that happens but for future NG programmes we must not forget that this is also a moment that brings artists „from different walks of life together to take part in an exchange of ideas, stories, practices, and most importantly, inspiration. These artists meet, eat, sleep, cry, laugh, joke, drink, play, live, and spend a week together; watching performances and engaging in formal and informal critical discussions about how they receive and make theatre.“ Should the impact of such a dynamic encounter be reduced to the form or shape that the participants are able to give their experiences and thoughts? I hope not.

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Photo: Marie Aurore D’Avans; Copyright: AGORA Theater

Overall, I thought the festival programme was fabulous! As a non-German-French speaker, I had my fair share of confusion, ah-ha moments, and great conversations that I hope will inspire new ideas and new collaborations! I look forward to experiencing Agora’s International TheaterFest again in the near future!


Eliot Molebas Aufenthalt bei der ASSITEJ Deutschland und im Kinder- und Jugendtheaterzentrum in der Bundesrepublik Deutschland wird gefördert aus Mitteln des Programms Internationale Jugendarbeit des Kinder- und Jugendplans des Bundes.

 

Was kommt da auf mich zu? dg:starter-Stipendiatinnen beim 30. Autor*innenforum

Zusammen mit dem Kinder- und Jugendtheaterzentrum in der Bundesrepublik Deutschland vergibt die Arbeitsgruppe dg:starter der Dramaturgischen Gesellschaft in diesem Jahr wieder zwei Stipendien für junge Dramaturg*innen, Berufsanfänger*innen oder Student*innen, die bisher keine, kaum oder nur wenig Berührung mit dem Kinder- und Jugendtheater hatten und dies ändern wollen. Die Stipendiat*innen begleiten das gesamte Autor*innenforum und treffen in einem offiziellen Programmpunkt auf andere Nachwuchskünstler*innen und Theatermacher*innen. Gemeinsam gehen sie auf die Suche nach (Zukunfts-)Visionen, Fragen und Wünschen, die das dramaturgische Arbeiten für ein junges Publikum von morgen prägen können.

FB TitelKatharina Engel:
Zum Frankfurter Autor*innenforum reise ich mit einer gehörigen Portion Neugier, aber ebenso vielen Fragen im Gepäck, auf die ich mir die ein oder andere Antwort erhoffe! Dazu gehört zum Beispiel, dass es mich interessiert zu hören, wie die erfahrenen Theatermacher*innen auf das Theater für ein junges Publikum blicken: Was ist für sie der Grund, sich auf die Arbeit mit dieser Zielgruppe zu konzentrieren? Warum entscheide ich mich als Autor*in dafür, für ein junges Publikum zu schreiben? Und was ist daran vielleicht besonders herausfordernd, aber ebenso beglückend?
Ebenso denke ich auch oft darüber nach, wie und warum wir als Theatermacher*innen Geschichten für eine Generation erzählen wollen, die Theater oftmals nur aus dem (negativen) schulischen Kontext kennt und Unterhaltung eher über YouTube sucht als über das Fernsehen. Gibt es tatsächlich andere Sehgewohnheiten dieser Generation und braucht es hier dann auch neue Erzählwege für das Theater? Oder halten wir tapfer dagegen, dass das Theater bei so etwas gar nicht mithalten muss, da es einen ganz anderen Mehrwert hat?
Ganz persönlich frage ich mich, was wichtig ist, wenn ich zwar als junge, aber (leider) doch schon erwachsene Dramaturgin Theater/Fernsehen/Film für Kinder und Jugendliche machen möchte: Was darf ich in Bezug auf meine Zielgruppe nicht aus dem Blick verlieren? Welche Dramaturgien sind die richtigen und was muss ich persönlich mitbringen? Geht es wirklich darum herauszufinden, was ich der jungen Generation erzählen möchte? Ich, also so ganz persönlich?

Annika Henrich:
Das Theater für Kinder- und Jugendliche läuft an vielen Theatern noch immer eher nebenbei und wird als weniger wichtig oder weniger künstlerisch betrachtet als das Theater für Erwachsene. Dabei scheint es mir wichtig, wenn man sich Fragen zum Theater von Morgen stellt, besonders auch die Menschen von Morgen im Blick zu haben. Im aktuellen Diskurs um das Theater stehen oftmals Fragen nach Repräsentation, Strukturen und Teilhabe im Zentrum. Wer darf, kann und soll wen oder was darstellen? Wer wird auf den Bühnen gesehen und gehört, wessen Geschichten werden erzählt, von wem und für wen? Diese Fragen scheinen mir gerade in Bezug auf das Theater für junges Publikums sehr relevant. Ich glaube an den Theaterraum als Ort der Aushandlung von gesellschaftlichen Werten. Welche das sind, ist eigentlich nirgendwo dringender zu hinterfragen als im Kinder- und Jugendtheater.
Von welcher Welt wollen wir jungen Menschen erzählen? Sind die Geschichten von Prinzessinnen und vom bösen Wolf die Narrative, die wir ihnen mit auf den Weg geben wollen? Wenn nicht, welche sind es dann? Welches Abbild von der Wirklichkeit möchten wir zeigen? Oder ist das Theater viel mehr die Möglichkeit, eine neue Wirklichkeit zu erdenken? Denkt man das Theater als einen solchen utopischen Möglichkeitsraum, dann liegt in der Arbeit für junges Publikum ein ganz besonderer Reiz, denn schließlich ist es dieses Publikum, welches die zukünftige Gesellschaft ausmachen und mitgestalten wird.

Die dg:starter sind eine Arbeitsgruppe der Dramaturgischen Gesellschaft. Ziel ist es, Nachwuchsdramaturg*innen zu vernetzen. Seit 2011 gibt es das Format DENKRAUM, in dem Raum zum Austausch junger Theatermacher*innen geschaffen wird. Die Kooperation mit dem Frankfurter Autor*innenforum findet in diesem Jahr zum dritten Mal statt. Mitglieder der dg:starter: Friederike Engel (Nürnberg), Sina Katharina Flubacher (Stuttgart), Christoph Macha (Dresden), Kathrin Simshäuser (Braunschweig).